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Rent a Plagiatsjäger

Von der Schwarmintelligenz zum Geschäftsmodell: Martin Heidingsfelder checkt Doktorarbeiten - für zahlende Kunden. Aktuell hat er die Fälle Merkel und Wanka auf dem Tisch. Was treibt ihn? Ein Besuch.

Von Christian Bartlau

  Lächelt, denkt aber auch ans "Abräumen": Plagiatsjäger Martin Heidingsfelder

Lächelt, denkt aber auch ans "Abräumen": Plagiatsjäger Martin Heidingsfelder

  • Christian Bartlau

Martin Heidingsfelders Arbeitstag beginnt mit einem E-Mail-Check - und ein paar saftigen Beleidigungen. "Was sind Sie nur für ein Arsch?", steht in der ersten Mail, in der zweiten: "Ich hoffe, Sie schmoren in der Hölle". Er klickt auf die nächste Mail, blickt hoch: "Denen muss ich antworten. Die wollen mir Geld geben."

Martin Heidingsfelder polarisiert. Für die einen ist er ein Scharlatan, ein Blender. Für die anderen ist er ein Held. Heidingsfelder ist der bekannteste Plagiatsjäger der Republik. So bekannt, dass ein Satz von ihm die Presse in Aufregung versetzt. Der "Hamburger Morgenpost" sagte er, dass er sich die Doktorarbeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel angesehen habe. "Jetzt nimmt er sich Merkel vor", lautete die aufgeregte Schlagzeile. Die Dissertation der neuen Bildungsministerin Johanna Wanka hat er auch auf dem Tisch.

500 Euro pro Arbeitstag

Auf Heidingsfelders Visitenkarte steht: Diplom-Kaufmann, Plagiatssucher. Der 47-Jährige sitzt in seinem Nürnberger Büro an seinem Schreibtisch, dutzende Doktorarbeiten stapeln sich darauf. "Ich mache das einfach, um davon zu leben", sagt er, als wäre Plagiatsjäger ein Job wie jeder andere auch. Auf seiner Internetseite politplag.de bietet Heidingsfelder an, Doktorarbeiten zu untersuchen. Welche Motive seine Auftraggeber haben, spielt keine Rolle. "Das will ich nicht wissen, und das muss ich auch nicht", sagt er. Wichtig ist die Bezahlung, die unter dem Punkt "Projektfinanzierung" geregelt ist: 50 Euro kostet die Bestellung und das Scannen der Arbeit, für die Texterkennung sind weitere 100 Euro fällig, für die Softwareanalyse mit einem speziellen Plagiatserkennungsprogramm nochmal 50 Euro, für den ersten Kurzbericht 300 Euro. Jeder weitere Arbeitstag kostet 500 Euro. Natürlich wüsste man gern, wer so viel Geld zahlt - zum Beispiel um die Doktorarbeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Plagiaten durchforsten zu lassen. Aber Heidingsfelder redet über die Auftraggeber nicht, sein Geschäft erfordert absolute Diskretion. Nur so viel verrät er über seine Kunden: Einige seien gesundheitlich oder finanziell geschädigt worden, wobei er das Wort "Rache" vermeidet. Einige hätten angeblich falsche Gutachten erhalten und wollten nun die Eignung der Gutachter überprüfen. Anderen ginge es um "persönliche Animositäten" - Scheidungen, Eitelkeiten unter Wissenschaftlern und Geschäftskonkurrenten.

Eher Lektor als Trüffelschwein

Die Dienstleistung, die Heidingsfelder anbietet, klingt spektakulär, ist aber letztlich profan - er ist eher Lektor als Trüffelschwein. Nach der ersten Prüfung durch die Software kontrolliert er die Fußnoten der Arbeit. Heute sitzt er dafür in der Universitätsbibliothek in Erlangen. Buch nach Buch zieht er aus den Regalen, gleicht die zitierten Stellen ab. Plötzlich tippt er auf einen Satz und reibt sich mit den Fingern unter der Nase. Er hat etwas gewittert. Eine zitierte Quelle enthält nicht das, was der Autor behauptet. Heidingsfelder weiß: Es lohnt sich, die Arbeit noch genauer anzuschauen. Findet er genügend Fehler, wird er ein Plagiat anzeigen, der Rest obliegt der Universität. Sein Job ist dann getan. Gäbe es nur diesen Martin Heidingsfelder, er wäre einfach ein harter Arbeiter, der sich ein neues Geschäftsmodell erschlossen hat. Aber da ist auch noch der andere Martin Heidingsfelder, der sich eine Menge Feinde gemacht hat. Der Martin Heidingsfelder, der davon redet, Politiker "zu Fall zu bringen", oder "abzuräumen". Der sich stetig in Fehden verstrickt. Der sich ständig um Anerkennung müht.

