Er wurde verschleppt, gefoltert und von der Bundesregierung im Stich gelassen. Am Abend ist Murat Kurnaz, der "Bremer Taliban" aus Guantanamo in Deutschland gelandet. stern-Korrespondentin Katja Gloger hat seinen Fall nachgezeichnet.

Das rechte Foto ist ein Familienfoto des seit 2002 in Guantanamo festgehaltenen Murat Kurnaz. Das linke Foto ist das Repro eines Passfotos© Jörg Sarbach/AP und Ingo Wagner
Man wird ihn nicht wieder erkennen. Bis zum Bauchnabel reicht sein dichter Bart, weit über die Schultern fallen die dunklen Haare. Groß und stark ist er, durchtrainiert. Wie ein Krieger aus alter Zeit.
Nach viereinhalb Jahren in den Metallkäfigen des Gefangenenlagers "Camp Delta" auf dem US-Militärstützpunkt Guantanamo, Kuba, darf der aus Bremen stammende Türke Murat Kurnaz, 24, nun endlich nach Hause.
Die Heimkehr ist ein diplomatischer Sieg für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Früh hatte sie Guantanamo zur Chefsache gemacht, den US-Präsidenten immer wieder auf den Fall Kurnaz angesprochen. Sie hatte monatelang um seine Freilassung verhandeln lassen, es war ein zähes Gefeilsche zwischen Außenministerium, Pentagon und den Geheimdiensten.
Murat Kurnaz weiß nicht mehr, wie seine beiden jüngeren Brüder aussehen. Und dann wartet da wohl auch noch eine junge, schüchterne Frau, die er kaum kennt. Nagihan, seine Verlobte.
Der New Yorker Anwalt Baher Azmy ist der einzige Nicht-Militär, der Kurnaz während seiner Gefangenschaft besuchen durfte. "Ein paar Wochen lang wird man sich jetzt für ihn interessieren wie für ein exotisches Tier", fürchtet er. Und sorgt sich, dass man dessen langen Bart als Zeichen der Radikalisierung betrachtet. Denn man wird ihn fotografieren, ausfragen wollen, nach den Verwundungen seiner Seele suchen. Nach dem Beweis, was Guantanamo, was Amerika aus seinen Gefangenen macht. Ein Sicherheitsrisiko? Einen islamistischen Fanatiker? Einen Märtyrer gar?
Oder wird er vielmehr sein Leben zurückerobern wollen, das Leben eines jungen türkischen Mannes, aufgewachsen in Bremen-Hemelingen? Niemand weiß es.
"Er ist sehr religiös geworden", sagt Baher Azmy. "Wie Viele auf Guantanamo. Er möchte ein Leben nach dem Islam leben, fünfmal am Tag beten. Und ansonsten interessiert er sich für Motorräder und Sport. Er ist kein Radikaler. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn er mich so belügen könnte."
Murat Kurnaz, "Sicherheits-Identifizierungs-Nummer" 061, in den US-Akten geführt als "Karnaz, Murat, türkischer Staatsbürger, Bremen", war einer der dienstältesten Gefangenen auf Guantanamo. Als so genannter "feindlicher Kombattant" gehörte er einer eigens geschaffenen Kategorie von Gefangenen an, mit der sich die Bush-Administration sowohl über die Genfer Konvention für Kriegsgefangene als auch das amerikanische Militärstrafrecht hinwegsetzte. Für die Gefangenen dieser Kategorie wurde der Begriff Folter zugunsten verschärfter Verhörmethoden neu definiert. Sie sind faktisch rechtlos. Denn sie sind die angeblich "gefährlichsten und bösartigsten Killer der Erde", wie Verteidigungsminister Donald Rumsfeld behauptet. Immer noch sind es Hunderte Männer. Sie können angeklagt werden oder auch nicht. Ihre Gefangenschaft kann morgen vorbei sein oder nie. So gesehen, hat Murat Kurnaz verdammtes Glück gehabt.
Jahrelang sah er nur Wachsoldaten, Verhörexperten, Mitgefangene. Erlebte die wachsende Hoffnungslosigkeit der Gefangenen, die elende Hitze, die Monotonie, die Verzweiflung. Die meisten fanden im Koran eine Flucht. Ließen sich die Bärte wachsen, lang und mächtig. Hunderte gingen in den Hungerstreik. Dutzende versuchten Selbstmord. Bis es im Juni dieses Jahres schließlich drei Gefangenen gelang: Monatelang hatten sie sorgsam Stricke aus Fäden ihrer Gefangenkleidung geknüpft, an denen sie sich schließlich erhängten. Man fand sie zwischen Kleidungsstücken, die von der Decke ihrer Zellenkäfige zum Trocknen herabhingen.