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Wir sind die Lügenpresse

44 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass die Presse geschönt berichtet und dass Journalisten von oben gesteuert werden. Journalisten sind in der öffentlichen Meinung ganz unten durch. Kollegen, macht Euch gerade!

Von Chefredakteur Philipp Jessen

Das Bild des Journalisten hat sich gewandelt - vom Helden zur Schmeißfliegen.

Das Bild des Journalisten hat sich gewandelt - vom Helden zur Schmeißfliegen. Das ist gefährlich - dabei ist die Presse heute der beste Beweis für Meinungsfreiheit.

Mit meiner Großmutter musste ich früher oft Heimatfilme schauen. Kam ein Journalist in diesen Streifen vor, war er immer der Held. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen korrupten Bürgermeister, der einer alten Bäuerin den Hof wegnehmen wollte. Verhindert hat die Sache schließlich ein wackerer Lokalreporter, der die Machenschaft aufdeckte. Das Dorf feierte ihn – und natürlich verliebte sich die schöne Tochter der Bäuerin in ihn. Happy End.

Entdeckt man heute Journalisten im TV, sind es zumeist schmierige Typen, die im "Tatort" versuchen, sich an der Polizeiabsperrung vorbei zu mogeln, um ein Foto einer Kinderleiche zu machen. Ein cooler Kommissar in Lederjacke erwischt dann einen von ihnen. Packt sich den Typen, gibt ihm eine Tritt und ruft: "Verpiss dich hier, du Schmeißfliege!"

Es ist etwas verrutscht in der Wahrnehmung von Journalisten in der Öffentlichkeit. Oder wie ein Kollege mir heute sagte: "Das Sozialprestige von Journalisten liegt derzeit unter dem von Drogendealern."

(Zu) viele glauben, die Medien sind von oben gesteuert

Fast jeder zweite Deutsche (44 Prozent) ist offenbar der Meinung, dass die hiesigen Medien von oben gesteuert sind und gezielt die Unwahrheit verbreiten. Das ergab eine repräsentative Forsa-Umfrage für den stern.

Das ist erschreckend.

Und falsch. Denn wäre dem so, gäbe es solch eine Umfrage gar nicht erst. Und dass Wladimir Putin das Vorbild für souveräne Staatsführung von vielen ist, die jetzt auf ihren Abendspaziergängen "Lügenpresse" skandieren, macht die Situation so bizarr, dass man fast lachen würde, wäre es nicht gleichzeitig so dramatisch.

Aus der Politikverdrossenheit ist eine Systemverdrossenheit geworden. Wut- und die sogenannten "besorgten" Bürger gegen "die da oben". Die Journalisten trifft diese Ablehnung mit besonderer Härte. Wir stehen noch unter den Politikern. Wir sind ihre Handlanger. Die willfährigen Steigbügelhalter für die Versager in Berlin. Käuflich und dumm. Wir sind alle "Nato-Lohnschreiber" oder "vom dicken Sigmar gleichgeschaltet und gekauft", wie ich zwei Leserbriefen entnehmen konnte. Wir sind die Lügenpresse.

Unmündig, unfrei, von oben gelenkt: Das, wofür der Begriff Lügenpresse steht, offenbart allerdings über diejenigen, die ihn benutzen mehr, als über die Presse selbst. Denn wer von Lügenpresse faselt und brüllt, der hat nicht verstanden, worum es in Artikel 5 des Grundgesetzes geht. Nur, weil jemand etwas anderes schreibt, als ich selbst denke, lügt er nicht. Er hat einfach nur eine andere Meinung. Und das Recht, jene zu äußern. Dieses Recht tritt Pegida mit Füßen. Sogar buchstäblich, wenn Kollegen auf Demos angegangen und verprügelt werden. Das ist nicht zu tolerieren. Dagegen müssen wir kämpfen.

Wie wir wieder zueinander kommen

Wie kommen wir wieder zueinander? Und damit meine ich nicht die Pegida Schreihälse. Für die ist es zu spät. Die wollen wir nicht. Sondern den Teil der 44 Prozent, um deren Köpfe und Herzen sich der Kampf noch lohnt.

Durch guten Journalismus, das Aufdecken von Missständen, wasserdichte Recherchen.

Wir müssen von Verteidigung auf Angriff schalten. Für unseren guten Ruf kämpfen. Auch laut werden, und wenn es Not tut: zurückbrüllen. Wir müssen uns nicht jeden hirnverbrannten Vorwurf gefallen lassen. Das sollten wir auch laut und deutlich artikulieren.

Selbstkritischer sein. Natürlich machen wir Fehler. Diese müssen transparent gemacht werden. Und sofort sichtbar aufgearbeitet werden. Auch wenn es weh tut. Das schafft Vertrauen.

Und durch das Aufzeigen der Alternative - ein Land ohne freie, pluralistische Presse. Ohne Artikel 5 im Grundgesetz. Vielleicht müssen wir dieses Schreckensszenario deutlicher machen. Ganz nah an uns heranlassen. Denn sollte es uns nicht gelingen, den Schrecken der Abwesenheit von gutem Journalismus in einer Gesellschaft aufzuzeigen, dann verlieren wir alle. Dann vielleicht sogar zu recht.

P.S. Dieser Text wurde weder von der Nato noch von Sigmar Gabriel in Auftrag gegeben.

