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Ein Bobbycar als Staatsaffäre

Wir Medien sollten aufpassen, dass wir in der Affäre um den Bundespräsidenten Maß halten und uns wieder auf die wichtigen Fragen konzentrieren. Spielzeug gehört nicht dazu.

Ein Kommentar von Frank Thomsen

  Seit Mitte Januar steht im Raum, dass der Bundespräsidentensohn ein Bobbycar besitzt, dass er nicht besitzen dürfte. Was sich harmlos anhört, ist jetzt Gegenstand von Ermittlungen

Seit Mitte Januar steht im Raum, dass der Bundespräsidentensohn ein Bobbycar besitzt, dass er nicht besitzen dürfte. Was sich harmlos anhört, ist jetzt Gegenstand von Ermittlungen

Die Geschichte der Affäre Wulff muss neu geschrieben werden. Wulffs Sohn, das enthüllt nun die "Berliner Zeitung", und die Nachrichtenagentur DPA pustet es in die Republik, bekam zum Geburtstag von dem Autohaus, in dem Gattin Bettina ein Auto erstand (Hu, hu, zu Sonderkonditionen???), ein Bobbycar geschenkt. Und: Wulff! Hat! Es! Angenommen! In den Worten der "Berliner Zeitung": "Die Kritik am Bundespräsidenten nimmt kein Ende." Und: "Ein Bobbycar für den Sohnemann."

Die Geschichte der Affäre Wulff muss inzwischen in zwei Kapiteln erzählt werden. Die eine ist Wulff selbst: seine peinliche Nähe zur wirtschaftlichen Macht, sein fehlendes Gespür für Korrektheit, sein nur noch als kurios anzusehendes Rechtfertigungsgerede. Auch im Fall des Bobbycars: Er antwortet nicht einfach "Ja, hab's angenommen, ist eine Petitesse." Sondern er erklärt das kleine Gefährt gleichsam zur Staatskarosse: Es stehe in der Kinderecke im Schloss Bellevue und könne dort "von Besuchskindern genutzt werden". (Hu, hu, wurde es nicht neulich erst im Garten in Burgwedel gesichtet? Kommt Abbas heute mit einem Kind, das mal mit deutscher Wertarbeit fahren möchte?) Und er antwortet dem Schenker auf Präsidialpapier.

In der anderen Geschichte, die erzählt werden muss, spielen die Medien die Hauptrolle. Die "Bild"-Zeitung ist eifrig darum bemüht, dass die Mailboxrede auch mit dem richtigen Spin unters Volk kommt. Die "Welt" beeilt sich, sämtliche Fragen und Antworten online zu stellen - so als sei es die Aufgabe der Medien, für den Bundespräsidenten Transparenz herzustellen. Und täglich, wenn Neues über Wulffs Welt enthüllt wird, wird es nichtiger. Nur der Empörungsduktus bleibt der immer gleiche.

Wenn wir Journalisten aber in derselben Tonlage über die großen Wulff-Skandale berichten (Umgang mit dem Landtag in der Kreditsache; Rubikon-Rede auf der Mailbox des "Bild"-Chefs; Anscheinerweckung, nicht unabhängig gegenüber wichtigen Wirtschaftsunternehmen in Niedersachsen entscheiden zu können), wie über die Nichtigkeiten, dann verfehlen wir unseren Job. Und mancher meiner Kollegen sollte sicherheitshalber mal im Keller nachschauen, was da so an Geschenken lagert.

Alles recherchieren, aber abgewogen berichten

Gerade die Qualitätsmedien halten sich viel darauf zugute, dass sie bewerten, kritisch einordnen, Überblick verschaffen. Dazu zählt, alles zu recherchieren - auch Umstände eines Kinderspielzeuggeschenks. Aber dazu zählt eben auch, abgewogen zu berichten. Dass das gar nicht so leicht ist, gerade wenn man schnell entscheiden muss, erleben wohl alle: Auch stern.de hat heute früh der neuesten Arabeske der Affäre ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Wenn wir Medien die Wulff-Affäre auf Bobbycar-Maße schrumpfen, wird das auf uns zurückfallen. Und das tut es längst, wie Umfragen zeigen: Die Bevölkerung sieht nicht nur Wulff in seinem Ansehen beschädigt, sondern auch die Medien.

Es ist Zeit für einen Zwischenstand: Was sind die zentralen Vorwürfe in der Causa Wulff, was ist unwichtig? Und, um es mit Wulff zu sagen: Wo ist der Rubikon nach Fragen der Moral und wo ist er nach Maßstäben des Gesetzes überschritten? Das ist es, was zählt. Das ist unangenehm genug im Falle Wulff. Und das ist es, was die Leser wissen wollen. Nicht, mit welchem Spielzeug Wulff jun. spielt.

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