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Feinde fürs Leben

Zwei Männer aus dem Westen kämpfen in Vorpommern seit Jahren für einen Aufstand der Bürger - jeder auf seine Weise. Leider liegt nun der Falsche vorn. Eine Fallstudie aus der ostdeutschen Polit-Provinz.

Von Holger Witzel

  • Holger Witzel

Das war vielleicht ein Schreck, als plötzlich diese Hand im Briefkasten lag. Dann fing sie auch noch an zu winken und verstopfte von innen den Schlitz, bis Michael Andrejewski begriff: Da will doch tatsächlich einer den "Anklamer Boten" nicht, seine selbst geschriebene Wahlkampfpostille! So etwas war der NPD-Mann nicht gewöhnt - und der Fall klar: "ein Gestörter". Dabei hat er wirklich schon "einiges erlebt", seit er Broschüren und Flugblätter verteilt.

Früher in Hamburg musste er sich stets mit einem Stapel Aldi-Prospekte tarnen, wenn er für seine "Liste Ausländerstopp" unterwegs war. In "extrem linken Gegenden" wie dem Schanzenviertel hat er immer "nur einzelne Häuser gesteckt - so gefährlich war das". Und später in Rostock-Lichtenhagen zündeten die Leute prompt ein Asylbewerberheim an, nachdem er dort 1992 Flugblätter verteilt hatte, die zum "Widerstand gegen die Ausländerflut" aufriefen.

Die Feinde begrüßen sich

Man könnte sagen, Michael Andrejewski habe den Pogrom seinerzeit buchstäblich angezettelt. Aber er ist ein bescheidener Mann: "Das schafft ein Flugblatt nicht, wäre ja auch schauerlich."

Immerhin hat er es jetzt in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern geschafft. Nach 20 Jahren Kampf gegen Überfremdung im Westen musste er dafür nur als Fremder in den Osten Vorpommerns ziehen und bekam in manchen Dörfern bis zu 38 Prozent - mehr als jede andere Partei. Die Hand im Briefkasten konnte das nicht verhindern - und Günther Hoffmann auch nicht, der in Anklam so etwas wie der letzte aktive Antifaschist ist.

Die beiden grüssen sich flüchtig auf der Straße, aber haben noch nie miteinander gesprochen. Sie sind fast gleich alt, kommen beide nicht aus der Gegend und haben hier doch beide die Aufgabe ihres Lebens gefunden - und im jeweils anderen ihren natürlichen Feind.

"Gefährlicher Biedermann"

Günther Hoffmann, 49, stammt aus Oberbayern, lebte vor der Wende in West-Berlin und arbeitet neben seinem ehrenamtlichen Engagement gegen Neonazis hauptamtlich in der Anklamer Initiative "Bunt statt Braun" für ein "Rechercheprojekt über antidemokratische Tendenzen im östlichen Mecklenburg-Vorpommern".

Michael Andrejewski, 47, stammt aus dem Schwarzwald, lebte vor der Wende als ehrenamtlicher Neonazi in Hamburg und sitzt seit dieser Woche hauptamtlich im Schweriner Landtag. "Eine nationale Hochburg" in Ostvorpommern ist sein Ziel.

"Andrejewski ist ein kluger Kopf", sagt Hoffmann, "Typ Biedermann eben und deshalb besonders gefährlich."

"Hoffmann weiß auch nicht mehr, als im Internet steht", kontert Andrejewski: "Seine Übertreibungen nutzen uns mehr, als sie schaden."

Wie zwei Missionare gegensätzlicher Religionen kämpfen sie so um die Köpfe der Eingeborenen und werden dafür beide aus Steuergeldern bezahlt. Nur die Heiden bleiben ungerührt: Zwei Wessis mehr, die alles besser wissen. Andrejewski? Hoffmann? Wer soll das sein?

