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Stern Logo Der Mauerfall

Das dachten Thatcher & Co. wirklich

Die Mauer fiel, die Deutschen jubelten. Offiziell jubelten auch Briten und Franzosen. Hinter den Kulissen jedoch sträubten sich Margaret Thatcher oder Francois Mitterand mit aller Macht gegen die deutsche Einheit - und ätzten unerbittlich gegen Helmut Kohl.

Von Katja Gloger und Cornelia Fuchs

Genscher, Gorbatschow und Kohl: Gegen viele Widerstände ermöglichten sie die deutsche Einheit

Genscher, Gorbatschow und Kohl: Gegen viele Widerstände ermöglichten sie die deutsche Einheit

Es ist der 23. September 1989, noch mehr als einen Monat wird es dauern bis zum Fall der Mauer, doch die Dame ist tief besorgt. Die Ereignisse in der DDR überschlagen sich. Droht da etwa eine Wiedervereinigung? Ein starkes, mächtiges Deutschland in der Mitte Europas? Das muss verhindert werden. Dafür ist die eiserne Lady nach Moskau gereist.

Denn Großbritanniens konservative Premierministerin Margaret Thatcher fürchtet eine Wiedervereinigung Deutschlands wie der Teufel das Weihwasser. Nach außen, für die Presse, muss sie gute Miene machen, aber in Wahrheit findet sie die Vorstellung schrecklich. So schrecklich, dass sie Unterstützung bei einem Kommunisten sucht: Michail Gorbatschow. Der soll helfen, den Prozess zu stoppen.

Sie sitzen in Moskau, sicher wird Tee gereicht, auch Gorbatschows Vertrauter und außenpolitischer Berater Anatolij Tschernjaew ist dabei, macht, wie immer, Notizen. Er horcht auf, als Thatcher auf einmal darum bittet, ihre folgenden Worte nicht aufzuzeichnen. Denn sie sagt, klipp und klar: "Die Wiedervereinigung Deutschlands liegt nicht im Interesse Großbritanniens und Westeuropas. Es mag sich in unseren offiziellen Stellungnahmen anders anhören, aber das muss man nicht weiter ernst nehmen. Wir wollen kein wiedervereintes Deutschland. Es könnte unsere Sicherheit bedrohen."

Gorbatschow hört interessiert zu. Da soll die Sowjetunion dem Westen also helfen, die Deutschen in Schach zu halten. Ausgerechnet die Sowjetunion - die der Westen im Kalten Krieg doch immer als Unterdrücker der DDR gegeißelt hatte.

Mitterrand misstraut den Deutschen

Es ist der 6. Dezember 1989, vor knapp einem Monat fiel die Mauer, es scheint, als juble die ganze Welt über die friedliche Revolution der Deutschen aus der DDR. Doch die Realität sieht anders aus. An diesem Dezembertag ist der französische Staatspräsident Francois Mitterrand nach Kiew gereist, um mit Gorbatschow zu sprechen. Auch er verfolgt die Ereignisse in Deutschland mit tiefem Misstrauen. Aber er will nicht abseits stehen. Er glaubt, Kanzler Kohl treibe den Prozess fahrlässig schnell voran. Der Franzose will die DDR stützen - als ob das bankrotte Land noch eine Überlebenschance hätte. Er will ein Symbol setzen. "Ich werde der DDR einen Staatsbesuch abstatten", sagt er. Gorbatschow könne gerne mit ihm fahren.

Gegenüber Margaret Thatcher äußert er einen Monat später im Januar 1990 bei einem persönlichen Gespräch in der Downing Street die Angst, dass Deutschland sich in Europa "mehr Boden als Hitler sichern könnte". Später wird Mitterrand dann eingestehen, dass er den Prozess nicht stoppen kann. "Ich habe keine Hoffnung mehr", jammert er.

Es ist der 3. April 1990, die Wiedervereinigung scheint unaufhaltsam - und dies vielleicht sogar außerhalb der Nato. Dies sei "ein Alptraum" für Francois Mitterrand. So soll es dessen Sicherheitsberater Jacques Attali im vertraulichen Geplauder dem Russen Wadim Zagladin gesagt haben. "Da würde ich lieber auf den Mars fliegen", klagt er. Die französische Führung sei erstaunt, nahezu entsetzt, dass die Sowjetunion bislang nicht entschlossener gehandelt habe. Das habe in Frankreich nahezu "panikartige Angst" verursacht, soll Attali russischen Aufzeichnungen zufolge gesagt haben.

Es sind einige bemerkenswerte Details, die da aus den Tiefen europäischer Archive an die Öffentlichkeit gelangen. Denn als es um die Wiedervereinigung ging, erwiesen sich engste westliche Verbündete zunächst als ziemlich Kalte Krieger. Gegen Maggie Thatcher und Francois Mitterrand nahm sich Michail Gorbatschow zeitweise wie ein friedensbewegter Softie aus, der von einem gesamteuropäischen Haus träumte.

