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"Wer kotzt am Straßenrand?"

Die Kritik an Google Street View ist gewaltig - was Netzaktivist Markus Beckedahl erstaunt. Im stern.de-Interview spricht er über Fotos seiner Privatwohnung, die Tücken von Google-Mail und die heimlichen Leidenschaften der User.

Herr Beckedahl, werden Sie das Foto ihres Büros für Google Street View freigeben?
Wir sitzen im Hinterhof, deswegen stellt sich die Frage nicht. Aber ansonsten hätte ich nichts dagegen, wenn die Vorderhausfront unseres Bürokomplexes in Google Street View zu finden ist. Bei meiner Privatwohnung hätte ich auch kein Problem, weil niemand weiß, wo ich wohne.

Die Internet-Community steht für Transparenz. Können Sie trotzdem Menschen verstehen, die sich von Google ausgeschnüffelt fühlen?
Ja, das kann ich. Allerdings wundere ich mich, dass sich die ganze Kritik an Google Street View äußert und nicht an anderen Diensten von Google, die viel invasiver in die Privatsphäre der Menschen eingreifen. Für mich würde es sich ausschließen, gegen Google Street View zu sein, aber Google Mail zu nutzen. Dort lesen automatisierte Google Algorithmen meine Mails, um mir die passende Werbung einzublenden.

In unseren Nachbarländern wie Frankreich und den Niederlanden ist Google Street View schon lange abrufbar. Ende des Jahres soll es jetzt auch in Deutschland frei geschaltet werden. Warum hat es in Deutschland so lange gedauert?
Es hat deshalb so lange gedauert, weil die öffentliche Debatte sehr negativ zu Google Street View eingestellt ist. Das mag damit zu tun haben, dass die Deutschen datenschutzfreundlicher sind. Vielleicht kristallisiert sich jetzt an der Google Street View-Debatte auch ein Unbehagen einerseits großen Konzernen aus dem Ausland gegenüber, andererseits generell der maschinellen Verarbeitung von personenbezogenen Daten, die vielleicht bei anderen Diensten nicht so greifbar sind wie bei der eigenen Hausfassade.

Verletzt Google Street View die Privatsphäre?
Ich bin da noch zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen. Ich würde den Dienst gerne nutzen, weil er einen Mehrwert bietet, aber ich sehe natürlich, dass es da auch ein paar Probleme gibt. Der Mehrwert ist, dass ich mir vor einem Urlaub anschauen kann, in welcher Gegend ich mir ein Hotelzimmer nehmen möchte. Oder wenn ich mich mit jemandem verabrede, kann ich vorher im Netz schauen, wie es bei demjenigen aussieht und wie ich dorthin komme.

Was halten Sie von der Widerspruchsregelung, dass nun jeder Bürger, der sein Haus auf Google Street View nicht sehen will, das Recht hat, sich bei Google zu beschweren?
Ich finde es gut, dass es eine Widerspruchsregelung gibt und wer sein Haus nicht dabei haben möchte, der sollte die Regelung nutzen.

Was müsste Google noch tun, um die Kritiker von Street View zu beruhigen?
Datenschützer fordern ja eher ein Opt-in statt ein Opt-out. Opt-out bedeutet, ich kann Widerspruch einlegen und dann wird mein Haus nicht angezeigt, Opt-in bedeutet, ich schicke Google ein Fax und teile dem Unternehmen mit, dass mein Haus ins Netz gestellt werden darf. Das ist natürlich aus Sicht von Google impraktikabel, so wäre der Dienst nämlich gar nicht mehr möglich.

Was ist mit den Personen, die auf den Bildern zu sehen sind? Reicht es, einfach nur die Gesichter zu verpixeln?
Das ist das Mindeste, dass Personen nicht direkt angezeigt werden. Nach dem Start von Google Street View werden bestimmt auch viele Menschen schauen, ob sie kotzende Leute am Straßenrand finden oder Menschen, die ihre Notdurft verrichten. So war es beim Start in den USA, da ging es wochenlang um die neusten Bilder aus Google Street View, wo die Verpixelung nicht geklappt hat.

Was kann ich tun, wenn ich irgendwo fotografiert werde, mein Gesicht zwar verpixelt ist, ich aber gar nicht zu sehen sein will?
So genau kenne ich mich da nicht aus, aber es sollte auf jeden Fall eine Möglichkeit geben. Es möchte ja nicht unbedingt jede Familie, dass ein Bild von ihr im Netz steht, auf dem zu sehen ist, wie sie gerade in unvorteilhaften Posen im Garten grillen.

Wenn Google Street View für Deutschland erstmal frei geschaltet ist, wird die gesellschaftliche Akzeptanz dann wachsen?
Ich glaube es gibt in Deutschland zwei Lager. Das eine Lager findet es gut, dass so ein Dienst kommt und wird sich darüber freuen, diesen Dienst zu nutzen. Das andere Lager wird schockiert sein und wird das Ganze noch viel greifbarer haben, wenn man feststellt: Da ist meine eigene Hausfassade drin, ich stehe vielleicht im Garten, bin zwar verpixelt, aber sichtbar. Ich denke in diesem zweiten Lager wird die Einführung zu einem noch größeren Aufschrei führen, wenn es wirklich etwas Plastisches und Greifbares vor sich hat.

Was ist dann der nächste Schritt nach Facebook und Twitter und Google Street View, leben wir schon bald in einer Überwachungsgesellschaft?
Wir sind schon mitten in einer Überwachungsgesellschaft drin. Das große Problem wird sein, wenn Unternehmen wie Google anfangen, all diese Daten, die sie über uns haben, zu verknüpfen und eindeutige Profile über uns und unsere Konsumgewohnheiten zu erstellen. Das ist nicht unbedingt wünschenswert.

Hat sich Google vom hippen Vorbild-Unternehmen zu einem Datenkraken mit Monopol-Ambitionen entwickelt?
Google häuft eine ganze Menge Daten über uns an, aber man muss auch nicht unbedingt Google-Dienste nutzen. Man kann auch andere Suchmaschinen ausprobieren. Und man sollte schauen, dass man ein bisschen mehr Souveränität über die eigenen Daten zurück gewinnt und sich nicht zu sehr auf einen Monopolisten einlässt, auch wenn dieser das Leben praktischer und einfacher macht. Wenn man das Leben einfach und praktisch haben möchte, dann muss man auch mit den Risiken leben, dass dieser eine Monopolist, dieser eine Anbieter sehr viel über einen weiß und mit diesen Daten sonstwas anstellen kann.

Welche Gefahren sehen Sie noch bei Google Street View?
Es besteht natürlich die Gefahr einer Privatisierung des öffentlichen Raumes. Dass ein Unternehmen wie Google über die Macht verfügt, alles abzufotografieren und alles in 3-D ins Netz zu stellen. Und da Google gerade den Markt abräumt und zu einem Monopolisten wird, haben es andere Unternehmen sehr schwer, sich ähnlich zu positionieren. Und Google wird wahrscheinlich anfangen, ihre Services immer stärker zu kommerzialisieren und vielleicht muss man dann auch irgendwann dafür Geld zahlen, sein eigenes Haus im Internet zu sehen.

Theresa Breuer
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