Feinde fürs Leben

29. Oktober 2006, 10:17 Uhr

Zwei Männer aus dem Westen kämpfen in Vorpommern seit Jahren für einen Aufstand der Bürger - jeder auf seine Weise. Leider liegt nun der Falsche vorn. Eine Fallstudie aus der ostdeutschen Polit-Provinz. Von Holger Witzel

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Günther Hoffmann, 49, aus Oberbayern, früher am Berliner Schiller-Theater, engagiert sich heute, staatlich finanziert, gegen Neonazis©

Das war vielleicht ein Schreck, als plötzlich diese Hand im Briefkasten lag. Dann fing sie auch noch an zu winken und verstopfte von innen den Schlitz, bis Michael Andrejewski begriff: Da will doch tatsächlich einer den "Anklamer Boten" nicht, seine selbst geschriebene Wahlkampfpostille! So etwas war der NPD-Mann nicht gewöhnt - und der Fall klar: "ein Gestörter". Dabei hat er wirklich schon "einiges erlebt", seit er Broschüren und Flugblätter verteilt.

Früher in Hamburg musste er sich stets mit einem Stapel Aldi-Prospekte tarnen, wenn er für seine "Liste Ausländerstopp" unterwegs war. In "extrem linken Gegenden" wie dem Schanzenviertel hat er immer "nur einzelne Häuser gesteckt - so gefährlich war das". Und später in Rostock-Lichtenhagen zündeten die Leute prompt ein Asylbewerberheim an, nachdem er dort 1992 Flugblätter verteilt hatte, die zum "Widerstand gegen die Ausländerflut" aufriefen.

Die Feinde begrüßen sich

Man könnte sagen, Michael Andrejewski habe den Pogrom seinerzeit buchstäblich angezettelt. Aber er ist ein bescheidener Mann: "Das schafft ein Flugblatt nicht, wäre ja auch schauerlich."

Immerhin hat er es jetzt in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern geschafft. Nach 20 Jahren Kampf gegen Überfremdung im Westen musste er dafür nur als Fremder in den Osten Vorpommerns ziehen und bekam in manchen Dörfern bis zu 38 Prozent - mehr als jede andere Partei. Die Hand im Briefkasten konnte das nicht verhindern - und Günther Hoffmann auch nicht, der in Anklam so etwas wie der letzte aktive Antifaschist ist.

Die beiden grüssen sich flüchtig auf der Straße, aber haben noch nie miteinander gesprochen. Sie sind fast gleich alt, kommen beide nicht aus der Gegend und haben hier doch beide die Aufgabe ihres Lebens gefunden - und im jeweils anderen ihren natürlichen Feind.

"Gefährlicher Biedermann"

Günther Hoffmann, 49, stammt aus Oberbayern, lebte vor der Wende in West-Berlin und arbeitet neben seinem ehrenamtlichen Engagement gegen Neonazis hauptamtlich in der Anklamer Initiative "Bunt statt Braun" für ein "Rechercheprojekt über antidemokratische Tendenzen im östlichen Mecklenburg-Vorpommern".

Michael Andrejewski, 47, stammt aus dem Schwarzwald, lebte vor der Wende als ehrenamtlicher Neonazi in Hamburg und sitzt seit dieser Woche hauptamtlich im Schweriner Landtag. "Eine nationale Hochburg" in Ostvorpommern ist sein Ziel.

"Andrejewski ist ein kluger Kopf", sagt Hoffmann, "Typ Biedermann eben und deshalb besonders gefährlich."

"Hoffmann weiß auch nicht mehr, als im Internet steht", kontert Andrejewski: "Seine Übertreibungen nutzen uns mehr, als sie schaden."

Wie zwei Missionare gegensätzlicher Religionen kämpfen sie so um die Köpfe der Eingeborenen und werden dafür beide aus Steuergeldern bezahlt. Nur die Heiden bleiben ungerührt: Zwei Wessis mehr, die alles besser wissen. Andrejewski? Hoffmann? Wer soll das sein?

Jeder will sich NPD-Erfolg erklären

Andrejewski weiß, dass ihn die Leute nicht persönlich wählen, sondern "die böse NPD". So wie Günther Hoffmann sicher sein kann, dass er von außen gesehen zu den Guten gehört. Aber das nutzt ihm vor Ort wenig: "Erst ab etwa 50 Kilometer Entfernung bekomme ich überhaupt Resonanz und Anerkennung." In Anklam und Umgebung gilt er als Nestbeschmutzer, weil er seit Jahren über "flächendeckende Strukturen" und "politische Vorfeld-Organisationen" der Neonazis spricht. Er hat Ausstellungen und Demos organisiert, sich in Schulen und Ämtern den Mund trocken geredet. Doch oft hören ihm nur noch Journalisten von außerhalb zu.

Vor und nach den Wahlen waren wieder viele da, um nach den Ursachen für den NPD-Erfolg zu forschen. Weil es auf die Schnelle wenig zu entdecken gibt, sitzen alle irgendwann mit Günther Hoffmann im einzigen Straßencafé von Anklam, starren gebannt auf ein paar germanische Runen auf Bierdeckeln, die für eine Dachdeckerfirma werben, und Hoffmann raunt: "Gerade das Unsichtbare ist ja das Gefährliche. Sie werden immer perfekter."

Runen am Straßenrand

In den 90er Jahren war es noch einfach. Rechtsextreme Skinheads trieben sich in Bomberjacken an jeder Tankstelle rum, verprügelten die Ostseeurlauber, von denen ihre Eltern lebten, und verbreiteten im Hinterland Angst und Schrecken. Dann tauchte die Szene ab - und später als 30-jährige Familienväter und junge Unternehmer wieder auf.

Heute erkenne man sie eher an Zimmermannshosen und karierten Hemden, erklärt Hoffmann. Runen am Straßenrand würden die üblichen Holzkreuze für Unfallopfer ablösen. Baufirmen und Bürgerinitiaven seien in ihrer Hand. Sie pflegen Soldatengräber und deutsche Folklore bei Heimatabenden, geben Zeitungen wie den "Anklamer Boten" heraus, schaffen es mit Plakaten und Werbung in öffentliche Schaukästen an Schulen und stoßen - stets sauber, ordentlich und hilfsbereit - nur noch selten auf Ablehnung.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 43/2006

stern-aktion Unter www.mut-gegen-rechte-gewalt.de" finden Sie im Internet das zentrale Portal gegen Rechtsextremismus. Die Site bietet unter anderem Argumente gegen rechte Floskeln, die neuesten Nachrichten über Projekte gegen Rechts sowie Hintergründe aus der Extremismusforschung.

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