27. März 2009, 09:56 Uhr

Wer spricht über Winnenden?

Der Amoklauf von Winnenden kann nicht ohne Konsequenzen bleiben. Im heraufziehenden Wahlkampf aber mag sich kein verantwortlicher Politiker der Großen Koalition äußern. Das ist ein Affront gegenüber den Familien der Opfer. Zu besichtigen bei Maybrit Illner, ZDF. Von Mandy Schünemann

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Betroffene Eltern fordern das Verbot von Killerspielen wie "Counter-Strike", das auch Tim K. spielte©

Der Amoklauf in Winnenden hat die Menschen verstört. Warum hat Tim K. 15 Menschen umgebracht? War er geisteskrank? Wäre die Tat zu verhindern gewesen? Und wenn ja - von wem und wie? Quälende Fragen. Die Eltern der Opfer haben in einem offenen Brief an die Politik Antworten geliefert. Sie fordern, den Zugang zu Waffen einzuschränken. Killerspiele zu verbieten. Den Medien die Gewaltdarstellungen auszutreiben. Damit sich Winnenden nicht wiederholen kann.

Ein Brief, der sich wie eine Handlungsanweisung liest. "Die Eltern fordern Konsequenzen - vergeblich?" fragte ZDF-Talkerin Maybrit Illner am Donnerstagabend. Eingeladen waren Uwe Schünemann (CDU), Innenminister in Niedersachsen; Renate Künast, Vorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen; Jürgen Triebel, Präsident des Verbandes deutscher Büchsenmacher Waffenfachhändler; Dagobert Lindlau, Publizist und Waffensammler; sowie Kilian Ricken, Student und langjähriger Zocker.

Inhaltlicher Proporz

Allein die Gästeliste verrät, dass Illner ihre Frage (" - vergeblich?") richtig formuliert hatte. Von den Verantwortlichen in der Regierung wollte sich offenbar niemand der heiklen Debatte stellen. Selbst Koalitionspolitiker der zweiten Reihe blieben der Sendung fern. Ist ja auch unangenehm, sich mit den Sportschützen anzulegen. Oder den Millionen jugendlichen Zockern. Oder mit Journalisten. Es ist Wahlkampf, jede Stimme zählt, und das sind keine guten Zeiten für Zumutungen. Es sind die Zeiten blumiger Versprechen. Dafür aber eignet sich das grauenhafte Thema Winnenden nicht.

Also blieb für die Besetzung nur der inhaltliche Proporz, die klassisch öffentlich-rechtliche Abgewogenheit. Einer Pro, einer Contra. Schünemann gegen eine Änderung der Waffengesetze, Künast dafür. Kilian gegen ein Verbot von Killerspielen, Lindlau dafür. Gewaltdarstellungen in den Medien? Ach ja. Daran hatten sich wohl alle schon zu sehr gewöhnt. Das war kein großes Thema.

Die Trauer des Vaters

Am Ende zerbröckelten die Worte und Argumente zu einem großen Haufen Schutt, auf dem Illner ziemlich hilflos saß. Das, was ihrer Sendung Kraft und Authentizität verlieh, waren nicht die Gäste. Es war das eingespielte Interview mit Hardy Schober, 46. Seine Tochter Jana, 16, starb in Winnenden durch einen Schuss in den Hinterkopf. Sie wurde ermordet, "abgeschlachtet", wie es Schober nennt. Von Tim K.

Schober trägt einen schwarzen Anzug mit einer schwarzen Krawatte. Er ist in Trauer. "Die Eltern sind für mich eigentlich fast die Hauptschuldigen", sagt er. Sie hätten ihre Aufsichtspflicht verletzt. Und überhaupt: Wie kann es möglich sein, dass jemand so viele Waffen zu Hause hat? Schober ist verzweifelt. Es fällt ihm schwer zu reden, Tränen steigen in seine Augen. "Warum hat er kein Gewissen gehabt?", fragt er. Das sei etwas, das ihn seither beschäftigt. Tim K. habe seine Tochter und ihre Freundin "wahllos hingerichtet". "Kinder sind doch sowas herrliches." Da wird auch Illners Stimme zittrig. Was sein größter Wunsch sei? "Das so was nie wieder passiert. Nie wieder."

Vielleicht hat Wolfgang Schäuble die Sendung ja zumindest gesehen.