Pünktlich zum Jahrestag des Mauerfalls hat das britische Außenministerium nun einen Band der Notizen und Kabinettsaufzeichnungen aus der Downing Street in den Jahren 1989/1990 veröffentlicht - wohl auch, um den Eindruck zu relativieren, dass Großbritannien geschlossen gegen die Wiedervereinigung auftrat. Die Akten zeigen: Die Experten im Außenministerium versuchten monatelang verzweifelt, ihre Chefin von ihrer sturen Ablehnung der deutschen Pläne abzubringen.

Für Kohl war Thatcher nur "diese Frau"

Helmut Kohl nannte Margaret Thatcher in den Monaten nach dem Mauerfall nur noch "diese Frau", wie Mitarbeiter von US-Präsident George Bush ihren Außenamtskollegen in London vertraulich mitteilten. Der britische Botschafter Sir Christoph Mallaby schrieb aus Bonn immer dringlichere Telegramme nach London - darin die Bitte, Downing Street möge doch endlich "in einem positiven Licht" über die deutsche Zukunft sprechen. Alles andere schade dem Ansehen Großbritanniens.

Es ist bekannt, dass Thatcher keinen guten Draht zum deutschen Bundeskanzler Kohl hatte. Für sie repräsentierte er den für sie typischen, rücksichtslosen Deutschen. Thatcher hatte offenbar auch Angst vor einem wieder erstarkten Deutschland, weil sie um Gorbatschow fürchtete. Sie glaubte, dass der Verlust der sowjetischen Einflusssphäre in Osteuropa den Kreml-Chef sein Amt kosten und seine Politik der Perestroika beenden könne. Sie würde zumindest mit ihrer ersten Sorge Recht behalten.

"Sie spielte für alle den Blitzableiter", erklärt der Historiker Patrick Salmon, der die britischen Akten herausgegeben hat. Thatcher sagte offen, was zum Beispiel Mitterrand allenfalls in privaten Gesprächen äußerte - der französische Präsident war ja stets darauf bedacht, seinen "guten Freund" Helmut Kohl nicht vor den Kopf zu stoßen.

Interessante Details aus den Archiven

Zum Mauerfall-Jubiläum kommen pikante Details aber auch aus Moskau. Im Archiv seiner Stiftung hat Michail Gorbatschow Protokolle von Politbürositzungen, Gesprächsabschriften und Tagebuchaufzeichnungen aus seiner Amtszeit gesammelt. Ein Teil davon wurde vor einigen Jahren veröffentlicht, Dokumente zur deutschen Frage, offenbar von Michail Gorbatschow persönlich ausgewählt.

Aber in den Dokumenten wurde offenbar ordentlich gekürzt. Mal waren es nur ein paar belanglose Wörter, mal ganze Seiten oder Gespräche. Die Kürzungen scheinen vor allem einem Zweck zu dienen: Die handelnden Personen, allen voran Gorbatschow selbst, sollen im Licht der Geschichte noch ein bisschen mehr glänzen als im wahren Leben.

Die Realität, es steht zu vermuten, sieht anders aus. Da wurde geschimpft und um Macht wie Geld geschachert wie auf dem Basar, da wurde Blödsinn geredet (und beschlossen). Es zeigt sich, wie verbissen man in Großbritannien und Frankreich gegen die Wiedervereinigung Front machte. Und auch, welches Risiko Helmut Kohl einging, als er faktisch im Alleingang den Zehn-Punkte-Fahrplan zur Einheit verkündete.

Zu verdanken sind diese Einsichten vor allem dem jungen russischen Historiker Pawel Strojlow, 26, der heute in Großbritannien lebt und zum Umfeld des bekannten russischen Dissidenten Wladimir Bukowskij gehört. Strojlow begann vor neun Jahren mit Recherchen in russischen Archiven. Sein Ziel: soviel Dokumente als möglich zu kopieren, bevor der Zugang zu Archiven wieder gesperrt würde.

Gorbatschow sah viele "Klassenfeinde" im Westen

"Ich war so etwas wie ein Spion", sagt er heute. "Es war klar, dass die Machthaber im Kreml die Archive bald wieder schließen würden. Und so kam es ja dann wenig später auch." Strojlow recherchierte drei Jahre lang im Archiv der Gorbatschow-Stiftung, bekam dort schließlich Zugang zu den Original-Dokumenten. Die kopierte er und nahm die Kopien mit, als er später nach Großbritannien ausreiste.

Wie erklärt er die Kürzungen in den Dokumenten? "Gorbatschow war wohl ein viel orthodoxerer Kommunist, als man im Westen dachte. Zumindest gab er sich so. Viele im Westen waren "Klassenfeinde" für ihn, so nannte er übrigens auch Franz Josef Strauss. Für die Nachwelt will Gorbatschow wohl als weitsichtiger Demokrat und Reformer dastehen. Das ist verständlich. Aber die Fakten sollten schon vollständig sein. Es gibt kein Copyright auf die Geschichte."

