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Wer wählt jetzt links?

Jeder zehnte Deutsche will der Linkspartei seine Stimme geben. Bei den Landtagswahlen in Hamburg, Hessen und Niedersachsen steht die PDS-Nachfolgepartei vor ihrem Durchbruch im Westen. Ein Besuch bei ganz normalen Leuten.

Von Dorit Kowitz

  • Dorit Kowitz

Das ist schon lässig, wie Jörg Köhlinger da in der offenen Küche seiner Eigentumswohnung sitzt und von Gerechtigkeit redet, von einer neuen Verteilung des Reichtums in Deutschland und der "gesellschaftlich notwendigen Arbeit". Zwischendurch nippt er an dem perfekt milchschaumbekrönten Kaffee, den er eben an seiner chromglänzenden Einhebelmaschine akribisch zubereitet hat. Und denkt weiter laut nach, dass sich die Produktionsverhältnisse wohl eines Tages ändern müssten, damit das Leben wirklich besser für alle werden kann. Sozialismus-Visionen in Frankfurt- Sachsenhausen sind das, in Köhlingers Welt. Neubau, viel Glas, ein kleiner Garten; das Drei-Zimmer-Glück eines erfolgreichen Gewerkschaftsfunktionärs der IG Metall. Seine Frau trägt den fünf Monate alten Sohn Nummer zwei durch die Räume; der Erstgeborene ist im Kindergarten. Sie arbeitet im öffentlichen Dienst. Es ist die perfekte Mischung von Sicherheit und Lebensart. Ein Bild moderner Bürgerlichkeit.

Doch Köhlinger will die Gesellschaft, die ihn so gut leben lässt, ändern. Der 44-Jährige wird zur Landtagswahl in Hessen am 27. Januar "Die Linke" wählen. Er hat es sich gut überlegt.

Sein taktisches Ziel ist es, "die SPD unter Druck zu setzen". Er sieht die Mehrheit der Gesellschaft links der Mitte stehen und will ihr politisch Spielraum verschaffen. Er hofft, dass mithilfe der Linkspartei ein Zeitgeist aus diesem Land gescheucht wird, den er neoliberal nennt. "Es hat ja schon begonnen", sagt er. Mit den Debatten um Hartz IV und Managergehälter, um Hedgefonds und Mindestlöhne. Um Gerechtigkeit.

Die Landtagswahlen in Hessen, Niedersachsen und vier Wochen später in Hamburg sind für die Linke ziemlich wichtig. Ihr aufgedrehter Wahlkampfmanager Bodo Ramelow sagt, wenn man es dieses Mal nicht in die Landtage im Westen schaffe, sei die Expansion der Partei ins alte Bundesgebiet auf längere Sicht gescheitert. Danach sieht es bisher nicht aus. Es sieht danach aus, als könnte sich die neue Partei der alten Ideen im Westen als fünfte Kraft in den Parlamenten festsetzen.

"Exotisches Image"

Nach den jüngsten Umfragen könnten es fünf bis sechs Prozent der Wähler in Hessen Jörg Köhlinger gleichtun und die Linke zum ersten Mal in den Landtag eines westdeutschen Flächenstaats bringen. In Hamburgs Bürgerschaft kann sie laut Demoskopen sogar auf bis zu acht Prozent hoffen. Schlechter sind die Aussichten nur in Niedersachsen. Da liegt die neu zusammengeschusterte Partei aus West-WASG und Ost-PDS einen Punkt unter der Hürde von fünf Prozent. Noch. Die Funktionäre in Berlin sind aber gut gelaunt, das bis zum Wahltag ändern zu können. Auch in Bremen wurden der Linken voriges Jahr vor der Wahl bloß 4,5 Prozent prognostiziert. Sie holte 8,4.

Die Begeisterung für die neue alte Partei im Westen hat längst die Frustrierten-Zirkel um bärtige Altgewerkschafter und beleidigte SPD-Deserteure verlassen und dringt in viele Schichten und Altersgruppen vor. Man trifft auf Studenten und sozialwerktätige Alt-68er, auf Pfarrer und Hartz-IV-Empfänger, Schichtarbeiter und kleine Angestellte, hört von Grafikern und Autorinnen. Keiner dieser Linkswähler ist Mitglied der Partei, und nicht jeder will sich zu erkennen geben. "Die haben hier schon noch ein exotisches Image", sagt eine Biobäuerin, die den Klatsch ihrer Kunden fürchtet.