Jeder will sich NPD-Erfolg erklären

Andrejewski weiß, dass ihn die Leute nicht persönlich wählen, sondern "die böse NPD". So wie Günther Hoffmann sicher sein kann, dass er von außen gesehen zu den Guten gehört. Aber das nutzt ihm vor Ort wenig: "Erst ab etwa 50 Kilometer Entfernung bekomme ich überhaupt Resonanz und Anerkennung." In Anklam und Umgebung gilt er als Nestbeschmutzer, weil er seit Jahren über "flächendeckende Strukturen" und "politische Vorfeld-Organisationen" der Neonazis spricht. Er hat Ausstellungen und Demos organisiert, sich in Schulen und Ämtern den Mund trocken geredet. Doch oft hören ihm nur noch Journalisten von außerhalb zu.

Vor und nach den Wahlen waren wieder viele da, um nach den Ursachen für den NPD-Erfolg zu forschen. Weil es auf die Schnelle wenig zu entdecken gibt, sitzen alle irgendwann mit Günther Hoffmann im einzigen Straßencafé von Anklam, starren gebannt auf ein paar germanische Runen auf Bierdeckeln, die für eine Dachdeckerfirma werben, und Hoffmann raunt: "Gerade das Unsichtbare ist ja das Gefährliche. Sie werden immer perfekter."

Runen am Straßenrand

In den 90er Jahren war es noch einfach. Rechtsextreme Skinheads trieben sich in Bomberjacken an jeder Tankstelle rum, verprügelten die Ostseeurlauber, von denen ihre Eltern lebten, und verbreiteten im Hinterland Angst und Schrecken. Dann tauchte die Szene ab - und später als 30-jährige Familienväter und junge Unternehmer wieder auf.

Heute erkenne man sie eher an Zimmermannshosen und karierten Hemden, erklärt Hoffmann. Runen am Straßenrand würden die üblichen Holzkreuze für Unfallopfer ablösen. Baufirmen und Bürgerinitiaven seien in ihrer Hand. Sie pflegen Soldatengräber und deutsche Folklore bei Heimatabenden, geben Zeitungen wie den "Anklamer Boten" heraus, schaffen es mit Plakaten und Werbung in öffentliche Schaukästen an Schulen und stoßen - stets sauber, ordentlich und hilfsbereit - nur noch selten auf Ablehnung.

Rechte U-Boote in den Vereinen

Manche Politiker der Region konnte Günther Hoffmann in den vergangenen Jahren für das Problem sensibilisieren: dafür, dass es überhaupt eins ist und vielleicht sogar ihres. In Schulen führte man Präventionswochen und Demokratietage ein, zog sie in die fünfte und sechste Klasse vor, weil es bei 13- oder 14-Jährigen oft schon zu spät war. Trotzdem trifft er immer noch Amtsleiter, deren Kinder in Kameradschaften aktiv sind, PDS-Bürgermeister, die trotz einschlägiger Razzien in ihren Jugendclubs "keine Neonazis kennen". In der Freiwilligen Feuerwehr, in Sportvereinen - überall sieht Hoffmann rechte U-Boote, "trojanische Pferde" und Runen. Eigentlich kämpfe er nicht gegen Nazis, sondern immer noch gegen die Ignoranz der Gesellschaft.

"Viele hier halten die NPD für eine normale Partei", sagt Hoffmann. Wortwörtlich genau so sagt es Andrejewski und fügt hinzu: "Deshalb versteht auch keiner, was der Hoffmann immer will."

Die Antifaschisten müssen kämpfen

Der Erfolg des einen lässt sich in Wahlergebnissen messen, der des anderen gar nicht, weshalb Leute wie Hoffmann ständig um ihre Stellen kämpfen müssen. Mehr als 1500 solcher Projekte gegen Rechtsextremismus hat die Bundesstiftung Civitas seit 2001 mit über 50 Millionen Euro finanziert. Initiativen wie "Bunt statt Braun" bekommen ab und zu einen Preis für Zivilcourage, die NPD bekam zuletzt 7,3 Prozent. Fast sieht es so aus, als hätten die Guten längst verloren, und für "Windmühlenkämpfer" wie Hoffmann bleibt nur ein kleiner Trost: Es könnte ja sein, dass sie noch Schlimmeres verhindert haben.

