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14. Juni 2007, 15:18 Uhr

Schizophrenie à la SPD

Es war ein taktischer Sieg für die Linkspartei und hochnotpeinlich für die SPD: Im Bundestag haben die Genossen einen Antrag abgelehnt, der ihre eigenen Forderungen nach einem Mindestlohn enthielt. Unbarmherzig entblößten Oskar Lafontaine und Gregor Gysi eine SPD-Spielart der Schizophrenie. Von Florian Güßgen

Nahmen die SPD beim Wort: Die Linkspartei-Fraktionschefs Oskar Lafontaine (l.) und Gregor Gysi (r.)© AP/Fritz Reiss

Hinterfotzig ist es schon, was die Herren Lafontaine und Gysi da mit den armen Genossen gemacht haben. So haben die beiden Neo-Linken, gleichzeitig Fraktionschefs der Linkspartei, einen Antrag ins Parlament eingebracht, in dem sie sich für Mindestlöhne stark machen, notfalls auch gesetzliche. Gemein ist das, weil die beiden den Antrag teils wörtlich bei der SPD abgekupfert haben, nämlich aus deren Aufruf zu der Unterschriftenaktion "Politik für gute Arbeit - Deutschland braucht Mindestlöhne." Hochnotpeinlich ist die ganze Sache für die SPD, weil sie am Donnerstag im Parlament doch nun tatsächlich gegen ihre eigenen, mit viel Tralala verkauften Forderungen, stimmen musste. Aus Koalitionsräson. Am Montag wird mit der Union im Koalitionsausschuss über das Thema verhandelt. Da kann man ein paar Tage zuvor schlecht Opposition spielen. Lafontaine und Gysi haben sich nun öffentlich an dieser Schizophrenie à la SPD geweidet. Sie haben die Genossen vorgeführt, sie vermeintlich entlarvt. Wie glaubwürdig ist eine Partei schon, werden sie künftig süffisant fragen, wenn sie lautstark Mindestlöhne fordert, aber ihre eigenen Forderungen ablehnt, sobald es zum Schwur kommt?

"Warum stimmen Sie dem Antrag nicht zu?" Natürlich legte Gysi die Finger lustvoll in die sozialdemokratische Wunde, als er am Donnerstagmittag ans Rednerpult des Reichstags trat. "Warum stimmen sie dem Antrag nicht zu?", rief er den Abgeordneten der SPD entgegen. "Weil der Koalitionspartner Union das nicht will!" Und dann schlug er noch einmal zu: "Die Koalitionsdisziplin ist ihnen wichtiger als die Erreichung eines so wichtigen Zieles. Und das darf man doch der Öffentlichkeit noch mitteilen", ätzte Gysi. Und höhnte. "Sie haben gesagt, über ihren eigenen Text gebe es noch Beratungsbedarf in den Gremien des Bundestags. Sie müssen über ihren eigenen Antrag nachdenken." Im Bundestag gebe es eine Mehrheit für den Mindestlohn, sagte Gysi. Aber das sei der SPD offenbar nicht wichtig. Das einzige, was für sie zähle, sei die Koalitionsdisziplin. Dabei gehe es um 3,5 Millionen Menschen in Deutschland, die trotz einer Vollzeitbeschäftigung nicht mehr als 900 Euro netto im Monat verdienten, sagte Gysi.

Unbarmherzige Linkspartei

Der SPD muss diese Aktion ordentlich wehtun. Gnadenlos offenbart sie den Zwiespalt, in dem sich die Genossen befinden, eingeklemmt zwischen oppositioneller Linkspartei, die frank und frei mit populären Forderungen unter der SPD-Mitgliedschaft wildern darf, und der Koalitionsdisziplin. Eigentlich will sie ja, die SPD, einige Abgeordnete wie der Linke Ottmar Schreiner haben auch für den Antrag der Linkspartei gestimmt (Schreiner, immerhin, sagte, er könne doch nicht gegen seine Überzeugung stimmen.) Aber die Mehrheit der SPD-Abgeordneten darf nicht. "Jeder weiß, man kann im Parlament nicht so abstimmen, wie man das im Augenblick gerade für richtig hält", sagte Fraktionschef Struck "N24". Und so haben die Genossen das Wünschbare vor Augen, formulieren es sogar, um doch noch irgendwie zu signalisieren, dass sie für die eigene Klientel etwas unternehmen. Und sind somit so widersprüchlich und verwundbar, dass es für die Linkspartei ein Leichtes ist, sie vorzuführen.

"Wer abschreibt, hat kein eigenes Profil"

Klaus Brandner, der arbeitsmarktpolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, hatte am Donnerstag den undankbaren Job, das Verhalten der Genossen zu erklären. Er versuchte es tapfer-offensiv. Eine "Politshow" veranstalte die Linkspartei, "Mätzchen", schimpfte er. "Wer abschreibt", warf er der Lafontaine-Fraktion entgegen, "hat kein eigenes Profil"." SPD-Fraktionschef Peter Struck hatte in Interviews vorab offen zugegeben, dass man sich eben an die Koalitionsdisziplin halten müsse. So ein klares Wort blieb Brandner schuldig. "Wir stimmen nicht gegen den Inhalt des Antrags zum Mindestlohn", wand er sich. "Wir stimmen gegen die Show. Für Mätzchen sind wir uns zu schade." Am Montag, allerdings, da werde der Koalitionspartner, also die Union, sehen, dass man zu einem fairen Kompromiss kommen werde.

