. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
19. Mai 2008, 20:00 Uhr

Das Gerangel um die Zeitarbeit

Die wachsende Armut in Deutschland will die SPD mit Mindestlöhnen bekämpfen. Die Verhandlungen sind jedoch zäh, vor allem bei der Zeitarbeit. Die CDU blockiert - und argumentiert dabei ausgerechnet mit den Niedriglohnabschlüssen einer kleinen christlichen Gewerkschaft. Von Ulrike Schuler

© Sascha Schuermann/DDP

In der großen Koalition brodelt es. Klaus Brandner, Parlamentarischer Staatssekretär im Arbeitsministerium, warnte die CDU vor einem "doppelbödigen Spiel" in Sachen Mindestlohn. Geholfen hat es bislang nichts. Die CDU will einen Mindestlohn vor allem bei der Zeitarbeit unbedingt verhindern. Die Branche erfülle nicht die Bedingungen für die Einführung von Mindestlöhnen, argumentiert der CDU-Arbeitsmarktexperte Ralf Brauksiepe im Gespräch mit stern.de. Die Zeitarbeiter seien ohnehin fast ausnahmslos mit Tarifverträgen ausgestattet. "Hier müssten bestehende Tarifverträge verdrängt werden - wir haben nie gesagt, dass wir dazu bereit sind."

Tarifvertrag ist nicht gleich Tarifvertrag

Doch Tarifverträge sind in der Zeitarbeitsbranche nicht gleich Tarifverträge. Zwei Verbände, der Bundesverbandes Zeitarbeit (BZA) und der Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ) haben ihre Verträge mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) abgeschlossen. Die beiden Verbände vertreten ungefähr zwei Drittel der rund 630.000 Beschäftigten der Branche und fordern die Aufnahme in das Entsendegesetz - also einen verbindlichen, branchenweiten Mindestlohn. Er soll bei 7,31 Euro im Westen und 6,36 Euro im Osten liegen.

Das Problem: Es gibt noch einen dritten Verband, den Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP), der Mindestlöhne ablehnt. Der AMP hat seine Tarifverträge nicht mit dem DGB ausgehandelt, sondern mit dem Christlichen Gewerkschaftsbund CGB - einer Kleingewerkschaft, die als arbeitgebernah gilt und von einem CSU-Parteimitglied geführt wird. Die Löhne, die in den angeschlossenen Unternehmen bezahlt werden, sind niedriger als im Rest der Branche. Und das soll so bleiben. "Wir könnten keine Tarifverhandlungen im unteren Lohnbereich mehr führen", meint AMP-Hauptgeschäftsführer Thomas Hetz. "Wir wollen unsere Tarifautonomie behalten."

Gewerkschaft als Billigkonkurrent

BZA und IGZ wären die Billigkonkurrenz lieber heute als morgen los. "Was hilft eine flachendeckende Tarifbindung, wenn die Verträge keine angemessenen Löhne garantieren?", klagt IGZ-Sprecherin Simone Kemper gegenüber stern.de. Es sei zwar richtig, dass die Branche zu 90 Prozent tarifgebunden sei, aber es würden über Haustarifverträge mit dem Christlichen Gewerkschaftsbund Löhne vereinbart, die zum Teil weit unter fünf Euro pro Stunde lägen. "Dieser Zustand ist für uns nicht haltbar", sagt Kemper. "Wir wollen, dass unsere Mitarbeiter fair bezahlt werden." Ganz aufrichtig ist das nicht - immerhin haben IGZ und BZA bei ihren Verhandlungen mit dem DGB immer wieder damit gedroht, sie würden mit der christlichen Gewerkschaft verhandeln, falls der DGB nicht nachgebe. So wurden auch bei IGZ und BZA schlechtere Arbeitsbedingungen vereinbart als vom DGB erhofft.

Nun muss die Politik entscheiden. "Wir appellieren an die CDU, die Schotten nicht einfach dicht zu machen, sondern sich mit unseren Argumenten auseinanderzusetzen", sagt Ludger Hinsen, BZA-Hauptgeschäftsführer. Kemper bewertet es als "enttäuschend", dass die CDU blockiert. "Wir kritisieren sehr, dass die Union von dem abweicht, was vorher vereinbart worden ist."

"Zerklüftete Branche"

In der Koalition war vereinbart worden war, Branchen in das Entsendegesetz aufzunehmen, wenn die jeweiligen Tarifpartner dies wünschen und zugleich die Mehrheit der Arbeitnehmer vertreten. "Die Voraussetzungen, die die Koalition für ihre Behandlung dieses Themas vereinbart hat, liegen vor", sagt Ex-Arbeitsminister Wolfgang Clement, jetzt Chef des Adecco Instituts zur Erforschung der Arbeit, das von dem Schweizer Zeitarbeitsunternehmen finanziert wird. Mindestlöhne würden für klarere Verhältnisse in der "immer noch sehr zerklüfteten Branche" sorgen. Platz für "Lohndumper" sei dann nicht mehr. Die Union hält dagegen - und spielt auf Zeit. Er hoffe, dass sich die drei Verbände auf einen gemeinsamen Tarifvertrag einigten, sagt CDU-Mann Brauksiepe. "Das kann die Politik nicht diktieren, da hat die Tarifautonomie Vorrang.