Das bisher Schlimmste ist der stille Triumph von Michael Andrejewski. Mit seiner verbeulten Strickjacke, den altmodischen Turnschuhen und einer schwarzen Umhängetasche würde er auch als PDS-Funktionär durchgehen. Unauffällig läuft der arbeitslose Jurist durch Anklam, ja, er rennt fast bei seinen täglichen Erledigungen, leert sein Postfach, liest in der Stadtbibliothek Zeitung und hat sich im Rathaus zuerst gegen die Schließung des Postamtes und für die Erhaltung der Stadtbibliothek stark gemacht. Jeden Briefkasten der Stadt kennt er persönlich - allerdings kaum Leute.

Umzingelt von rechter Kultur

Er hat keine Familie und brauche keine Freunde, sagt er. "Mir reicht meine politische Arbeit." Durch sie kam sein Jurastudium lange zu kurz. Nebenbei hat er früher bei Wachdiensten gejobbt und nach insgesamt 36 Semestern 2002 sein erstes Staatsexamen abgelegt. Erst 2003 zog er in eine Plattenbauwohnung nach Anklam und lebte bis vor kurzem von Hartz IV.

Kameraden, die schon mal in seiner Junggesellenbude waren, sorgen sich um eine gewisse soziale Verwahrlosung, wie es heißt. Nach der Wahl schleppten sie ihn angeblich erst mal zum Einkleiden zu C & A. Kurz davor hatten sie ihm seinen ersten Computer aufgenötigt. "In diesen Dingen bin ich altmodisch", gibt Andrejewski zu. Volkstanz und andere aktuelle Nazimoden seien auch nicht so sein Ding. Lieber hört er die Stones oder Creedance Clearwater Revival. Und wenn ihn Leute wie Hoffmann als Brandstifter beleidigen, findet er das vor allem "undankbar - schließlich leben die von meinem Erfolg".

Das ist seine Lieblingspointe. Sie tut weh, weil sie stimmt: "Dass mich Neonazis mal ernähren, hätte ich wirklich nie gedacht", sagt Hoffmann. Mit Ökobaustoffen wollte er sich beschäftigen, als er vor etwas mehr als zehn Jahren mit seiner Familie in einen kleinen Ort bei Anklam zog. Er suchte Idylle, aber sah sich plötzlich von "rechter Kultur" umzingelt und dachte: "Hier muss man was tun."

Plaudereien mit der CDU

Andrejewski suchte genau das Gegenteil. Eine unzufriedene Gegend sollte es sein, arm und arbeitslos, höchstens 15.000 Einwohner, "denn mehr Geld für Flugblätter hatte ich damals nicht". Er fand Anklam und dachte: "Hier kann man was tun."

Nur ein Jahr später saß er im Kreistag und in der Stadtvertreterversammlung von Anklam. Dort bekam er bei der Kommunalwahl 2004 allein so viele Stimmen, dass der NPD ein zweiter Sitz zustand. Aber es gab nur ihn. Und seitdem scheint er in Ratsversammlungen der einzige Volksvertreter zu sein, der nicht nach gekränkter Eitelkeit abstimmt, sondern danach, was er gut findet oder schlecht.

Belustigt schaut Andrejewski zu, wie sich die Kollegen der sogenannten demokratischen Parteien zerfleischen. Die Stadtvertretung von Anklam ist heillos mit dem Bürgermeister zerstritten, einem parteilosen Bauunternehmer aus dem Emsland. Eine seltsame Front aus CDU und PDS wirft ihm Mauschelei beim Straßenbau und Verschwendung bei Dienstreisen vor. Der Bürgermeister brüskiert die Versammlung zur Strafe mit selbstherrlichen Alleingängen. Gegenseitig blockieren und verklagen sie sich, bis kostbare Fördermittel verloren gehen. Die Mehrheiten sind knapp. Jede Seite nimmt die NPD-Stimme gern mit. Und alle loben seine "Sachlichkeit".