Ob es im Koalitionsausschuss tatsächlich zu einer Einigung kommen wird, ist freilich offen. Konsens besteht zwischen Union und SPD im Prinzip darüber, dass man das Entsendegesetz ausweiten will. Aber wie das en Detail aussehen soll, ist noch offen. Als echten Sieg wird die SPD keinen der möglichen Kompromisse verkaufen können. Denn alles, was mit der Union machbar ist, bleibt hinter den öffentlich propagierten und im Parlament abgelehnten Mindestlohn-Vorstellungen zurück. Die Linkspartei macht es der SPD zudem immer schwerer, das Thema später für den Wahlkampf nutzen zu können. Was, so hört man Lafontaine und Gysi schon fragen, sind denn die Versprechen einer Partei wert, die ihre eigenen Forderungen im Bundestag ablehnt?

Von Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
oscarherz (17.06.2007, 16:46 Uhr)
SPD-Politik?
Wer hat noch Vertrauen in die SPD.Unglaubwürdig, unsozial und unfähig. Die fachliche Inkompetenz dieser Politiker ist offentsichtlich.
weda_kong (17.06.2007, 15:59 Uhr)
@catchme
Du wirst höchstwahrscheinlich bei den nächsten Wahlen auf Bundesebene sehr, sehr wundern ... und bei wem bedanken wir uns dann? Natürlich ist die Linke nicht allein regierungsfähig aber da die SPD und die Grünen Stimmen verlieren werden - eben an die Linken - wird die nächste Regierung die Linken mit im Boot haben. Ob uns das gefällt oder nicht.
Und AUCH eben wegen solcher Vorkommnisse wie dieser unsäglichen Mindestlohndebatte. Oder glaubst du vielleicht, WIR, die auch in starkem Maße von diesen ungerechten Verhältnissen betroffen sind, werden dieses Verhalten der "Arbeiterpartei" vergessen? Ich weiß nicht ob dir klar ist, wieviel Wählerpotential die Unterschicht aufzubringen vermag ... sei froh wenn sie nicht ALLE ihre Wählerstimme abgeben!
Zwickau (17.06.2007, 15:56 Uhr)
Dies ist parlamentarische Opposition
Es sind die wenigen Momente im Parlament, die man genüsslich erlebt. Die Propagandamaschine der SPD läuft nicht mehr rund, ob das Wort zum Sonntag vom Beck oder Unterschriftensammlungen für das Hinhalten der Leute. Größere Sorgen macht mir der Nachwuchs in der SPD, wo in Hamburg ein Schrödervasall mit fast 70 Jahren installiert wurde, der Nachwuchs praktisch nicht existiert. Traurig. Vielleicht altern auch Parteien.
Oetker333 (15.06.2007, 19:08 Uhr)
Vorsicht!
Stimme Denimdemon voll und ganz zu!
Man sollte auch die anderen Parteien und deren Glaubwürdigkeit begutachten! Zum Beispiel sind in der CDU immer noch Betrüger (Roland Koch, Schäuble etc.) in Spitzenpositionen vertreten.
schoolar (15.06.2007, 09:14 Uhr)
Glaubwürdigkeit...
...in Verbindung mit Politik ist hier in D doch schon lange zu vergleichen mit dem Verhältnis von Feuer zu Wasser: Beides zusammen geht nicht! Die Liste kann doch beliebig fortgesetzt und vor allem beinah' täglich aufgestockt werden, man denke doch nur an die Sprüche aus der SPD zur MwSt-Erhöhung...! Und das WIR diese Regierung durch unsere Wahl so gewollt haben, ist ja wohl ein schlechter Scherz. Ich bin sicher, daß sich viele(!) Wähler den Gang zur Urne geschenkt und lieber die erwähnte Grillparty veranstaltet hätten, wenn ihnen vorher jemand gesagt hätte, daß ihr vertrauen in die jeweilige "Volkspartei" derart mißbraucht wird und in einer großen Koalition gipfelt. Neuwahlen wären die einzig richtige Konsequenz gewesen, aber da hatten unsere obersten Lobbyisten (= Politiker) wohl Angst, daß es dann nicht mehr zu einem Parlamentssitz oder gar der Regierungsbeteiligung reichen könnte. Also ich war auch immer überzeugter Wähler, um durch meine Stimmenthaltung nicht den "falschen" Kräften im Land Vorschub zu geben, aber nach den Erlebnissen der letzten Jahre (und da spielt es gar keine Rolle, ob wir von der Kohl- oder Schröder-Regierung sprechen) bin ich es leid, jedes mal auf's neue von den Regierenden verar...t zu werden. Und mal ehrlich, in einer Woche spätestens gibt es die nächste Posse, und niemand interessiert sich mehr für das aktuelle gebrochene Versprechen unserer Volksvertreter...
catchme (15.06.2007, 07:55 Uhr)
Ein schöner Werbegag ...