Was sie alle verbindet, die geschliffen formulierende Studentin Katharina Jung aus Marburg etwa mit dem wortkargen Gabelstaplerfahrer Patrick Nietsch aus Osterholz-Scharmbeck, ist vor allem eines: Sie vermissen bei den anderen Parteien, sehr, Glaubwürdigkeit. Darum werden die drei Wahlen zu Beginn dieses Jahres auch für alle anderen Parteien ziemlich interessant. Gefährlich interessant. Es geht um neue Verhältnisse im Land. Katharina Jung ist eine dieser ernsten jungen Frauen, die sich nicht schminken, aber viel nachdenken und sich ihr Selbstbewusstsein erarbeitet haben, statt es bloß zu behaupten. Sie kommt schnell vom Konkreten aufs Abstrakte, auf "das System", "die bürgerlichen Medien" und "die Strukturen". In Marburg lebt sie mit ihrem Freund unterhalb des Schlosses in einer Studentenbude, klein, verwinkelt, überteuert. Aber das Geld der Eltern reicht, sie müssen neben der Uni nicht jobben. Das Paar raucht Selbstgedrehte, an den Wänden kleben Plakate vom G-8-Demo-Sommer in Heiligendamm, von dem die Politikstudentin mit leuchtenden Augen erzählt wie sonst evangelische Jugendliche vom Kirchentag. "Es gibt einem viel Kraft, wenn man sieht, wie viele Menschen aus der ganzen Welt genauso denken wie du selbst."

Umbau des Sozialstaats

Ihre Ansichten sind an einem großbürgerlichen Ort rot geworden, auf einer abgelegenen Privatschule. Die meisten anderen brachte der Reichtum ihrer Familien dorthin. Die Tochter eines alleinerziehenden Bauknecht-Kundendienstmitarbeiters aus dem Frankfurter Gallus-Viertel bekam den Internatsplatz vom Staat gesponsert. Auf Schulfesten wandten sich die Eltern der anderen schon mal von ihrem Vater ab, wenn sie hörten, was er tut. So fiel ihr auf, dass es mit der Chancengleichheit in Deutschland nicht weit her sein kann. Bald danach schwante ihr, dass die Politik das nicht ändert, denn unter Rot-Grün wurde es schlimmer mit der Kluft zwischen Arm und Reich. Und nun ist Jung dabei, über die Endlichkeit des Kapitalismus nachzudenken und Grenzen im Parlamentarismus zu sehen. "Parlamente können sich doch nicht einfach über gesellschaftliche Mehrheiten hinwegsetzen." Wie die SPD mit den Hartz- Reformen. Die 20-Jährige nimmt das Grundgesetz beim Wort: Parteien sollten nur "mitwirken" an der Meinungsbildung und sie nicht für sich allein beanspruchen. Die Linke, hofft sie, verlässt die eingefahrenen Wege, lässt Ideen und Meinungen von außen wieder zu. Was angeblich falsch läuft in diesem Land, sehen alle Linkswähler ähnlich: Nicht der Kapitalist ist schlecht, aber der Politiker, der dem Kapitalisten Geld schenkt. In Form der Unternehmensteuerreform, der viel zu niedrigen Erbschaftsteuer, der fehlenden Ausbildungsplatzumlage, der gesenkten Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. Und so weiter.

Was nötig ist, um das zu ändern, nennen sie Umverteilung oder Umbau des Sozialstaats: Die Schwachen können sich selbst nicht helfen, deshalb muss Politik den Reichen nehmen und den anderen geben. Und schwach sind in ihrem Verständnis unheimlich viele. Manfred Grönig, Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbands in Göttingen, glaubt Erben sogar "zu entlasten", wenn sie von ihrem tatenlos erworbenen Reichtum an die Gemeinschaft abgeben dürften. Sein eigenes Erbe nimmt der ehemalige Grüne nicht aus. Grönig hat das Elend aber auch wirklich vor Augen: nicht nur in Gestalt der armen Kinder oder seelisch unterversorgten Alten, die von seinen Diensten betreut werden, sondern auch bei seinem Personal. "Das Paradoxe ist, dass unsere Altenpflegerinnen und Sozialarbeiter die Altersarmen von morgen sein werden" - bei der kargen Bezahlung, die die Pflegesätze nur zuließen. "Aber wissen Sie, wie viele Seiten allein die Pflegebuchhaltungsordnung umfasst? 1100!" Das System bekämpfe den Menschen. Alles sei aus den Fugen.

Alle arbeiten für alle und sind füreinander da

Worin eines Tages aber noch der Anreiz für Unternehmer bestehen soll, reich zu werden, also das große Mehr dieser kritisierten Marktwirtschaft zu schaffen, wenn der Gewinn doch gleich unterm Hintern weg verteilt wird, diese Frage lässt die visionären Linkswähler wortkarg werden und enttäuscht gucken. So, als kapiere man das ganze Große nicht. Hans Christoph Stoodt war bis 2006 Pfarrer in Frankfurt, ist nun Religionslehrer an einer Berufsschule. Die meisten seiner Schützlinge sind angehende Gebäudereiniger, unter ihnen viele Migranten, viele, die wenig haben. Geht es nur ums Geldverteilen? Nein, sagt Stoodt, es gehe auch darum, dass echte Demokratie gar nicht praktizierbar sei in der Marktwirtschaft. Die Herkunft entscheide darüber, welche Chancen man in der Schule und im Beruf habe - und damit in der Politik. Seine Auszubildenden trauten sich ja nicht mal mehr, zum Gewerkschaftssekretär zu gehen, wenn sie ausgebeutet würden. Die Lösung? "Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel", zumindest sei das wünschenswert, irgendwann.