Den ungekürzten Dokumenten zufolge langweilt Gorbatschow seine Gesprächspartner mit endlosen Monologen über Marx, Engels und Lenin, dabei hört er sich an wie ein Sowjet-Apparatschik alter Schule. Noch 1988 preist er Honecker als "herausragenden Führer der sozialistischen Gemeinschaft" - später bezeichnet er ihn dann als "absoluten Schwachkopf". Mit dem damaligen FDP-Vorsitzenden und Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann hingegen geht es bereits 1988 um die potentiellen Vorzüge des Kapitalismus: Bangemann erzählt, der Amerikaner Henry Kissinger kassiere bis zu 20.000 Dollar für eine Beratung. Doch Gorbi weiß es besser: "Man hat mir berichtet, es sind bis zu 100.000 Dollar."

Gorbatschow las Genscher die Leviten

Vor allem aber zeigen die vollständigen Dokumente, wie misstrauisch Gorbatschow zunächst gegenüber Helmut Kohl war. "Nicht gerade ein großer Intellektueller" lästerte er über ihn. Und wie wütend er auf Kohls Zehn-Punkte-Plan vom Dezember 1989 reagierte. Im engsten Beraterkreis hat Helmut Kohl Ende November den Plan ausarbeiten lassen, einen Fahrplan zur Einheit, den er selbst später als "Offensive" bezeichnen wird. Er hat noch nicht einmal Außenminister Genscher eingeweiht. Am 28. November 1989 verliest er den Plan im Bundestag. Gorbatschow ist entsetzt, fühlt sich übergangen, von Kohl regelrecht verraten, zitiert Genscher am 5. Dezember nach Moskau. "Kohl behandelt die Bürger in der DDR wie seine Untertanen", tobt er. "Das ist erzreaktionärer Revanchismus!" Er habe Genscher die Leviten gelesen, berichtet Gorbatschow einen Tag später Francois Mitterrand mit gewisser Genugtuung: "Kohls Thesen sind ein Diktat." Mitterrand: "So direkt haben Sie das gesagt? Diktat - das ist ja ein deutsches Wort".

Gorbatschow: "Ich wurde noch viel deutlicher. Ich habe Genscher gesagt: So zerstört man alles, was bislang erreicht wurde. Ob er wisse, wie so ein Verhalten genannt wird? Provinzielle Politik." So benehme sich "ein Elefant im Porzellanladen". Und sein Außenminister Eduard Schewardnadse, so Gorbi, hatte für Kohl sogar den schlimmsten aller Vergleiche parat: "Noch nicht einmal Hitler redete immer in so einem Ton." Zu peinlich mag ihm später der Vergleich erschienen sein - er wurde aus dem Original gestrichen.

Die Wiedervereinigung war nicht mehr zu verhindern

Aber längst lösten sich Osteuropa, die Sowjetunion auf. In der aufsässigen Ukraine malten die Menschen Poster: "Kohl - Ja. Gorbatschow - Nein." In Moskau machte ihm ein gewisser Boris Jelzin die Macht streitig. Im Land wurden Lebensmittel knapp, man musste im Westen um Hilfe betteln.

Die wirtschaftliche Lage in der DDR war ohnehin katastrophal. Wenige Monate nach dem Fall der Mauer war klar: Die Wiedervereinigung war nicht mehr zu verhindern. Selbst seinen anfänglich eisernen Widerstand gegen die Mitgliedschaft Deutschlands in der Nato gab Gorbatschow überraschend auf, als er sich Ende Mai 1990 mit US-Präsident Bush in Washington traf. Zu diesem Zeitpunkt hörte auch Margaret Thatcher auf, öffentlich gegen Kohl zu kämpfen - auch, wenn sie sich böser Kommentare nie ganz enthalten konnte, wie ihr Außenminister Douglas Hurd notierte: "Immerhin gibt es inzwischen nicht mehr täglich die Tiraden gegen Deutschland."

Von nun an ging es nur noch um den Preis der Wiedervereinigung. Noch stehen 400.000 sowjetische Soldaten in der DDR, sie sind Gorbatschows letzter Trumpf. Ein Telefonat mit Kohl, am 7. September 1990, es ist das erste Gespräch nach dem sensationellen Einheits-Gipfel im Kaukasus.

Es geht ums Geld. Die Deutschen sollen für den Abzug der sowjetischen Truppen zahlen. Kohl bietet ihm acht Milliarden Mark an. Gorbatschow reagiert stinksauer: "Das zerstört buchstäblich alles, was bislang erreicht wurde." Er fordert 16 Milliarden Mark. Schließlich bekommt er zwölf, dazu drei Milliarden an zinslosem Kredit.

Aber die Sowjetunion ist so pleite, dass ein Teil des Geldes sofort her muss. Nur wenig später trifft sich Gorbatschow mit Genscher. "Wir brauchen finanzielle Soforthilfe", sagt er unverblümt. Zwei Milliarden. Eine von den Deutschen. Die zweite Milliarde solle aus dem Nahen Osten kommen - offenbar von den letzten dort verbliebenen Verbündeten wie Saddam Hussein. Gorbatschow, weiß, wie erniedrigend diese Bettelei ist. Er bittet Genscher um strengste Vertraulichkeit. "Wir wollen niemanden erschrecken." Es ist ein letztes Aufbäumen. Nur drei Monate später gibt es die Sowjetunion nicht mehr.

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