Es war ein taktischer Sieg für die Linkspartei und hochnotpeinlich für die SPD: Im Bundestag haben die Genossen einen Antrag abgelehnt, der ihre eigenen Forderungen nach einem Mindestlohn enthielt. Unbarmherzig entblößten Oskar Lafontaine und Gregor Gysi eine SPD-Spielart der Schizophrenie. Von Florian Güßgen

Nahmen die SPD beim Wort: Die Linkspartei-Fraktionschefs Oskar Lafontaine (l.) und Gregor Gysi (r.)© AP/Fritz Reiss
Hinterfotzig ist es schon, was die Herren Lafontaine und Gysi da mit den armen Genossen gemacht haben. So haben die beiden Neo-Linken, gleichzeitig Fraktionschefs der Linkspartei, einen Antrag ins Parlament eingebracht, in dem sie sich für Mindestlöhne stark machen, notfalls auch gesetzliche. Gemein ist das, weil die beiden den Antrag teils wörtlich bei der SPD abgekupfert haben, nämlich aus deren Aufruf zu der Unterschriftenaktion "Politik für gute Arbeit - Deutschland braucht Mindestlöhne." Hochnotpeinlich ist die ganze Sache für die SPD, weil sie am Donnerstag im Parlament doch nun tatsächlich gegen ihre eigenen, mit viel Tralala verkauften Forderungen, stimmen musste. Aus Koalitionsräson. Am Montag wird mit der Union im Koalitionsausschuss über das Thema verhandelt. Da kann man ein paar Tage zuvor schlecht Opposition spielen. Lafontaine und Gysi haben sich nun öffentlich an dieser Schizophrenie à la SPD geweidet. Sie haben die Genossen vorgeführt, sie vermeintlich entlarvt. Wie glaubwürdig ist eine Partei schon, werden sie künftig süffisant fragen, wenn sie lautstark Mindestlöhne fordert, aber ihre eigenen Forderungen ablehnt, sobald es zum Schwur kommt?
Der SPD muss diese Aktion ordentlich wehtun. Gnadenlos offenbart sie den Zwiespalt, in dem sich die Genossen befinden, eingeklemmt zwischen oppositioneller Linkspartei, die frank und frei mit populären Forderungen unter der SPD-Mitgliedschaft wildern darf, und der Koalitionsdisziplin. Eigentlich will sie ja, die SPD, einige Abgeordnete wie der Linke Ottmar Schreiner haben auch für den Antrag der Linkspartei gestimmt (Schreiner, immerhin, sagte, er könne doch nicht gegen seine Überzeugung stimmen.) Aber die Mehrheit der SPD-Abgeordneten darf nicht. "Jeder weiß, man kann im Parlament nicht so abstimmen, wie man das im Augenblick gerade für richtig hält", sagte Fraktionschef Struck "N24". Und so haben die Genossen das Wünschbare vor Augen, formulieren es sogar, um doch noch irgendwie zu signalisieren, dass sie für die eigene Klientel etwas unternehmen. Und sind somit so widersprüchlich und verwundbar, dass es für die Linkspartei ein Leichtes ist, sie vorzuführen.
Klaus Brandner, der arbeitsmarktpolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, hatte am Donnerstag den undankbaren Job, das Verhalten der Genossen zu erklären. Er versuchte es tapfer-offensiv. Eine "Politshow" veranstalte die Linkspartei, "Mätzchen", schimpfte er. "Wer abschreibt", warf er der Lafontaine-Fraktion entgegen, "hat kein eigenes Profil"." SPD-Fraktionschef Peter Struck hatte in Interviews vorab offen zugegeben, dass man sich eben an die Koalitionsdisziplin halten müsse. So ein klares Wort blieb Brandner schuldig. "Wir stimmen nicht gegen den Inhalt des Antrags zum Mindestlohn", wand er sich. "Wir stimmen gegen die Show. Für Mätzchen sind wir uns zu schade." Am Montag, allerdings, da werde der Koalitionspartner, also die Union, sehen, dass man zu einem fairen Kompromiss kommen werde.
Ob es im Koalitionsausschuss tatsächlich zu einer Einigung kommen wird, ist freilich offen. Konsens besteht zwischen Union und SPD im Prinzip darüber, dass man das Entsendegesetz ausweiten will. Aber wie das en Detail aussehen soll, ist noch offen. Als echten Sieg wird die SPD keinen der möglichen Kompromisse verkaufen können. Denn alles, was mit der Union machbar ist, bleibt hinter den öffentlich propagierten und im Parlament abgelehnten Mindestlohn-Vorstellungen zurück. Die Linkspartei macht es der SPD zudem immer schwerer, das Thema später für den Wahlkampf nutzen zu können. Was, so hört man Lafontaine und Gysi schon fragen, sind denn die Versprechen einer Partei wert, die ihre eigenen Forderungen im Bundestag ablehnt?