Strittig ist auch die Frage, welche Effekte die Einführung von Mindestlöhnen haben könnte. Nach Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW) werden 25 Prozent der Zeitarbeiter von dem Unternehmen, in dem sie arbeiten, übernommen. Weitere 20 Prozent schaffen den Sprung in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis, sobald sie genügend Erfahrung gesammelt haben. Unions-Politiker befürchten, dass sich diese Zahlen verschlechtern könnten, müsste ein Mindestlohn bezahlt werden.

Es geht um rund sieben Euro - pro Stunde

IGZ und BZA bestreiten das. Der von ihnen vorgeschlagene Mindestlohn gelte jetzt schon für zwei Drittel der Beschäftigten in der Zeitarbeitsbranche und führe nicht zu Arbeitsmarktbarrieren, sagt Hinsen. Zudem handele es sich ja bei den geforderten rund sieben Euro keineswegs um eine Entlohnung, die über der Produktivität der Beschäftigten liege und somit dem Unternehmen schade. Diese Lohnhöhe habe sich als "marktwirtschaftlich" erwiesen, betont auch Kemper.

Rückendeckung bekommen IGZ und BZA von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Studien aus Ländern im europäischen und außereuropäischen Raum belegten, dass Mindestlöhne keine gravierenden negativen Beschäftigungseffekte hätten, sagt der Arbeitsmarktforscher Thorsten Schulten. Den Warnungen lägen wenig aussagekräftige Modellrechnungen zugrunde. "Auch für die Zeitarbeitsbranche kann ich mir keine negativen Effekte durch einen Mindestlohn vorstellen", sagt Schulten.

Keine neuen Argumente, kein Konsens

Diese Argumente sind in der Politik tausendmal durchgewalkt worden - ohne dass ein Konsens herzustellen gewesen wäre. Gleichwohl gibt sich Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) optimistisch, dass es noch bis zur Sommerpause eine Einigung über Mindestlöhne bei der Zeitarbeit geben wird. Die Gespräche zwischen den Koalitionspartnern liefen weiter, sagt ein Sprecher des Arbeitsministeriums. "Man wird versuchen, sich gegenseitig zu überzeugen."

Der CDU-Abgeordnete Brauksiepe sieht das ganz anders. Die CDU werde mit der SPD nicht "feilschen". Seine Partei stehe zwar zu der Koalitionsvereinbarung, einzelne Branchen in das Entsendegesetz aufzunehmen - aber eben nur dann, wenn die Bedingungen erfüllt seien. Neben der Zeitarbeit haben noch sieben weitere Branchen einen Mindestlohn beim Arbeitsministerium beantragt. Mit Entscheidungen vor der Sommerpause rechnet Brauksiepe nicht. Erst im Herbst würden die Verfahren "richtig laufen". Was immer das aus CDU-Sicht auch heißen mag.

