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10. Juni 2009, 14:06 Uhr

SPD-Linke dringt auf Kurswechsel

Hat das Europawahl-Debakel den SPD-Linken die Stimme verschlagen? Lammfromm kommentieren ihre führenden Köpfe die Schlappe: Die Wahlbeteiligung sei Schuld. Doch das ist nur Fassade. Intern schäumt der linke Parteiflügel - auf dem SPD-Parteitag am Wochenende werden seine Wortführer Kurskorrekturen fordern. Von Sebastian Christ und Hans Peter Schütz

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SPD-Linker Hermann Scheer: Dass die SPD-Führung dem FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle nachlaufe, "verletzt den Stolz unserer Mitglieder."© Thomas Lohnes/DDP

In der SPD scheint derzeit eine merkwürdige Stille zu herrschen. Man konnte sie am Montag vernehmen, auf der Pressekonferenz nach der Präsidiumssitzung: Franz Müntefering schob das Desaster bei den Europawahlen mit einigen dürren Worten auf die Wahlbeteiligung. Frank-Walter Steinmeier kam erst gar nicht zur Pressekonferenz. Bereits am Dienstag sprach kaum jemand mehr über das schlechteste Ergebnis der SPD bei einer bundesweiten Wahl. Die Analyse des 20,8-Prozent-Keulenschlags scheint nach 48 Stunden beendet. Doch wer genau hinhört, der merkt, dass die Partei dreieinhalb Monate vor der Bundestagswahl in Alarmstimmung geraten ist. Der Bundesparteitag am Sonntag, als Feierbühne für das SPD-Wahlprogramm gedacht war, könnte zum Schauplatz innerparteilicher Flügelkämpfe werden.

Hat das auch Konsequenzen für den Kanzlerkandidaten? Die führenden Köpfe der SPD-Linken, winken ab. Rund 100 Tage vor der Bundestagswahl gibt es keine personelle Alternative zu Frank-Walter Steinmeier, dem großen Verlierer der Europawahl. Kritik gibt es intern jedoch schon. "Kandidat Ratlos" nennen ihn viele. Jetzt müsse er endlich auf Angriff gegen Angela Merkel umschalten. Dass er es kann, bezweifeln viele Genossen jetzt erst recht.

"Strategisches Denken unterentwickelt"

Auch der Parteivorsitzende Franz Müntefering und sein "Buddy", Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel, sind bei der SPD-Linken nicht beliebter geworden. Hatte Wasserhövel bei seinem Amtsantritt nicht getönt, die SPD sei konzeptionell "schwachbrüstig"? Strategisch unterentwickelt? Und ohne Konzept für den Umgang mit der Kanzlerin? Ja, hatte er. Und welche Bilanz muss man nun ziehen? Eben. Doch die Linken wissen auch, dass sie Müntefering und Wasserhövel jetzt nicht aus ihren Ämtern kegeln können. Was bleibt, ist der Einflussnahme auf das Wahlprogramm, auf die strategische Ausrichtung der Partei. Der Parteilinke Hermann Scheer will auf der Sitzung des Parteivorstands am Samstag einen Punkt besonders kritisch thematisieren: Steinmeiers Flirt mit einer rot-gelb-grünen Koalition, der Ampel. Das müsse endlich aufhören. Entsprechende Avancen seien schädlich, sie würden die Partei nicht mobilisieren, sagt er, sondern demobilisieren. Dass die SPD-Führung dem FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle um der Macht willen nachlaufe, "verletzt den Stolz unserer Mitglieder." Zumal nicht glaubhaft zu machen sei, in einer Koalition mit dieser FDP ließe sich eine sozialere und gerechtere Politik betreiben als dies mit der CDU/CSU. Vernünftiger sei doch zu sagen: Wenn es für Rot-Grün nicht reicht, dann gibt es eben wieder eine Große Koalition.

Scheers SPD-Landesverband ist Baden-Württemberg. Bei der Europawahl kassierte der Verband mit 18,1 Prozent eine empfindliche Schlappe. Bei der Kommunalwahl in der Landeshauptstadt Stuttgart mussten sich die Sozialdemokraten gar den Grünen geschlagen geben. Entsprechend mies ist die Stimmung - und entsprechend groß der Wunsch, etwas zu verändern. Deshalb haben die linken Genossen bereits ein Positionspapier aufgesetzt, das stern.de vorliegt. Am Mittwochabend findet nahe Stuttgart ein Treffen führender Politiker des linken SPD-Flügels statt, darunter Erhard Eppler und Andrea Nahles, um mit baden-württembergischen Sozialdemokraten über das Papier zu beraten.

Die Eckpunkte des Papiers:

- Die SPD müsse die Fehler der Vergangenheit klar benennen. Die Wähler hätten die Agenda 2010, die Rente mit 67, Hartz IV und die Senkung des Spitzensteuersatzes nicht vergessen. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis, die für die Parteilinke im SPD-Bundesvorstand sitzt, sagte stern.de: "Wir haben die Armen ärmer und die Reichen reicher gemacht." Die SPD müsse Positionen wie die Rente mit 67, korrigieren, und die Hartz IV-Sätze anheben.

- Die Selbstkritik der SPD soll sich jetzt auch in der Zusammensetzung der Kernmannschaft für die Bundestagswahl zeigen. Kritiker der Steinmeier-Müntefering-Linie wie Herrmann Scheer und Otmar Schreiner müssten in sie aufgenommen werden.

- Verlangt wird von den Linken konkret: Die Wiedereinführung der Vermögenssteuer sowie die gerechte Besteuerung großer Erbschaften. Neue Arbeitsplätze müssten vorrangig in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Pflege und Städtebau geschaffen werden

- Wenn die SPD die FDP als möglichen Koalitionspartner bezeichne, so die linken Kritiker, "kann die Partei nicht glaubwürdig ihre Mitglieder mobilisieren." Die SPD-Führung habe offenbar die Stimmung an der Basis immer noch nicht erkannt.

Wenn die Linken diese Themen auf Sonderparteitag am Sonntag laut thematisieren, kann es für die SPD-Chefetage ungemütlich werden. Die ohnehin gebeutelten Sozialdemokraten würden dann wieder ein altvertrautes Bild abgeben: das der inneren Zerissenheit. Und das könnte die Wahlchancen weiter schmälern.

Hannelore Kraft übt sich im Stillhalten

Prominente linke Sozialdemokraten ahnen das Risiko und geben sich deshalb öffentlich friedfertig bis zur Selbstverleugnung. Ein Beispiel: die nordrhein-westfälische SPD-Vorsitzende Hannelore Kraft. Sie sagt, dass die niedrige Wahlbeteiligung der wichtigste Grund für die Niederlage bei den Europawahlen sei. So hatte es die SPD-Spitze schon zuvor formuliert. Auch am Entwurf des SPD-Wahlprogramms, das am Sonntag auf dem Bundesparteitag in Berlin beschlossen werden soll, möchte sie grundsätzlich nichts verändern. "Wir haben alles, was richtig und wichtig ist, ins Wahlprogramm hinein geschrieben." Die Stimmung sei gut, so Kraft. "Wir sind hier sehr kampfbereit, wir gehen jetzt raus, jetzt erst recht."

Laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" soll Kraft zusammen mit dem schleswig-holsteinischen SPD-Vorsitzenden Ralf Stegner am Montag auf der SPD-Präsidiumssitzung allerdings bezweifelt haben, ob der Wahlkampfschwerpunkt wirklich auf die Themenfelder Wirtschaft und Finanzen gesetzt werden sollte statt auf das Soziale. Gegenüber stern.de stritt Kraft das ab. "Ich stehe ja gerade für Wirtschaftskompetenz, aber natürlich ist und bleibt soziale Gerechtigkeit unsere Kernkompetenz", sagte Kraft.

