. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
23. Mai 2007, 12:03 Uhr

"Die G8 sind die größten Waffenhändler"

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat Ihren Bericht für das vergangene Jahr vorgelegt. Im stern.de-Interview erläutert die deutsche Generalsekretärin die Situation in Deutschland - und ihre Erwartungen an den G8-Gipfel in Heiligendamm.

In einem Flüchtlingslager im Süden Darfurs warten Frauen auf die Verteilung von Lebensmitteln: Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erwarten vom G-8-Gipfel ein Signal, dass das Waffenembargo für das Land eingehalten werden muss© AFP/WFP/Emilia Casella

Frau Lochbihler, Amnesty hat seinen Menschenrechtsbericht für das Jahr 2007 vorgestellt. Ist in Deutschland alles in Ordnung?

Würde man Deutschland etwa mit dem Sudan vergleichen, müsste man sagen, dass der Bericht über Deutschland belanglos ist. Aber wir erstellen keine Rangliste der Menschenrechte. Wir beleuchten jedes einzelne Land gründlich. Und da gibt es durchaus auch in Deutschland Anlass zu Kritik. Etwa bei der Flüchtlingspolitik. Wir bemängeln, dass Deutschland Personen in den Irak abschiebt, weil die Länderregierungen davon ausgehen, dass es eine Fluchtalternative gibt. Wir dagegen fordern einen Abschiebestopp. Uns ist jedoch positiv aufgefallen, dass Deutschland im Jahr 2006 das Zusatzprotokoll zur Anti-Folter-Konvention der Vereinten Nationen ratifiziert hat. Das ist gut und wichtig.

Auch der Anti-Terror-Kampf der westlichen Staaten auf die Menschenrechte. Gibt das Verhalten der deutschen Regierung Anlass zur Sorge?

Es gibt Aufklärungsbedarf. Im Jahr 2006 hat sich die Regierung noch dagegen gewehrt, dass der Bundestag einen Untersuchungsausschuss einsetzt, um das Verhalten der Geheimdienste im Anti-Terror-Kampf zu beleuchten. Diese Position, das hat sich erwiesen, war unhaltbar. Mittlerweile wissen wir, dass Mitarbeiter deutscher Geheimdienste in Grauzonen arbeiten, die auch menschenrechtsrelevant sind. Wir wissen, dass das Führungspersonal der Geheimdienste oft überhaupt kein Bewusstsein dafür hat, das auch ihre Tätigkeit die Menschenrechte achten muss. Das ist in dem BND-Ausschuss sehr deutlich geworden. Und es gibt weitere offene Fragen. Geklärt werden muss, in welchem Umfeld deutsche Soldaten im Ausland möglicherweise zu Menschenrechtsverletzungen beitragen - und was getan wird, um dies zu verhindern. Zudem brauchen wir eine Debatte darüber, wie die Regierung mit erfolterten Informationen umgehen will. Aus unserer Sicht und aus Sicht des Völkerrechts ist eine Verwendung entsprechender Informationen tabu.

Die westlichen Regierungen wurden in den vergangen Jahren stark für die "Kollateralschäden" des Anti-Terror-Kampfes kritisiert. Achten mittlerweile mehr auf die Einhaltung von Menschenrechten als zuvor? Hat sich ein Bewusstseinswandel vollzogen?

Der Menschenrechtsschutz ist in den letzten fünf Jahren schwächer geworden. Die USA haben nicht nur in einzelnen Fällen Menschenrechte verletzt, sondern sie haben auch Normen der Vereinten Nationen infrage gestellt - wie etwa das absolute Folterverbot. Auch in diesem Jahr müssen wir wieder feststellen, dass viele Regierungen eine Politik der Angst verfolgen. Sie sagen: Im Anti-Terror-Kampf muss alles möglich sein, was uns mehr Sicherheit bringt. Die Menschen werden in Freunde und Feinde eingeteilt, in ein "wir" und ein "die anderen", in Christen und Moslems. Dieses Klima führt zu sehr vielen Menschenrechtsverletzungen - nicht nur zu Folterungen im US-Gefangenenlager Guantanamo. Diesbezüglich habe ich kein Umdenken feststellen können. Zumindest nicht bei der US-Regierung.

Haben die Europäer umgedacht?

Positiv war, dass europäische Institutionen wie der Europarat oder das europäische Parlament sich mit den illegalen Verschleppungsflügen der CIA beschäftigt haben. Aber bis heute haben die Regierungen, die in diesen Gremien sitzen, nicht gesagt, was sie konkret unternehmen wollen, um Verschleppungen in Zukunft zu verhindern.

Was für konkrete Maßnahmen könnten das sein?

Die europäischen Regierungen könnten die US-Regierung fragen: Welche Flugzeuge nutzt ihr? Welche Passagiere sind da drin? Wenn die Europäer diese Informationen nicht erhalten würden, könnten sie Überflugverbote verhängen.

In dem Bericht prangert Amnesty vor allem die menschenrechtliche Situation in Afrika an. Sie richten konkrete Forderungen an den anstehenden G-8-Gipfel in Heiligendamm. Was ist Ihre wichtigste Forderung?

