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16. April 2008, 15:42 Uhr

"Ein Fall von Gammelhirn"

Erst Lidl. Nun Penny, Tegut, Plus oder Norma: Der Bespitzelungsskandal in der deutschen Wirtschaft nimmt nach Recherchen von stern und stern.de immer größere Züge an. Politiker verschiedener Parteien drohen nun mit rechtlichen Konsequenzen. Von Sebastian Christ

Fast alle großen Discounter sind von den nun bekannt gewordenen Fällen betroffen© Norbert Millauer/ddp

Die Landesdatenschutzbeauftragte von Nordrhein-Westfalen, Bettina Sokol, kündigte an, gegen die Discounter vorgehen zu wollen. "Wir können vor Ort kontrollieren und natürlich auch Bußgelder verhängen. Wenn es strafrechtlich relevant wird, stellen wir einen Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft. Unser Ziel und unsere Aufgabe ist es, dem Datenschutz zur Durchsetzung zu verhelfen."

In Sokols Zuständigkeitsbereich fällt unter anderem die Supermarktkette Plus. Die Datenschützerin forderte zudem die Landesregierung auf, mehr Mittel für den Kampf gegen Mitarbeiterbespitzelung bereit zu stellen. "Was da jetzt ans Licht kommt, ist wohl nur die Spitze eines Eisbergs. Wie mit den Persönlichkeitsrechten der Beschäftigten umgegangen wird, muss als skandalös bezeichnet werden. Für echten Schutz der Beschäftigten müssen ihre Rechte gestärkt werden und die Datenschutzbehörden besser ausgestattet sein. Hier in Nordrhein-Westfalen wird mir jedoch leider das Personal jährlich gekürzt."

Ihre hessische Kollegin Renate Hillenbrand-Beck dagegen, Leiterin des Dezernats Datenschutz beim Regierungspräsidium Darmstadt, wusste noch nichts von den aktuellen Fällen. Sie wäre für Penny zuständig. "Uns liegt nur eine Mitteilung aus Bremen vor, dort soll es Videoüberwachung ohne ausreichende Kennzeichnung gegeben haben." Für eine weitergehende Stellungnahme sei es zu früh.

Der SPD-Wirtschaftsexperte Rainer Wend kritisierte die Geschäftspolitik der Discounter scharf. "Offensichtlich meinen diese Unternehmen, ihre Mitarbeiter mit Billigstlöhnen abspeisen zu können. Dann müssen sie die Menschen natürlich überwachen, statt sie positiv an das Unternehmen zu binden." Das "System" trage Züge von "Terror und Verletzung der Privatsphäre".

"Eine neue Dimension"

Die nun bekannt gewordenen Fälle hätten eine neue Dimension erreicht, in der "Anstand und Respekt vor der Privatsphäre keine Rolle mehr spielen". Vorgesetzte und Unternehmer hätten sich "aufgespielt zu jemandem, der über die gesamte Persönlichkeit der Mitarbeiter forscht".

Herbert Schui, Wirtschaftsexperte der Linken, vermutet noch viel mehr Fälle von Mitarbeiterbespitzelung in der Wirtschaft. "Die aufgedeckten Fälle schließen ja nicht aus, dass es anderswo auch so ist. Das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht." Schui erkennt in den vorliegenden Fällen eine "Logik in der Mitarbeiterführung". Es sollten augenscheinlich gezielt Informationen gesammelt werden, um Mitarbeiter aus prekären Beschäftigungsverhältnissen zu übernehmen oder zu entlassen. "Wenn sich ein BWL-Rotzlöffel so ein System ausdenkt, wäre es jedenfalls schlüssig." Der Bundestagsabgeordnete möchte nun Betroffenen aus seiner norddeutschen Heimat bei einer eventuellen Klage helfen. "Natürlich möchte ich diese Leute unterstützen. Wir werden prüfen, was wir da tun können", sagte Schui.

"Etwas ganz, ganz Ekliges"

"Aus meiner Sicht ist das ein Fall von Gammelhirn", sagt Willi Zylajew, CDU-Bundestagsabgeordneter und Vorstandsmitglied der Arbeitnehmergruppe seiner Partei im Bundestag. "Das ist etwas ganz, ganz Ekliges." Zylajew forderte, die betroffenen Firmen zur Rechenschaft zu ziehen. "In dieser Sache wird wieder viel geeiert. Solch eine Überwachung muss geächtet und bestraft werden." Außerdem rief Zylajew die Verbraucher auf, bewusster einzukaufen. "Es hat auch etwas mit dem Druck zu tun, den wir selbst ausüben können. Da müssen wir uns auch an die eigene Nase packen."

Das Innenministerium fühlte sich für eine Stellungnahme nicht zuständig, das Sozialministerium wollte sich nicht äußern.

Von Sebastian Christ
 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
Lekec (18.04.2008, 11:19 Uhr)
Lidl ist überall
Lidl ist überall
Nicht nur beim discounter ist das BDSG unbekannt. Auch beim Chip Hersteller NXP-Semiconductors,Hamburg,Entwickler und Hersteller von z.B. dem E-Pass Chip werden Mitarbeiterrechte mit Füssen getreten. Beurteilungsdaten sind auf dem PC gespeichert worden,Angaben aus dem Privatleben der Mitarbeiter wurden auf dem PC gespeichert,und es wurden extra Ordner auf dem PC über mißliebige Mitarbeiter angelegt. Der Datenschutzbeauftragte dieses Betriebes hat es leider bis huete nicht geschafft seiner Gesetzespflicht nachzukommen und die
Vorgestzten auf dieses Gesetz zu verpflichten.
Also ich würde mir keinen E-Pass andrehen lassen,der durch die Hände von Datenkriminellen gegangen ist.
Pamela_1971 (17.04.2008, 13:49 Uhr)
Eine Runde Fußfesseln... und Knebel!
Ich möchte auch noch kreative Ideen zur betrieblichen Produktivitäts- und Effizienzsteigerung beitragen: ich schlage vor, Kassen-MitarbeiterInnen in Supermärkten grundsätzlich während der Arbeitszeit zu knebeln bzw. ihnen den Mund zuzukleben, damit sie keine Gespräche mehr führen können. Das erspart dann auch schon wieder Detektivkosten in nicht unbeträchtlichem Umfang, da damit die Protokollierung privater Gesprächsinhalte komplett entfällt!
Lou123 (17.04.2008, 11:34 Uhr)
@endbenutzer
Hehe,
ich sehe gerade, du hattest die gleiche Idee mit der Fussfessel.
Jungs, ich schmeiss ne Runde Fussfesseln!
endbenutzer (17.04.2008, 10:58 Uhr)
@botoxia:
"..Das ist halt deren Job. Jeder denkt halt nur an sich, jeder. Ihr "euch-hier-Aufreger" doch auch.."
.
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Mit diesem Argument arbeiten auch Drogendealer und Zuhälter äußerst erfolgreich. Immer schön relativieren , damit die heile Welt nicht zusammenbricht..
Lou123 (17.04.2008, 10:56 Uhr)
@endbenutzer
"Wenn man hier...
...die zustimmenden Kommentare zur Bespitzelung durchliest muss man sich nicht wundern, wenn Schäuble und Co sich immer neue Methoden zum mithören ausdenken."
Ich verstehe auch nicht so ganz wieso hier viele sagen, das es ja schon immer so gewesen ist und man sich nicht so künstlich aufregen soll...
Ich persönlich fände Überwachung störend und meinem Verhältnis zur Arbeit und Arbeitgeber nicht im geringsten zuträglich. Ich käme mir vor wie ein Sklave. Fehlt nur noch der Aufseher mit der Peitsche.
Eine Arbeitgeber/nehmer Beziehung sollte immer auf gegenseitigem Vertrauen beruhen und nicht von vorneherein auf Mißtrauen aufbauen.
Wenn den anderen das egal ist, sollten se sich ne Webcam am Arbeitsplatz installieren und dem Chef die Zugangsdaten geben. Am besten auch Zuhause in sämtlichen Räumen, weil man ja nix zu verbergen hat. Ist ja eh egal. Oder dem Arbeitgeber seine Privat-Festplatte geben, damit der mal nachsehen kann, ob man keine Firmendaten darauf hat.
Vielleicht noch ne Fussfessel mit Sender um zu sehen, ob der Sklave nicht seine Zeit am Wochende in der Disko mit alkoholischen Getränken verschwendet anstatt sich für die Arbeit richtig auszuschlafen. Ne gute Idee wäre auch dem Arbeit geber seine Krankenakte zu geben, damit er immer sofort informiert ist, falls sich ein langfristiges Zipperlein ankündigen könnte. Oder auf dem Klo ne Kamera damit dort keine ungebührlich lange Zeit verbringt. Kotproben wäre auch nicht schlecht.
Also wirklich...wenns ja eh egal ist und schon immer so ist, warum machen wir das dann nicht gleich richtig?
botoxia (17.04.2008, 10:42 Uhr)
Keiner will seinen Job verlieren
Auch die Detektive nicht. Also schnüffeln sie, spionieren und geben die gesammelten Informationen an ihre Chefs weiter. Das ist halt deren Job. Jeder denkt halt nur an sich, jeder. Ihr "euch-hier-Aufreger" doch auch.
endbenutzer (17.04.2008, 10:35 Uhr)
@datenbaer:
"...Mit Minilöhnen wird man niemals das beste Personal bekommen und in manchen Fällen ist ein gesundes Mißtrauen daher durchaus berechtigt...."
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Aha! Minilohnempfänger sind also schon von vornherein verdächtig. Minilohnempfänger sind notorische Diebe, die rund um die Uhr bewacht werden sollten. Am besten mit elektronischer Fußfessel - rein prophylaktisch. Am besten sollte man Minilohnempfängern gar keinen Lohn mehr zahlen, sondern ihre Arbeit mit Nahrung vergüten, denn am Ende kaufen sie sich noch Unsinn für das verdiente Geld. Was geht eigentlich hier gerade ab?
Reality (17.04.2008, 10:15 Uhr)
Heute läßt sich kein Druck mehr von den Konsumenten ausüben...
weil es einfach nicht mehr möglich ist.
Es ist deswegen nicht mehr möglich, weil es nur noch wenige große Ketten gibt.
Die Anzahl der Anbieter bei denen Otto Normalverbraucher einkaufen gehen kann, kann man bereits an einer Hand abzählen.
So und wenn diese Anbieter sich einig sind, und das sind sie bekanntlich, (sieht man an der Preisgestaltung bereits sehr deutlich) kaum noch Unterschiede bis auf wenige Cent an den einzelnen Preisen.
Nein der Zug ist bereits in Richtung Kapital abgefahren.
Jetzt kann nur noch die Politik, falls sie nicht auch schon bereits unterwandert von diesen Anbietern ist, regulierend eingreifen.
Es ist schon sehr weit gekommen in diesem Staat.
Hier an diesen Machenschaften, wird sich wohl die Glaubwürdigkeit des demokratischen Rechtsstaates beweisen müssen.
Es sieht schlecht aus und ich würde keine Wette darauf eingehen, daß sich die Lage nochmals verbessern wird.
Die Lobbyisten haben zu viel schon zu sagen und irgendwelche demokratischen Abstimmungen scheinen nur noch Makulatur zu sein im Dienste der Lobbyisten.
endbenutzer (17.04.2008, 10:12 Uhr)
Wenn man hier...
...die zustimmenden Kommentare zur Bespitzelung durchliest muss man sich nicht wundern, wenn Schäuble und Co sich immer neue Methoden zum mithören ausdenken. Scheint ja alles nicht so schlimm zu sein. Und das mit der Freiheit des Einzelnen ist auch nicht so wichtig, solange die Annehmlichkeiten des Lebens erhalten bleiben..
datenbaer (17.04.2008, 09:50 Uhr)
Wen schützt man denn?
Es gibt ein Mißverhältnis in vielen Branchen zwischen dem, was man von einem Mitarbeiter erwartet und dem, was man bereit ist, ihm dafür zu bezahlen. Mit Minilöhnen wird man niemals das beste Personal bekommen und in manchen Fällen ist ein gesundes Mißtrauen daher durchaus berechtigt. Die Zahl der Mitarbeiterdiebstäle ist schon enorm hoch, das darf man nicht vergessen. Sicherlich sind geheime Videoüberwachungen der Privatsphäre ein Unding, das nicht sein darf. Dennoch muß man immer bedenken, wen man dabei schützt und ob man letztendlich dabei immer die richtigen trifft.
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