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26. Oktober 2009, 08:22 Uhr

Union legt sich für Gesundheitsfonds ins Zeug

Wer gedacht hatte, der Gesundheitsfonds gehöre der Vergangenheit an, sieht sich getäuscht: Unionspolitiker verteidigen den Fonds als Erfolgsmodell - vor allem der vor Wahlen stehende Jürgen Rüttgers. Es soll lediglich "Verbesserungen" geben. Die FDP sieht das anders.

Gesundheitspolitik, Gesundheitsfonds, Schwarz-Gelb

"Bleibt so, wie es ist": Jürgen Rüttgers bei Interviews daheim in Pulheim-Sinthern bei Köln.© Henning Kaiser/DDP

Auch nach der schwarz-gelben Koalitionsvereinbarung bleibt das Thema Gesundheitsfonds zwischen den künftigen Regierungspartnern ein Konfliktthema. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) hat Geringerverdienern zugesichert, nicht zu den Verlierern einer Reform der Krankenversicherungen zu werden. "Wer wenig verdient, darf relativ nicht mehr bezahlen als derjenige, der viel verdient", sagte Rüttgers dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

Der Gesundheitsfonds, bei dem über einen Einheitssatz der gesetzlichen Krankenversicherungen (derzeit 14,9 Prozent) das Geld in einem zentralen Topf landet, steht für den Ministerpräsidenten, der im Mai Landtagswahlen zu bestehen hat, nicht zur Debatte. "Es bleibt erst einmal so, wie es ist." Man habe dafür gesorgt, dass es einen Milliarden-Zuschuss für die Krankenkasse gibt und damit keine Beitrags- und Arbeitskostenerhöhungen erforderlich seien, sagte Rüttgers.

Auch der künftige Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU) verteidigte den von der Großen Koalition beschlossenen Fonds, der seit Anfang des Jahers in Kraft ist. Für die Union gelte grundsätzlich: "Der Gesundheitsfonds steht nicht zur Disposition", sagte Pofalla der "Passauer Neuen Presse". "Den Gesundheitsfonds verwalten gerade mal 21 Mitarbeiter. Eine so schlanke Einrichtung im Gesundheitsbereich hat es noch nie gegeben", verteidigte Pofalla das umstrittene System.

Änderungen sollen 2011 kommen

Grundsätzlich gilt jedoch: Union und FDP wollen eine Gesundheitsreform anpacken. Der künftige Gesundheitsminister Philipp Rösler will diese Reform sogar zum "Markenzeichen" von Schwarz-Gelb machen. Die Koalition müsse ein neues System aufbauen, das für über 80 Millionen Menschen in Deutschland "robust und gerecht" sei, sagte das mit 36 Jahren jüngste Kabinettsmitglied der "Bild"-Zeitung.

Der ohnehin umstrittene Gesundheitsfonds war nach den jüngsten Zahlen zum Defizit der Krankenkassen, das im kommenden Jahr bei etwa 7,5 Milliarden Euro liegen dürfte, noch stärker in die Kritik gekommen. Die gesetzlichen Krankenkassen sollen daher längerfristig wieder einen Teil der Beiträge selbst erheben und in Wettebewerb zueinander treten. Das künftige Ausgleichssystem wird den Planungen zufolge 2011 umgesetzt. Die Kassen werden danach einen einkommensunabhängigen Beitrag erheben können. Für Geringverdiener ist ein Solidarausgleich über Steuermittel geplant. Der Arbeitgeberbeitrag soll zur Entlastung der Wirtschaft begrenzt werden.