Im Jahr 2002 haben die G8-Staaten einen Aktionsplan für Afrika verabschiedet. Auf diesen Plan beziehen wir uns. Wir fordern, dass Institutionen gefördert werden, die Menschenrechte schützen, etwa die afrikanische Menschenrechtskommission. Es gibt auch einen afrikanischen Menschenrechtsgerichtshof, der kurz davor ist, mit der Arbeit anzufangen. Wenn diese reichen Staaten es ernst meinen, könnten sie hier finanzielle Unterstützung leisten. Zudem ist ein G8-Gipfel natürlich unglaubwürdig, wenn er sich nicht zur Situation in Darfur äußert. Wir fordern, dass die G8-Staaten die Einhaltung des Waffenembargos einhalten. Diejenigen Staaten, die das Embargo verletzten, müssen zur Rechenschaft gezogen werden - und die G8-Staaten sind die größten Waffenhändler überhaupt. Auch die Chinesen spielen eine wichtige Rolle. Die sind zwar nur Gast auf dem Gipfel, aber sie sind es, die in Darfur in besonderem Maße wirtschaftlich aktiv sind – und die der sudanesischen Regierung Waffen liefern. Peking muss Druck auf die Regierung in Darfur ausüben. Darauf würde diese auch reagieren.

Sie stellen allerdings auch die chinesische Regierung selbst an den Pranger. Sie werfen ihr massive Menschenrechtsverletzungen vor. Wer soll China zu einem Sinneswandel bewegen?

Das muss die internationale Gemeinschaft leisten. China ist eine wirtschaftliche Großmacht. China sitzt im internationalen Menschenrechtsrat. China ist Gastgeber der Olympischen Spiele im Jahr 2008. Der Druck muss erhöht werden, dass es in bestimmten Bereichen zumindest eine Verbesserung gibt. Jene Gruppen müssen unterstützt werden, die sich vor Ort mit großem Mut für den Menschenrechtsschutz einsetzen: Engagierte Journalisten, Rechtsanwälte. Es ist wichtig, dass diese Leute spüren, dass sie nicht alleine sind.

Erwarten Sie von den Olympischen Spielen einen Schub für den Menschenrechtsschutz in China?

So blauäugig bin ich nicht. Bevor China den Zuschlag für die Spiele erhielt, haben Regierungsvertreter zwar versprochen, sich zu bemühen, die Menschenrechtslage zu verbessern. Seither haben wir leider noch keine großen Fortschritte beobachten können. Aber Amnesty wird vor und während der Spiele weltweit Druck machen, da können Sie sicher sein.

Zur Person

Zur Person Barbara Lochbihler ist seit 1999 Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International. Zuvor hat die Sozialpädagogin als Generalsekretärin der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit in Genf gearbeitet.

Interview: Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
RBrunnerHH (24.05.2007, 16:38 Uhr)
@tagora-sagittara
..dann packen Sie doch Ihr Köfferchen und wandern aus, in eine Basisdemokratische Nation, in der Profite und wirtschaftliche Macht keine Rolle spielen... ach ja noch etwas, sollten Sie fündig geworden sein, lassen Sie´s uns wissen!
tagora-sagittara (24.05.2007, 12:14 Uhr)
wenn ich Ihren Artikel so lese,...
muß ich feststellen, daß Sie ja schon gefährlich naiv sind...
Wer partzipiert denn eigendlich von Krieg und Elend in den Drittländern??,...soll ich Ihnen wirklich hier aufzählen wer, warum und weshalb??,... halten Sie den Durchschnittsbürger hier in Deutschland wirklich für so dämlich??
Jeder einzelne an besagten G8 Tisch weiß das sich die getroffenen Entscheidungen immer negativ auf die Außenstehenden auswirkt.
Hier geht es um`s Geld verdienen, um Macht und Kontrolle und nicht um humanitäre Unterstützung irgendjemandes...
Für die am G8 Gipfel (was für eine hinterf...Bezeichnung) teilnehmenden Personen habe ich nur Verachtung und für die, die es tollerieren und dumme Artikel schreiben, Kopfschütteln übrig,...diese "Scheindemokratie" kotzt mich an!!
heiner5362 (23.05.2007, 18:13 Uhr)
da kann ich nur lachen
schon mal erlebt, dass sich unsere "GROSSARTIGE" demokratie um menschenschicksale kümmert ???
diese eben wurde nach ww2 aufoktroiert um maximalen gewinn aus deutscher produktivität herauszuholen, zum wohlwesen amerikanischer geschäftsleute mit eigenartigem habitus.
demokratie ist was ganz anderes.
"alle macht geht..."
schöner satz aber entschärft durch barrieren der direktwahl.
man wählt sich also selbst in den höheren gefilden.
und -Menschen - haben da nichts zu suchen, das GELD ZÄHLT.
clavacs (23.05.2007, 17:45 Uhr)
Versagen der Menschenrechtsorganisationen
Womit sich mir abschließend die dringliche Frage stellt:
Wer schützt uns Menschen vor entarteter Staatsgewalt?
In meinen Bemühungen um Unterstützung seitens amnesty, Human-Rights-Watch, Reporter ohne Grenzen, P.E.N., Internationale Kommission für Menschenrechte, etc. blieb ich erfolglos – überall da, wo diese Einrichtungen gefordert sind, sind sie offensichtlich überfordert!
Wir Menschen sind zu unserem Menschsein und damit zur Wahrheit der Wirklichkeit noch lange nicht durchgedrungen und insofern zu Würde, Recht und Demokratie bislang nicht wirklich fähig!
clavacs
MEHR ZUM ARTIKEL
Irak Mädchen wegen Liebe zu Tode gesteinigt

Es ist eine furchtbare Tat: Im Irak wurde ein 17-jähriges Mädchen auf grausame Art von einem Mob zu Tode gesteinigt. Ihr Verbrechen: Sie liebte den falschen Mann. Das Video der Hinrichtung tauchte im Internet auf, Bilder nun auch in englischen Zeitungen. mehr...

Prozess in Dessau Warum verbrannte Oury Jalloh?

Unter großem internationalen Interesse hat in Dessau der Prozess gegen zwei Polizeibramte angefangen. Ihnen wird fahrlässige Tötung vorgeworfen, weil sie einen Feueralarm ignoniert hatten - dabei verbrannte ein Asylbewerber in seiner Zelle. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe