Wer wählt jetzt links?

19. Januar 2008, 10:30 Uhr

Jeder zehnte Deutsche will der Linkspartei seine Stimme geben. Bei den Landtagswahlen in Hamburg, Hessen und Niedersachsen steht die PDS-Nachfolgepartei vor ihrem Durchbruch im Westen. Ein Besuch bei ganz normalen Leuten. Von Dorit Kowitz

Manfred Grönig, 56, hatte mal seine politische Heimat bei den Grünen. Jetzt wählt er links©

Das ist schon lässig, wie Jörg Köhlinger da in der offenen Küche seiner Eigentumswohnung sitzt und von Gerechtigkeit redet, von einer neuen Verteilung des Reichtums in Deutschland und der "gesellschaftlich notwendigen Arbeit". Zwischendurch nippt er an dem perfekt milchschaumbekrönten Kaffee, den er eben an seiner chromglänzenden Einhebelmaschine akribisch zubereitet hat. Und denkt weiter laut nach, dass sich die Produktionsverhältnisse wohl eines Tages ändern müssten, damit das Leben wirklich besser für alle werden kann. Sozialismus-Visionen in Frankfurt- Sachsenhausen sind das, in Köhlingers Welt. Neubau, viel Glas, ein kleiner Garten; das Drei-Zimmer-Glück eines erfolgreichen Gewerkschaftsfunktionärs der IG Metall. Seine Frau trägt den fünf Monate alten Sohn Nummer zwei durch die Räume; der Erstgeborene ist im Kindergarten. Sie arbeitet im öffentlichen Dienst. Es ist die perfekte Mischung von Sicherheit und Lebensart. Ein Bild moderner Bürgerlichkeit.

Doch Köhlinger will die Gesellschaft, die ihn so gut leben lässt, ändern. Der 44-Jährige wird zur Landtagswahl in Hessen am 27. Januar "Die Linke" wählen. Er hat es sich gut überlegt.

Sein taktisches Ziel ist es, "die SPD unter Druck zu setzen". Er sieht die Mehrheit der Gesellschaft links der Mitte stehen und will ihr politisch Spielraum verschaffen. Er hofft, dass mithilfe der Linkspartei ein Zeitgeist aus diesem Land gescheucht wird, den er neoliberal nennt. "Es hat ja schon begonnen", sagt er. Mit den Debatten um Hartz IV und Managergehälter, um Hedgefonds und Mindestlöhne. Um Gerechtigkeit.

Die Landtagswahlen in Hessen, Niedersachsen und vier Wochen später in Hamburg sind für die Linke ziemlich wichtig. Ihr aufgedrehter Wahlkampfmanager Bodo Ramelow sagt, wenn man es dieses Mal nicht in die Landtage im Westen schaffe, sei die Expansion der Partei ins alte Bundesgebiet auf längere Sicht gescheitert. Danach sieht es bisher nicht aus. Es sieht danach aus, als könnte sich die neue Partei der alten Ideen im Westen als fünfte Kraft in den Parlamenten festsetzen.

"Exotisches Image"

Nach den jüngsten Umfragen könnten es fünf bis sechs Prozent der Wähler in Hessen Jörg Köhlinger gleichtun und die Linke zum ersten Mal in den Landtag eines westdeutschen Flächenstaats bringen. In Hamburgs Bürgerschaft kann sie laut Demoskopen sogar auf bis zu acht Prozent hoffen. Schlechter sind die Aussichten nur in Niedersachsen. Da liegt die neu zusammengeschusterte Partei aus West-WASG und Ost-PDS einen Punkt unter der Hürde von fünf Prozent. Noch. Die Funktionäre in Berlin sind aber gut gelaunt, das bis zum Wahltag ändern zu können. Auch in Bremen wurden der Linken voriges Jahr vor der Wahl bloß 4,5 Prozent prognostiziert. Sie holte 8,4.

