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23. August 2005, 13:10 Uhr

Ärzte geben Ostdeutschland auf

Mehr Arbeit, weniger Geld - Ostdeutschland ist für Mediziner kaum attraktiv. Jetzt schlug der Kassenärztliche Verband in Berlin Alarm. Vor allem die ambulante Versorgung der Bürger sei bedroht - und der Bedarf an Hausärzten gewaltig.

Geld weg, Arzt weg. Das gilt vor allem für Ostdeutschland. Hier demonstriert allerdings ein Arzt einer Frankfurter Uni-Klinik gegen die schlechte Bezahlung bei steigender Belastung.© DPA/Picture-Alliance

Der chronische Ärztemangel gefährdet die ambulante Versorgung in Ostdeutschland. Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, sagte am Dienstag in Berlin, der Mangel an Ärzten werde "in den nächsten Jahren dramatische Ausmaße annehmen". Die ambulante Versorgung sei chronisch unterfinanziert. Konkret fehlten 700 Millionen Euro. Als Hauptproblem im Osten gilt, dass niedergelassene Ärzte mehr Patienten behandeln müssen, dafür aber weniger Geld bekommen.

Es fehlt an Geld

Hans-Joachim Helming, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) in den neuen Bundesländern, forderte ein Sofortprogramm, um zumindest das derzeitige Versorgungsniveau halten zu können. Der Ärztemangel sei "kein reines Sicherstellungsproblem" der kassenärztlichen Vereinigungen mehr, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deshalb sind für Helming mehrere Arten der Finanzierung denkbar. Diese könnte über einen Anteil an einer Mehrwertsteuererhöhung gewährleistet werden oder über einen gesamtgesellschaftlich zu finanzierenden Fonds oder über die Verschiebung von Mitteln innerhalb der verschiedenen Sektoren des Gesundheitswesens. Die kassenärztlichen Vereinigungen hätten bereits vielfältige Programme gegen den Ärztemangel aufgelegt, sagte Helming. Sie reichten von Umsatzgarantien für Arztpraxen über Weiterbildungsförderungen bis hin zur Gründung von so genannten Eigeneinrichtungen. Beispielsweise werde die KV Thüringen ab 1. Oktober in der Stadt Ohrdruf selbst Räumlichkeiten anmieten und eine Praxisausstattung erwerben. Ärzte und Personal würden dann befristet direkt bei der KV angestellt sein. "Alle Maßnahmen ändern aber nichts am Grundproblem der Unterfinanzierung", kritisierte Helming.

"Es ist kurz vor zwölf"

Während die Entlohnung für Krankenhausbehandlungen im Osten von 1995 auf 2004 um 33 Prozent gestiegen sei, habe die ambulante Versorgung ein Plus von gerade einmal 0,3 Prozent bei den Honoraren verzeichnet. "Inflationsbereinigt ist dies allerdings ein deutliches Minus von rund dreizehn Prozent." Regina Feldmann, Vorsitzende des Vorstands der KV Thüringen, sagte, im Vergleich zu einem niedergelassenen Kollegen im Westen erhalte der durchschnittliche Vertragsarzt im Osten nur 72,8 Prozent der Vergütung pro Patient, müsse aber 36 Prozent mehr Patienten behandeln. Ostdeutsche Ärzte, die in den Ruhestand gingen, fänden kaum noch Praxis-Nachfolger. "Es ist kurz vor zwölf: Die ambulante Versorgung ist gefährdet", sagte sie.

Ausländische Ärzte füllen Lücken

Sorgen bereite ihr, dass beispielsweise bei den Hausärzten das durchschnittliche Alter bei Rückgabe der Zulassung bei 62,6 Jahren liege. "Prozentual ausgedrückt bedeutet dies, dass aus Altersgründen 41,4 Prozent der Hausärzte in Brandenburg, 39,8 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern, 38,5 Prozent in Sachsen, 48,6 Prozent in Sachsen-Anhalt und 40,9 Prozent in Thüringen bis 2010 ihre Zulassung zurückgeben werden." Helming wies darauf hin, dass schon heute 609 Hausarzt- und 224 Facharztstellen unbesetzt seien. "Alleine bei den Hausärzten rechnen wir altersbedingt bis 2010 mit 3.500 Zulassungsrückgaben." Nach Angaben der Bundesärztekammer kann vielerorts die Versorgung nur noch über die Zuwanderung ausländischer Ärzte zumeist aus Mittel- und Osteuropa aufrechterhalten werden. Von den 7.376 Erstmeldungen seien im vergangenen Jahr 1.528 Ausländer gewesen. Damit sei jeder fünfte Arzt, der erstmalig eine Berufstätigkeit in Deutschland aufnehme, ein Ausländer. Sie arbeiteten vor allem in den Krankenhäusern Ostdeutschlands.

AP
 
 
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