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22. Januar 2007, 14:36 Uhr

"Sie wird nie wieder töten"

Seit 24 Jahren ist die RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt im bayerischen Aichach inhaftiert. Eine sehr lange Zeit, in der sie ihre Ansichten verändert hat, sagt ihr Gefängnisleiter Wolfgang Deuschl im stern.de-Interview.

Die RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt war 1977 am Anschlag auf den Generalbundesanwalt Siegfried Buback beteiligt© DPA

Brigitte Mohnhaupt sitzt seit 24 Jahren in Ihrem Gefängnis ein. Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie nun ihren Bewährungsantrag und ihren Auftritt beim Stuttgarter Oberlandesgericht?

Es wurde ja festgelegt, dass sie wegen der besonderen Schwere der Schuld eine Mindesthaftstrafe von 24 Jahren verbüßen muss. Das Gericht muss heute ihre Prognose bewerten. Ich wünsche ihr natürlich viel Glück. Aber gehe davon aus, dass sie gute Chancen hat, bald entlassen zu werden.

Sind Sie für ihre Freilassung?

Grundsätzlich verhalte ich mich neutral. Aber ich meine, dass 24 Jahre eine sehr lange Zeit sind und als Strafe ausreichen.

Wie hat sie sich denn in diesen Jahren verändert?

Zum einen hat sich natürlich die Gesellschaft verändert. Als Frau Mohnhaupt 1982 festgenommen wurde, gab es keine Handys, keine Scheckkarten. Doch es ist ein großer Unterschied, ob man so etwas nur aus Zeitung und Fernsehen mitbekommt oder selber erlebt. Aber jeder Mensch entwickelt sich natürlich in 24 Jahren weiter und vertritt heute andere Ansichten als damals.

Ist das bei Frau Mohnhaupt der Fall?

1992 haben die verbliebenen RAF-Mitgliedern erklärt, dass ihr Kampf vorbei sei. Frau Mohnhaupt hat sich diesen Ausführungen angeschlossen. Sie hat sich in den vergangen Jahren sicher mit ihren Taten beschäftigt, sich Gedanken darüber gemacht, was passiert ist, warum sie im Gefängnis sitzt und wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Und es ist bekannt, dass sie nicht mehr an den damaligen radikalen Vorstellungen hängt.

Bereut sie ihre Taten?

Sie wird ihre Taten nicht rechtfertigen. Aber sie wird sicher auch nicht mehr behaupten, dass sie richtig waren. Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass sie nie wieder etwas Vergleichbares machen wird. Sie wird keinen Menschen mehr töten, nicht mehr straffällig werden. Diese Zeiten sind vorbei.

Wie oft hatten sie in den vergangenen Jahren Kontakt zu ihr?

Das ist unterschiedlich. Als ihre Mutter Ende der 90er Jahre krank war und dann 2003 gestorben ist, haben wir häufiger miteinander gesprochen. In der letzten Zeit ist der Kontakt zwangsläufig, da wir ungefähr 650 Gefangene haben, weniger geworden.

Was haben Sie in den vergangenen Jahren für einen persönlichen Eindruck von Frau Mohnhaupt bekommen?

Als sie zu uns kam, bin ich ihr offen und unvoreingenommen begegnet. Sie ist heute ein ruhiger, selbstbewusster, hilfsbereiter Mensch. Sie ist anerkannt unter den Häftlingen. Und ich kann sagen, dass sie mir durchaus nicht unsympathisch ist.

Hat sie sich denn Ihnen gegenüber geäußert zu ihrer möglichen Haftentlassung und wie sie sich ihr Leben in der Freiheit vorstellt?

Dazu möchte ich nichts sagen. Diese Dinge wurden auf einer vertraulichen Ebene besprochen.

Wurde denn eine mögliche Entlassung vorbereitet?

Natürlich wird so etwas vorbereitet. Wir haben natürlich viel mit der Gefangenen über die Zukunft gesprochen. Wir haben zudem mit Frau Mohnhaupt seit 2000 häufig Ausführungen unternommen. Bei diesen hat sie, begleitet von einer Betreuerin, Freunde und Verwandte besucht und war öfters bei ihrer kranken Mutter.

Wie hat sie sich bei diesen Ausgängen verhalten?

Ich will über diese persönlichen Details nichts erzählen.

Ist so jemand nach so langer Zeit im Gefängnis lebensfähig?

Das würde ich nicht ausschließen. Ich habe viele Häftlinge erlebt, die nach 17 oder 18 Jahren entlassen wurden und sich sehr gut und schnell wieder in die Gesellschaft integriert haben. Ich denke, dass auch Frau Mohnhaupt im wirklichen Leben zurechtkommen wird. Aber sie wird in der Anfangszeit schon Probleme haben, auch, weil sie ein so begehrtes Objekt für die Medien ist. Zudem sind 24 Jahre natürlich schon eine sehr lange Zeit. Sie wird sich nicht leicht tun, bei der derzeitigen Arbeitsmarktlage und in ihrem Alter von 57 Jahren einen Job zu finden.

Hat sie im Gefängnis eine Lehre gemacht?

Nein, hat sie nicht. Wir hätten ihr zwar eine Bäcker- oder Schneiderlehre anbieten können. Warum sie es nicht wollte, weiß ich nicht.

Haben Sie ihr Hilfe bei der Lebensplanung angeboten?

Generell muss jeder selber wissen, was er vorhat. Wir können nur jemand helfen, wenn er Hilfe will. Natürlich werden wir ihr bei der Jobvermittlung und der Wohnungssuche helfen. Frau Mohnhaupt selber hat aber den Wunsch geäußert, nach der Haft zunächst etwas Abstand zu gewinnen. Denn sie ist sich darüber bewusst, dass sie ein begehrtes Objekt für die Medien ist. Sie hat gesagt, dass sie wenig Lust hat, ein Interview nach dem anderen zu geben und sich von Sender zu Sender schleifen zu lassen.

Halten Sie das Strafmaß von Frau Mohnhaupt für angemessen?

Ich akzeptiere die gesetzlichen Regelungen, was die Dauer einer Inhaftierung bei einer lebenlangen Freiheitsstrafe und die Beurteilung der besonderen Schwere der Tat betrifft.

Sie haben und hatten mit vielen Häftlingen zu tun. Aber ist Brigitte Mohnhaupt trotzdem ein besonderer Fall für Sie?

Von der Art der Delikte, der Motivation der Taten und der Dauer der Inhaftierung ist sie sicher keine alltägliche Inhaftierte.

Was wünschen Sie Frau Mohnhaupt, wenn Sie entlassen wird?

Das sie sich so schnell wie möglich zurechtfindet und im wirklichen Leben klarkommt.

Wolfgang Deuschl ist seit 1980 Leiter der Justizvollzugsanstalt Aichach. Seit ihrer Verurteilung im Jahre 1983 verbüßt die RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt (57) in Aichach ihre Haftstrafe wegen ihrer Beteiligung an den Morden an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Sie wurde zu fünfmal lebenslänglich plus 15 Jahre verurteilt. Heute wird sie Richtern des Stuttgarter Oberlandesgerichts vorgeführt, Anfang Februar wird das Gericht entscheiden, ob Mohnhaupt auf Bewährung entlassen werden kann.

Abstimmung

Sie sind dafür, dass Brigitte Mohnhaupt vorzeitig aus der Haft entlassen wird?

Abstimmen Ergebnis anzeigen
Interview: Malte Arnsperger
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
Simone80 (24.02.2007, 13:10 Uhr)
Monster?
Ich kann mich Juckpulver nur anschließen.Natürlich ist der Mord an Herrn Schleyer inakzeptabel, allerdings ist seine SS-Vergangenheit auch fragwürdig. Sie als Monster zu titulieren, finde ich gewagt. Meiner Ansicht nach,hat sie die Strafe verbüßt und muss wie jeder anderer Täter behandelt werden, wenn wir uns dem Prinzip des Rechtsstaates anschließen wollen.Ich wünsche ihr alles Gute.
Liebe Grüße
Juckepulver (23.01.2007, 19:59 Uhr)
Kann nur Ja zur freilassung sagen
1. Für ein Tötungsdelikt gleich welcher Art kann es in welcher Form auch immer nie eine befriedigende Strafe geben die mit dem Grundgesetz vereinbar wäre.
2. Rache ist eine starke aber auch eine unbrauchbare Antriebsfeder
3. Stärke zeigt der, der bereit ist in angemessener Form Straftäter zur Reue zu bewegen UND bereit ist dann auch zu vergeben.
4. Wie es bei Sexualstraftätern erkennbar wird , kann es nie eine absolute Sicherheit geben.
Und da wird es schwer akzeptable Grenzen zu ziehen.
Ich bin kein Christ oder einer anderen Religion Angehöriger, aber das christliche Prinzip der Vergebung sollte man anwenden. Nur einem wie auch immer gearteten "Gott" obliegt die endgültige Beurteilung.
Wünsche daher Frau Mohnhaupt alles Gute für den Rest ihres Lebens.
Hoffentlich gelingt es dem Staat ihr einen anonymen Weg ( neuer Name ? ) zu ebnen.
Ein Ratschlag zum "rumreichen bei Sendern" :
keiner ist gezwungen ja zu sagen!!
blendaxx (23.01.2007, 13:28 Uhr)
Freilassen ?
Da stellt sich doch die Frage was ist wirklich besser für Fr. M. ? : Ein gewachsenes Umfeld wo man als festes Bestandteil integriert ist oder eine Zivilisation, die gnadenlos daraufhaut, wenn man stolpert !
catchme (23.01.2007, 09:59 Uhr)
Antwort an " mercury "
Der letzte Satz " lieber Stern bleibe dran an der Geschichte " ist überflüssig ! Der Stern hat sich schon immer für inhaftierte Verbrecher eingesetzt und deren Freilassung maßgeblich beeinflußt: so wurde ein Sexualstraftäter erst durch den öffentlichen Druck der Stern-Redaktion freigelassen - und hat wieder gemordet !
Wir sollten also eher Angst und Vorsicht haben, wenn der Stern " dranbleibt " ...
mercury (23.01.2007, 08:50 Uhr)
Gnade
Mir dreht sich der Magen um,wenn ich lese, wie so ein Monster beschrieben wird...ruhig, selbstbewußt, hilfsbereit...das waren auch Attribute von Herrn Schleyer..Mohnhaupt und Klar möchten Gnade von dem Land, das sie bereit waren, zu zerstören, von der Institution, die sie bereit waren, zu töten - 5 und 6 mal lebenslänglich, hier sollten nicht einmal daran gedacht werden, solche Monster früher frei zu lassen.
Lieber Stern, bitte bleibe dran an dem Thema ! Beste Grüße
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