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25. März 2008, 06:55 Uhr

Ärzte streiken die ganze Woche

Die niedergelassenen Ärzte sind aufgerufen, bis einschließlich Freitag ihre Praxen zu schließen und so gegen die Gesundheitspolitik zu protestieren. Gleichzeitig warnt die Kassenärztliche Bundesvereinigung vor einem Medizinermangel. Fast jeder fünfte niedergelassene Arzt in Deutschland befindet sich kurz vor dem Ruhestand.

Warnung vor Ärztemangel: Fast jeder fünfte niedergelassene Arzt in Deutschland befindet sich kurz vor dem Ruhestand© Rolf Vennenbernd/DPA

Vor den von diesem Dienstag an geplanten Praxisschließungen niedergelassener Ärzte hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) vor einem Medizinermangel gewarnt. Fast jeder fünfte niedergelassene Arzt in Deutschland befinde sich kurz vor dem Ruhestand, berichtete KBV-Chef Andreas Köhler. Unterstützung der Politik sei nötig. "Denn der drohende Ärztemangel ist letztlich eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft."

Die niedergelassenen Ärzte sind bis einschließlich Freitag aufgerufen, ihre Praxen zu schließen und so gegen die Gesundheitspolitik zu protestieren. Initiator ist der Verein "Freie Ärzteschaft". Nach Angaben seines Präsidenten Martin Grauduszus könnten sich bis zu 30 Prozent der rund 100.000 Praxen an dem Protest beteiligen. Andere Ärztekreise gingen allerdings von einer geringen Beteiligung aus. Durch Vertretungsregelungen soll die Versorgung der Patienten gesichert werden. Nach Ansicht des Vereins zielt der Sparkurs der Bundesregierung darauf ab, die gesamte Versorgung von den niedergelassenen Ärzten in die Kliniken zu verlagern.

Junge Ärzte sind gefragt wie nie

Unterdessen rechnete der Chef der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH), Ingo Kailuweit "spätestens zum 1. Juli mit einer neuen Beitragserhöhungswelle". Als Gründe nannte er im "Handelsblatt" die schwächere Konjunktur sowie steigende Gesundheitsausgaben. Auch hätten viele Kassen zum 1. Januar ihre Beiträge nicht so erhöht, wie es zur Deckung der erwarteten Ausgaben erforderlich gewesen wäre.

Der Kassenarzt-Verband KBV berichtete, der Anteil der Praxisärzte, die 60 Jahre und älter sind, habe von 8,8 Prozent 1993 auf zuletzt mehr als 17 Prozent zugelegt. Bei den Hausärzten seien es sogar 19 Prozent. 1993 waren rund 9100 niedergelassene Ärzte 60 Jahre und älter. Mittlerweile seien es rund 20 600 Ärzte.

Bezahlung nach Euro und Cent

"Wir rechnen damit, dass bis 2012 rund 34 000 niedergelassene Ärzte altersbedingt ihre Praxistätigkeit aufgeben werden", sagte Köhler. "Junge Ärzte sind also gefragt wie nie - sowohl in Krankenhäusern als auch in den niedergelassenen Praxen." Sichere wirtschaftliche Verhältnisse seien für ausreichend medizinischen Nachwuchs nötig.

Köhler forderte deshalb nachdrücklich, dass 2009 die in Aussicht gestellte Honorarreform startet. "Sie bietet die Chance auf Einkommensverbesserungen bei den niedergelassenen Kollegen." Die Ärzte sollen dann für kränkere Patienten mehr Geld bekommen. Die Bezahlung soll zudem nicht mehr nach einem komplizierten Punktwertsystem, sondern nach Euro und Cent erfolgen.

DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
FlugIng (26.03.2008, 10:17 Uhr)
@mupfeline, @hanshechter
...bitte nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Hier ist in erster Linie nicht der Arzt in der Pflicht, sondern die Politik. Ein Arzt, der Kosten von Kassenpatienten nur noch über Privatpatienten gedeckelt bekommt, reagiert entsprechend marktwirtschaftlich (..bis auf ein paar wenige sehr sozial veranlagte Idealisten, würde das doch jeder von uns ähnlich machen) ...oder verlässt das Land. Teilweise hat die Abwanderung deutscher Ärzte solche Dimensionen erreicht, daß der Staat die durch das Gesetz festgelegte, flächendeckende ärztliche Grundversorgung nicht mehr gewährleisten kann bzw. könnte, würde er nicht verstärkt Ärzte z.b. aus Osteuropa (Rumänien, Polen) zulassen. Ich bin nicht gerade optimistisch, daß sich da was ändern/verbessern wird, denn das Gesundheitssystem ist z.Zt. "in der Hand" von einer Dame, die in ihrer Vergangenheit auch schon für den maoistisch kommunistischen Bund Westdeutschland kandidiert hat (klar ist das bereits 30 Jahre her ...es gibt mir nur zu denken;)).
mupfeline (25.03.2008, 18:30 Uhr)
Na dann weiss ich ja Bescheid
"Und wenn ich über mein Budget hinaus Leistungen erbringe werden sie nicht bezahlt"
... warum die Rheumatologin für mich ganze 7 Minuten aufgewendet hat - und davon noch 3 Minuten telefoniert und Berichte geschrieben.
Aber kann man dann nicht einfach sagen: "Tur mir leid, Sie als ordinäre Otto-Normalverbraucher-Patientin sind ein Störfaktor, ich
kann nur Privatpatienten behandeln. Gehen Sie in in die Apotheke und kaufen Sie sich eine Tube Voltaren gegen das Rheuma und wenn Sie sich in einigen Tagen nicht mehr bewegen können vor Schmerzen dann haben Sie sich leider die verkehrte Krankheit ausgesucht!?"
Den Vorschlag des Herrn Jungmediziners mit der Direktabrechnung finde ich aber sehr praktisch. Meine Rente würde es nicht zulassen - auf Grund der minimalen Höhe - ersteinmal in Vorleistung zu gehen. Also brauchte ich keine Arztbesuche mehr - wie viele Chroniker auch nicht. Ich habe dann zwar 37 Versicherungsjahre aber für den Doc fehlt mir das Geld und somit haben sich in absehbarer Zeit meine Beschwerden von selbst erledigt. Wahrscheinlich wie bei vielen anderen chronisch kranken Kleinverdienern auch.
hanshechter (25.03.2008, 11:33 Uhr)
@ Dr_Dolitle
Als ich nach meiner 10-15min. Behandlung/Diagnoseerstellung meine Privatabrechnung bekommen habe, musste ich ganz schön staunen was man so alles Abrechnen kann. Anschliessend habe ich die Summe interessehalber auf eine Std hochgerechnet und musste feststellen, dass der Stundensatz doch ziemlich hoch war. Ok die Ärzte behandeln natürlich nicht nur Privatpatienten aber wenn ich mir diesen Mix aus Privat/Kassenpatient plus der teilweisen Untersützung der Pharmaindustrie anschaue und mir dann die Überfüllten Warteräume betrachte bzw sehe in welch einer Geschwindigkeit die Patientenanzahl verringert wird (Aufgrund der von mir schon Geschilderten kurzen Behandlungsdauer) kommt doch schon ein sehr guter Betrag pro Std zusammen.
Ich möchte klarstellen, dass ich sehr wohl dafür bin das Ärzte bzw Leute die eine sehr Umfangreiche Ausbildung über Jahre genossen haben auch dementsprechend Bezahlt werden. Ich verstehe auch, das ein niedergelassener Arzt nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten arbeiten muss, um Angestellte usw bezahlen zu können (nebst Miete usw..)
Aber mal Ehrlich welche Gehaltshöhe finden Mediziner eigentlich als Akzeptabel? Ich habe bis dato noch von keinem Mediziner gehört mit welchem Gehalt er eigentlich Zufrieden ist?
60000-90000.- Euro Jahr???
Oder noch mehr? Also Mediziner raus mit der Sprache was ist Akzeptabel für euch?
In diesem Sinne auf eine gute Diskussion :-)
alienargus.com
Dr_Dolittle (25.03.2008, 11:22 Uhr)
@ hans hechter: Privat und Kasse
