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3. November 2008, 10:41 Uhr

SPD-Rebellen stoppen Ypsilanti

Der geplante Machtwechsel in Hessen ist geplatzt. SPD-Chefin Andrea Ypsilanti fehlen vier Stimmen aus den eigenen Reihen. Die vier Abweichler um Ypsilantis innerparteilichen Konkurrenten Jürgen Walter betonten jedoch, dass sie weiter Mitglied der SPD-Fraktion bleiben wollen. Die Linkspartei sprach von einem "schwarzen Tag für Hessen".

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Vier SPD-Abgeordnete in Hessen wollen ihrer Chefin Andrea Ypsilanti offenbar die Gefolgschaft verweigern© Boris Rössler/EPA

Der geplante Machtwechsel in Hessen ist auch im zweiten Anlauf geplatzt. Vier Abgeordnete der SPD-Landtagsfraktion verweigern ihrer Fraktionschefin Andrea Ypsilanti die Stimme und wollen sie nicht zur Ministerpräsidentin wählen, wie die vier Abweichler auf einer Pressekonferenz bestätigten.

Ypsilanti wollte sich an diesem Dienstag im Landtag zur Wahl stellen und eine von der Linken tolerierte rot-grüne Minderheitsregierung bilden. So sollte die seit der Landtagswahl im Januar nur noch geschäftsführende CDU-Alleinregierung von Ministerpräsident Roland Koch abgelöst werden. Ypsilanti kommt nun aber nicht mehr auf die erforderliche Mehrheit von 56 der 110 Stimmen im Landtag. SPD, Grüne und Linke stellen zusammen 57 Abgeordnete.

Metzger hatte sich Ypsilantis Plan von Anfang an widersetzt. Ein erster Anlauf der hessischen SPD-Chefin war deshalb bereits im März gescheitert.

Die anderen drei Abweichler sind nach Angaben von Metzger Ypsilantis Stellvertreter und innerparteilicher Konkurrent Jürgen Walter sowie die Landtagsabgeordneten Carmen Everts und Silke Tesch. Alle vier Abgeordneten gehören dem konservativen Flügel der hessischen SPD an.

Auf einer Pressekonferenz am Mittag begründeten die vier abtrünnigen SPD-Abgeordneten in persönlichen Statements ihre Entscheidung. Sie betonten jedoch, dass ein Austritt aus der SPD-Fraktion für sie nicht zur Debatte stehe.

SPD-Spitze völlig überrascht

Die Spitze der hessischen SPD wurde von der Ankündigung vollkommen überrascht. Am Samstag hatte die Partei die Koalitionsvereinbarung mit den Grünen mit großer Mehrheit gebilligt; Walter und Metzger erklärten jedoch ihre Ablehnung. Auch die Grünen hatten der Vereinbarung zugestimmt. Grünen-Chef Tarek Al-Wazir rief die SPD noch am Sonntag zu Geschlossenheit auf. Wenn der angestrebte Regierungswechsel am internen Zwist der Sozialdemokraten scheitere, falle die SPD auf lange Zeit als Regierungskraft in Hessen aus, warnte er.

Die SPD-Führung in Berlin reagierte ebenfalls fassungslos. Es habe im Präsidium "ungläubiges Erstaunen" gegeben, verlautete am Montag aus Teilnehmerkreisen. Mit dem Vorgehen der vier hessischen SPD-Politiker habe niemand gerechnet. Ihr Verhalten wurde in der Sitzung als "seltsam und nicht loyal" bezeichnet. Teilnehmer verwiesen aber auch darauf, dass es sich um frei gewählte Parlamentarier handele.

Ungläubiges Erstaunen auch bei den hessischen Grünen: "Mit dieser Achterbahn der Gefühle hatten wir nicht gerechnet", sagte der hessiche Bundestagsabgeordnete der Grünen, Omid Nouripour. "Wir wussten, dass es schwierig wird. Aber die Stimmung auf dem Parteitag der Grünen in Hessen war vorsichtig optimistisch."

FDP spricht von einem "Fiasko für die gesamte SPD

Nach Auffassung der FDP ist der misslungene Machtwechsel in Hessen "ein Fiasko für die gesamte SPD". Erst "vier anständige Sozialdemokraten" hätten offenkundig geschafft, was dem früheren SPD-Chef Kurt Beck und dem jetzigen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering nicht gelungen sei, sagte FDP-Generalsekretär Dirk Niebel am Montag in Berlin - "nämlich Wortbruch zu verhindern und der politischen Kultur zum Durchbruch zu verhelfen". Es müsse nun gelassen abgewartet werden, wie es in Hessen weitergehe.

Die Linken-Fraktion sprach von "einem schwarzen Tag für Hessen". Der rechte SPD-Parteiflügel ermögliche es, dass "Vertreter der Stahlhelm-Fraktion der CDU weiter auf der Regierungsbank Platz nehmen dürfen", sagte ein Sprecher.

Koch bleibt vorerst geschäftsführend im Amt

Bei dem nunmehr zu erwartenden Verzicht auf die Kandidatur Ypsilantis bleibt die geschäftsführende CDU-Landesregierung von Ministerpräsident Roland Koch vorerst weiter im Amt. Es gilt als wahrscheinlich, dass er nunmehr einen neuerlichen Versuch zur Bildung einer Jamaika-Koalition aus CDU, FDP und Grünen unternimmt.

Sollte diese nicht zustande kommen, wird eine vorzeitige Neuwahl des Landtags erwartet. Für einen entsprechenden Beschluss wären CDU und FDP aber ebenfalls auf die Stimmen mindestens der Grünen angewiesen, um die zur Selbstauflösung des Landtags erforderliche Mehrheit zu finden.

Der FDP-Landesvorsitzende Jörg Uwe Hahn hatte bereits vor Tagen angekündigt, er werde im Fall des Scheiterns einer Wahl Ypsilantis CDU und Grüne zu Gesprächen einladen. Auch Koch hat mehrfach betont, eine Neuwahl stehe in diesem Fall nicht automatisch an, es werde zunächst ein "Zeitfenster" für andere Lösungen geben.

AFP/AP/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 145)
 
