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Was kratzt es einen Kretschmann, wenn sich Beck berauscht

Treffen der grünen Urgewalten in Baden-Württemberg: Ministerpräsident Kretschmann und Ex-Außenminister Fischer machten Wahlkampf. Der stern befragte bei der Veranstaltung die Basis: Welche Rolle spielt der Fall Beck?

Von Patrick Bauer, Karlsruhe

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen

"Fehlverhalten eines Einzelnen": Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen

Wie das so sei, als grüner Ministerpräsident, wird er gefragt. "In der Opposition denkt man ja häufig, die Regierenden wollen nicht", antwortet Winfried Kretschmann. "Wenn du im Amt hockst, merkst du, man kann oft nicht." Gesetze, Verordnungen, Zwänge und Biegekräfte der Macht stünden auch ihm im Weg. "Man muss aufpassen, dass man sich nicht verbiegen lässt." Seit fünf Jahren regiert Kretschmann im einst so schwarzen Baden-Württemberg. Hält er noch zu seinen Idealen? Hat er den Job gut gemacht? Kommende  Woche, am 13. März, wird in in Baden-Würtemberg gewählt. Und pünktlich zur Hochphase des Wahlkampfs haben die Grünen einen Skandal im Hals: Der innenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Volker Beck, wurde mit Drogen erwischt.

Die Karlsruher Stadthalle ist gut gefüllt am Donnerstagabend, mehr als tausend Zuhörer sind gekommen. Nur am Rande und in den hinteren Reihen sind noch ein paar Plätze frei. Es ist  einer der seltenen Termine, die der Elder Statesman Joschka Fischer noch für seine Partei absolviert. Michael Zeiß, ehemaliger Chefredakteur des SWR, moderiert das Gespräch und der lässt Kretschmann und Fischer genügend Platz, um zu zeigen: Hier haben wir Grüne zwei, die können die Welt erklären, auch wenn sie komplex ist: europäische Herausforderungen, der drohende Austritt Großbritanniens, der Aufstieg der AfD. Die loben auch mal die Kanzlerin oder Steinmeier für ihre gute Arbeit. Die sind überparteilich anerkannt.

Historisch gute Umfragewerte

Sehr gemütlich sitzen sie da oben, auf der grün ausstaffierte Bühne, Kretschmann und Fischer. Es wird auch gewitzelt. "Herr Kretschmann, glauben Sie den Umfragen?", fragte Zeiß. "Ich glaube den Umfragen, so lange sie so gut sind", antwortete Kretschmann. Applaus. Lachen. Ob Joschka Fischer solche Ergebnisse für möglich gehalten habe? "Ganz ehrlich", antwortet er, "Nein!"

Die Umfragewerte sind historisch. Kretschmann könnte nicht nur das zweite Mal Ministerpräsident von Baden-Würtemberg werden. Die Grünen könnten mit 32 Prozent sogar vier Punkte vor der CDU landen, so meldete der ARD-Deutschlandtrend. Das einzige, was dieser Tage die Stimmung trüben könnte ist Becks Drogenaffäre. Aber die wird mit keinem Wort erwähnt. Kein Thema. Nicht auf dem Podium. Und Fragen aus dem Publikum sind nicht vorgesehen.

Desinteresse an Beck

Am Ende, die Besucher gehen schon, da traut sich dann eine Reporterin noch kurz: "Hat der Vorfall Auswirkungen auf die Wahl?" Nein, sagt Kretschmann: "Das glaube ich nicht. Es ist jetzt erst mal das Fehlverhalten eines Einzelnen. Das ist immer auch eine menschliche Tragödie, wenn einem sowas passiert. Das glaube ich jetzt nicht, dass die Menschen das übertragen auf eine Wahl oder die Grünen insgesamt. Insofern glaube ich nicht dass es große Auswirkungen auf die Wahl hat."

Selbst wenn das Publikum hätte fragen können: Die Besucher am Rande interessierte das Thema Volker Beck für ihre Wahlentscheidung nicht. Ein 52-Jähriger Karlsruher sagte: "Wenn ein Sportler dopt, dann schwöre ich auch nicht dem Verein ab." Eine Frau um die 40 sorgt sich eigentlich nur um eines: "Wenn die Medien das jetzt immer wiederholen, dann könnte das Auswirkungen auf Baden-Württemberg haben. Für meine Wahlentscheidung hat es das nicht."

Kretschmanns "positiver Schatten"

Hans Robert Hiegel, Architekt aus Karlsruhe, meint sogar: "Beck hätte jetzt eine kleine Pause machen sollen und Buße tun, aber seine Ämter behalten sollen. Er stand für eine sehr gute Israel-Palästina-Politik. Das geht jetzt verloren." Tobias Mangold, 21 Jahre und Mitglied der Grünen sagt: "Mich hat es nicht aus der Bahn geworfen. Ich glaube, die Flüchtlingskrise ist größer als das Drogenproblem eines Politikers. Kretschmann kann das positiv überschatten."

Bettina Lisbach, Grünen-Kandidatin aus Karlsruhe-Ost, sagt, sie hätte aus ihrem Wahlkreis noch keine Anfragen erhalten. "Ich glaube nicht, dass es die Wahl beeinflusst. Außer der Presse spricht mich keiner darauf an und harte Drogen sind auch kein landespolitisches Thema. Wir haben da eine klare Haltung: Die müssen verboten bleiben."

Topthema ist die Flüchtlingskrise

Kurt Becker, 59, kam extra aus Rheinland-Pfalz zur Veranstaltung. "Das war eine angenehme Veranstaltung, kein Wahlkampfgeschrei." Beck beeinflusse auch ihn nicht. "Parteien bestehen aus Menschen, und die machen eben Fehltritte."

Die Besucher sind dann auch mehr interessiert daran, wie Kretschmann in der Flüchtlingskrise regieren wird. Da versprach er: "In Krisen gehe ich auf Konsens. Das ist mein Prinzip." Um diesen Konsens gegen die AfD und für eine gemeinsame Flüchtlingspolitik zu erreichen, gehe er in Fragen des Asylrechts der CDU so weit entgegen.

Lob für die Kanzlerin

Da stimmt auch Fischer zu. Die Kanzlerin sei eine gute Krisenmanagerin. Der Vorwurf vieler, die Kanzlerin hätte Flüchtlinge fahrlässig eingeladen, halte er für Quatsch. "Was hatte sie denn machen sollen? Die Flüchtlinge waren in Budapest, ohne dass Angela Merkel auch nur einen Pieps gesagt hat", sagt Fischer. Lob für Angela Merkel von zwei grünen Urgesteinen und Applaus aus dem Publikum. Denen, die aber sagen, Kretschmann sei eigentlich ein Schwarzer, denen antwortet er einfach: "Das ist einfach Blödsinn."

Kretschmann zumindest werde sich dafür einsetzen, wie Merkel, die deutschen Grenzen auf keinen Fall zu schließen. "Bei uns gibt es ein klares Gefühl dafür, dass unsere Prosperität auf offenen Grenzen beruht. Wir haben in Baden-Württemberg fast 100.000 Grenzgänger." Grenzkontrollen für Baden-Württemberg - für Kretschmann wäre das eine Katastrophe. Beck ist da eine zu vernachlässigende Größe.

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