Sie verwechseln Privatabrechnung nach GOÄ, die tatsächlich, obwohl seit 1996 nicht aktualisiert, irgendwo den Wert ärztlicher Leistung abbildet, mit dem EBM, dem Abrechnungmaßstab für Kassenpatienten. Für quasi dieselbe Leistung bei einem Kassenpatienten erhalten wir ca. 10% des in der GOÄ anzusetzenden Betrages. Das geht so weit, daß ich nur um eine Technikerstunde bezahlen zu können, den Umsatz von drei Stunden Gesamtpraxis hergeben muß. Der Informatiker ist ein schlechtes Beispiel, denn er hat keine Überbau, keine Räumlichkeiten, keine Mitarbeiter, die er bezahlen muß.
Und wenn ich über mein Budget hinaus Leistungen erbringe werden sie nicht bezahlt. Gibts beim Informatiker auch nicht. Und von den Strafzahlungen bei Überschreiten des Medikamentenbudgets ganz zu schweigen. Oder haftet der Informatiker mit seinem Privatvermögen dafür wenn er zu viele Speichersteckplätze verbaut?
Ich bin für Direktabrechnung!
Dr_Dolittle
tri.star (25.03.2008, 11:06 Uhr)
mit vollen Taschen ist gut "streiken"
LOL - Streik zum Quartalsende in der Woche nach Ostern? Da ist zum einen bereits jeder Krankenschein einkassiert worden, zum anderen haben sowohl die Praxen oft sowieso geschlossen und die Patienten sind im Osterurlaub.
Ein Sturm im Wasserglas ohne echte Folgen, lachhaft
FlugIng (25.03.2008, 10:52 Uhr)
Kranke Systeme
Krankes Gesundheitssystem, krankes Steuersystem, eine handlungsunfähige Regierung die keine Verbesserungen parat hat. Verständlich, dass sich immer mehr aus unserer "Solidargemeinschaft" verabschieden. Es ist ja nicht so, daß in Deutschland die Ärtzte oder auch sonstigen qualifizierten Fachkräfte aussterben, aber sehr wohl auswandern. Leider ein Teufelskreis - die oft sozial schlechter gestellte Masse die zurück bleibt muss immer mehr von dem von der Regierung aufgebürdeten "Sozialwahnsinn" schultern.
hanshechter (25.03.2008, 10:51 Uhr)
@ tester123
@ tester123
Interessanter Artikel. Nun schildere ich dir mal meine Sicht wie Niedergelassene Ärzte einen Patienten behandeln.
Erstens ich gebe dir Recht wenn Du sagst das Jungärzte und Chirurgen bzw Krankenhausärzte verdammt viele Schichten kloppen müssen für ein nicht angemessenes Gehalt.
Aber schauen wir uns doch einmal an wie Ärzte mit eigener Praxis Patienten behandeln.
1. Händeschütteln
2. Kurzes Gespräch
3. Abtasten/Abhören usw.
4. Verabschiedung.
5. Eventuell Blutuntersuchung die aber von den Helfern durchgeführt werden.
Zeitaufwand in der Regel weniger als 8-10 Minuten. Ich sprech aus erfahrung und das sind keine Einzelfälle. Bei Privatpatienten wird der Zeitaufwand natürlich etwas ausgedehnt.
Bei einem Ärzteüberhang in den Großstädten verdient ein Arzt in 10 Minuten mehr (laut Abrechnung) als ein Informatiker in 1 Std. Für kurze Behandlungszeiten kassieren Ärzte meiner Meinung nach genug Geld. Ich habs mal auf meiner Rechnung gesehen als ich noch Privatversichert war. Also Niedergelassene Ärzte nicht so viel Jammern anderen Berufsgruppen geht es was die Höhe des Stundensatzes angeht viel viel Schlimmer......
P.S: Ich bezog mich jetzt auf die Ärzte mit eigener Parixs. Keine Krankenhausärzte :-)
In diesem Sinne.
www.alienargus.com
Dr_Dolittle (25.03.2008, 10:44 Uhr)
@ rayer: Direktabrechung
Was Sie sich wünschen gibt es schon, wird nur von den Kassen nicht öffentlich gemacht: Seit 2004 haben Sie das Recht mit Ihrer Kasse Direktabrechnung zu vereinbaren. Das bedeutet, Sie erhalten von jedem Arzt eine Rechnung und reichen sie bei der Kasse ein. Bei der Techniker soll es sogar Rückerstattungen geben. Dann ist klar was eine medizinische Leistung kostet - und was die Kasse wirklich zahlt. Dann ist das Erkrankungsrisiko auch da wo es hingehört, nämlich bei den Kassen. Im sogenannten Sachleistungssystem, bei dem Sie auf Krankenschein die Leistung erhalten ohne mit Geld in Berührung zu kommen, machen das jedoch die Ärzte unter sich aus wenn die Patienten häufiger zum Arzt gehen. Die Kasse ist mit einer Pauschale alle Sorgen los.
So jedenfalls kann es nicht weitergehen. Kein Mensch, der auch nur einigermaßen bei Verstand ist, würde die Regelungen akzeptieren, die der Ho(h)norierung der ärztlichen Leistung zugrundeliegen. Von der Höhe ganz zu schweigen.
