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10. Februar 2007, 18:25 Uhr

Kalter Wind in Diplomaten-Gesichter

Die Beobachter sprechen schon vom Beginn eines "neuen kalten Krieges". Ziemlich brüsk und reichlich undiplomatisch hat Russlands Präsident Wladimir Putin auf der Münchner Sicherheitskonferenz sein Bild von der Weltlage geschildert. Worte, die so deutlich nur wenige hören wollten. Von Bettina Sengling

Drohgebärden hin oder her: "Dies ist nur eine Konferenz", stellt Putin nüchtern fest© Dimitri Astakhow/AFP

Die Stimmung ist schon mal lustiger gewesen unter den russischen Journalisten. "Wir arbeiten hier unter sehr harten Bedingungen!", klagt ein Fernsehkorrespondent, der aus Moskau zur Münchner Sicherheitskonferenz angereist ist. In der Pause lauert er an der Konferenztür und versucht im Nahkampf, der vorbeieilenden Polit-Prominenz sein Mikro vor den Kopf zu halten.

Die Flasche Cola für vier Euro

Journalisten und Politiker führen getrennte Leben während solcher Veranstaltungen, alles Routine für den russischen Fernsehrmann. Viel schlimmer für ihn: Kein Essen, kein Kaffee und ein Fläschchen Cola kostet im feinen "Bayerischen Hof" vier Euro. Langweilige Reden, lästert er, viel Diplomatie. Nichts, was die Stimmung bessert. Nichts, wäre da nicht Präsident Wladimir Putin, dessen Rede den Diplomaten ins Gesicht bläst wie ein kalter und frischer Wind.

Schon seine Anreise sorgte für Aufsehen. In langer Mercedes-Limousine fuhr Putin vor dem "Bayerischen Hof" vor, begleitet von einem Dutzend Sicherheitsleuten mit Waffen im Anschlag. Im "Kaisersaal" kam er gleich zur Sache, keine Sätze, die sich in höflichen Allgemeinheiten erschöpften. "Diese Konferenz gibt mir die Möglichkeit, ihnen zu sagen, was ich wirklich über die Sicherheit auf der Welt denke", begann der Präsident seine Rede am Morgen. Das sei ja das Gute an einer Konferenz: Man brauche nicht in angenehmen, aber leeren Phrasen zu reden. Er hoffe, dass der Vorsitzende der Konferenz, Horst Teltschik, ihm nicht gleich das rote Licht einschalte und das Mikro abdrehe.

Bestreben nach monopolarer Weltordnung

Es gebe das Bestreben einer monopolaren Weltordnung, so Putin. Die Welt könne aber nicht nur ein Zentrum und einen Herrscher haben. Die USA überschreite ihre Grenze und dränge ihre Normen in der Wirtschaft, der Politik und auf humanitärem Gebiete anderen Staaten auf, sagte Putin. Russland werde ständig belehrt, wie Demokratie auszusehen habe. Aber die vermeintlichen Lehrer befolgten die Gesetze der Demokratie selbst nicht. "Ich möchte das unterstreichen", sagte Putin. "Niemand fühlt sich in Sicherheit!" Viele Staaten lehnten zwar die Todesstrafe ab, seien aber bereit, an militärischen Operationen teilzunehmen, die man nicht legal nennen könne. Das internationale Recht zähle nicht mehr. Das Wettrüsten werde beschleunigt. Es gebe immer mehr bewaffnete Konflikte und mehr Tote.

Putin kritisierte die Nato-Osterweiterung. Mobile Nato-Basen seien in Bulgarien und Rumänien entstanden, entgegen der Vereinbarungen mit Russland. Die Bedrohung heute gehe von Terroristen aus. Dennoch schiebe die Nato militärische Infrastruktur an die russische Grenze. Das richte sich angeblich nicht gegen Russland. "Wir haben Waffen, die dieses System überwinden können", rief Putin. "Und die sind auch nicht gegen die USA gerichtet und nicht gegen die Nato!" Während des Kalten Krieges habe es eine Balance der Kräfte gegeben. "Das System war zerbrechlich, ein bisschen schrecklich, aber verlässlicher als die Welt heute!"

Fragen nach Menschenrechten, Tschetschenien und mangelnder Demokratie wischte Putin routiniert vom Tisch. Er kritisierte die OSZE und Menschenrechtsorganisationen, die sich im Auftrag einzelner Regierungen in die Angelegenheiten fremder Staaten einmischten. "Russland hat eine mehr als tausendjährige Geschichte", sagte der russische Präsident. "Und wir haben die Tradition einer unabhängigen Außenpolitik." Manche Gesichter im Saal wirkten wir versteinert nach der Sturmrede des Russen.

Die folgenden Beschwörungen der "wichtigen Partnerschaft zu Russland" wirkten ein wenig hilflos. Sehr anregend sei das gewesen, sagte Horst Teltschik. Die russischen Bedenken zur Nato-Erweiterung und dem Anti-Raketensystem müssten ausgeräumt werden, empfahl Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, lobte immerhin die Offenheit des Präsidenten. "Ich kann die Enttäuschung über Putins Rede nicht verbergen", erklärte Jaap de Hoop Scheffer, Generalsekretär der Nato. Wenn die Nato an die Grenze zu Russland vorrücke, bedrohe das trotzdem nicht Russland.

"Dies ist nur eine Konferenz"

"Vielleicht werden sich später Historiker an die 43. Sicherheitskonferenz erinnern als den Beginn des neuen Kalten Krieges", fürchtete Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit". Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Wie sagte Putin? "Dies ist nur eine Konferenz".

Von Bettina Sengling
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
fanator72 (12.02.2007, 07:03 Uhr)
erkennbare Möglichkeiten?
Jaja, daß der Herr Putin nun auch nicht gerade der Erfinder der Demokratie ist, muß hier wohl nicht ständig heruntergebetet werden, denn, das ist klar.
Aber ging es denn darum?
Nein. Es ging nicht darum, ob Amerika oder Russland eine Vormachtstellung haben sollen, sondern explizit um die Ausführungen des russischen Staatschef´s.
Und der spricht einfach die Wahrheit aus.
Nämlich daß Herr Bush mit seinen Lobbyisten mehrere wichtige Schwellen im Demokratieverständnis überschritten hat und mit seiner gefährlichen Außenpolitik die internationalen Beziehungen bis zur Zerreißgrenze strapaziert.
Das läßt sich auch mit sinnlosen Vergleichen nicht egalisieren.
phoenixbios (12.02.2007, 04:12 Uhr)
nochmals Wahrheit
Als ehemaliger Staatsbürger des Landes vom W. Putin möchte ich allen, die sich auf die Seite des Russen- Führers stellen, eins anmerken- seid froh, das ihr Russland nur aus dem Fernsehen, Presse oder höchstens von einer Reise kennt. Bevor Herr Putin unkontrolliert die vereinigte Staaten und die Europäische Union kritisiert, soll er zuerst die Probleme der Versorgung der eigenen Bevölkerung lösen. Die durchschnittliche Lebenserwartunf eines Mannes in Russland liegt bei 58 Jahren. Die Korruption hat einen Ausmaß, welchen für ein Europäer nie begreifen wird. In den sibirischen Städten platzen akkurat zum Winteranfang die Rohre der Zentralheizung, weil seit Jahrzenten ohne Wartung. Dafür fahren die Gouverneure und Bürgermeister alle nur Mercedes (was man im Sinne der Sicherung der nicht verlagerten Arbeitsplätze in Deutschland, eher positiv sehen muss). Der russische Staat hat im Laufe seiner tausendjährigen Existenz (O- Ton Putin) Verbrechen gegen die Völker begangen, Genozid betrieben... seien es die "Umsiedlung" der Tschetschenen, Juden oder auch Departation der Deutschen nach Kasachstan oderwiederum nach Sibirien. Und so einem land wird Recht zugesprochen? Putin hat in einer sache Recht- es gibt mehr Konflikte in der Welt als früher. Nict die USA oder Europa und deren "monopolare" Weltherrschaft sind aber daran schuld, sondern das russische Waffenlobby und folglich auch der russische Staat selbst, dnn die ganze Rüstungsindustrie liegt in dessen Händen. Erstaunlich, aber die Separatisten im Irak, palästinensische Extremisten, nordkoreanische Armee und und und...operieren alle mit russischen Waffen. Wenn der Robert Gates Russland auf die Liste der potenziellen Feinde der USA aufnimmt, so muss man zur Ergänzung sagen- nicht nur der USA, sondern der ganzen Welt. Das Deutsche Volk soll froh sein so einen Freund und Beschützer wie die Vereinigte Staaten zu haben... Seid nicht blind...
davehaasters (12.02.2007, 01:59 Uhr)
Alles Heuchler
putin hat zwar recht, was die usa angeht, doch er ist selber nicht besser. sowohl amerika als auch russland heucheln einem die demokratie doch nur so entgegen. presseunfreiheit und eine zentralisation auf den präsidenten gibt es in beiden staaten. meinungsfreiheit ist bei beiden auch nicht sonderlich beliebt. ich sage nur "shame on you mr. bush" (Michael Moore) ... schon war das micro aus. und bei sogenannten wahlmännern kann man auch nicht wirklich von demokratie reden. diese wahrmänner führte washington einst ein, um dem volk nicht die komplette macht zu überlassen. bush wirds ihm kaum verübeln .... meiner meinung nach ist deutschland so ziemlich der demokratischste staat überhaupt. kein wunder, dass staaten, die sich neu aufbauen gerne unser Grundgesetzbuch zur hand nehmen.
Mescaleroson (11.02.2007, 14:36 Uhr)
Putin der Demokrat
Ich finde es lächerlich wenn Putin als Präsident eines Landes, das so seine Probleme mit Pressefreiheit, Korruption und abtrünnigen Provinzen hat wie Russland, der USA etwas über Demokratie erzählt. Außerdem wundere ich mich schon über die USA-feindlichen und Putin-freundlichen Kommentare hier. Wo ist denn die USA diktatorisch? Und wo oder was wäre Deutschland ohne die USA? Ich unterstütze die USA auch bei weitem nicht in jedem Punkt, aber die Weltmacht USA ist mir mit Sicherheit lieber als die Weltmacht Russland.
Diaula (11.02.2007, 09:32 Uhr)
Frische Brise bei den Teltschik-Festspielen
Erfrischend, wie Putin dieser versammelten Elite (teilweise natürlich auch nur sub-elitär) die Leviten liest.
Wetten, dass Herr Teltschik diesen lieben Gast nächstes Jahr nicht mehr einlädt ?
sunnyboy_1 (11.02.2007, 01:17 Uhr)
Es gibt noch einen
der dem Gotteskrieger Bush die Meinung geigt, und das ist Hugo Chavez Frias aus Venezuela. Er verhoehnt Bush und seine Administration und schert sich einen Dreck darum, was die USA gerne von Venezuela erwarten. Wer kann sich das sonst noch in der Welt leisten??
pandas (10.02.2007, 23:42 Uhr)
Putin sagt ....
...was andere denken.
Ich sage sogar, es wurde allerhöchste Zeit.
Zwar fehlt Putin durch seine Politik die moralische Legitimation - dies heißt aber noch lange nicht, dass seine Worte falsch sind.
Die USA unter Bush ist leider kein demokratischer Vorzeigestaat, kein Leitbild und kein Vorbild mehr. Ich persönlich bedaure dies sehr.
Sein verkündetes Ziel war die Demokratie zu stärken - er hat kläglich versagt.
Acht verlorene Jahre - für den Frieden in der Welt und vor allem für unsere Umwelt.
soauchnicht (10.02.2007, 21:09 Uhr)
Die Wahrheit
Auch ich möchte mich bei Herrn Putin für die deutlichen Worte danke. Ich wünschte, unsere Politiker hätten den Mut dazu gefunden. Schlimm, wenn das von Herrn Scheffer als enttäuschend gewertet wird. Wir wollen doch gemeinsam Lösungen finden. Dazu gehören in erster Linie Fakten auf den Tisch oder soll man Bedenken einfach ignorien? Diese Reaktionen zeigen, wie abhängig wir in Wirklichkeit von unserem "Großen Bruder" sind. Das, und nicht die Stellungnahme Putins, ist bedrohlich.
bodo.arnold (10.02.2007, 20:01 Uhr)
versteckter Hiferuf
Ja, es scheint undiplomatisch und überzogen. In einer Situation, in der die USA ohne Rücksicht Russland in die politische und militärische Enge drängt ist eine deutliche und unmisverständliche Aussage zu treffen. Das George Bush nicht Bitten und diplomatische Ansprachen versteht ist bewiesen. Vielleicht versteht er ja deutliche Worte. Seine Sprache ist dies wenigstens.
WernerMeyer (10.02.2007, 19:09 Uhr)
Danke Herr Putin
Glücklicherweise gibt es Herrn Putin.
Endlich mal einer der klar die Dinge
ausspricht.
Die USA sind keine Demokratie,waren es nie und werden es nie sein.
Dieser Staat erinnert eher an eine
Diktatur.
Danke an Herrn Putin
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