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Neuauflage von "Mein Kampf" soll Mythos zerstören

Adolf Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" ist als kritisch kommentierte Ausgabe erschienen. In München stellten die Herausgeber nun das fast 2000 Seiten lange Werk vor - und begründeten, warum eine Neuauflage wichtig war.

Die Originalausgabe der Hetzschrift "Mein Kampf" von Adolf Hitler

Die Originalausgabe der Hetzschrift "Mein Kampf" von Adolf Hitler

Siebzig Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ist in Deutschland erstmals wieder eine Neuauflage von Adolf Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" erschienen. Die fast 2000 Seiten starke kritische Edition sei als eine "Gegenrede zu Hitlers Schrift" gedacht und solle zu einer "Entmythologisierung" von "Mein Kampf" betragen, sagten die Herausgeber vom Institut für Zeitgeschichte bei der Vorstellung am Freitag in München.

"Die deutsche Gesellschaft ist reif für diese Auseinandersetzung", sagte der Leiter des Editionsprojekts, Christian Hartmann. Institutsdirektor Andreas Wirsching bezeichnete die kritisch kommentierte Neuauflage als zwingend notwendig, weil "Mein Kampf" nach dem Auslaufen des Urheberschutzes Ende 2015 nun allenthalben publiziert werden könne. 

Forscher untersuchten "Mein Kampf" drei Jahre lang

Es wäre schlicht unverantwortlich, "dieses Konvolut der Unmenschlichkeit" kommentarlos zu veröffentlichen, "ohne ihm eine kritische Referenzausgabe entgegenzustellen, die Text und Autor gleichsam in die Schranken weist", sagte Wirsching.

In dreijähriger Arbeit hatte ein Forscherteam des Münchner Instituts Hitlers Hetzschrift Satz für Satz untersucht, mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft abgeglichen und mit umfangreichen Anmerkungen als argumentatives Gegengewicht versehen. 

Institutsdirektor verteidigt Neuauflage

Mehr als 3500 Anmerkungen finden sich in der Neuedition, die in zwei Bänden beinahe 2000 Seiten zählt. Als Erstauflage waren 4000 Exemplare geplant; allerdings liegen nach Institutsangaben bereits rund 15.000 Vorbestellungen vor, so dass neue Auflagen geplant sind.

Institutsdirektor Wirsching räumte ein, dass die Neuausgabe Unbehagen und Kritik hervorrufe - "insbesondere aus der Perspektive der Opfer des nationalsozialistischen Terrors". Der Historiker verteidigte die Entscheidung zur Neuauflage aber vehement: Es wäre "auch politisch-moralisch nicht zu vertreten und mit großen Risiken behaftet, in Sachen 'Mein Kampf' untätig zu bleiben", sagte Wirsching.

Hitler-Experte sieht keinen Grund zur Sorge

Die Neuausgabe "enttarnt die von Hitler gestreuten Falschinformationen und seine Lügen". Sie sei ein "wissenschaftlicher Dienst an der Würde der Opfer". Wirsching verwies in dem Zusammenhang auch auf das aktuelle Erstarken rechter Bewegungen in Europa. Derzeit drohten "entsprechende Denkhaltungen wieder salonfähig zu werden", warnte er.

Der renommierte britische Hitler-Experte Ian Kershaw begrüßte die Neuedition bei der Vorstellung in München. "Die Lektüre wird sicherlich keinen unvoreingenommenen Menschen zum Nazi konvertieren", sagte der Historiker. Deutschland sei eine gefestigte Demokratie. Das Buch habe "der heutigen Welt nichts zu sagen. Als Programm für eine moderne Gesellschaft ist es völlig nutzlos."

Urheberschutz war Ende 2015 ausgelaufen

Anerkennung für die Neuausgabe kam vom Zentralrat der Juden. Er hoffe, dass die Edition dazu beitrage, "die menschenverachtende Ideologie Hitlers insgesamt zu entlarven und Antisemitismus entgegenzuwirken", erklärte Zentralratspräsident Rudolf Schuster. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) bezeichnete die Edition auf RTL als "ganz wichtigen Beitrag zur politischen Bildung".

Die deutsche Neupublikation des Buchs war möglich geworden, weil der Urheberschutz Ende 2015 ausgelaufen war. Nach Hitlers Tod waren die Schutzrechte für das Buch "Mein Kampf", das bis 1945 rund zwölf Millionen Mal in Deutschland gedruckt worden war, für 70 Jahre auf den Freistaat Bayern übergegangen, der die Zustimmung zu einer Neuauflage stets verweigert hatte.

kis/AFP
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