Schluss mit dem "Koalitionsgequatsche"

Stegner hingegen bestätigt den Bericht - was seine Äußerungen betrifft. "Wir müssen natürlich auch finanz- und wirtschaftspolitisch gut aufgestellt sein. Aber unsere Kernkompetenz, das sind die Gerechtigkeitsfragen. Gerechtigkeit muss unser Maßstab und Kompass sein", so Stegner zu stern.de. Den Entwurf für das Wahlprogramm will Stegner allerdings auch unangetastet lassen. "Wir brauchen keinen neuen Kurs, man muss ihn nur mit Leidenschaft und ohne Diplomatie vertreten." Das "Koalitionsgequatsche" solle indes gestoppt werden. "Wir sollten für SPD pur werben."

Von Personaldebatten hält Stegner nichts, auch Wolfgang Jüttner, Fraktionsvorsitzender der SPD im niedersächsischen Landtag, winkt ab. Was seine inhaltlichen Wünsche betrifft, belässt es Jüttner im bei einer wolkigen Formulierung: "Wir müssen den Menschen mehr Perspektive geben, aber ihnen auch nicht den Himmel auf Erden versprechen." Er hätte auch sagen können: Wir Linken wollen der SPD mehr Perspektive geben. Und wir werden Steinmeier nichts versprechen.

Von Sebastian Christ und Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
sedanon (12.06.2009, 19:16 Uhr)
Die Regierung setzt noch einen drauf,
indem sie "Programme" finanziert, die letztendlich nur dazu dienen, die geschönten Arbeitslosenzahlen noch irgendwie über de Wahltag zu retten.
Laßt euch nicht verars.....
http://www.swr.de/report/-/id=233454/did=4796236/pv=video/gp1=4950846/nid=233454/1i610dv/index.html
OttoB (12.06.2009, 16:53 Uhr)
wenn der Mut fehlt
den Verat Schröders zuzugeben und das Wahlprogramm zu ändern z.B. Vermögensteuer wähle ich die Linkspartei
ganzbaf (12.06.2009, 07:44 Uhr)
Die neue Dummheit...

der alten Seeheimer.
Haben Angst davor, Sozialisten genannt zu werden und sind zu blöde zu erklären, Steuererhöhung ist prima, wenn sie die richtigen trifft! ;-)
Westerle.Merkwelle (12.06.2009, 00:25 Uhr)
Die Wähler merken doch die Betrug der SPD!
Wenn die SPD nicht mehr gewählt wird, dann hat das viele Gründe. Der wichtigste ist ohne Zweifel die entsetzliche Demagogie. Beispiel: Die Reichensteuer! Kaum zu fassen, aber wahr:
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Der WDR Beitrag in Sachen Steuergerechtigkeit und SPD zeigt: Die Reichensteuer ist - wie vieles von der SPD - nichts als Wählertäuschung!
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http://www.wdr.de/tv/monitor/
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Download der Sendung:
http://medien.wdr.de/download/1244746800/monitor/wdr_fernsehen_monitor_20090611.mp4
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Mit Müntefering an der Spitze und Steinmeier als Kanzlerkandidat hat sich die SPD entgültig von ihrer alten Klientel verabschiedet.
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Zu Zeiten Willy Brandts trat ich als 16 Jähriger in die SPD ein, da mich die Entspannungspolitik und die soziale Ausrichtung der SPD begeisterten. Von Willy Brandt stammte der Spruch: "Wer morgen sicher leben will, muss heute für Reformen kämpfen". Diese Reformen hatten aber einen Zweck: Soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit für alle. Die hessische SPD vertrat ein fortschrittliches Schulkonzept, dass von der CDU und ihren Stoßtrupps erbittert bekämpft wurde. Aber was ist von alle dem übrig geblieben. Nichts!
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Die SPD wurde in den letzten 25 Jahren von neoliberalen Kräften gekapert und als zweite Brigade der FDP/CDU umprogrammiert. "Reformen" sind heute das Gegenteil dessen, was Sozialdemokraten wie Willy Brand einmal wollten.
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Diejenigen SPD Mitglieder, die es gemerkt haben, sind aus der Partei ausgetreten. Der Rest begreift entweder nicht, was läuft oder will nicht der Realität ins Auge sehen: Die SPD ist keine Partei mehr für die normalen Menschen, sondern vertritt konsequent die Interessen der Großindustrie.
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Diese Partei ist an den Neoliberalismus verloren. Die neue sozialdemokratische Partei heißt "Die Linke" und hat einen Vorsitzenden, der einst Vorsitzender der SPD war, bis er feststellte, dass er gegen Gerhard Schröders Industrieagenda 2010 keine Chance hat. In seinem Buch "Politik für alle" knüpft er an den Geist der ehemaligen SPD an.
REINI2 (11.06.2009, 22:55 Uhr)
Lug und Betrug bei Politik und WIRTSCHAFT!!
Dirk_37 (11.6.2009, 2:47 Uhr)
Freut mich, dass du was zu lachen hast.
Wir dir auch noch vergehen! Peinlich für euch neos, dass ihr den Wagen selber an die Wand gefahren habt!
Ihr bekommt den Hals einfach nicht voll!
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Die Linken hätten das Geld für den Sozialstaat verwendet, den csucdufdpspd leider zerstören wollen!!
Wer den Reichen immer mehr Steuern erlässt, hat das VOLK VERRATEN!
Wähl nur weiter diese Betrüger und Lügner, Hauptsache du profitierst von dieser Politik!
Gute Nacht dirk!
n8g8 (11.06.2009, 19:37 Uhr)
Lasst mal stecken, Genossen!
Besser ist das, als dass Ihr wieder eine Palastrevolution gegen die herrschenden Seeheimer INSM anzettelt, die in der "bewährten" braunroten Kanalisation von Steinmeier und Münte endet. SO ebnet Ihr den Nazi-Faschisten schon wieder den Weg!!!
Austritt ist besser als Rückschritt, Herr Schreiner! Wer es HEUTE noch nicht kapiert hat, dass es in der SPD strikt nach dem Seeheimer Kurs RECHTS lang geht, soll bleiben wo der Pfeffer wächst!!!
*IchwähleDie.Linke*
Und ich hoffe, dass sich Die.Linke NIE auf Verhandlungen mit der asozialen Arbeitnehmer-Verräter-Partei SPD einlässt.-
ganzbaf (11.06.2009, 13:00 Uhr)
...deren ehemalige Wähler...

wählen links oder (die meisten) z.Zt. gar nicht mehr.
.Aber die Pauli will ja noch schnell eine eigene Partei gründen,
HEUREKA ;-)
ganzbaf (11.06.2009, 12:56 Uhr)
Niemand glaubt Müntefehrings neue "Sozialliberalität"...

So herum passt der Schuh schon besser ;-P
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Die CDU-FDP Politik hat vollumfänglich versagt und damit auch die CDU-Light (SPD).
gaga007 (11.06.2009, 10:09 Uhr)
Die SPD und die Lüge ...
Die SPD hat sich seit der Hessenwahl-Lüge einer Frau Ypsilanti für alle Zeiten unwählbar gemacht. Die SPD war um der Macht willen bereit mit der SED-Nachfolgepartei ein Bündnis einzugehen. So lange Leute wie Stegner, Nahles in dieser Partei maßgeblich mitbestimmen, so lange glaubt niemand dieser Partei eine politische Aussage ! Die SPD ist auf dem Weg zur zweiten Pekariat-Partei ... Niemand glaubt einem Müntefering, dass es nicht zu einer Koalition mit der Linkspartei kommt. Wer SPD wählt - wählt das Pekariat !
ganzbaf (11.06.2009, 09:41 Uhr)
Die SPD ist eine Linkspartei...

die mit der Linkspartei nicht koalieren will ;-DDD
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