Von Ulrike Schuler
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
gmathol (20.05.2008, 05:23 Uhr)
Die gute alte Weimarer Zeit soll wohl wiederbelebt werden.
Vorsicht, dieses Experiment ist schon einmal schief gegangen. Die Ausweitung des Globalismus wird hoffentlich und wohl noch rechtzeitig durch hohe Energiepreise gestoppt und auf ein faires vernuenftiges Mass zurueckgefuehrt werden.
utospatz (20.05.2008, 01:01 Uhr)
Eigentlich sollte die SPD
ihren ehemaligen Superminister darüber befragen, warum er eigentlich angeblich Deutscher ist!
Und die haben ein Arschloch nicht ausgeschlossen!
knilch_59 (20.05.2008, 00:24 Uhr)
Gewerkschaftliche Konkurenz
ist doch eine tolle Sache: Arbeitgeber können sich eine Gewerkschaft kaufen (Beispiel AUB) und dann mit ihr sicherlich viel angenehmere Tarifverhandlungen führen als mit sogenannten unabhängigen Gewerkschaften. Auch die Mitglieder haben was davon, weil vielleicht sogar durch die Ergänzungsfinanzierung und fehlende Arbeitskampfbereitschaft die Beiträge niedriger sein können.
.
Eine christliche Gewerkschaft wird auch niemals das Dilemma zwischen dem dem Stehlverbot (Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Hab ...) und Lohnforderungen auflösen können - sie ist aus Prinzip konsensorientiert und deshalb nicht erpressbar.
.
Aber solange sie Mitglieder hat ist wenigstens sichergestellt, dass die DGB-Gewerkschaften allein die Prügel einstecken müssen für die Sachen, die die Nicht-Mitglieder nicht bekommen.
.
Werte Co-Kommentatoren: Habt Ihr jemals etwas anderes gemacht als nur von anderen zu fordern?
Reality (19.05.2008, 23:22 Uhr)
Abzockerfirmen die Zeitarbeitsfirmen..
Also ich habe bestimmt schon mit vielen der Arbeiter auch Facharbeiter die aus diesen Arbeitszeitfirmen in die Firma in der ich arbeite, vermittelt wurden, gesprochen.
Keiner der sich nicht von diesen Firmen abgezockt fühlte.
Man hat den Eindruck daß hier Schuldsklaven erzeugt werden sollen.
Die um überleben zu können sich noch verschulden müssen in der Hoffnung dann mal fest angestellt zu werden um dann die Schulden wieder tilgen zu können.
So schafft man sich eine leicht manöverierbare Masse.
Meiner Meinung nach gehören dies Arbeitszeitfirmen einfach verboten.
Sie sind im höchsten Maße ethisch nicht zu rechtfertigen.
zurgat (19.05.2008, 21:23 Uhr)
Ich würds mal so sagen
das kommt raus wenn gewerkschaften ihre einkünfte nich offenlegen ;)... wenn die einnahmen unter 80% von den mitgliedern kommt ist das eher nee scheingewerkschaft und dementsprechend kein legitimierter verhandlungspartnar... ich würds sittenwidrig nennen versuch irgendwenn zu erklären das arbeitgeber mit arbeitgeber über den lohn der sklaven verhandelt ... Das beste merken die aber erst im Falle von berufskrankheiten ... ich hab technische gutachten der VBG gesehen bei dem jeder der einen plausibilitätsprüfung machen kann, vor lachen vom stuhl gefallen ist.
mfg r.d.
Salzsteuer (19.05.2008, 21:01 Uhr)
Christliche Gewrkschaften ???
Diese Arbeitgeberorganisationen haben mit Gewerkschaften, also Arbeitnehmervertretungen weniger gemeinsam als der Bundestag mit einem Käsebrot.
utospatz (19.05.2008, 20:58 Uhr)
Da ist nicht einer dabei,
der weiss was ein Adecco-Minister ist!Ist der Stern ein Forum von unwissenden?
Ein Adecco-Minister ist ein SPD-Mitglied das als ausscheidender ehemaliger Superminister eine Zeitarbeitsfirma gründet!
kosherpork (19.05.2008, 20:47 Uhr)
Mindestlohn
'82 kam ich nach Deutschland, war fleissig, trat dem DAG bei, gründete Firmen, bildete aus und hatte viel Verständnis für die 38,5, später der 35 Std. Woche. Nun, nach 4 x Kohl, 1.5 x Schroeder und dem merkelschen Schrott, wählen wir Herrn Kalaschnikov. Germany sucks.
tagora-sagittara (19.05.2008, 20:37 Uhr)
Ich hab das Spiel selbst gerade 3 Jahre mitgemacht,..
jetzt hab ich das Handtuch geworfen,... bevor ich einen Vollzeitjob auf H4 annehmen muss, mach ich mich vom Acker!!,... das braucht doch nun wirklich kein Mensch mit abgeschlossener Berufsausbildung!!
utospatz (19.05.2008, 20:24 Uhr)
In dem ganzen Forum
hat noch kein Schwein begriffen, dass ein Ex-.Superminister der SPD die von Affen gewählt sich diesen Sektor unter den Nagel gerissen!
Adeco ist das Programmm, und das tut weh, weil'Äs von einem SPD-Idioten kam!
MEHR ZUM ARTIKEL
CDU und CSU Kauder lehnt Mindestlohn für Zeitarbeiter ab

Die Einführung von Mindestlöhnen ist in der großen Koalition weiterhin ein Dauerstreit. Unions-Fraktionschef Volker Kauder hat die ablehnende Haltung der CDU/CSU zur Einführung eines Mindestlohnes in der Zeitarbeitsbranche jetzt bekräftigt. mehr...

Arbeitsmarkt Sieben Branchen wollen Mindestlohn

Der Mindestlohn findet weniger Anklang als von der SPD erhofft: Nur sieben Wirtschaftszweige haben ihr Interesse bekundet. Die SPD will dennoch weiter für die Lohnuntergrenze kämpfen. Koalitionspartner CDU kündigte Widerstand an - vor allem gegen den Mindestlohn bei der Zeitarbeit. mehr...

Klaus J. Jacobs "Gleicher Lohn für die gleiche Arbeit"

Er hat mit Kaffee und Schokolade Milliarden verdient. Heute ist Klaus J. Jacobs Großaktionär des Zeitarbeitskonzerns Adecco und will die Branche aus der Schmuddelecke herausholen. Ein stern-Gespräch über Geld und Gerechtigkeit - und die Frage, wozu Eigentum verpflichtet. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe