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12. Oktober 2006, 10:24 Uhr

Zum Verhör angeboten

Neue Erkenntnisse im Fall Murat Kurnaz: Fotos und geheime Unterlagen stützen die Vorwürfe des Mannes, der mehr als vier Jahre im Foltergefängnis Guantánamo gefangen war.

Es war bitterkalt in jener Nacht im Südosten Afghanistans. Durch Lehmbarrieren und Stacheldrahtrollen abgetrennt, lag das Areal für die Gefangenen gleich neben dem Hubschrauberlandeplatz des US-Stützpunktes in Kandahar. Das Gelände war von Scheinwerfern so grell beleuchtet, dass die Häftlinge ihre Umgebung kaum erkennen konnten. Einen von ihnen nannten die amerikanischen Bewacher "the German guy" - den Typen aus Deutschland.

"Zero-Five-Three" wurde aufgerufen. Das war die Häftlingsnummer von Murat Kurnaz aus Bremen, damals 19 Jahre alt. Nummer 053 lief barfuß zum Drahtzaun im Inneren des Lagers. Dort sah der bärtige Junge mit dem blauen Overall zwei Männer stehen: einen Schwarzhaarigen und einen Blonden, der größer war. Beide trugen Tarnuniformen, das Muster wirkte wie aus kleinen Punkten zusammengesetzt. Auf ihre Ärmel war die Deutschlandflagge genäht. Sie hatten Gewehre mit verkürzten Läufen und Laser-Zielmarkierern. Als der Gefangene sie ansah, befahlen sie schroff: "Look down!" Dann gingen sie fort.

Minuten später musste sich Kurnaz auf den Boden legen, seine Hände wurden auf dem Rücken zusammengebunden, US-Soldaten legten ihm Fußfesseln an. Zwei Amerikaner schleppten ihn ein paar Meter hinter einen Militärlastwagen. Dort warteten die beiden Bundeswehrsoldaten, nach Recherchen des stern Mitglieder der Elitetruppe KSK, Kommando Spezialkräfte.

Nun sprachen die Soldaten plötzlich Deutsch: "Weiß du, wer wir sind?", fragte der eine. Kurnaz musste sich bäuchlings auf den Boden legen. Danach schlug einer von ihnen Kurnaz' Kopf auf den Boden. "Wir sind deutsche Soldaten. Wir sind die deutsche Kraft", sagte er. Die GIs, die dabeistanden, lachten. Kurnaz hörte die Soldaten mit den Amerikanern flachsen. Er spürte Fußtritte.

Nachdem der stern in der vergangenen Woche ein Interview mit diesen Aussagen von Kurnaz veröffentlicht und mit eigenen Recherchen untermauert hatte, zogen Politiker die Glaubwürdigkeit des mehr als vier Jahre in Guantánamo Inhaftierten in Zweifel. Denn seine Aussagen könnten Regierungsmitglieder und Spitzenbeamte den Kopf kosten. Als "schlichtweg absurd" bezeichnete Siegfried Kauder (CDU), Vorsitzender des BND-Untersuchungsausschusses des Bundestages, die Vorstellung, deutsche Soldaten könnten Kurnaz misshandelt haben. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) lud sogleich Hauptstadtkorrespondenten zum Hintergrundgespräch und bekräftigte mit sorgenvoller Miene, es gebe "keine Anhaltspunkte", dass die Vorwürfe stimmten. Und über den "Spiegel" lancierten Militärs die Meldung, wonach Ende 2001 das KSK nicht in Afghanistan, sondern "auf Masira, einer Insel vor Oman" stationiert war.

Die Meldung ist falsch und geht am Kern der Vorwürfe vorbei. Zum einen ereignete sich der Vorfall "irgendwann in den ersten beiden Januarwochen 2002", sagt Kurnaz. Der Zeitpunkt lässt sich benennen, weil sich Kurnaz daran erinnert, von den Deutschen nach Silvester misshandelt worden zu sein.

Zum anderen waren bereits ab Mitte Dezember 2001 Teile des KSK, bestehend aus einem Vorauskommando und Verbindungsoffizieren, vom Zwischenlager im Oman nach Afghanistan verlegt worden. Ein hochrangiger KSK-Offizier zum stern: "Ich war ab dem 10. Dezember 2001 in Kandahar." Weitere Recherchen sowie Dokumente, die dem stern vorliegen, belegen dies ebenfalls. Darunter befindet sich eine CD-ROM mit mehr als 500 Fotos, aufgenommen von Mitgliedern des KSK in Kandahar. Eine Reihe dieser Aufnahmen tragen das Datum des 5. und des 10. Januar 2002. Die deutschen Elitesoldaten hatten offensichtlich Zugang zum geheimen Foltergefängnis der USA. Der KSK-Offizier zum stern: "Wir haben schon gesehen, wie die Amerikaner die Gefangenen da im Lager getreten und geschlagen haben. Das war einfach schäbig." Von Misshandlungen durch eigene Kameraden erwähnt er nichts.

Dass sowohl die deutschen Militärs wie auch die Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) vor Ort über Kurnaz' Internierung informiert waren, geht zudem aus einem Geheimbericht der Bundesregierung hervor. Darin wird aus einer Depesche des BND an das Bundeskanzleramt vom 9. Januar 2002 berichtet: "Bei angeblichem Deutschen im Gefangenenlager Kandahar handele es sich um den in DEU aufgewachsenen M. K., der einen türkischen Pass hat. M. K. soll im Verlauf der Woche nach Guantánamo überstellt werden."

Aus den Meldungen des BND wird nicht nur klar, wie frühzeitig der deutsche Auslandsnachrichtendienst und deutsche Militärs über die geplante Verlegung von Kurnaz von den Amerikanern informiert wurden. Aus den BND-Depeschen ergibt sich auch, dass den Deutschen das Angebot unterbreitet wurde, den Bremer sogar verhören zu können.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 42/2006

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