Mitarbeit: Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 51)
 
Countryjoe (30.03.2009, 07:29 Uhr)
Verbieten und das wars?
Das Kind ist in den Brunnen gefallen und nun wird extrem populistisch auf den Legalwaffenbesitzern und den Spieleherstellern herumgeprügelt. Daran, daß Kinder und Jugendliche überhaupt in einen derartigen geistigen Zustand kommen können, wird nichts getan. Im Gegenteil, die Vertrauenslehrer kürzte man um 1/3. Lieber ein paar schnelle Verbote erlassen als die Ursachen zu bekämpfen ist nichts als billiger Populismus und ändert nichts. Aber es gibt ja genug Hysteriker die sich damit abspeisen lassen.
Furka37 (29.03.2009, 19:32 Uhr)
Früher war Alles besser!?
Das stimmt, weil derartige Berichte nicht an die Öffentlichkeit weitergegeben werden durften!
Und Heute (2009):
Es wird über Alles berichtet und bis zum letzten "Krümel" zerredet aber ändern wird sich nichts!
Furka37 (29.03.2009, 19:15 Uhr)
Die Politiker ist Schuld, weil......
1. Jeder nur vor der Wahl Stimmung macht aber niemand bereit ist nach seiner Wahl das Gewollte in die Tat umzusetzen
2. Die Rechtschreibung hat man für Analphabeten reformiert, obwohl Jeder, der will schreiben lernen kann.
Warum ist kein Volksvertreter bereit unsere schulen insgesamt
zu reformieren damit lernen wieder Spaß macht!?
Furka37 (29.03.2009, 18:04 Uhr)
Immer wieder das Gleiche und ändern wird sich nichts!
Es ist einfach paradox immer wieder die gleichen sinnlosen Diskussionen zu führen. anstatt unser Schulsystem zu reformieren sind der PC und der Schießsport Schuld
Die Rechtschreibung hat man für Analphabeten verändert und was ist mit den Schulsystem!?
Das Bildungssystem muß auch dringend überarbeitet werden!
wuhu (27.03.2009, 14:38 Uhr)
mögliche Erklärung
die Häufigkeit lässt sich wohl mit dem Hype erklären. Da seit Littleton ja "Vorbilder" existieren wie man groß rauskommen kann. Früher hat sich so ein "armes Würstchen" halt einfach selbst umgebracht und keiner hats gemerkt, da sowas ja nicht in den Nachrichten kommt
Pamela_1971 (27.03.2009, 14:23 Uhr)
@ R.N.
"Gab es solche Amokläufe in den Jahren 1950-1980 ? Ich kann mich nicht dran erinnern."
.
=> Doch: z.B. 1964 in Volkhoven/Köln, oder 1966 in Texas. Da gab es noch gar kein Internet, und keine Egoshooter. Außerdem gab es "Amokläufe" zu allen Zeiten. Massenhaft. Nur hat man das halt früher nicht "Amoklauf", sondern Krieg, Schlacht, Feldzug, Kreuzzug o.ä. genannt. Das Ergebnis war aber schon immer das selbe: Haufenweise tote unschuldige Menschen, und jede Menge Blut.
.
"Ich bin mir nicht sicher, aber kann es vielleicht dran liegen das wenn heute ein Kind oder Jugendlicher mal eine geknallt bekommt direkt von Mißhandlung die Rede ist?"
.
=> Hm... und könnte das wiederum vielleicht daran liegen, dass es eine Misshandlung *IST* (und obendrein auch eine Straftat - nämlich Körperverletzung!) wenn ein Kind "eine geknallt bekommt"?
.
"Vielleicht liegt es ja auch an der so gepriesenen antiautoritären Erziehung"
.
=> Und in welchem Zeitalter, in dem es KEINE antiautoritären Elemente in der Erziehung gab, wurde in Deutschland/Europa weniger gemordet als heutzutage? Die Zahl der Tötungsdelikte in Deutschland geht ja seit Jahren sogar tendenziell ZURÜCK.
winterbottom (27.03.2009, 14:23 Uhr)
Brief der Eltern
Dieser Brief ist der Situation angemessen und unterstützt die betroffenen Eltern sicherlich bei der Bewältigung der Trauerarbeit. Er weist – trotz allem Schmerz der betroffenen Eltern über den Verlust ihrer Kinder – keine grundsätzliche Intoleranz gegenüber privaten Waffenbesitzern auf. Diese Einstellung zeugt m.E. von Fairness, einem hohen Maß an Verantwortung und ist weitaus respektabler, als die Meinung von strikten Waffengegnern, welche (aus welchen Gründen auch immer) ein Totalverbot von Schusswaffen in privaten Händen vertreten – vielleicht sollte sich dieser Personenkreis an der verständnisvollen und umsichtigen Einstellung der betroffenen Eltern orientieren.
Was den Zugang von jungen Menschen zu Waffen betrifft, so wird die „Ausbildung an einer großkalibrigen Pistole bereits ab dem 14. Lebensjahr“ angesprochen. Es mag sein, dass es Schützenvereine gibt, die so etwas zulassen, auch unter Aufsicht eines erfahrenen Schützen. Ich denke, dieser Punkt ist diskussionswürdig und ich könnte mir eine Altersbeschränkung (z.B. ab 18 Jahre) gut vorstellen.
Sicherlich ist es legitim, die grundsätzliche Frage zu stellen, ob der Schießsport nicht gänzlich auf großkalibrige Waffen verzichten kann. Eine Einschränkung auf Kleinkaliberwaffen löst aber m.E. nicht eins der originären Probleme (es gibt nach meinem dafürhalten mehrere), nämlich das nicht vorhandene Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit Schusswaffen. Dass mit einer Kleinkaliberwaffe weniger Unheil bei dem „Amoklauf“ angerichtet worden wäre, wage ich bei dem zielgerichteten und kaltblütigen Vorgehen des Amokläufers jedoch zu bezweifeln.
Richtig ist, dass der Gesetzgeber die Vergabe von Waffenbesitzkarten und die daraus entstehenden Verpflichtungen, wie z. B. die Aufbewahrung von Waffen und Munition, vollständig geregelt hat. Handlungsbedarf in Bezug auf das Strafmaß bei Verstößen gegen das WaffG (grob fahrlässig wie im bekannten Fall oder bei Vorsatz) könnte ich mir sehr gut vorstellen.
Aus meiner Sicht hilft auch eine Diskussion über ein striktes Verbot von Computerspielen nicht weiter. Entscheidend scheint mir der verantwortungsbewusste Umgang mit diesem Medium zu sein.
Wo also ansetzen? Möglicherweise sind junge Menschen heutzutage in unserer Gesellschaft, in der bestehende Wertesysteme zusammenbrechen und Orientierung fehlt, überfordert. Junge Menschen sollen in ihrem gesellschaftlichen Umfeld tolerant sein, in der Auseinandersetzung untereinander auf verschiedenen Ebenen ihre Konfliktfähigkeit bewahren und zudem in einer an Leistung orientierten Gesellschaft ihre Ausbildung absolvieren und ihre Zukunft gestalten.
Ich denke, heranwachsende Menschen brauchen Orientierung, ein funktionierendes Wertesystem, Perspektiven für die Zukunft. Hier kann und muss das Elternhaus neben der Schule einen ganz entscheidenden Beitrag liefern. Wenn wir als Gesellschaft nicht dazu in der Lage sind die Heranwachsenden anzunehmen und sie auf dem schwierigen Weg in unsere komplexe Gesellschaft unterstützend zu begleiten, helfen auch keine noch so strikten Verbote und ein weiteres Winnenden wäre vorprogrammiert.
Falcon030 (27.03.2009, 14:11 Uhr)
@R.N.
Selbstverständlich gab es Amokläufe auch schon vor 1980 (da wäre z.B. der an einer Volksschule in Köln im Jahr 1964 mit 11 Toten)- entweder haben Sie da eine arg selektive Wahrnehmung oder es liegt vielleicht auch daran, dass die Medien damals nicht alles so genüßlich ausgeschlachtet haben, wie das heute der Fall ist.
wuhu (27.03.2009, 13:55 Uhr)
blubb
@R.N.
ganz klar die "Amokläufe" (ansich schon eine falsche Wortwahl) hat es vorher nicht gegeben und das Internet und Spiele sind schuld. Und das ist absoluter fakt! ...einmal im Internet suchen würde helfen aber das ist ja Teufelszeug.
ich empfehle www.spreekilllers.org
ist zwar eine kranke Idee für eine Webseite aber da sieht man das es solche Ausraster schon länger gibt
R.N. (27.03.2009, 13:43 Uhr)
Es hat zwei Hauptgründe
Diese Amokläufe bei Schülern gibt es seit wir das Internet und diese Computerspiele haben, das ist absoluter Fakt.
Gab es solche Amokläufe in den Jahren 1950-1980 ? Ich kann mich nicht dran erinnern. Ich bin kein Waffennarr, habe auch keine, aber diese Verrohung der Jugend muß ja irgendwo her kommen. Früher gab es soetwas wie Respekt Eltern Lehrern gegenüber, das erkenne ich heute nicht mehr. Ich bin mir nicht sicher, aber kann es vielleicht dran liegen das wenn heute ein Kind oder Jugendlicher mal eine geknallt bekommt direkt von Mißhandlung die Rede ist? Vielleicht liegt es ja auch an der so gepriesenen antiautoritären Erziehung und an dem Statusdenken was heute vorherrscht.
Einen schönen nachdenklichen Tag noch
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