EU nimmt die Raucher aufs Korn

21. Juni 2013, 18:50 Uhr

Schockfotos auf Schachteln, Limits für E-Zigaretten: Trotz Zugeständnissen an die Lobby setzt Brüssel strenge Antirauchregeln durch. Altkanzler Schmidt muss um seine spezielle Lieblingsdroge fürchten. Von Lutz Meier

Tabak, Rauchen, Helmut Schmidt, Schockfotos, Lungenkrebs

Schockfotos auf Zigarettenpackungen in Singapur - in der EU sollen die Warnbilder deutlich größer werden. Mindestens 65 Prozent der Verpackung, so haben es die Gesundheitsminister am Freitag beschlossen sollen durch warnende Bilder und Hinweise bedeckt sein.©

Der Altkanzler kann sich bei Polen bedanken, dass er seiner Lieblingsdroge noch eine Weile weiter frönen darf. Als die EU-Gesundheitsminister am Freitag ihren Kompromiss über die neue Tabakrichtlinie schlossen, setzte der polnische Vertreter eine Gnadenfrist durch für die Mentholzigarette, die Helmut Schmidt so gerne raucht. Aromatisierte Zigaretten wie die des Ex-Regierungschefs sollen nach der Einigung frühestens 2018 vom Markt verschwinden. Zum Schluss hatten die Minister um scheinbar technische Fragen noch einmal heftig gerungen: Sollen es 75 Prozent sein oder nur 40? Welchen Anteil werden die Schockfotos und Warnungen künftig auf Zigarettenschachteln einnehmen? Der Kompromiss: Auf 65 Prozent der Packung künftig in drastischer Weise die Folgen ihres Inhalts zu sehen sein: faulende Zähne, tote Embryos, blutige Geschwüre oder krebszerfressene Raucherlungen.

Vor allem die Raucher von morgen abschrecken

Die Schockfotos, die künftig vorgeschrieben sein sollen, werden das sichtbarste Zeichen eines Gesetzes sein, mit dem die Staaten in Europa endlich einer Droge zu Leibe rücken wollen, die sie europaweit für 700.000 Todesfälle im Jahr verantwortlich machen - der Straßenverkehr mit 43.000 Opfern nimmt sich im Vergleich dazu bescheiden aus. Vor allem junge Raucher wollen die Minister mit den Fotos abschrecken.

Da fast drei Viertel der Raucher vor dem 18. Geburtstag einsteigen, wollen die Politiker mit dem Ausmerzen des Rauchens beginnen, indem sie die Raucher von morgen abschrecken. "Ich bin erfreut, dass wir der Gesundheit der Menschen und unserer Kinder Vorrang gegeben haben", sagte der irische Minister James Reilly als Vorsitzender der Konferenz. Dabei hatte er zuvor eine ganze Reihe von Zugeständnisse an Polen und andere Länder machen müssen, die ihre Tabakindustrie schützen wollen.

"Das Ende des mündigen Bürgers"

Das Ringen um die Tabakrichtlinie war eine der erbittertsten Lobbyschlachten in der Geschichte der EU. Die großen Tabakkonzerne hatten sich heftig gegen die Schockfotos gewehrt und mit ihrem Widerstand zumindest einen Teilerfolg errungen: Die ursprüngliche Idee, dass die Hersteller wie in Australien völlig auf Markenlogos verzichten müssen, war schon in einem früheren Stadium gescheitert. Aber auch der bereinigte Entwurf stieß auf Gegenwehr. "Das ist total irre", hatten sich Industrieverantwortliche wie Reemtsma Marketingchef Lars Großkurth empört, "ein totaler Albtraum". Mit der EU-Richtlinie breche "das Ende des mündigen Bürgers" an.

Polen und weitere osteuropäische Länder, in denen es viel Tabakverarbeitung gibt, agierten im Sinne der Industrie. Auch in Deutschland, so hatte der Zigarettenkonzern Philipp Morris durch die Unternehmensberatung Roland Berger errechnen lassen, gebe es immer noch einen starken Tabaksektor. Dennoch hatte sich die in Deutschland zuständige Verbraucherministerin Ilse Aigner am Ende für den Gesetzesvorschlag stark gemacht. Wegen der großen Opposition der Osteuropäer wäre das ganze Regelwerk beinahe geplatzt. "Das stand bis zuletzt auf der Kippe", erfuhr stern.de aus Teilnehmerkreisen.

Auf der anderen Seite machten Frankreich und Spanien Druck, die verhindern wollten, dass Zigaretten über die Grenzen im Internet gehandelt werden. Bei einem Scheitern des Gesetzes wäre die Verantwortung bei der litauischen EU-Präsidentschaft gelandet und die Chance, dass es wie geplant 2015 in Kraft tritt, gen null geschwunden. Ohnehin muss sich der Ministerrat nun noch mit dem Parlament über die endgültigen Regeln einigen. Einige Beteiligte erwarten, dass angesichts des heftigen Widerstands und vieler Lobbyaktivitäten das Regelwerk dabei noch weiter verwässert werden könnte.

Ein Tabakprodukt überlebt dank deutschem Lobbying

Die Osteuropäer retteten mit ihrem Widerstand nicht nur eine Übergangsfrist für die Mentholzigarette, die in Polen und anderen Ländern sehr beliebt ist, der aber Suchtforscher attestieren, sie bringe besonders junge Raucherinnen zur Zigarette, die eigentlich Tabakgeschmack nicht mögen. "Tabak muss nach Tabak schmecken", hatte EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg gesagt. Auf Druck der Osteuropäer ließ man schließlich auch das Verbot von Slim-Zigaretten fallen, die für manche junge Mädchen als Mode-Accessoire gelten. Ein weiteres Tabakprodukt wurde dank deutschen Lobbyings gerettet: Ex-Ministerpräsident und EU-Beauftragter Edmund Stoiber setzte sich erfolgreich für einen bayrischen Schnupftabakhersteller ein - auch das dürfte Helmut Schmidt gefallen.

Goldene Aussichten für die Industrie

Hart blieben die Minister bei der E-Zigarette. Die batteriebetriebene Ersatzdroge soll es in Europa nicht zu leicht haben. Daher müssen tabakhaltige Rauchflüssigkeiten für die Elektrofluppe künftig ein Genehmigungsverfahren als Arzneimittel absolvieren.

Obwohl die Tabakindustrie heftig über die Folgen des Gesetzes geklagt hat, gibt es keine Anzeichen dafür, dass sie wirtschaftlich in der Defensive ist. Trotz des Umstands, dass in Deutschland das Zigarettengeschäft zurückgeht, konnten Hersteller wie Reemtsma Umsatz und Gewinn stark steigern. Weltweit boomt das Geschäft ohnehin. Philipp Morris etwa, die weltweite Nummer Zwei hinter dem Staatskonzern China Tobacco, meldete für 2012 Rekordumsätze und -gewinne: Von 31 Milliarden Dollar Nettoumsatz landeten 9 Milliarden Profit in der Kasse. Die Tabakmultis erobern derzeit systematisch Wachstumsländer wie Vietnam.

Marktforscher prophezeien ein stürmisches Wachstum des weltweiten Tabakgeschäfts. Auch die Prognose der Weltgesundheitsorganisation lässt nicht erwarten, dass der Tabak auf dem Rückzug ist. 100 Millionen Tote durch das Rauchen hat sie im 20. Jahrhundert gezählt. Im 21. Jahrhundert könnten es eine Milliarde werden, so die Prognose.

Zum Thema
Leser-KommentareBETA