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"RAF-Täter wurden gedeckt"

Anderthalb Jahre hat Michael Buback recherchiert. Der Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback wollte wissen, wer im April 1977 seinen Vater wirklich erschossen hat. Im stern berichtet er, dass die wahre Mörderin für die Tat vermutlich nicht belangt wurde, weil der Verfassungsschutz sie deckte.

Von Axel Vornbäumen

Er wollte wissen, wer seinen Vater ermordet hat - mehr als 30 Jahre lang. Nun, nach anderthalb Jahren intensivster Eigenrecherche, hat er einen ungeheuerlichen Verdacht: Die Frau, die womöglich am 7. April 1977 in Karlsruhe von einem Motorrad aus Generalbundesanwalt Siegfried Buback erschoss, wurde für die Tat nicht zur Rechenschaft gezogen, weil der Verfassungsschutz sie unmittelbar nach dem Mord schützte. Michael Buback glaubt, dass die damalige RAF-Terroristin Verena Becker auf dem Motorrad gesessen hat. In einem Interview mit dem stern sagt der Göttinger Chemieprofessor: "RAF-Täter wurden gedeckt".

Anderthalb Jahre hat der Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts recherchiert. Hat Akten gewälzt, Spuren gesucht, Zeugen aufgesucht, Zeugenaussagen verglichen. Gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth hat der 63-Jährige eine wahre Odyssee hinter sich. Immer mehr Merkwürdigkeiten, immer stärkere Ungereimtheiten legte der Naturwissenschaftler frei, seit ihm im Frühjahr 2007 das ehemalige RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock den Namen des vermeintlichen Todesschützen verraten hatte: Stefan Wisniewski soll der Täter gewesen sein.

Doch Wisniewski hatte im Zusammenhang mit dem Karlsruher Mord zuvor nie eine Rolle gespielt. Michael Buback vertiefte sich in die Materie in jeder Minute seiner Freizeit. Jahrelang hatte er nicht daran gezweifelt, dass die für den Mord an seinem Vater verurteilten Terroristen Christian Klar, Knut Folkerts und Brigitte Mohnhaupt tatsächlich an der Tat beteiligt waren. 30 Jahre danach aber, ausgelöst durch die Aussage Boocks, wuchsen seine Zweifel. Buback entdeckte alsbald eine Vielzahl von Spuren, die seiner Ansicht nach zwingend dazu hätten führen müssen, dass gegen Verena Becker wegen des Mordes an seinem Vater hätte energisch ermittelt werden müssen. Doch das Gegenteil war der Fall. Dem Naturwissenschaftler drängte sich eher der Eindruck auf, dass sämtliche Spuren, die auf Becker hindeuteten, gezielt beseitigt wurden.

Heute, nach anderthalb Jahren Recherchen, ist Michael Buback der festen Überzeugung, dass die ehemalige RAF-Terroristin Becker am Anschlag auf seinen Vater beteiligt war, aber bereits im Terrorjahr 1977 vom Verfassungsschutz gedeckt wurde. In einem Interview mit dem stern sagte Buback: "Das ist das Bild, dem wir nicht ausweichen können. Wenige Wochen nach der Tat wurde Frau Becker vom Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs als Mittäterin beim Karlsruher Attentat bezeichnet. Später verschwinden die Hinweise auf sie aus Akten und Prozessen."

Eine "wahnwitzige" Vorstellung

Becker war im Mai 1977 zusammen mit dem RAF-Mitglied Günter Sonnenberg nach einer Schießerei in Singen verhaftet worden. In ihrer Tasche fand sich die Tatwaffe von Karlsruhe. Für den Buback-Mord wurde sie nicht belangt, 1989 kam die zu lebenslanger Haft verurteilte Terroristin auf dem Gnadenweg frei. Beckers Kontakte zum Verfassungsschutz während ihrer Haftzeit Anfang der 80er Jahre sind bekannt. Damals belastete sie das RAF-Mitglied Stefan Wisniewski, der Todesschütze von Karlsruhe gewesen zu sein. Die Aussagen wurden seinerzeit auch der Bundesanwaltschaft übermittelt. Deren Chef hieß Kurt Rebmann.

Die Vorstellung, der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann habe die exakten Hintergründe gekannt und nichts unternommen, nennt Michael Buback "geradezu wahnwitzig". Seine "einzige mir einleuchtende Erklärung" laute: "Rebmann wusste, dass die Verfassungsschutzakte mit der Frau Becker zugeschriebenen Aussage nicht die Wahrheit über den Schützen enthält". Das Bundesinnenministerium hat die Verfassungsschutzakte mit den Aussagen Beckers im Januar 2008 sperren lassen, in der Bundesanwaltschaft sind die damals übergebenen Akten nicht mehr auffindbar. Es sei "merkwürdig", so Buback im stern, dass im Lauf der Jahre ein Vorgang immer geheimer werde und die Akten nicht abermals herausgegeben würden. "Warum sind sie jetzt unter Verschluss? Das macht mich stutzig."

"Ein äußerst belastender, schwieriger Gedanke"

Michael Buback hat seine Recherchen nun in dem Buch "Der zweite Tod meines Vaters" (Droemer/Knaur) veröffentlicht. Auf 360 Seiten listet er darin die seiner Ansicht nach "unglaublichen Fehler" auf, die seitens der Ermittlungsbehörden gemacht wurden. Immer wieder befasst er sich auch mit seinen Selbstzweifeln. Irgendwann, sagt er, seien er und seine Frau über "eine Grenze gegangen." Die Annahme, dass RAF-Täter vom Verfassungsschutz gedeckt worden seien, sei ein "ein äußerst belastender, schwieriger Gedanke" gewesen. "Aber erst mit dieser Annahme passen die Puzzelsteine", sagt Michael Buback.

"Ich musste das Buch schreiben", sagt er jetzt im stern, "schon weil mir unser Land wichtig ist. Ich bin es auch meinem Vater schuldig. Er war ein begnadeter Ermittler."

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