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25. November 2006, 16:41 Uhr

Sein Metier war der Verrat

Er brachte einen Hauch Hollywood in die graue DDR-Führungsriege, doch westliche Geheimdienste rätselten lange, wie er aussah. Für die einen war Markus Wolf "der beste Spionagechef der Welt", andere geißeln "sein bedenkenloses Spiel mit Menschen". Ein Rückblick. Von Christine Claussen

Markus Wolf vor dem Brandenburger Tor© AP Photo/Jan Bauer

Alles deutete auf ein paar schöne letzte Herbstwochen in Berlin hin. Die Wolfs hatten die Katzen eingepackt und die Datsche im brandenburgischen Prenden für die Saison geschlossen. Dienstag vergangener Woche waren sie in die russische Botschaft Unter den Linden geladen - zu einem Kammermusikabend anlässlich der Verleihung der Puschkin-Medaille. Ein eher kleiner, dafür erlesener Kreis - darunter Preisträgerin Christina Weiss, ehemalige Kulturstaatsministerin, Botschafter Ernst-Jörg von Studnitz sowie Andreas Homoki und Kirill Petrenko von der Komischen Oper - lauschte im Kuppelsaal mit dem Glasmosaik und dem rot blinkenden Spasski-Stern Peter Tschaikowskys "Pezzo capriccioso" für Cello und Klavier und der "Unvollendeten Sonate" von Michail Glinka.

Ein heiterer, animierender Abend. Beim anschließenden Empfang im Spiegelsaal unterhielt Markus Wolf sich lange und angeregt mit Botschafter Wladimir Kotenew, die Soljanka vom russischen Büfett löffelte er am Stehtisch mit Egon Bahr und Isa von Hardenberg, der Partylady Berlins. Schließlich witzelte er mit dem Lektor seines Buches "Geheimnisse der russischen Küche" über die richtige Pelmeni-Herstellung und machte mit ihm ein Essen à la russka bei sich zu Hause aus.

Der Tod als letzte Inszenierung

Der Meisterspion der DDR, 83 Jahre alt, war dieser Tage glänzender Laune. Seine Ärzte in der Charité waren zufrieden mit ihm, in den nächsten 20 Jahren, scherzten sie, brauche er sich dort nicht zu zeigen. Am Abend nach dem Botschaftskonzert gingen seine Frau Andrea und er ins Kino, sie sahen "Das Parfum", tranken zu Hause noch ein Glas Wein und gingen dann zu Bett.

Dass Markus Wolf, der legendäre Spionagechef und zurzeit vielleicht meistgehasste Deutsche, in jener Nacht starb, im Schlaf, ein Seufzer nach Herzstillstand; dass sein Tod ausgerechnet in den Morgenstunden des 9. November eintrat - dem Schicksalstag der Deutschen, an dem 1918 der deutsche Kaiser abdankte, 1938 die Synagogen brannten und 1989 die Berliner Mauer fiel -, das werden nicht wenige für die letzte Anmaßung und aufreizende Inszenierung eines Herrenmenschen halten, der sie in den vergangenen 17 Jahren bis zur Weißglut reizte, ebenso wie er sie faszinierte.

Eine Bewährungsstrafe, sonst nichts

Es war ihm klar, dass, nachdem die Honeckers, Mittags und Mielkes lange ins Vergessen entsorgt waren, er es war, der den Sündenbock abgeben musste. Wenn er sagte: "Ich werde für alles verantwortlich gemacht, was in der DDR an Bösem geschehen ist", so klang das weinerlich und pathetisch - unwahr war es nicht. Aber man kriegte ihn nicht. Stimmt es, dass er während der Verhandlungen vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf eine Jagdzeitschrift las, wie der Richter rügte? Oder doch bloß das "Neue Deutschland", wie er selbst feixend behauptete? Wie dem auch sei - eine Verurteilung wegen Landesverrats musste aufgehoben werden, nachdem das Bundesverfassungsgericht sagte, Spione der einstigen DDR seien nur bedingt zu bestrafen. Mehr als ein paar Tage Untersuchungshaft (zur Unterhaltung gab es im Gefängniskino einen James Bond und in der Knastbibliothek John le Carré) sowie eine Strafe auf Bewährung wegen geringfügiger Delikte zwei Jahre später sprang bei Markus Wolf nichts heraus.

Markus Wolf 1997 mit seinem neuen Buch© REUTERS/Fabrizio

Kein Wunder, dass dafür dem toten Hasen jetzt das Fell mächtig über die Ohren gezogen wird: Wolf habe auch "menschenrechtswidrige Mittel bedenkenlos eingesetzt", schreibt die "Welt", "Erpressung, Menschenraub und die Todesstrafe für abtrünnige Agenten". Und die "FAZ" findet den hingeschiedenen Meisterspion gleich so verächtlich, dass sie ihm lediglich ein paar Zeilen in der Rubrik "Personalien" widmet: "Seine Erfolge verdankte er nicht zuletzt seinem bedenkenlosen Spiel mit Menschen und dem Einsatz fragwürdiger Methoden."

Geheimdienstler sind nie Vorbild

"Welcher Geheimdienst arbeitet nicht mit dubiosen Methoden?", fragt dagegen Wolfs Anwalt Heinrich Senfft. Auch Egon Bahr, Willy Brandts Mann für die Ostpolitik und von Wolfs "Kundschaftern" einst selbst ausspioniert, meint, Geheimdienstchefs seien nun mal nicht die Männer, die man seinen Kindern als Vorbild empfiehlt. In gewisser Weise, so Bahr, sei Wolf "unser bester informeller Mitarbeiter" gewesen: Er habe seine misstrauischen Dienstherren von der Friedfertigkeit der westdeutschen Ostpolitik überzeugt.

Für einen "hervorragenden Politiker und Intellektuellen", der dank seiner Fähigkeiten eine bedeutende Rolle bei der Friedenssicherung im Kalten Krieg gespielt habe, hält Walentin Falin, hoch respektierter Deutschlandkenner und von 1978 bis 1982 in Bonn Botschafter der Sowjetunion, den Mann: "Es gab viele Momente für den Beginn eines neuen Krieges in Europa - die Geschehnisse in Ungarn, die Berlinkrise 1961, die Kubakrise - und oft war er es, der die Gefahr abwendete". Wolf habe zudem aus einer Familie gestammt, "die auch in jedem anderen Staat große Hochachtung verdient hätte". Aus jüdisch-kommunistischem Hochadel sozusagen.

Mischa in der Napola für Kommunisten

Sein Vater, Friedrich Wolf, war Arzt, Dramatiker, Lebensreformer, Philosoph, Jude und Kommunist und praktizierte im schwäbischen Hechingen als Armenarzt. Der Bruder Konrad machte sich später als Filmregisseur einen großen Namen und präsidierte mehr als 20 Jahre lang der Ostberliner Akademie der Künste. Bereits 1934 emigrierte die Familie über die Schweiz, Österreich und Frankreich in die Sowjetunion. In Moskau gab es Buchweizenkascha und Milchkissel statt Maultaschen und Spätzle, und die Russenkinder riefen den Brüdern nach: "Nemez, perez, kolbassa, kislaja kapusta!" - Deutscher, Pfeffer, Wurst und Sauerkohl!

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 47/2006

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