Kommentare (6)

  • ein verantwortungsbewusster Bürger
    ein verantwortungsbewusster Bürger
    Zum einem muss man dem Stern das Kompliment machen, dass die "nicht-passenden" Kommentare nicht zensiert oder weggelassen werden, wie es mir bei Spiegel-online mehrfach passiert ist, zum anderen finde ich es sehr bedenklich, in welcher Art "Hetze" gegen Bürger, die einfach nur besorgt sind, betrieben wird - auch vom Stern!
    Überschriften und "passende" Bilder dazu, die sich m.E. nicht allzu sehr von Pegida-Plakaten unterscheiden, nämlich einer Grundlage häufig entbehren. So sollte man z.B. auch die Meinung der CSU akzeptieren - Bayern ist es, das zu allererst in ganz Europa die Menschenmassen stemmen muss, die von anderen Staaten mehr oder weniger durchgewunken werden.
    Und nicht jeden sollte man nach "rechts" schieben, der sich Sorgen macht, wenn der überwiegende Teil dieser zu uns kommenden Menschen in Not traumatisierte junge Männer sind ... da hilft auch kein Foto von Frauen mit Kindern ... wobei wir wieder beim Problem "Lügenpresse" oder besser "Verdreh-/Verschweigepresse" wären.
    Sehr schade - diese Entwicklung ... zumal sie sicherlich in erster Linie von den Chefetagen zu verantworten ist und nicht vom Reporter vor Ort, der nur seinen Job machen und dabei keinen Rüffel riskieren möchte :(
  • Kardiokonversion
    Kardiokonversion
    Die Qualität der heutigen Presse, in der einfach nur noch zählt, wer und wann die Breakingnews zuerst gesendet hat und von dem dann alle anderen copy&pasten, hat im Vergleich zu früher stark nachgelassen. Unabhängige Berichterstattung von Qualitätsmedien sieht anders aus. Mittlerweile sind so ziemlich alle Medien auf Bildniveau angekommen, was sich freilich negativ auf die Glaubwürdigkeit auswirkt. Da das ganze aber sogar System zu haben scheint, glaubt niemand mehr unreflektiert diesen Meldungen und informiert sich über die Wahrheit, die allenfalls noch zwischen den Zeilen zu finden ist oder eben anderswo.
  • Mondgesteinsammler
    Mondgesteinsammler
    Sehr geehrter Herr Jessen, wenn von "Lügenpresse" die Rede ist, geht es nicht darum, dass ein Journalist eine andere Meinung als andere hat und diese verbreitet. Das Etikett "Lügenpresse" haben die Medien durch Falschdarstellungen verpasst bekommen. Bestes Beispiel: Demonstrationsbild von Merkel, Hollande und Co nach dem Überfall auf Charlie Hebdo. Dieses Foto suggerierte, dass sich Merkel und Hollande gemeinsam mit einer riesigen Menschenmenge mit Charlie Hebdo solidarisch zeigen. In Wirklichkeit marschierten Merkel & Hollande auf einer ganz anderen Straße - ohne riesige Menschenmenge im Hintergrund. Durch raffinierten Bildausschnitt und eine ungenaue Bildunterschrift ließ man den Betrachter in dem Glauben, dass die Politiker gemeinsam mit den "normalen" Demonstranten in Paris unterwegs waren. Tatsachen verdrehen Journalisten auch dadurch, dass sie Bestandteile einer Meldung weglassen oder falsch ergaenzen.
  • vpeters
    vpeters
    Zurückbrüllen und um jene leicht grenzdebilen Verwirrten kämpfen, um die es sich zu kämpfen lohnt?
    Super Strategie!
    Selbstkritik? Fehlanzeige. Das auch für Journalisten hochemotionale Thema "Flüchtlingskrise" hat viele von ihnen gerade in den Sommermonaten zu einer geradezu manipulativen Berichterstattung verleitet: gezeigt wurden fast ausschließlich Bilder von Frauen und Kindern (sehr repräsentativ), und neben Artikeln, die auf das Mitgefühl abzielten, gab es nur noch Berichte über die Verbrechen von Nazis und (zur Abrundung) Erfolgsgeschichten der Integration ("Flüchtlingskinder retten Kitas oder Schulen", "Flüchtlinge geben gefundene Gegenstände zurück" etc.): helles Deutschland - dunkles Deutschland. Es ist eine Sache, in Kommentaren die eigene Meinung zu vertreten, eine andere, aktiv Meinungsmache und einseitige Berichterstattung zu betreiben und dafür die Realität zu verzerren. Auch der noble Zweck rechtfertigt nicht die dreckigen Mittel (das Bild des toten Flüchtlingsjungen zu zeigen ist da nur ein weiteres Beispiel). In Russland nennt sich das Propaganda. Ich unterstelle dabei gar keinen politischen Druck, der Vorwurf erscheint mir unsinnig, aber die unselige Prioritätensetzung zwischem persönlichen Engagement und Berufsethos hat zum massiven Vertrauensverlust geführt. Das haben sich die Journalisten selbst eingebrockt.
  • Marc Detemple
    Marc Detemple
    Sehr gut. Hätte ich nicht besser schreiben können. Leider gehört es heutzutage zur Gewohnheit, politische Ansichten ins religiöse zu überhöhen. Und dann wird nur noch zwischen Gläubig oder Ungläubig unterschieden.
    Oder eben Gutmensch oder Nazi. Und das oft noch von Leuten die sonst immer gerne Loblieder auf Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt singen.
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