Schnaafpaaf (05.11.2008, 20:56 Uhr)
Ypsilanti weg,
Partei gut, Glück auf!
abi1959 (05.11.2008, 12:15 Uhr)
kein Grund sich zu freuen
Frau Ypsilanti und SPD haben beiden versagt. das schlimste ist das, dass die 4 Verräter der Partei jetzt nirgendwo eine Schanze sich als gute Menschen vorzustellen, denn die haben die Dummheit ihres Leben ein für allemal erledigt.
Aber Koch zu wählen und wieder ihn die Möglichkeit zu geben, dieses schönen Land wie Hessen zu regieren, ist auch ein grosser FEHLER, nein zu Koch und nein zu Ypsilanti. neue Wahlen ohne die beiden!!!!
die 4er Bande soll die SPD aus der Partei rausschmeisen.
Westerle.Merkwelle (04.11.2008, 19:32 Uhr)
Offener Brief an Andrea Ypsilanti
Guten Tag, Frau Ypsilanti,
Bitte entschuldigen Sie, dass ich mich heute auf diesem Wege an Sie wende. Das hat vor allem 2 Gründe: Ich weiß nicht wie ich Sie sonst erreichen soll und ich möchte natürlich auch, dass meine Botschaft an Sie von möglichst vielen Menschen gelesen wird.
Zunächst darf ich Ihnen meine Anerkennung zollen für den Versuch, in Hessen wieder sozialdemokratische Politik zu ermöglichen. Ich schreibe das aus vollster Überzeugung, denn ich war einst Profiteur sozialdemokratischer Sozial- und Bildungspolitik in Hessen. Aber das ist lange her und wenn man sich heute die SPD anschaut, dann gibt es kaum noch eine Hoffnung, dass sich diese Partei jemals wieder aus dem Würgegriff des Neoliberalismus befreien kann. Deshalb fürchte ich auch so sehr um das Ende dieser traditionsreichen Partei.
Mit Ihrem Versuch, eine Minderheitsregierung in Hessen zu bilden, hätten Sie sicherlich zum Überleben der SPD beigetragen. Dies wurde nun durch den Verrat von 4 Personen verhindert. Roland Koch kann jetzt die Sektkorken knallen lassen, denn seine Propagandamaschine hat ihr Ziel erreicht.
Zwar haben Sie anfangs den Fehler gemacht, sich durch absurde Koalitionsaussagen selber zu knebeln. Aber es ist Ihnen anzurechnen, dass Ihnen die Umsetzung politischer Ziele wichtiger ist als das Beharren auf formellen Versprechen von denen nur Ihre Gegner profitieren. Es gibt keinen Grund, jetzt von Ihren politischen Position Abstand zu nehmen und sich nun in Demut vor Müntefering im Büßerhemd zu verneigen. Gehen Sie in die Offensive und rechnen Sie öffentlich mit den Verrätern ab:
• Einberufung von Regionalkonferenzen und eines hessischen Sonderparteitags
• Lassen Sie die Mitglieder und Mandatsträger einer Resolution zustimmen, die den Verrat der 4 Abgeordneten verurteilt und sie zum Parteiaustritt sowie zur Niederlegung ihrer Mandate auffordert.
Bei einer Zustimmung von 96% zu Ihrer Politik am letzten Wochenende sollte das kein Problem sein. Das entsprechende Medienecho kann auch nicht von diesen Verrätern überhört werden!
Kleiner Trost am Rande: Der Herr liebt den Verrat, aber nicht den Verräter!
Katastrophenjunkie (03.11.2008, 15:00 Uhr)
@ feldsalat
Von vornherein: ich bin kein Linker, das was Herr Koch betrieben hat, war denoch in meinen Augen Demagogie. Wer versucht, irgendwelche - vielleicht sogar verständlichen - Gefühle gegen jemanden oder etwas für den eigenen Machterhalt zu kanalisieren ist ein Demagoge vom Feinsten! Dafür hat er seine gerechte Strafe bekommen, bzw. wird er noch bekommen, spätestens nach der - hoffentlich jetzt fälligen - Neuwahl.
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Ein(e) Pateivorsitzende(r) sollte vor allem eines können: Zwischen den Strömungen vermitteln. Wenn man sich die Presse der letzten Wochen anschaut, sieht das eher so aus, als sucht sie die Konfrontation mit der Rechten, wo sie nur konnte!
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Nun bekam sie dafür die - ebenso verdiente - Quittung. Konnte sich denn wirklich niemand vorstellen, dass so ein Wahlergebnis möglich sei? Das kann ich mir nicht vorstellen. So ist "Wahltaktik" m.E. der wahrscheinlichere Grund für die Ablehnung der Linken.
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Wenn man eine Regierung bilden will - nach Wählers Wille natürlich auch eine "linke" - warum dann so ein Tolerierungskonstrukt? Sicher nicht wegen der besseren Stabilität, oder?
feldsalat (03.11.2008, 14:33 Uhr)
Aber ...
... es ist schon lustig, wie viele rechte Maulwürfe (und vermutlich Mehrfach-Account-Nutzer) auch hier bei den STERN-Kommentaren unterwegs zu sein scheinen. (Kontrolliert mal die IPs, liebe STERN-Redaktion!)
Ihr leistet eine gute Arbeit für eure Klientel, Jungs und Mädels ... ;-)
ganzbaf (03.11.2008, 14:33 Uhr)
Warten wir doch erst mal...

die Neuwahlen ab (-:
Angeblich wollen das ja auch FDP und CDU.
Ich bin da ganz zuversichtlich.
Skillet4 (03.11.2008, 14:32 Uhr)
@walhalla,
ich meinte, dass ich zeitgleich mit Ihnen unter der Überschrift „Sie“
den Kommentar
„sind ein W i c h s e r“
abgegeben habe.
Der Kommentar ist dem Vorredner zuzuordnen.
Vielen Dank an die Zensoren, dass ich das gerade stellen durfte.
vegefranz (03.11.2008, 14:28 Uhr)
Lügilanti hat die Quittung bekommen
Lügilanti hat die Quittung bekommen. In dem Wahlbetrug konnte kein Segen sein
feldsalat (03.11.2008, 14:22 Uhr)
@Katastrophenjunkie:
Inwiefern hat Frau Ypsilanti den rechten SPD-Flügel denn "gedemütigt"??
Einen Maulwurf, der eine Partei von innen zerstören möchte, KANN man gar nicht demütigen.
Außerdem wäre es rechnerisch gar nicht anders als mit Hilfe der Linken möglich gewesen, den brutalstmöglichen CDU-Lügner aus dem Amt zu werfen.
Deshalb kann ich auch bis heute nicht verstehen, dass Frau Ypsilanti so dumm war, dies vor der Wahl vehement auszuschließen. Aber ich glaube kaum, dass die SPD *aus diesem Grund* so relativ viele Stimmen bekommen hat. Vielleicht hätte sie sogar mehr bekommen, wenn sie es *nicht* getan hätte.
Als Brecher eines Wahlversprechens dazustehen ist natürlich nicht gut, aber nennen Sie mir eine der übrigen Parteien, die ihre Versprechen *noch nicht* gebrochen hat - inklusive Hessen-CDU. JEDER Politiker verspricht das Blaue vom Himmel, wenn er sich einen Vorteil davon verspricht.
Und dieses Gerede von "Machtgeilheit", besonders in diesem Thread, kann ich - bezogen auf Frau Ypsilanti - so langsam wirklich nicht mehr hören. Wenn man die Macht will - wie JEDE Partei und viele Politiker - muss man sie natürlich auch *anstreben*. Das hat mit "Machtgeilheit" nicht die Bohne zu tun - und falls doch, darf man eine solche Eigenschaft ja wohl allen Parteien unterstellen. Schon das Sich-überhaupt-zur-Wahl-stellen wäre dann "machtgeil" ...
*kopfschüttel*
Prato61 (03.11.2008, 14:00 Uhr)
Typisch SPD
Diese Aktion war ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu absoluten Selbstzerstörung. Im einzigen Bundesland, wo diese ehemalige Volkspartei in der letzten Zeit nennenswerte Stimmzuwächse zu verzeichnen hatte, die Protagonistin abzuschiessen ..... allen Respekt.
War denn in der ganzen Fraktion kein Mensch fähig, diese von Neid und Mißgunst zerfressene Viererbande auf Kurs zu bringen? Wenn es diese vier Herrschaften wirklich nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, diese Regierung zu bilden, warum hat dann keiner vorher seine Meinung kundgetan? Hier ging es nur darum, die eigene Frontfrau öffentlich bloß zustellen. Was bleibt? Der korrupte Großlügner Koch bleibt im Amt und die Herren Oskar und Gregor reiben sich die Hände und bereiten sich schon einmal mental auf 20% Stmmen bei der nächsten Bundestagswahl vor.
Abschließend noch zu den Herrschaften, die glauben, dass bei einer evtl. Regierungsbeteiligung der LINKEN die BRD aus den Angeln gehoben wird: Der Dilettantenstadel, der uns derzeit regiert, kann nicht mehr getoppt werden. So eine Anzahl Blindgänger, wie dieses Kabinett aufweist, dürfte in der kompletten Opposition nicht zu finden sein.
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