Nicht nur Bayerns Gesundheits- und Umweltminister Markus Söder (CSU) prophezeit angesichts der Differenzen eine schwierige Diskussion um die geplante große Reform. "Der Gesundheitsfonds wird abgewickelt und in ein neues System überführt", sagte Söder in München. Das Konzept stößt vor allem bei den gesetzlichen Krankenkassen auf scharfe Kritik. Bei finanziellen Problemen des Staates müssten Kürzungen des sozialen Ausgleichs für Geringverdiener unwiderruflich ausgeschlossen werden. Das forderte der stellvertretende AOK-Vorstandsvorsitzende Jürgen Graalmann im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

DPA/Reuters
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
brainuser (27.10.2009, 09:09 Uhr)
Bloß nicht
... zu Hause bleiben. Wir sehen gerade, was dabei passieren kann.
Kippi (26.10.2009, 18:49 Uhr)
Gesundheitsfonds
Dass die Zweiklassenmedizin auf uns zukommt, ist unverkennbar. Bestes Beispiel ist doch die SChweinegrippe-Impfung mit zwei verschiedenen Impfstoffen. Der eine für die Polit-Elite und Auserwählten des Volkes, der zweite für das gemeine Volk. So wird es weitergehen. Hinsichtlich der Mehr- Kostenbelastung sollen sich die Arbeitgeber ausklinken. Auch das passt in die schwarz-gelbe Strategie. Dass MP Rüttgers jetzt sagt " es bleibt wie es ist "
ist doch zu durchsichtig. In NRW stehen Landtagswahlen an und deshalb will man es sich mit dem dummen Stimmvolk nicht verderben. Darum NRW-Bürger seid klug, wählt rot oder bleibt einfach zuhause !!!
SethusCalvisius (26.10.2009, 17:21 Uhr)
@raptor-xl
Im ersten Moment dachte ich, Sie meinten das ernst, dann erst habe ich erkannt, dass es sich doch nur um eine bitterböse Satire handelt. Respekt!

Zum Thema:
Alle Reformen wie Gesundheitsfond oder die jetzt geplante "Entkopplung" von Gesundheits- und Arbeitskosten (was nichts anderes heißt, als dass der Normalbürger alle weiteren Kostensteigerungen alleine stemmen muss) ändern nichts an dem Problem, dass die Krankenkassen mit dem Geld einfach nicht mehr auskommen. Da kann man jetzt an der Art der Beiträge noch so viel rumdoktern, wenn am Ende nicht mehr Geld in die Kassen fließt, nützt das gar nichts. So hat auch das neuerliche Defizit nichts mit dem Gesundheitsfond zu tun, es wäre auch ohne gekommen. Andererseits hat der Fond auch nichts zur Verbesserung beigetragen.
Trotzdem war dieser Fond ein Schritt in die richtige Richtung, denn es ist doch überhaupt nicht einzusehen, warum man je nach Wohnort oder Arbeitsplatz mehr oder weniger für die Gesundheit zahlen muss.
kabelmann (26.10.2009, 14:22 Uhr)
@raptor
"dazu gehört für mich auch, dass die gleichbehandlung gestoppt wird. wer arbeitet muss besser versorgt werden, denn seine arbeitskraft ist wichtig und stützt dieses system."
Am Besten, wir packen alle, die nicht arbeiten möchten in ein Gulag. Das wäre nur der logische letzte Schritt ihrer Vorschläge. Und natürlich dürfen dort Rentner und Kinder nicht fehlen. Oder favorisieren sie 8 jährige Hemdennäher mit 10? Monatslohn als Leistungsträger der Gesellschaft?
raptor-xl (26.10.2009, 12:13 Uhr)
7,5 milliarden fehlbetrag in ersten jahr...
und dafür legt man sich ins zeug???
fakt dürfte sein: die hohe anzahl der rentner, der arbeitslosen und vor allem hartzIV-empfängern macht medizin, so wie wir sie bisher kennen, nicht mehr bezahlbar. die letzten 32 millionen der 81 millionen menschen, welche noch einen abgabepflichtigen job haben, können das nicht mehr finanzieren. man kann es drehen oder wenden: es muss drastisch gespart werden.
dazu gehört für mich auch, dass die gleichbehandlung gestoppt wird. wer arbeitet muss besser versorgt werden, denn seine arbeitskraft ist wichtig und stützt dieses system. wer nicht arbeitet, kann/darf nur eine grundversorgung erhalten. und eines sollten sich alle mal klar vor augen halten. wer gesund bleien will, muss auch wenigstens was dafür investieren. es kann nicht sein, dass teilweise im monat mehr für tanken, urlaub, zigaretten oder alkohol ausgegeben wird, aber sich dann erregt wird, wenn man keine superteuren ct's bekommt...
von der mentalität, dass wir alles spottbillig haben können, müssen wir uns schrittweise verabschieden. zulange lebten zu viele schon auf den kosten deren enkel und haben denen schon jatzt schulden aufgebaut, die diese kaum bezahlen können.
bR4iNST0RM (26.10.2009, 12:06 Uhr)
Erfolgsmodell?
Die bereits eingefahrenen Miese sind also ein Erfolg?!
auwei (26.10.2009, 11:41 Uhr)
@brainuser
Zitat: "Man muss schon eingefleischter FDP-Anhänger sein oder etwas extrem gutes geraucht haben, um hier eine lohnenswerte Perspektive für breiten Wohlstand, Fortschritt und soziale Stabilität zu sehen." Man muss schon ganz schön naiv sein, zu glauben, darum ginge es der FDP. Fortschritt, das ist, wenn die "Leistungsträger" nicht mehr durch gesamtgesellschaftliche Verantwortung an ihren Gruppenreisen nach Reibach gehindert werden. "Weg mit dem Pöbel, jeder ist sich selbst der Nächste" - an dem Motto hat sich nichts, aber auch gar nichts geändert. 15 Prozent von 70 Prozent der Wahlberechtigten sehen das genauso. Das genügt offenbar.
brainuser (26.10.2009, 11:25 Uhr)
Leider...
ist nicht im Ansatz zu erkennen, was die aktuelle Koalition besser machen soll.

Wo ist die Vision? Wo ist das Konzept? Wo ist die klare Linie?

Alles, was den Weg in den Koalitionsvertrag gefunden hat, ist ein Schritt zurück.

Bruch des Atomkonsens, Herdprämie, Ausstieg aus dem Solidarprinzip der GKV, Protektion von Branchen, sinnfreie Steuersenkungen... usw.

Man muss schon eingefleischter FDP-Anhänger sein oder etwas extrem gutes geraucht haben, um hier eine lohnenswerte Perspektive für breiten Wohlstand, Fortschritt und soziale Stabilität zu sehen.
auwei (26.10.2009, 11:21 Uhr)
Schöne Klemme
Was hat sich Frau Merkel dabei gedacht? Die von der FDP angestrebte Reform ist sozialer Sprengstoff (siehe die Befürchtung der Kassen, wenn die Steuermittel für den sozialen Ausgleich gekürzt werden), dazu kommt der Symbolgehalt der "Kopfpauschale". Einer muss das Gesicht verlieren - die ambitionierte FDP oder der linke Flügel der CDU. Letzteres ist gefährlich: Wenn sich die Union nicht sozialdemokratisiert hätte, läge sie noch tiefer in der Wählergunst als 33,8 Prozent. Robin "Rau" Rüttgers weiß das - mal schauen, was nach der NRW-Wahl passiert - und wer als erstes umkippt. Ich prophezeie: der pseudo-arbeitnehmerfreundliche Flügel der Union. Oder Merkel (er)findet ein "Schatten-Gesundheitssystem". Zuzutrauen wäre es ihr.
AxelR. (26.10.2009, 11:17 Uhr)
Endlich
Endlich gibt es mal eine Regierung, die den Mut hat den Murks der vergangenen Jahre zu korrigieren. Vielleicht könnte etwas mehr Mut nicht schaden. Auf jeden Fall tut es gut, dass es wieder so etwas wie Einigkeit in einer Regierung gibt. Das macht Hoffnung - auch wenn bereits sämtliche Interessenvertretungen, allen voran die Medien, aufheulen. Es könnte sich ja mal etwas verändern in diesem Land, das muss aber nicht immer schlecht sein. Also, mal weg mit den Vorurteilen, gebt der neuen Regierung eine Chance. Am Ende könnte nämlich auch vieles besser werden, wir haben lange genug darauf gewartet.
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