... hat die Linkspartei gelandet - mehr aber nicht ! Was Oskar aus der Tonne ... sorry, aus dem Saarland ( kam nicht auch Honneker aus dieser Gegend ? ) sehr gut kann, ist populistische Forderungen stellen und medienpräsent Werbung machen. Das Produkt allerdings ist dann auch nur sehr mäßig ... alles erinnert an eine Werbeunterbrechung im Fernsehen: schrill, zu laut und letztlich nur störend !
Extrasupergut (15.06.2007, 02:14 Uhr)
Sorry...
.. bis jetzt habe ich an jeder Wahl teilgenommen, bin meiner "Bürgerpflicht "nachgekommen, aber so langsam hab ich die Schnau**e voll.
Am nächsten Wahltag mache ich eine schöne Grillparty mit Freunden, dass bringt mir mehr als alles dumme und nur noch durch Lobby Arbeit durchdrungenene Gequatsche unserer "Volksvertreter"
Rosenengel (14.06.2007, 23:31 Uhr)
HeinzManfred, wer Arm ist, ist zwangsläufig Blöd?
Hier ein Satz aus Ihrem Beitrag:"Wenn die Abgeordneten nach ihrem Gewissen abstimmen sollen hat ein SPD keine Wahl ermuß dafür sein.".
Befassen Sie sich mal mit der Geschichte der Linkspartei (ehemaligen SED), deren Führungsrolle in der DDR, Gysis Rolle in dieser Partei zu DDR - Zeiten. Mit was für Löhne wurden die Arbeiter damals abgespeist? Alles was die Linkspartei/PDSED zu den angeblichen Rechten der Arbeiter von sich gibt, ist Augenwischerei. Und Oskar Lafontaine? War der nicht mal bei der SPD und ist dort nichts geworden? Bischen primitiv, jetzt bei der Linken/PDSED ein Sprungbrett zu suchen und dazu gegen seine ehemalige Partei zu hetzen. Aber solchen Politikern ist alles zuzutrauen. Erfolg und Macht geht über Gewissen und Anstand.
tripex (14.06.2007, 22:20 Uhr)
SPD oder CDU
Ob SPD oder CDU. Beide Parteien sind senil, zu eingesessen, haben laengst ihre urspruenglichen Ideale vergessen und agieren grundsaetzlich nach Koalitionsdisziplin. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das mal so richtig ans Licht kommt. Aendern wird sich leider trotzdem wenig. Fuer die meisten (Deutschen) gibt es nur eintweder oder.
Denimdemon (14.06.2007, 19:37 Uhr)
Wen interessiert...
...eigentlich was solche Pseudointelligenten wie ihr hier denkt und schreibt ?
Hauptsache mal wieder auf jemand einprügeln und an besten auf den aktuellen Sündenbock schlechthin!
Ich bin nicht bei der SPD oder irgendeiner anderen Partei - da besteht zuwenig Vielfalt in unserer politischen Landschaft.
Allerdings bin ich auch nicht so blauäugig und fress den Besen "der Linken".
Klar, ein gekonnter Schachzug der zurzeit größten Populisten im linken Lager, der (wie man ja hier sieht) bei einfachen und schlicht Gebildeten und Frustierten (d.h. dem Volk) absolut Wirkung zeigt.
Es ist ganz einfach: Die SPD ist in einer ACHTUNG(!) "Partnerschaft" mit der CDU in einer Regierung. Wie das so ist bei einer Partnerschaft (ob Ehe, Freundeskreis oder einem Geschäftspartner) hält man sich an seiner vertraglichen Abmachungen. Und da es eine(!) Regierung ist, die dummerweise aus 2 Volksparteien besteht, muss man wie in einer Ehe etc. immer erstmal alles absprechen. Ansonsten verliert man ja seine Glaubwürdigkeit und die Partnerschaft ist futsch.
Mir ist klar das jetzt viele denken...SPD ...Glaubwürdigkeit ??? Hä?! Wie geht das ?!
Da fragt nicht mich, da fragt mal schön euch oder eben das Volk denn die haben so gewählt das unsere 2 größten Volksparteien die Regierung stellen müssen.
Aber wenn ihr gleich dabei seid dann fragt euch doch noch "Glaubwürdigkeit?!" CDU (Steueraffäre), FDP (Guildomobil und Besserverdienerpartei), B90/Grüne (5€/1 Liter Sprit), Linke (SED Nachfolger) und NPD (da reicht der platz hier nicht).
Jaja...eine ganz schöne Fangfrage vom lieben Herrn Lafontaine an die SPD. Da würde mich aber trotzdem doch mal interessieren...Wenn Teile der SPD zugestimmt hätten im Bundestag, wie wäre das Gesetz durch den Bundesrat gekommen ohne die CDU die dort dominiert und die meisten Länder stellt ?
Jaja Herr Gysi und Herr Lafontaine aber is ja gut das das nicht zur Sprache kommt und "SPD-Bashing" z.Z. die Medien beschäftigt!
MfG
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