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Kommentar

Kanzler ohne Abitur? Aber klar!

Nun wird Martin Schulz also Kanzlerkandidat. Schon bevor das offiziell klar war, kam es zu einer Diskussion über seine Befähigung. Das zeugt von einem Elitedenken, das brandgefährlich ist.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) legt lächelnd den Kopf schief

Wechselt von Brüssel nach Berlin: Martin Schulz (SPD)

Neulich sagte eine Freundin zu mir: "Am liebsten würde ich das nachholen." Ich sah sie ungläubig an, weil ich sie nicht verstand. Meine Freundin hat nach der Mittleren Reife Anwaltsgehilfin gelernt und drei Kinder großgezogen. Sie war aktiv bei Amnesty International, ist Mitte 40 und eine kluge Frau. "Wieso denn das?", fragte ich. "Um zu zeigen, dass ich nicht dumm bin", antwortete sie.

Ich war sprachlos. Und dachte: Das tut das deutsche Schulsystem den Menschen an. Es impft ihnen solche Komplexe ein. Mit zehn Jahren werden die Weichen gestellt. Die vermeintlich Guten kommen aufs Gymnasium, die vermeintlichen Schlechten auf die Hauptschule. Und die angeblichen Mittelmäßigen gehen auf die Realschule. Wer es nicht bis zum Abitur schafft, ist in den Augen einiger Leute mit einem Makel behaftet. Und zwar ein Leben lang, wie die Debatte um zeigt.

Kann Martin Schulz Kanzler?

Der Sozialdemokrat, inzwischen über 60 und Präsident im Europaparlament, will in die Bundespolitik wechseln, wird als Kanzlerkandidat antreten. "Wir besaßen bisher ... keinen Regierungschef ohne Abitur, nicht weil Bildung schick ist, sondern weil das Amt – erst recht in Zeiten der Hyperkomplexität – nicht Small Talk, sondern Big Talk verlangt", schrieb Garbor Steingart im Handelsblatt. Oder anders ausgedrückt: Wer kein Abitur hat, ist zu blöd, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen, kommt über Small-Talk nicht hinaus. Kanzler kann so jemand nicht.

Sein Freund Jan Fleischhauer vom Spiegel sprang Steingart zur Seite, als im Netz der Shitstorm über den Mann vom Handelsblatt hereinbrach. "Darf man von einem noch erwarten, dass er Abitur hat? Offenbar nicht. Alles, was einen Hierarchieunterschied oder ein Machtgefälle begründet, scheint heute verdächtig. So machen wir uns selber dumm." Machen wir das wirklich?

Elite auch in Büros und Werkstätten

Natürlich brauchen wir Elite. Die Elite soll sich nicht "verpissen", wie Fleischhauer fürchtet. Aber sie soll runter von ihrem hohen Ross. Wir brauchen einen neuen Elitebegriff. Elite wird nämlich nicht nur auf dem Gymnasium oder an den Unis produziert, sondern auch in den Büros und Werkstätten dieses Landes. Mir sind viele Handwerksmeister begegnet, die ich schlauer fand als einige Literatur- oder Politikwissenschaftler, die vor allem eines gut konnten: labern.

Davon abgesehen: Auch wenn sich in Deutschland in den letzten Jahren viel geändert hat und es mehr Bildungsaufsteiger als Bildungsabsteiger gibt, bestimmt in diesem Land noch immer die Herkunft den Bildungsweg. Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien studieren 70. Von 100 Kindern aus Arbeiterfamilien studieren 23. Meine Freundin hatte übrigens eine Gymnasialempfehlung. Ihre Eltern wollten sie nicht überfordern.

Drei-Klassen-Schulsystem

Schon im 19. Jahrhundert schickte das Volk seine Kinder auf die Volksschule, die Kinder der Mittelschicht gingen auf die Mittelschule. Und die Oberschule war für die Kinder aus der Oberschicht reserviert. Das Schulsystem spiegelte die drei-Klassen-Gesellschaft wider. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu prägte vor 45 Jahren den Begriff von der "Illusion der Chancengleichheit". Seine Untersuchung bezog sich auf Frankreich. Sie gilt noch heute. Für deutsche Verhältnisse. Aber wehe man wagt, die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems zu fordern, dann muss man sich als "Gleichheitsfanatiker" beschimpfen lassen.


Wie borniert die Argumentation im Falle von Martin Schulz ist, verrät ein genauerer Blick auf sein Leben. Er hat das Gymnasium mit der Fachhochschulreife, auch Fachabitur genannt, verlassen, weil er als Jugendlicher dem Alkohol verfallen war. "Ich habe den Faden in meinem Leben verloren, war mal ganz unten", sagt er selbst. Danach hat Schulz eine Lehre als Buchhändler gemacht. Schulz hat einen Buchladen geleitet, Sprachen gelernt, war Bürgermeister. Zählt das alles nichts? Nur weil er als Teenager die Schule ein Jahr früher verlassen und kein Abitur hat? Und selbst wenn Schulz "nur" Realschulabschluss oder Hauptschulabschluss hätte: Ein Politiker, der als Jugendlicher dem Alkohol verfallen war, sich da rausgewunden hat, weiß was vom Leben. In der Politik sicher kein Fehler.

Zum Snobismus mutiertes Elitedenken

Wir hätten aus dem Fall Petra Hinz lernen sollen. Die Bundestagesabgeordnete flog im Sommer diesen Jahres auf: Sie hatte ihren Lebenslauf gefälscht und behauptet, Volljuristin zu sein. Leider hat Petra Hinz nie über ihre Motive gesprochen. Ich wage die Vermutung, dass sie ihre Vita gefälscht hat, weil sie das Gefühl hatte: Wenn ich keine Akademikerin bin, hört mir keiner zu. Einer Volljuristin glaubt man eher. Ihr Betrug sagt nicht nur etwas über Petra Hinz, sondern auch über dieses Land, das zutiefst elitär ist. Und genau das ist unser Problem: Die Menschen haben es satt, sich wie zweite Klasse zu fühlen, nur weil sie kein Abitur haben und nicht an der Uni waren. Dieses zum Snobismus mutiertes Elitedenken ist brandgefährlich. Es treibt die Leute in die Arme von Rechtspopulisten.

Dieser Artikel erschien erstmals im Dezember 2016 auf stern.de. Wir haben ihn aktualisiert.

 

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