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12. Dezember 2008, 06:28 Uhr

Linksdrall im Wirtschaftsteil

2004 türmten sich die Bücher, die freie Marktwirtschaft predigten, jetzt türmen sich die Bücher, die den Turbokapitalismus verdammen. Das jüngste hat SZ-Redakteur Ulrich Schäfer geschrieben. Die Laudatio hielt SPD-Chef Franz Müntefering. Oskar Lafontaine hätte es sicher auch gern getan. Von Lutz Kinkel

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Ulrich Schäfer, der Crash und Franz Müntefering© Rainer Jensen/DPA

Die zentralen Begriffe fühlen sich an wie ein mächtiges Gewitter. Krise, Krise, Krise. "Wir fahren auf Sicht", sagt SPD-Chef Franz Müntefering. Soll heißen: Die Politik reagiert vorsichtig, taktierend, immer die aktuelle Situation abwägend. Ein Navigationsgerät, das den Weg durch Rezession auf eine Karte zeichnet und die richtigen Manöver mit warmer Stimme ansagt, existiert leider nicht. Müntefering weiß nur, wie das Ziel aussehen soll. Er beschreibt einen Sozialstaat, in dem der Kapitalismus gezähmt ist. Eine Wirtschaftselite, die für ihr eigenes Handeln einen Ehrenkodex entwickelt hat. Einen TÜV für Finanzprodukte, der das Zocken mit hochkomplexen Papieren beendet.

Müntefering spricht über "DER CRASH", so steht es auf dem Buchcover, das am Rednerpult klemmt, große schwarze Buchstaben auf orangefarbenem Hintergrund. Die Aufmachung signalisiert Gefahr, sie soll beunruhigen, zumindest Aufmerksamkeit erregen. Erst auf den zweiten Blick ist der ganze Titel zu erkennen: "Der Crash des Kapitalismus. Warum die entfesselte Marktwirtschaft scheiterte."

Von den Linken gelernt

Geschrieben hat das Buch Ulrich Schäfer, 41, ehemals beim "Spiegel", jetzt Ressortleiter Wirtschaft der "Süddeutschen Zeitung." Das Blatt gilt als liberal, die Wirtschaftsredaktion als marktnah, aber selbst deren Redakteure bemühen heutzutage Vokabeln, die vor wenigen Jahren noch unter Kommunismusverdacht standen. Müntefering kann sich einen saloppen Hinweis darauf nicht verkneifen und zitiert eine Passage, in der Schäfer einst den freien Markt predigte. Schäfer bekennt in seiner Rede reumütig, auch Journalisten seien "lernfähig". Das Resultat ist auf 326 Seiten nachzulesen, ein historischer Aufriss, von der Freigabe der Wechselkurse Mitte der 70er Jahre über den Manchester-Kapitalismus in Schwellenländern und das Platzen der Dotcom-Blase bis zur Krise unserer Tage. Und Schäfer bleibt die Antwort nicht schuldig, "Was jetzt zu tun ist", auch das steht auf dem Cover.

22 Regeln stellt Schäfer auf, und sie lesen sich tatsächlich so, als hätte Oskar Lafontaine ihn ins Gebet genommen: Trocknet die Steueroasen aus, verbietet riskante Finanzprodukte, begrenzt die Managergehälter, erhöht den Spitzensteuersatz, besteuert die Börsenumsätze, investiert in Bildung, schafft einen Mindestlohn. Das alles deutet auf eine andere, sozialwirtschaftlich runderneuerte Republik, von der bisher allenfalls die Linkspartei träumte. Vielleicht ist die Krise tatsächlich eine "Zeitenwende", wie sowohl Müntefering als auch Schäfer sagen. Sie scheuen weder den Vergleich mit der Wiedervereinigung noch mit den Anschlägen vom 11. September. Kein Stein bleibt auf dem anderen, soll das heißen.

Gutscheine war gestern

Aber: Autoren können auch tausend Empfehlungen herausgeben, was "jetzt" zu tun ist. Entscheidend ist, ob und wie die Politik reagiert. Müntefering bleibt in der Deckung. Er halte nichts von schnellen Steuersenkungen, sagt er. "In der nächsten Legislaturperiode wird es sicherlich auch eine grundlegende Steuerreform geben müssen“. Aber eben nicht "jetzt". Auch die Idee, Konsumgutscheine auszugeben, scheint nicht mehr auf der Agenda des SPD-Chefs zu stehen. Von stern.de danach gefragt, weicht Müntefering aus und spricht über die steuerbegünstigte Wärmedämmung von Häusern. "Das halte ich von Gutscheinen", schließt er. Er hätte auch sagen können: Ich äußere mich nicht mehr zu Konsumgutscheinen. Die Idee ist tot.

"Wir fahren auf Sicht." Ende der Pressekonferenz. Es regnet in Berlin.

Von Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
Putinki (12.12.2008, 12:14 Uhr)
bmpost
Entweder haben Sie alles falsch verstanden oder absichtlich verdreht.
Trotzdem viel Freude an das, was Sie auch immer glücklich macht.
Putinki (12.12.2008, 11:36 Uhr)
JackSparrow
Ich habe geschrieben, dass es auf die VERANTWORTUNG ankommt. Mehr Bürokratie und mehr Kontrolle fördert die Korruption. Ich habe auch gesagt, dass dann ALLE propfitieren werden, auch die Kranken, Minderbegabten und die durch Umstände Benachteiligten. Die leidtragenden werden die PARASITEN (Korruption, Kriminalität, Betrug, etc) der Gesellschaft sein. Das Wuchern dieser besonderen "Kaste" muß eingeschränkt werden. Das kann die "Kontrolle" nicht (siehe Gammelfleisch u.v.a. Affären). Kommunismus oder "demokratischer Sozialismus" steht für Verwahrlosung, Unfähigkeit, Klüngelei und Orientierungslosigkeit (siehe Hessen).
bmpost (12.12.2008, 10:25 Uhr)
@putinki
"Ohne sie gibt es nur Armut und Engpässe, weil sie (die Marktwirtschaft/Kapitalismus) die gesunde menschliche Psyche krank macht."
Klasse Erkenntnis! Da gebe ich Ihnen unumwunden recht!
nightmare_online (12.12.2008, 09:55 Uhr)
@JackSparrow
Sie haben völlig recht. Das ganze Geschwurbel über Rückzug des Staates, Deregulierung, etc. pp. (und die entsprechenden Handlungen selbstredend) hat uns diese Krise beschert. Das putzige daran ist, das wir die gleiche Geschichte in den 30ern schon mal hatten, und offensichtlich der "Lernerfolg" der Ökonomen zeitlich begrenzt war.
Fast noch putziger ist allerdings, das es heute immer noch Leute gibt, die diesen Nonsens nachplappern. Was notwendig ist, ist eine Renaissance der SOZIALEN Marktwirtschaft. Eine Renaissance Erhard'schen Denkens und des Ordoliberalismus. Und der ganze Mumpitz der Neoliberalen Ideologie a la Friedman gehört auf den Müllhaufen der Geschichte!
terrax (12.12.2008, 09:45 Uhr)
Kauft Euch lieber gleich ein vernünftiges Buch zum Thema
Wer sein Geld in ein vernünftiges Buch zum Thema anlegen möchte, sollte sich lieber folgendes Buch kaufen: "Der Crash kommt" von Prof. Max Otte
globalhumanist (12.12.2008, 09:28 Uhr)
Da kann man doch noch
was abstauben mit einem tollen Buch über die böse Krise, die durch das von den gleichen Leuten noch vor kurzem so hoch gelobte neoliberale Gehabe erst möglich gemacht wurde.
-
Die nun in dem Buch bemängelten Vorgänge, die Lösungsvorschläge und alles Gedöhns, kann sich der Münte und die ganze Polit-Gang unters Kopfkissen legen. Die und ihre Geldgeber aus Wirtschaft und Finanz sind nämlich diejenigen die dieses Buch wirklich lesen, verinnerlichen und dann auch danach handeln sollten.
-
Der Normalo kann sich dieses Buch im Moment weder leisten, noch ist die Mehrzahl bereit für die sich selbst bereits seit langem bewußte Klarheit, auch noch jemandem der sie jetzt erst erreicht hat, Geld hinzulegen.
JackSparrow (12.12.2008, 09:24 Uhr)
@putinki
Inwiefern führt denn weniger Staat zu einer Wiederholung des Gegenwärtigen? Ich würde eher sagen, mangelnde Kontrolle hat uns erst dahin gebracht.
Die freie Martkwirtschaft ist ein Monster, das kontrolliert werden muss! Andernfalls bleiben neben den "Talentierten, Ehrlichen und Fleißigen" (ich denke du meinst damit alle die, die prinzipiell erstmal in der Lage sind etwas auf ehrliche Weise zu leisten) alle anderen, soll heißen, körperlich, geistig und sozial benachteiligte auf der Strecke. Vom Planeten als essentielste Existenzgrundlage mal ganz zu schweigen.
Der Denkfehler liegt doch darin, anzunehmen, dass einfach jeder in annähernd gleicher Weise in der Lage wäre, ohne Hilfe an einer vollkommen freien Martkwirtschaft teilzunehmen. Stimmt nicht!
Also:
Martkwirtschaft: Ja, auf jeden Fall! Aber mit gezielter und vor allem unbürokratischer Kontrolle. Damit wären wir der Chancengleichheit schon ein ganzes Stück näher gekommen.
schönes Wochenende!
Putinki (12.12.2008, 08:16 Uhr)
Wirtschaftsform
Die Marktwirtschaft (Kapitalismus) zu verunglimpfen is naiv. Ohne sie gibt es nur Armut und Engpässe, weil sie die gesunde menschliche Psyche krank macht. Man sollte lieber ein Buch über die wahren Gründe der gegenwärtigen Wirtschaftskrise schreiben und alles unternehmen, das es zu keiner Wiederholung kommt. Dazu gehört, weniger Staat, weniger Bürokratismus, viel mehr Verantwortung und alle Möglichkeiten für die Talentierten, Ehrlichen und Fleißigen, sich zu verwirklichen. Dann profitieren alle und die Parasiten der Gesellschaft haben die wenigsten Chancen.
PPSS (12.12.2008, 07:55 Uhr)
wirtschaftspolitiker
Es wäre auch mal nett von den Journlisten, Neoliberalten Agenda2010-durchsetzern wie Münterfering oder Steinbrück wie auch ihren Gegenstücken bei CDU (Merz, Kampeter, Merkel), den Grünen (Özdemir), etc. immer jeden Schwachsinn den INSM nachgeplappert haben. mal den Spiegel vorzuhalten.
Besonders bei Merkel und Steinbrück hat sich in Ihrer Grosskapitalfreundlichen und "Normal"-Bürgerfreindlichen Haltung noch nicht mal was geändert.
(Milton) Friedmann ist tot, lang lebe Keynes!
Sternchen2020 (12.12.2008, 07:27 Uhr)
Wahr ist, dass der Wirtschaftsjournalismus
hinsichtlich der Finanzkrise restlos versagt hat. Nun im Nachhinein über die Krise zu fabulieren, entlockt mir nicht einmal mehr ein müdes Lächeln, geschweige denn werde ich mir eine solche lektüre zu gemüte führen.
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