Roland Kochs Wahlkampagne hat mehr oder minder offen mit Ressentiments gegen Jugendliche mit Migrationshintergrund gespielt. Im stern.de-Interview spricht der Migrantenvertreter Mehmet Tanriverdi über die Bedeutung von Kochs Kampagne für die Integration in Deutschland.

Die Wahlkampagne von Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hat sich speziell gegen gewalttätige Jugendliche mit Migrationshintergrund gerichtet© Frank May/DPA
Er hat verloren, weil Menschen ihm einfach übelgenommen haben, dass er die Gesellschaft gespalten hat. Dafür hat er die Quittung bekommen.
Ja, ich denke, das Thema Jugendgewalt hat ihm geschadet. Es war natürlich nicht das einzige Thema. Bildung hat in Hessen immer eine wichtige Rolle gespielt. Vor allem, weil die Bildungspolitik der hessischen Landesregierung gescheitert war, haben die Bürger Koch abgewählt. Ich gehe davon aus, dass sehr viele Stammwähler oder Menschen mit Migrationshintergrund, die die CDU gewählt haben, sich dieses Mal bewusst anders entschieden haben.
Fremdenfeindlichkeit in Deutschland war immer vorhanden, gerade in Krisenzeiten. Was das Thema angeht haben wir immer noch keine Normalität in Deutschland. Die Äußerungen von Herrn Koch waren Diskriminierung pur, trotzdem will ich ihm keine Fremdenfeindlichkeit unterstellen. Das war eine reine Wahltaktik. Wir Migranten sind aber enttäuscht von Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass sie nicht während des Wahlkampfes ein klares Signal gegen das Thema gesetzt hat. Das werden wir bei einem Treffen im Bundeskanzleramt nächste Woche sicherlich noch einmal ansprechen.
Zur Person Mehmet Tanriverdi, 45, ist Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in Deutschland e.V. (Bagiv) Der kurdisch-stämmige Deutsche ist Diplom-Ingenieur und Unternehmer.