Die Begeisterung für die neue alte Partei im Westen hat längst die Frustrierten-Zirkel um bärtige Altgewerkschafter und beleidigte SPD-Deserteure verlassen und dringt in viele Schichten und Altersgruppen vor. Man trifft auf Studenten und sozialwerktätige Alt-68er, auf Pfarrer und Hartz-IV-Empfänger, Schichtarbeiter und kleine Angestellte, hört von Grafikern und Autorinnen. Keiner dieser Linkswähler ist Mitglied der Partei, und nicht jeder will sich zu erkennen geben. "Die haben hier schon noch ein exotisches Image", sagt eine Biobäuerin, die den Klatsch ihrer Kunden fürchtet.

Was sie alle verbindet, die geschliffen formulierende Studentin Katharina Jung aus Marburg etwa mit dem wortkargen Gabelstaplerfahrer Patrick Nietsch aus Osterholz-Scharmbeck, ist vor allem eines: Sie vermissen bei den anderen Parteien, sehr, Glaubwürdigkeit. Darum werden die drei Wahlen zu Beginn dieses Jahres auch für alle anderen Parteien ziemlich interessant. Gefährlich interessant. Es geht um neue Verhältnisse im Land. Katharina Jung ist eine dieser ernsten jungen Frauen, die sich nicht schminken, aber viel nachdenken und sich ihr Selbstbewusstsein erarbeitet haben, statt es bloß zu behaupten. Sie kommt schnell vom Konkreten aufs Abstrakte, auf "das System", "die bürgerlichen Medien" und "die Strukturen". In Marburg lebt sie mit ihrem Freund unterhalb des Schlosses in einer Studentenbude, klein, verwinkelt, überteuert. Aber das Geld der Eltern reicht, sie müssen neben der Uni nicht jobben. Das Paar raucht Selbstgedrehte, an den Wänden kleben Plakate vom G-8-Demo-Sommer in Heiligendamm, von dem die Politikstudentin mit leuchtenden Augen erzählt wie sonst evangelische Jugendliche vom Kirchentag. "Es gibt einem viel Kraft, wenn man sieht, wie viele Menschen aus der ganzen Welt genauso denken wie du selbst."

Umbau des Sozialstaats

Ihre Ansichten sind an einem großbürgerlichen Ort rot geworden, auf einer abgelegenen Privatschule. Die meisten anderen brachte der Reichtum ihrer Familien dorthin. Die Tochter eines alleinerziehenden Bauknecht-Kundendienstmitarbeiters aus dem Frankfurter Gallus-Viertel bekam den Internatsplatz vom Staat gesponsert. Auf Schulfesten wandten sich die Eltern der anderen schon mal von ihrem Vater ab, wenn sie hörten, was er tut. So fiel ihr auf, dass es mit der Chancengleichheit in Deutschland nicht weit her sein kann. Bald danach schwante ihr, dass die Politik das nicht ändert, denn unter Rot-Grün wurde es schlimmer mit der Kluft zwischen Arm und Reich. Und nun ist Jung dabei, über die Endlichkeit des Kapitalismus nachzudenken und Grenzen im Parlamentarismus zu sehen. "Parlamente können sich doch nicht einfach über gesellschaftliche Mehrheiten hinwegsetzen." Wie die SPD mit den Hartz- Reformen. Die 20-Jährige nimmt das Grundgesetz beim Wort: Parteien sollten nur "mitwirken" an der Meinungsbildung und sie nicht für sich allein beanspruchen. Die Linke, hofft sie, verlässt die eingefahrenen Wege, lässt Ideen und Meinungen von außen wieder zu. Was angeblich falsch läuft in diesem Land, sehen alle Linkswähler ähnlich: Nicht der Kapitalist ist schlecht, aber der Politiker, der dem Kapitalisten Geld schenkt. In Form der Unternehmensteuerreform, der viel zu niedrigen Erbschaftsteuer, der fehlenden Ausbildungsplatzumlage, der gesenkten Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. Und so weiter.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 03/2008

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