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Schulfach Religion auf der Kippe

Bei einem Volksentscheid haben die Berliner gegen Religion als Wahlpflichtfach gestimmt. Die Kampagne der Initiative "Pro Reli" könnte sich nun als Bumerang erweisen. Verbände fordern, auch in anderen Bundesländern Religion durch Ethik zu ersetzen. Was ist Ihre Meinung?

Von Sönke Wiese

Am Anfang war es eine vermeintlich belanglose Debatte, es ging um Schulpolitik in einem kleinen Bundesland, um den Status eines Nebenfachs: Eine Bürgerinitiative wollte in Berlin Religion als Wahlpflichtfach einführen, gleichberechtigt neben dem Fach Ethik. Dann gewannen die Initiatoren von "Pro Reli" prominente Unterstützung: Günther Jauch, Arne Friedrich und selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel machten sich für das Anliegen stark. Ein Volksentscheid wurde erzwungen, Berlin mit Plakaten zugepflastert, der Ton der Kontrahenten geriet immer schriller. "Es geht um die Freiheit", meinte die Initiative. Die Gefahr "neuer Kreuzzüge" sahen dagegen Politiker der Linken heraufziehen.

In Berlin war ein ideologischer Kulturkampf ausgebrochen, der bald bundesweite Beachtung fand. Die Aufmerksamkeit für das Thema nährte die Hoffnung von "Pro Reli", genügend Befürworter zu mobilisieren. Dafür sprachen auch die letzten Umfragen vor dem Volksentscheid. Doch die Hoffnung zerstob: Lediglich 14,2 Prozent der wahlberechtigten Berliner stimmten mit "Ja".

Sollten andere Bundesländer das Berliner Modell übernehmen?

"Schule ist nicht für Bekenntnisse zuständig"

So könnte sich die Aktion, die die Kirchen stark unterstützt hatten, als Bumerang erweisen. Denn nun drehen humanistische Verbände den Spieß um - und fordern, das Berliner Modell auf andere Bundesländer zu übertragen. "Bei dem Volksentscheid hat sich die Vernunft durchgesetzt", sagt Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung zu stern.de. "Die Berliner haben sich für ein zeitgemäßes Modell entschieden."

Er sagt, die Debatte müsse nun fortgesetzt werden. "Die deutsche Gesellschaft wird immer pluraler. Woher nehmen die Kirchen noch den Anspruch festzusetzen, was in der Schule gelehrt wird?" Schmidt-Salomon wünscht sich Ethik-Untericht in ganz Deutschland, in dem katholischen, muslimischen und konfessionslosen Kindern gleichermaßen die Werte der Aufklärung vermittelt werden. "Schule soll Erkenntnisse vermitteln - nicht Bekenntnisse." Auch andere Organisationen, wie der Humanistische Verband Deutschlands, appellierte an die anderen Bundesländer, sich nun dem Modell zu öffnen.

Berlin als Vorbild für Nordrhein-Westfalen?

Tatsächlich ist in den meisten Bundesländern - konträr zum Berliner Modell - Religion ein Pflichtfach, alternative Angebote sind freiwillig. Erst in höheren Klassen gibt es oft die Wahlfreiheit. Lediglich in Bremen und Brandenburg hat Religion nicht den Status eines ordentlichen Fachs. 2006 entschied der Berliner Senat, das neue Modell für die 7. bis 10. Klassen einzuführen: Ethik als Pflichtfach für alle, Religion als freiwilliges Zusatzfach. Die Kirchen beklagten, dass wegen der ohnehin hohen Stundenbelastung nur wenige Schüler das Angebot annähmen.

Trotz der Niederlage beim Volksentscheid werteten "Pro Reli"-Unterstützer die Kampagne als Erfolg: Nie zuvor seien Glaube und Religion so präsent in den Debatten auf der Straßen von Berlin gewesen, meinte Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Auch Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung bewertet die Diskussion positiv, er hofft auf eine Signalwirkung: "Berlin hat gezeigt, wie säkular Deutschland ist." Etwa in den urbanen Ballungsräumen in Nordrhein-Westfalen sei die Bevölkerung ähnlich wie in der Hauptstadt eingestellt. Daraus sollte die Politik Konsequenzen ziehen.

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