Wenn Andrejewski mal über die "Pseudodemokratie" schimpft, ist das schon viel. Lieber plaudert er mit den CDU-Abgeordneten der Stadt, und sie gern mit ihm. Und wenn im Landkreis eine Bürgerversammlung über stinkende Gullys wettert, ist er eben der einzige geladene Politiker, der auch wirklich kommt und die Unterschriftenliste nun mit in den Landtag nimmt.

Demokratie aus dem TV gelernt

"Hier braucht man kaum Energie, um sein Potenzial auszuschöpfen", schwärmt Andrejewski, "die Leute im Osten sind geistig noch frei und überhaupt nicht im System verankert."

Günther Hoffmann sieht das ganz ähnlich: "Nach der Wende hat man sich nur um die Wirtschaft gekümmert. Demokratie sollten die Leute nebenbei aus dem Fernsehen lernen. Das war ein Fehler." Hinzu käme das Vakuum durch die "abgewanderten Eliten".

Er selbst sei zum Beispiel als Zugezogener sofort Elternsprecher in der neuen Klasse seiner Tochter geworden: "Der Bürgermeister von Anklam, ebenso die der Nachbarstädte Wolgast und Pasewalk - alle kommen aus dem Westen." Man könnte auch drei der sechs neuen NPD-Landtagsabgeordneten dazuzählen, wie den Chef der Lokalredaktion des "Nordkuriers". Und wenn Hoffmann dann auch noch das böse Wort "Reeducation" in den Mund nimmt, muss nicht mal sein alter Dialekt durchkommen. Auch so bekommt man eine Ahnung davon, warum es ein zurückhaltender Nazi im Osten sogar als Wessi leichter hat, auch wenn Andrejewski Ostvorpommern "eher noch zu Mitteldeutschland" zählt.

Aus dem Job gemobbt

Hoffmann nennt es in seinen Vorträgen gern "den oberen rechten Rand der Republik". Als Neonazi-Fachmann ist er inzwischen bis in seine alte Heimat Bayern gefragt. Gut möglich, dass sich die beiden Männer dort bald wieder über den Weg laufen, wenn auch Andrejewski die Kameraden mit seinen Erfahrungen im Ostfeldzug beim Landtagswahlkampf unterstützt und Hoffmann von seinen Vorträgen leben muss.

Schon Anfang 2006 hat ihn der Landkreis Ostvorpommern aus seiner Netzwerkstelle gemobbt, indem er die Stelle einfach neu ausschrieb. Nur eine Formalie, dachte Hoffmann erst, bis er im Einstellungsgespräch einem PDS-Bürgermeister gegenübersaß, dem er zuvor vorgeworfen hatte, auf dem rechten Auge blind zu sein. Vorerst kam er bei einem anderen Civitas-Projekt unter.

Wer sichert wem die Existenz?

Seine Arbeit, so scheint es, kommt vielen in der Gegend immer noch vor wie das Langeweile-Spiel: Ich sehe was, was du nicht siehst. Meistens ist es braun oder irgendeine Rune. Aber inzwischen, so fürchtet Hoffmann, übersieht er selbst manches und kann die eigenen "Gebetsmühlen" nicht mehr hören. "Womöglich gibt es hier gar keine Nazis?" Sarkasmus soll das sein. Tatsächlich ist aus Mut Mutlosigkeit geworden, und Günther Hoffmann ist nach anderthalb Jahren gerade das erste Mal wieder in den Urlaub gefahren.

Vorher trat er in Berlin jedoch noch auf einer Pressekonferenz mit anderen Projekten und Initiativen auf, denen Ende des Jahres eine neue Förderpraxis droht. Damit würden funktionierende Strukturen zerschlagen, beklagte Hoffmann. Angesichts der NPD-Erfolge hat die Bundesregierung nun noch ein halbes Jahr länger Geld zugesagt. Und Michael Andrejewski feixt: "Jetzt haben wir denen schon wieder die Existenz gesichert."

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