. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
1. April 2009, 11:17 Uhr

Braucht man Schweineohren zum Leben?

Lautstark kämpfen CSU und CDU um Steuerermäßigungen in Gaststätten und Restaurants. Runter mit der Mehrwertsteuer wird im gemeinsamen Wahlprogramm stehen. Experten halten das für steuerpolitischen Schwachsinn. Mit sozialer Gerechtigkeit habe das nichts zu tun. Von Hans Peter Schütz

Mehrwertsteuer, Gastronomie, Restaurant, CSU, Dobrindt, sozial

Thema Mehrwertsteuer: Alexander Dobrindt, CSU-Generalsekretär, spricht in jedes Mikro© Lennart Preiss/DDP

Der neue CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt läuft derzeit an keinem Mikrofon vorbei, ohne den steuerpolitischen Kampfruf auszustoßen: "Runter mit der Mehrwertsteuer in der Gastronomie!" Entdeckt hat das populistische Thema CSU-Chef Horst Seehofer. Erst wollte er die Mehrwertsteuer sofort senken, jetzt ist die CSU damit zufrieden, dass dieses Ziel wenigstens im gemeinsamen Wahlprogramm der Union stehen wird. Nach der Wahl soll es, dann ohne die widerspenstige SPD, durchgesetzt werden.

So chaotisch, wie das Thema von der CSU lanciert wurde, so undurchdacht läuft auch die politische Diskussion daüber. Das Chaos rund um dieses Steuerproblem beginnt schon beim Namen. Wer Mehrwertsteuer sagt, liegt bereits halb daneben. Denn besteuert wird der Umsatz von Waren und Dienstleistungen, weshalb die korrekte Bezeichnung der Mehrwertsteuer Umsatzsteuer lautet.

Irre Besteuerung des Kaffees

Umsatzsteuer zahlt jeder, der als privater Endverbraucher etwas benötigt. Das heißt, die Umsatzsteuer wird über Preis auf ihn abgewälzt. Seit Anfang 2007 beträgt die Umsatzsteuer in Deutschland 19 Prozent des Nettopreises der Ware. Bis dahin ist alles in schönster steuerbürokratischer Ordnung. Danach beginnt der absolute Irrsinn.

Denn es existiert auch eine reduzierte Umsatzsteuer von sieben Prozent. Dieser Satz gilt aber nur für bestimmte Waren. Etwa für Schweineohren, denn sie sind "genießbare Schlachtnebenerzeugnisse", also "Fleisch", das traditionell nur nur mit sieben Prozent Steuer belastet wird. Gleiches gilt für Fische und Krebse, nicht aber für Langusten, Hummer, Austern und Schnecken. Weshalb das so ist, kann niemand logisch begründen. Es sei denn, man würde sagen: Wer Hummer futtert oder Schnecken runterschlürft, kann finanziell auch 19 Prozent verdauen. Unerklärlich bleibt, weshalb der Fisch aus dem Zuchtteich steuerbegünstigt wird, der Fisch im Aquarium aber nicht.

Steuerlich begünstigt durchs Leben laufen Blindenführhunde, sofern sie ordentlich ausgebildet sind. Hausschweine, Hausschafe, Kaninchen und Bienen gehören ebenfalls in die Sieben-Prozent-Klasse. Auch Pferde, ausgenommen Wildpferde. Ebenso Gemüse, Wurzeln oder Knollen aller essbaren Arten, alles, was vom Müller kommt, ferner Kaffee, Tee, Mate und Gewürze. Am Beispiel des Kaffees lässt sich klar machen, wie unlogisch das System ist: Der Staat kassiert auf der einen Seite Kaffeesteuer, auf der anderen erlässt er den Kaffee-Händlern einen Teil der Umsatzsteuer.

Manche Krankheiten sind billiger

Doch es geht noch viel verrückter. Für das Futter von Omas Dackel "Waldi" sind nur sieben Prozent fällig. Für die Windeln von Mamas Baby werden 19 Prozent kassiert. Weshalb? Niemand weiß es. Es sei denn, dass die Volksparteien würden eine Massenflucht des pensionierten Wahlvolks befürchten, sollte das Dackelfressprivileg gestrichen werden.