Scherze über Chatzimarkakis

Als Annette Schavan ihren Rücktritt verkündete, twitterte Martin Heidingsfelder ein Bild von sich: Er sitzt auf seinem Bürostuhl, die Arme im Triumph nach oben gereckt. Dabei hatte er mit dem Sturz von Schavan nichts zu tun, die Arbeit wurde vom "Schavanplag" erledigt, von einem anonymen User, der sich "Robert Schmidt" nennt. Heidingsfelder setzte noch einen drauf - gründete das "Schavanplag Wiki", und fand auch in anderen Schriften Schavans Plagiate. Die Namensähnlichkeit verwirrte einige Journalisten, die immer wieder Heidingsfelder als Mann hinter Schavanplag vermuteten, und ihn um Interviews baten. "Das ist nicht mein Fehler. Ich habe das den Journalisten immer korrekt gesagt, immer wieder erklärt, und teilweise sogar nachträglich korrigieren lassen", sagt Heidingsfelder.

Martin Klicken vermutet, Heidingsfelder habe die Verwirrung bewusst in Kauf genommen. "Das ist Teil des Trittbrettfahrens und Täuschens", schreibt er auf seinem Twitteraccount. Klicken - der in Wirklichkeit anders heißt und nur unter Pseudonym auftritt - hat mit Heidingsfelder bei "Vroniplag" zusammengearbeitet. Beide waren zuvor schon bei "Guttenplag" aktiv, der Plattform, die Plagiate in der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenbergs suchte. Als klar wurde, dass weitere Prominente abgeschrieben haben, sollten die Arbeiten auf einem anderen Wiki beleuchtet werden. Heidingsfelder setzte den Initialklick für das Wiki, sagt Klicken stern.de, allerdings seien er und andere innerhalb weniger Stunden dabei gewesen. Es kam zum Bruch, als Heidingsfelder im November 2011 auf dem Twitter-Account von "Vroniplag" Scherze über den FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis machte. Andere User empfanden das als unseriös. Martin Klicken schrieb in einer Diskussion auf dem Wiki: "Und wieder beschmutzt und gefährdet Martin Heidingsfelder aus niederen Motiven den mühsam erarbeiteten Ruf des Wikis."

"Vroniplag" auf dem Klingelschild

Nach langwierigen Diskussionen schlossen die User Heidingsfelder schließlich von Vroniplag raus. Er bezeichnet es noch heute als Mobbing. "Sie erkennen nicht an, was ich für dieses Wiki geleistet habe", sagt Heidingsfelder. Damit andere es anerkennen, sicherte er sich die Wortmarke "Vroniplag" - genauso wie die für "Guttenplag". Er besteht darauf, als "alleiniger Gründer" von "Vroniplag" bezeichnet zu werden, und nicht nur als "Mitgründer". Diesen Hinweis platzierte er prominent auf seiner Webseite, sogar auf seinem Klingelschild steht "Vroniplag". Es wurmt ihn enorm, dass sein Wikipedia-Eintrag ihn nur als "Mitgründer" bezeichnet - ändern kann er das nicht, auch bei Wikipedia ist sein Benutzerkonto gesperrt. Menschen, die Heidingsfelder seit Jahren persönlich kennen, beschreiben ihn als leidenschaftlichen und engagierten Organisator. Und tatsächlich: Heidingsfelder hat schon vieles auf die Beine gestellt: Die Aktion "Angela? Nein Danke" im Bundestagswahlkampf 2005 - damals war er noch in der SPD, die ihn einmal auszeichnete, weil er so viele Mitglieder geworben hatte. Auch die Demonstration "Wulff den Schuh zeigen" organisierte er mit. Warum verbeißt sich dieser Mann dann in einen Konflikt mit anonymen Gegnern? "Er hat einfach einen hohen Wunsch nach Selbstwirksamkeit und nach Anerkennung", sagt einer, der ihn oft in Aktion erlebt hat. "Er braucht das Gefühl: Das, was ich mache, ist wichtig, und es verändert etwas." Heidingsfelder sieht seine Motive anders: "Ja, ich will etwas bewegen mit meiner Arbeit. Aber mir ist es egal, wer das nächste Plagiat aufdeckt. Das können auch andere sein. Hauptsache, wir verändern etwas im Universitätsbereich."

Tägliches Gefetze auf Twitter

Der Streit zwischen den verbliebenen Vroniplag-Usern und Heidingsfelder schwelt weiter. Tag für Tag fetzen sich die Parteien über Twitter. Beide Seiten gehen dabei hart zur Sache. Ein Angriff stößt Heidingsfelder jedoch übel auf: "Die haben sogar beantragt, meinen Wikipedia-Eintrag zu löschen. Ich sei irrelevant." Irrelevant, das weiß er, ist er nicht. Die Presse wartet schon auf seine Erkenntnisse zu den Doktorarbeiten von Angela Merkel und Johanna Wanka. Verraten wird er darüber noch nichts. Aber wenn er etwas findet, wird sich etwas bewegen. Nicht nur im Universitätsbereich.

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