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"Ich hörte ihr Gelächter"

Im neuen stern schildert der Flüchtling Marwan Rahmani, wie Sicherheitsleute ihn misshandelten. Einige Wachleute in Burbach seien unter den Flüchtlingen verrufen gewesen.

Von M. Lauerer, P. Spalek und D. Stawski

  Marwan Rahmani: Der 28-jährige Nordafrikaner kam vor zwei Monaten in das Flüchtlingsheim in Burbach.

Marwan Rahmani: Der 28-jährige Nordafrikaner kam vor zwei Monaten in das Flüchtlingsheim in Burbach.

Er war ein leichtes Opfer für die Wachleute. Nicht einmal 60 Kilo schwer. Marwan Rahmani steht vor dem Flüchtlingsheim in Burbach. Der Pulli hängt schlaff an seinem dünnen Körper. Ein Nordafrikaner, 28 Jahre alt, der sein Leben lang von Deutschland träumte, von gutbezahlten Jobs, schnellen Autos. Der sich auf dieses Land gefreut hatte. Bis er vor mehr als zwei Monaten ins Heim nach Burbach kam.

Marwan Rahmani ist jetzt wohl der bekannteste Flüchtling Deutschlands. Ein Bild machte ihn berühmt. Es hat die Welt schockiert: Rahmani auf dem Boden, über ihm ein massiger Wachmann mit kahlgeschorenem Kopf, der seinen Stiefel in Rahmanis Nacken drückt.

Zum ersten Mal hat sich nun der Flüchtling zu dem Vorfall geäußert. Der stern traf ihn in Burbach, begleitete ihn mehrere Tage. Rahmani ist ein aufgewühlter junger Mann, verunsichert über das, was um ihn herum passiert: Die vielen Schlagzeilen, die vielen Politiker, die vielen Journalisten.

Im aktuellen stern schildert Rahmani, wie es zu dem Vorfall kam. Es war der 15. August, ein Freitagabend. Er sei mit Mitbewohnern auf seinem Zimmer gewesen. Er berichtet, dass viele Flüchtlinge nachts Flaschen auf die Fensterbank stellten, um die Getränke kühl zu halten. Eine dieser Flaschen, sagt Rahmani, sei gegen 22 Uhr heruntergefallen. Daraufhin hätten die Wachleute sein Zimmer gestürmt, ihn auf den Gang der alten Kaserne gezerrt und getreten. Mit Handschellen gefesselt hätten sie ihn ins Zimmer gebracht und dort misshandelt. "Ich hörte ihr Gelächter", sagt Rahmani.

stern-Recherchen belegen, dass es einige Minuten später einen Polizeieinsatz im Flüchtlingsheim gab. Die Beamten führten Gespräche mit den Sicherheitsleuten. Nach Informationen der Siegener Staatsanwaltschaft nahmen sie auf, dass Rahmani randaliert habe. Er selbst habe sich, sagt er, aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse gegenüber den Polizisten nicht verständigen können.

Gegen die mutmaßlichen Täter wird inzwischen wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Einer von ihnen, der Siegerländer Markus H., widerspricht Rahmanis Darstellung bis heute. Rahmani habe randaliert, sagte er. Er räumt aber ein, dass ein Kollege den Flüchtling geschlagen und getreten habe. "Ich schäme mich", sagt Markus H.

Einige Wachleute waren unter den Flüchtlingen verrufen. Sie hätten auf den Gängen mit Schlagstöcken und Pfefferspray posiert. Ständig sei bei allen Bewohnern die Angst vor Gewalt da gewesen, sagt Rahmani.

  Dieses Foto von der Misshandlung Marwan Rahmanis ging durch die Medien. Es wurde Mitte August aufgenommen.

Dieses Foto von der Misshandlung Marwan Rahmanis ging durch die Medien. Es wurde Mitte August aufgenommen.

Im neuen stern geht der Flüchtling auf viele Details des Vorfalls ein, auf seine Herkunft und seinen Weg nach Europa. Er beschreibt auch, wie er vergeblich versuchte, sich bei der Heimverwaltung zu beschweren und seine Misshandlung anzuzeigen.

Der Betreiber des Heims, die Firma European Homecare, äußerte sich nicht gegenüber dem stern. Anfang dieser Woche ließ die Siegener Staatsanwaltschaft die Büros des Unternehmens durchsuchen, weil es Hinweise darauf gibt, dass Mitarbeiter von European Homecare von den Taten der Sicherheitsleute in den sogenannten "Problemzimmern" wussten.

Trotz allem, was ihm widerfahren ist, sagt Marwan Rahmani: "Ich will hier bleiben!" Erst Ende vergangener Woche stellt er formal Antrag auf Asyl.

Eine Analyse über das Chaos in der deutschen Asylpolitik...

... lesen Sie im neuen stern, der am Donnerstag erscheint.

Dominik Stawski/print
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