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20. Oktober 2008, 19:38 Uhr

Pfiffe für den Vorsitzenden

Es war Franz Münteferings erster Auftritt als neuer SPD-Parteichef vor Gewerkschaftern und er machte klar: Der Riss zwischen SPD und Arbeitnehmerverbänden ist groß. Statt Jubel für den neuen Parteivorsitzenden gab es Pfiffe, jede Menge Transparente und harte Kritik. Von Tiemo Rink

Proteste statt Jubel: SPD-Chef Franz Müntefering auf einem Gewerkschaftstag in Berlin© Gero Breloer/dpa

Das Ambiente ist klassisch. Vor der Tür stehen die Raucher, drinnen gibt es belegte Brötchen und die obligatorische Marching Band zieht musizierend durch den großen Saal des Berliner Maritim-Hotels. Zur Konferenzeröffnung der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) ist die Inszenierung eigentlich perfekt. "Men in Blech" heißt die Band mit den schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen. "Wir spielen für den Mindestlohn", ruft ein Trommler zwischen zwei Liedern. Die Zuhörer johlen begeistert. Wenig später sorgt dann ausgerechnet der prominente Gastredner des Nachmittags für Dissonanzen: Franz Müntefering.

Das Verhältnis zwischen der SPD und den Gewerkschaften war schon besser. Jahrzehntelang war klar, dass Gewerkschafter die SPD wählen. Nicht zuletzt, weil das einfache Gewerkschaftsmitglied in den meisten Fällen gleichzeitig auch ein Parteibuch der SPD hatte. Durch die Agenda-Politik der vergangenen Jahre hat sich das geändert, die alte Gleichung stimmt nicht mehr. So ist beispielsweise Verdi-Chef Frank Bsirske Mitglied der Grünen und die Linkspartei sammelt diejenigen ein, die von der SPD in der Vergangenheit enttäuscht wurden. Eine Wahlempfehlung für die SPD wollen die Gewerkschaften längst nicht mehr geben, wie DGB-Chef Michael Sommer in einem Interview erklärte. Das dürfte den Wahlkampf für die Sozialdemokraten kaum einfacher machen.

Was wissen Politiker vom Arbeitsleben?

Daran ändert auch nichts, dass Franz Müntefering seit vergangenem Wochenende wieder Parteivorsitzender der SPD ist. Eher im Gegenteil. Schließlich hat sich Müntefering als Verfechter der Agenda 2010 im Gewerkschaftslager nicht gerade beliebt gemacht. Sein Auftritt als Gastredner beim NGG-Gewerkschaftstag am Montagabend ist deshalb eine Art Lackmustest des Verhältnisses zwischen SPD und Arbeitnehmerorganisationen.

Es mag nur ein kleines weiteres Indiz für das angespannte Verhältnis sein, doch NGG-Vorsitzender Franz-Josef Möllenberg begrüßt die Vertreter der einzelnen Parteien streng nach Alphabet. Zuerst die CDU, dann die Grünen, dann die Linken, ganz zum Schluss die SPD. Also Müntefering. Möllenberg legt zudem sofort nach: "Die Rente mit 67 ist nicht unser Ding", kritisiert der Gewerkschafter den SPD-Chef. Manchmal frage er sich, so Möllenberg, "was Politiker überhaupt vom Arbeitsleben wissen." Die Höchststrafe für einen Sozialdemokraten. "Es gibt intelligentere Lösungen, als die Menschen bis 67 arbeiten zu lassen und hinterrücks noch ein Rentenkürzungsprogramm zu beschließen", teufelt der Gewerkschaftsboss unter tosendem Beifall der Delegierten. Müntefering guckt ziemlich angesäuert, verschränkt die Arme und schweigt. Es scheint, als sei hier heute nicht viel für ihn zu gewinnen.

Mit Fischernetz gegen Agenda 2010

Doch er versucht es. Als er ans Rednerpult tritt, halten Pfiffe und Applaus sich knapp die Waage. Gerade hat er angefangen zu sprechen, da betritt eine Gruppe die Bühne und baut sich hinter dem SPD-Chef auf. Sie halten ein buntes Fischernetz in die Luft, auf dem Zettel mit den sozialdemokratischen Sündenfällen der letzten Jahre aus Gewerkschaftssicht befestigt sind.

Gegen Hartz IV, gegen die Agenda 2010, gegen Kinderarmut, gegen die Rente mit 67: Die SPD hat ihrer eigentlichen Stammklientel offensichtlich einiges zugemutet. Dennoch perlt der Protest am SPD-Chef ab. Müntefering tut so, als bemerke er nicht, was direkt hinter ihm passiert. Stattdessen verteidigt er die damaligen Gesetze. So sei eine Anhebung des Rentenalters unumgänglich gewesen. Während die Menschen vor knapp 50 Jahren durchschnittlich zehn Jahre im Ruhestand gelebt hätten, seien es heute 17, so Müntefering.

Die Delegierten hören zu, schweigend. Ab und an regt sich leises Murren im Saal, meistens jedoch bleibt alles ruhig. Wie weit SPD und Gewerkschaften voneinander entfernt sind, wird deutlich, als Müntefering plötzlich anfängt, die Zuhörer zu siezen - ein Unding unter Genossen. Es scheint, als passiere es ganz unbewusst. "Keiner hat von Anfang an die Wahrheit auf seiner Seite", ruft der SPD-Vorsitzende in den Saal. Wie als Antwort öffnet sich eine Tür und ein neues Transparent wird hereingetragen. "Reichtum nutzen, Armut bekämpfen, Mittelstand stärken" steht auf dem gelben Banner, mit dem sich drei Träger vor Müntefering aufstellen.

"Can’t buy me love"

Es ist mittlerweile richtig bunt um die Bühne geworden. Hinten links harren nach wie vor die Gewerkschafter mit ihrem Fischernetz aus, hinten rechts stehen einige rote Gewerkschaftsfahnen und vor der Bühne ist das gelbe Spruchband postiert. Auf der Bühne steht der Vorsitzende der SPD und guckt ein wenig so, als fürchte er, dass gleich noch Kurt Beck in den Saal marschiert.

"Ich bitte darum, sich gegenseitig die guten Absichten nicht zu bestreiten", sagt Müntefering am Ende seiner gut zwanzigminütigen Rede. Er müht sich, doch es will einfach nicht klappen an diesem Tag. Als er den Saal betrat, spielte die Marching Band "Can’t buy me love", den alten "Beatles"-Klassiker. Müntefering hätte eigentlich mitsingen müssen.

Von Tiemo Rink
 
 
KOMMENTARE (10 von 32)
 
fuchs0202 (22.10.2008, 14:57 Uhr)
@aaron71
es hat nicht viel zweck sich hier auszutauschen, da meine beiträge zensiert werden, ihre hingegen nicht. nun ja, ist halt bertelsmann.
lorac (21.10.2008, 21:01 Uhr)
Wer...

hat uns verraten?
Sozialdemokraten und das schon öfter!!!!
Tja Münte da nützt Dir auch Dein trruer Dackelblick nix mehr!!
Aaron71 (21.10.2008, 19:31 Uhr)
fuchs
Sie müssen es ja wissen. Unsere Firma läuft auch deswegen ganz gut, weil wir Realitätsleugner, Leistungsverneiner und Stalinisten nícht in unseren Reihen haben, die so unqualifiziert wie Sie daherschreiben
carloenzo (21.10.2008, 19:23 Uhr)
Vollkommen unglaubwürdig
Zur Wiederwahl von Müntefering kann man nur sagen: "Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber"!
Aaron71 (21.10.2008, 15:15 Uhr)
@ fuchs
da haben wir aber vor lauter Linksgegeifere ein paar Dinge durcheinandergebracht. Unter Zukunftsbranchen versteht man schon etwas anderes. Und vom Mittelstand verstehe ich vermutlich etwas mehr als Sie. Ich bin selbst im Mittelstand und das ganz ohne Betriebsrat und Gewerkschaftsmafia. Und bei uns leben alle ganz gut von der Wertschöpfungskette, die für Leute wie Sie aus 1. nehmen, 2. nehmen und 3. nehmen besteht.
nightmare_online (21.10.2008, 13:33 Uhr)
@Aaron71
Ja und jetzt korrelieren Sie mal den Reallohnzuwachs gegen die Macht / den Organisationsgrad / den Mitgliederbestand der Gewerkschaften. Fällt Ihnen was auf? Na?
Achja und was die "gewerkschaftsfreien Zonen" im IT-Bereich angeht: Na da hoffen wir mal das nicht eine Zeit kommt, in denen es der Branche richtig schlecht geht (ansatzweise konnte man das ja schon nach dem Platzen der Internet-Blase sehen). Das könnte nämlich richtig witzig werden.
fuchs0202 (21.10.2008, 12:39 Uhr)
zukunftsbranchen
derivathandel = super gelaufen
web 2.0 = kurz vorm kollaps
dataminig (studivz usw.) = noch erfolgreich.
deutschlands stärke ist sein gut aufgestellter mittelstand. den gilt es zu erhalten. dort arbeiten die leute die werte erschaffen. aber der begriff wertschöpfungskette ist ihnen, aaron71, fremd. die mehrheit der über der grassnarbe agierenden, wenden sich von leuten wie ihnen, nur schaudernd ab.
Aaron71 (21.10.2008, 12:05 Uhr)
die Gewerkschaften
repräsentieren heutzutage gerade mal 22% der deutschen Arbeitnehmerschaft. In den Zukunftsbranchen kommen sie mangels Interesse der Beschäftigten so gut wie überhaupt nicht mehr vor. Man wird sie irgendwann -ähnlich wie die Linken- nur noch in Museen antreffen. Ob nun ein paar Gewerkschafter pfeifen oder in China ein Sack Reis umfällt, hat etwa die gleiche Bedeutung.
Aaron71 (21.10.2008, 11:55 Uhr)
@fuchs
Ihre von der Propagandaabteilung der SED eingetrichterte "Wahrheit" leugnen ich und alle Menschen mit einem IQ überhalb der Grasnarbe auch weiterhin konsequent ab. Damit müssen Sie wohl leben...
Georges13437 (21.10.2008, 11:41 Uhr)
Man kann seine Verlogenheit nicht einfach mal so abstreifen
Das hat dieser Müntefering zu spüren bekommen. Einer der schlimmsten Sozialdemokraten in der Führungsebene der Nachkriegszeit. Er ist schlimm, weil er ständig Links redet, aber immer Rechts handelt. Niemals wird dieser Haufen von übriggeliebenen Agenda-Einführern, die nächste Bundestagswahl, gewinnen.
Diese sogenannte " SPD " , mag sich zwar in ihren Gefielden selbst beweihräuchern und feiern, aber auf neutralem Boden werden ihnen die Felle wegschwimmen. Die Bundesbürger leiden nicht geschlossen unter Demenz, sie werden sich am Tag der Wahl erinnern, somit haben Müntefering und Steinmeier ihrer ( Nein! Es ist nicht ihre Partei ), einen Bärendienst erwiesen. Ich kann nur hoffen, dass der Wahltag der SPD, eine zerschmetternde Niederlage, offenbaren wird. Verräter an der eigenen Partei und am Wahlvolk haben es nicht besser verdient. Daumen nach unten für euch, ihr Münteferings und Steinmeiers.
Herzlichst
Georges13437
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