Alle arbeiten für alle und sind füreinander da. Vorwärts, und nicht vergessen. Auch der promovierte Theologe Stoodt, ein leidenschaftlicher, stadtbekannter Anti- Nazi-Aktivist, wohnt mit seiner zweiten Frau und ihrem aus dem Tierversuchslabor befreiten Beagle sehr hübsch, auf zwei Etagen im Frankfurter Westend. Bourgeoise Villa, beste Lage, gleich beim Palmengarten. Die Miete sei gerade noch bezahlbar, weil das Haus der Kirche gehöre, sagt der 53-Jährige. Sonst sei das ein unglaublich teures Pflaster. Einsame greise Reiche wohnten hier und sehr viele Ausländer, nämlich jene, die in Frankfurts Banken das große Geld der Welt drehten. Muss man es sich im Westen leisten können, links zu wählen? Hält man sich eine Meinung wie einen geretteten Hund? Ein bisschen scheint das so. Nach Erkenntnissen des Berliner Forsa-Instituts wählen im Westen deutlich mehr Männer als Frauen die Linke und auch deutlich mehr gewerkschaftlich organisierte Angestellte und Arbeiter. Im Osten ist die Linke jene Volkspartei, die die SPD gern wäre; viele ihrer Wähler sind aber alt und auch ärmer als die anderer Parteien. Im Westen dagegen spricht sie nicht nur Kleinbürger und Verlierer am Arbeitsmarkt an, sondern im Verhältnis auch doppelt so viele Gutverdiener wie in den neuen Ländern und deutlich mehr jüngere Wähler.

Arbeit muss sich wieder lohnen

Trotzdem sollten sich die Strategen anderer Parteien nicht darauf verlassen, dass die Linkspartei eine Liebhaberei gut situierter Gewerkschafter und Intellektueller bleibt. Dazu wildert sie zu erfolgreich im Lager der Nichtwähler. Und auch die Rote-Socken-Nummer zieht 18 Jahre nach der Wende nicht mehr. Manchmal halten seine Kollegen dem Rettungsassistenten Andreas Böttger zwar vor, dass hinter der Linken doch bloß die alte SED stecke; man müsse vorsichtig sein. Dann antwortet er ihnen: „Die Zeiten ändern sich, Leute. Wir werden schon keine Planwirtschaft bekommen, wir leben in der EU!“ Der 32-Jährige aus dem Dorf Schwanewede in Niedersachsen wird in ein paar Tagen Vater. Auch deshalb denkt er mit seiner Frau Sandra mehr darüber nach, wie die Welt in Zukunft beschaffen sein sollte. Der SPD traut er nicht mehr zu, diese Frage beantworten zu können, genauso wenig wie sein Vater. Die Böttgers wählen jetzt links. Andreas Böttger sagt: "Die sollen ein Stachel im Arsch der Nation sein." Ein kräftiger Satz in diesem netten Dorf aus rotem Backstein, in dieser kleinen, in Pastellfarben getauchten Erdgeschosswohnung. Im Kinderzimmer wartet die Wiege, auf dem Küchentisch steht Milch vom Discounter, die billigste. Hier ist Geld knapp. Hier bereitet es Sorgen, wenn der Preis der Milch so rasant steigt wie der fürs Benzin. Böttger, der Alleinverdiener, muss fast 70 Kilometer mit dem Auto zur Arbeit fahren. Und zurück.

Seine Gründe, die Linke zu wählen, sind ein Potpourri der Volksmusik, weder links noch rechts, eher Mitte: Arbeit muss sich wieder lohnen; wer auf Staatskosten lebe, dürfe am Ende nicht mehr in der Tasche haben als einer, der sich im Job krumm mache; Politiker sollten nicht ihre Diäten nach Gutdünken erhöhen, Volksabstimmungen zulassen und das Land nicht weiter verschulden, während sie gleichzeitig Steuergeld verschwenden. "Vor allem", sagt Andreas Böttger, "würde mir helfen, wenn sie ehrlicher wären." Linkswähler wie er wünschen sich sehr viel mehr vom Staat, sehnen seinen rettenden Eingriff und Zugriff auf allen möglichen Gebieten herbei: bei der Preistreiberei auf dem Strom- oder Ölmarkt, bei der Lebenshilfe für Verlierer der Gesellschaft, der Steuerung und Besteuerung des Geldes. "Ich will nicht, dass der arbeitende Teil der Gesellschaft eines Tages aufgerieben wird zwischen ein paar sehr Reichen und den Armen, die immer mehr werden", sagt Böttger. Das neue Jahr hat begonnen. Für manche, gar nicht wenige, mit Fantasien von einer neuen, irgendwie besseren, irgendwie linken Gesellschaftsordnung. Katharina Jung, die Studentin, sagt: "Ich weiß nicht, warum immer alle nur an die DDR denken, wenn sie Sozialismus hören". Doch warum nicht? Vielleicht erscheint der Sozialismus jenen besonders vielversprechend, die ihn nicht kennen.

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