Einsichtig ist, dass orthopädische Krücken, Prothesen, künstliche Knie, Hörgeräte und Herzschrittmacher nur mit der reduzierten Umsatzsteuer belastet werden. Sie erleichtern schließlich das Leben bei schweren körperlichen Probleme. Andererseits wird ein inkontinenter Erwachsener, der nicht ohne Windeln unters Volk kann, beim Kauf der Dichtungsmasse mit vollem Satz vom Fiskus abkassiert. Vollends absurd wirkt das System, wenn man bedenkt, dass bei Briefmarkensammlern Ersttagsbriefe steuerbegünstigt werden, ebenso Kunstgegenstände, ausgestopfte Tiere, ungültige Banknoten oder goldene Medaillen.

Das Beispiel der Bergbahnen

An eine sinnvolle Neuordnung dieses Systems denkt die Politik mitnichten, auch nicht nach irgendwelchen Streichungen. Gerufen wird, CSU-Chef Horst Seehofer stramm und lautstark voran, allein nach einer Ausweitung der reduzierten Umsatzsteuer. Vor allem Restaurantbesuchern soll sie serviert werden. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt: "Die bayerische Gastronomie erleidet unglaubliche Wettbewerbsnachteile, vor allem wenn sie in Grenznähe zu Österreich liegt." Aber würde sie einen Steuervorteil überhaupt an ihre Gäste weitergeben?

Ein anderes Beispiel lässt daran zweifeln. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer ist stolz darauf, dass unlängst die Umsatzsteuer für alle Bergbahnen in Deutschland auf sieben Prozent gesenkt wurde - angeblich, damit sie der österreichischen Konkurrenz Paroli bieten können. Einige Bergbahnen haben indes, rein geografisch gesehen, gar keine österreichische Konkurrenz. Die Aktion ist also zumindest dort ein Steuergeschenk. Und die anderen, die an der Grenze liegen, haben ihre Preise nicht um einen Cent gesenkt, wie Ramsauer einräumt. Er verteidigt die Bahnen trotzdem: "Jetzt können Sie auf die ohnehin vorgesehenen Preiserhöhungen verzichten."

Eindämmung statt Ausweitung

Die Berliner Stiftung Marktwirtschaft hat jetzt den Umsatzsteuerdschungel von Professor Joachim Englisch analysieren lassen. Der Experte für Steuerrecht, Finanzrecht und Öffentliches Recht an der Uni Augsburg kommt in seinem Gutachten zu einem eindeutigen Urteil: "Aus rechtswissenschaftlicher Sicht ist eine Ausweitung der ermäßigten Steuersätze abzulehnen. Es sollte vielmehr auf ihre Eindämmung hingewirkt werden." Also genau das Gegenteil von dem, was die Unionsparteien versprechen.

Seine Argumente sind für alle Politiker, die angeblich aus sozialen Gründen für ermäßigte Umsatzsteuersätze kämpfen, ein Ohrfeige. "Völlig ungeeignet" für die Entlastung einkommensschwacher Haushalte seien sie. Schließlich seien Taxifahrten, Schnittblumen, Tierfutter, Briefmarkensammlungen und Kunstgegenstände nicht lebensnotwendig. Hinzu kommt aus der Sicht des Professors, dass Geringverdiener sehr viel seltener ins Theater gehen oder sich Jakobsmuscheln servieren lassen als Gutbetuchte. Für die Sozialpolitik sei die Umsatzsteuer weitaus weniger geeignet als die Einkommensteuer. Diese gelte es für sozial schwache Bundesbürger zu senken.

Steuergeschenke für Stevie Wonder

Das derzeitige System der unterschiedlichen Umsatzsteuer-Sätze unterstütze viele Verbraucher, die das gar nicht nötig hätten. Personenbezogene Vergünstigungen, etwa für Blinde, würden vor allem die Unternehmer, die entsprechende Produkte herstellen, subventionieren und nicht die sozial schwachen Betroffenen. So sei die Steuerermäßigung für Blinde 2008 auch dem Multimillionär Stevie Wonder auf seiner Deutschlandtournee zugute gekommen. Er musste nicht in

Aus volkswirtschaftlicher oder arbeitsmarktpolitischer Sicht seien ermäßigte Steuersätze "überaus fragwürdig", sagt der Steuer-Professor. Selbst die zuständige EU-Kommission räume ein, dass dadurch keine Wirkungen bei den Arbeitsplätzen erkennbar wären. Eine Stimulation der Nachfrage - und damit Beschäftigungsimpulse - sei nur erkennbar bei "Luxusgütern" mit gehobenen Preisen, etwa bei Münzsammlungen. Grundnahrungsmittel dagegen müssten, weil zum Leben notwendig, unabhängig vom Preis gekauft werden. Aus dieser Sicht würden sich Steuerermäßigungen auf Eier und Milch noch akzeptieren lassen, auf Hummer und Langusten dagegen nicht.

Das Sagen hat die CSU

Die Stiftung Marktwirtschaft kämpft vor diesem Hintergrund weiterhin für ein Steuersystem, bei dem man nicht fortwährend über absurde Details stolpert. Ihr Chef, der Politikwissenschaftler Michael Eilfort: "Wir lehnen deshalb neue Ausnahmen und eine weitere Komplizierung bei der Umsatzsteuer ab. Lieber ein einheitlicher Satz als drei oder vier samt ständiger Diskussionen um Windeln und Hundefutter, um Matetee, Jakobsmuscheln, Schweineohren, Jaffa-Kekse oder Schnittblumen."