Dr_Dolittle
tester123 (25.03.2008, 10:39 Uhr)
Was ist daran bitte Nötigungen? Wissen bildet!
Ich muss mal als angehender Arzt auch mal die andere Seite darstellen, die der Patient so nicht mitbekommt, aber anscheinend immer noch geprägt von über 10 Jahre alten Klitschees meint, dass Ärzte zu den "Topverdienern" gehören und so ein Streik natürlich absolut unverständlich ist.
Ich bin Einer dieser zukünftigen Jungärzte und stehe gerade vor meinem Examen und hab definitiv nicht nur Spass in meinem Studium erlebt und teilweise Dinge gesehen, bei deinen man nur noch den Kopf schütteln kann.
Aktuell ist es in Deutschland so, dass man die 24h-Versorgung durch die Medizin als absolut selbstverständlich ansieht. Sicherlich bezahlen die Krankenkassen weniger als früher, aber wenn man mal den Vergleich zieht zu anderen europäischen Ländern, so werden wir hier noch mehr als gut versorgt! Daher wundert es auch nicht, dass der deutsche Bundesbürger bei fast jeder banalen Erkältung den Arzt aufsucht. Für jede Kleinigkeit wird der Arzt aufgesucht. Wir werden in Deutschland auf diese Weise überverarztet, aber daran ist sicherlich nicht nur der Arzt schuld, sondern der Patient, der auch an seinem eigenen Verhalten arbeiten müsste, aber gerne dies dem Arzt überlässt. So etwas treibt die Kosten hoch, dazu kommt, dass in Deutschland einfach zu viele Krankenkassen existieren und dadurch viel zu viele Kosten entstehen, Wenn hier sich der Markt selbst regeln würde, würde vieles einfach werden, aber ja es gibt eine Krankenkassenlobby, welche nicht mal eben so aufzulösen ist.
Nun zum Thema Ärzte verdienen viel und warum noch mehr Geld.
Wenn man mal sieht, was Ärzte in den Krankenhäusern arbeiten, vorallem die Jungärzte! die inkl. ihrer 24h-Schichten und grösstenteils unbezahlten Urlaub auf sicherlich teilweise 60-70h Wochen kommen und dabei teilweise gerade mal etwas mehr verdienen als führenden Krankenschwestern/Pflegern mit einer 38,5 Std. Woche und dann Warnstreiks ausgerufen werden, wegen eines zu geringen Gehaltes, weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Jeder der meint, Ärzte verdienen viel für die Zeit, die sie in den Krankenhäusern verbringen, sollte sich bitte die Verdiensttabelle anschauen. Bei den niedergelassenen Ärzten sieht es noch schlimmer aus, da sie für Centbeträge Patienten behandeln und dafür teilweise eine halbe Std. arbeiten. Stimmt sowas GIBT es nur bei den Ärzten und in keiner anderen Branche. In fast jeder anderen Branche muss nach Acht Std. eine Zwangspause eingelegt werden und Ärzte prakizieren noch immer 24h-Schichten und das teilweise am absoluten Limit. Wer keine solche 24h-Schicht mal im Krankenhaus mitgemacht hat, weiß definitiv nicht, wie anstrengend so etwas ist und wir müssen dabei uns um Patienten kümmern, wenn bei Ärzten was schief geht, dann geht es um Menschenleben und nicht um vielleicht materielle Dinge, die man ersetzen kann. Daher verwundert es auch nicht, dass viele Ärzte auswandern und sich viele andere europäische Länder über die kostenlose deutsche Ausbildung freuen. Wie einst mal ein Arzt in einem Interview gesagt hat, es ist verrückt, wir Deutschen bezahlen den anderen Ländern die Medizinerausbildung! So ist es auch leider.
Und zum Thema: "hohes gesellschaftsverantwortliches Handeln"
Dies wird noch immer den Ärzten beigebracht, aber heisst Verantwortung, dass man als Arzt sich kaputt arbeiten muss und davon selber krank wird und dann nicht mal dementsprechend bezahlt wird? Oder kennen Sie noch eine andere Berufsgruppe, die von morgens Acht, bis Abends Sieben im Krankenhaus arbeiten, ständig ohne Pause, mit vielleicht Glück etwas Mittagessen sich um Patienten kümmert und dazu noch die Ehre hat kostenlos am Samstag im Krankenhaus aufzutauchen und zusätzlich noch teilweise 5-6 24h Std. Dienste jeden Monat abarbeiten muss, also ungefähr 1x pro Woche!
Also bitte etwas mehr Realismus!
h-p-t (25.03.2008, 10:33 Uhr)
@rayer SUPER !
toller artikel !
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