Eilfort ist auch CDU-Mitglied. Er spricht für viele, die in der CDU genau so denken wie er. Aber das Sagen hat eben die CSU.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
Metaphysik (02.04.2009, 20:20 Uhr)
Durschsichtig - Rauchverbot / Mehrwertsteuer
Erst bringt man die Wirte gegen sich auf, indem man ihre rauchenden Kunden aussperrt, dann versucht man sie mit einem Schmankerl wieder auf die Seite der CSU zu ziehen .. Sehr durchsichtig, das ganze ..
NewWorld (01.04.2009, 15:32 Uhr)
@jerrycotton
Wenn es Mehrwertseuer heissen würde, dann frage ich mich, warum es ein Umsatzsteuergesetz gibt und kein Mehrwersteuergesetz und ich jeden Monat die Umsatzsteuer-Voranmeldung abgebe???
jerrycotton3 (01.04.2009, 15:18 Uhr)
Mehrwertsteuer
warum wird mein Post nicht gesendet? Hat der Redakteur die falsche Schule besucht????
jerrycotton3 (01.04.2009, 15:14 Uhr)
Mehrwertsteuer
Natürlich ist es eine MEHRWERTsteuer. Die Umsazusteuer wurde 1968 abgeschafft. Die Steuer bezieht sich auf den MEHRWERT - abgezogen wird die VORsteuer - übrig bleibt der MEHRWEDRT, der vom Letzt-Käufer zu tragen ist.
NewWorld (01.04.2009, 15:10 Uhr)
Eine Senkung...
...der Umsatzsteuer müßte an die Kunden weitergegeben werden. Wenn ich mir aber angucke, wieviele Gastronomen hier bei der Euro-Umstellung die Preise damals fast 1:1 umgerechnet haben, dann glaube ich nicht, dass die das tun werden.
McDonalds, wie hier schon aufgeführt, ist ein gutes Beispiel. Sie zahlen immer den gleichen Preis für ein Menue. Wenn sie das Essen mitnehmen, dann muß MacD aber nur 7% Ust. abführen. Den rest steckt sich das Unternehmen ein. Bei einem Spar-Menue für 5,90€ sind das immerhin 0,55€. Bei der Anzahl der Bundesweit ausser Haus verkauften Menues dürfte sich das schon lohnen.
Mal angenommen der Gastrononm gibt den Steuervorteil doch weiter:
Wenn ein Paar jetzt für insgesamt 50€ schick essen geht, dann würde das gleiche Essen nach Steuerbegünstigung 44,96€ kosten. Ich glaube nicht, dass aufgrund der 5€ mehr Leute essen gehen, wenn im Geldbeutel eh Ebbe herrscht.
Turmsicht (01.04.2009, 14:16 Uhr)
Trügerische Hoffnung
Gastronomie und Hotelgewerbe haben bereits nach der Einführung des EURO ihre Preise exorbitant erhöht. Niemand soll doch wirklich glauben, dass eine MwSt-Senkung dem Gast zugute kommt. Diese ganze Diskussion ist nichts als Populismus der Parteien und ziemlich überflüssig.
Angste (01.04.2009, 13:58 Uhr)
Bürokraten!!
Nicht nur zwischen Krebs und Hummer gibt’s Unterschiede:
Fastfood: Im Haus gegessen 19%, zum Mitnehmen 7%
Taxiverkehr, soweit sie innerhalb der Betriebssitzgemeinde oder bis 50 km lang sind, derzeit 7 % USt.
Über 50 km hinaus, oder auch nur einen Kilometer über die Stadtgrenze hinweg, 19 %.
Für alle Fahrten und Leistungen bei denen keine Fahrgäste befördert werden, wie z.B. Tiertransport, Starthilfen, Lotsenfahrten, Fahrzeugüberführungen oder Sachtransporte, immer 19%
Mietwagen, Minicars, City-Cars, grundsätzlich 19%
Naja, die Union macht Wahlkampf.
Maddux (01.04.2009, 13:58 Uhr)
Steuerrecht
Jedes Volk hat das Steuerrecht, das es verdient !
nightmare_online (01.04.2009, 12:54 Uhr)
@the_Nick
Sollten Sie ernsthaft die These vertreten, das die Umsätze in der Gastronomie wegen der Umsatzsteuer gesunken sind, oder bei einer Senkung wieder steigen würden, tun Sie mir herzlich leid. Die Entwicklung der Umsätze in Gaststätten hat ihre Ursache schlicht und ergreifend in den ständig sinkenden Reallöhnen der Bürger dieses Landes. Oder anders gesagt: Solange der Bürger nicht mehr Geld in der Tasche hat, solange wird sich nicht das geringste ändern. Was die CSU da treibt, ist nichts als Rattenfängerei. Billigster Populismus.
the_Nick (31.03.2009, 17:15 Uhr)
Unfug...
Ein Experte für Steuerrecht, Finanzrecht und Öffentliches Recht kann einen reduzierten Steuersatz natürlich nicht begreifen.
In den letzten Jahren sind die Einnahmen (Umsatzsteuer) aus Gaststätten gesunken.
Damit der Gewinn des Staates (Umsatzsteuer) aus dem Gaststättengewerbe wieder steigt, muss ein Anreiz geschaffen werden. Das ist wesentlich effektiver als irgendeine Prämie auf Autos.
Die Umsatzsteuer von 19% ist sowieso wesentlich zu hoch...
MEHR ZUM ARTIKEL
Saarlands Ministerpräsident Müller Steuersenkungen? Vergiss es!

Peter Müller, CDU, regiert (noch) mit absoluter Mehrheit im Saarland. Im August muss er sich der Wahl stellen. Im "Café Einstein" spricht er mit stern.de über Fußball, Lafontaine und die aberwitzige Forderung nach Steuersenkungen. mehr...

Alexander Dobrindt Seehofers neuer Lautsprecher

Alexander Dobrindt will das Profil der CSU schärfen: Sie soll zur "modernsten, offensten und frischesten Partei Deutschlands" werden. Wie das geht? Zum Beispiel mit einer klaren Abgrenzung zur CDU. Was der neue Generalsekretär nicht ganz so deutlich sagt: Auch seine Partei hat noch mit klaren Defiziten zu kämpfen. mehr...

CDU/CSU Nur Seehofer kann Merkel retten

Umweltgesetzbuch, Steuersenkungen, Mehrwertsteuer: CSU-Chef Seehofer lässt es in der Union krachen. Das Kalkül: Seine Partei muss sich abgrenzen, um wieder 50 Prozent gewinnen. CDU-Chefin Merkel erduldet die Angriffe - denn sie kann sich vieles leisten, nur keine schwache CSU. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe