4. November 2008, 08:04 Uhr

SPD-Rebellen droht Partei-Ausschluss

Wie soll es nach dem Scheitern von Andrea Ypsilanti in Hessen weitergehen? Grüne und FDP befürworten Neuwahlen, eine denkbare Jamaika-Koalition kommt wohl nicht zustande. Ein SPD-Ortsverein hat gegen die vier Rebellen, die die Machtübernahme verhindert haben, ein Ausschlussverfahren eingeleitet.

Sie sollen gehen: Für Jürgen Walter, Dagmar Metzger, Silke Tesch und Carmen Everts ist kein Platz mehr in der SPD©

Nach dem gescheiterten Versuch einer rot-grünen Minderheitsregierung in Hessen sind die vier abtrünnigen SPD-Landtagsabgeordneten in ihrer Partei unter heftigen Beschuss geraten. Ein Frankfurter Ortsverein stellte am Dienstag einen Antrag auf Ausschluss des Quartetts aus der SPD.

Schon am Montag hatte der Darmstädter Vorsitzende der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen, Horst Raupp, einen Ausschlussantrag gegen Jürgen Walter, Dagmar Metzger, Carmen Everts und Silke Tesch angekündigt. Inzwischen leitete der Frankfurter Ortsverein Bonames offiziell das Verfahren ein. "Das Verhalten dieser vier Genossen ist eindeutig parteischädigend", hieß es in dem entsprechenden Antrag an das Schiedsgericht des SPD-Bezirks Hessen Süd zur Begründung.

Neuwahlen werden wahrscheinlicher

Während die Sozialdemokraten nach Aussage ihres Generalsekretärs Norbert Schmitt "nicht überstürzt" Neuwahlen anstreben wollen, ist der Grünen-Landesvorstand bereits einen Schritt weiter. Das Gremium empfahl dem Parteirat am Montagabend, "sich für eine baldmögliche Auflösung des hessischen Landtags und damit Neuwahlen auszusprechen". Auch der hessische FDP-Landesvorsitzende Jörg-Uwe Hahn sagte dem "Tagesspiegel": "Ich halte es für die eindeutig sauberste Lösung, dass das hessische Parlament Voraussetzungen für eine Neuwahl schafft." Eine Jamaika-Koalition aus CDU, FDP und Grünen, die der geschäftsführende Ministerpräsident Roland Koch (CDU) anstreben soll, scheint damit ausgeschlossen.

"Nach dem Chaos in der SPD müssen jetzt die Wähler über den weiteren Kurs in Hessen entscheiden", sagte die Grünen-Politikerin Priska Hinz, die in einer rot-grünen Minderheitsregierung Kultusministerin hätte werden sollen, der "Berliner Zeitung". Mit der SPD sei auf absehbare Zeit kein Regierungswechsel machbar. Hinz lehnte eine Jamaika-Koalition ab. "Mit der Union gibt es nicht genügend Schnittmengen", sagte sie. Im Moment sei nicht absehbar, dass die CDU zu einer ökologisch-sozialen Reformpolitik bereit sei.

Für den kommenden Samstag berief der Vorstand der hessischen Grünen einen kleinen Parteitag in Frankfurt ein, hieß es in einer Erklärung vom Abend. Dort will sich die Landespartei voraussichtlich offiziell für Neuwahlen aussprechen.

Keine Chance für "Jamaika"

FDP-Landeschef Hahn betonte, der vorliegende Koalitionsvertrag von SPD und Grünen, der nun nicht mehr zum Tragen kommt, zeige, wie weit die Grünen von einem Jamaika-Bündnis entfernt seien. "Ich bin mir sicher, dass die Grünen nicht den Weg in eine Jamaika-Koalition suchen werden", sagte Hahn. Im Fall einer Neuwahl kündigte der Parteichef eine offenere Koalitionsaussage seiner Partei an. In einem Interview mit der "Leipziger Volkszeitung" erklärte Hahn: "Wenn wir wieder eine Koalitionsaussage machen müssten, dann wird sie nicht mehr so eng sein wie zur letzten Landtagswahl. Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, dass es möglicherweise ein Parlament mit fünf Fraktionen gibt. Da muss man auch als FDP etwas beweglicher sein." Allerdings hatte Hahn am Montag ebenso wie der geschäftsführende Ministerpräsident Koch angekündigt, bald das Gespräch mit anderen Parteien im Landtag suchen zu wollen.

Die Sondersitzung des Landtags, bei der sich die SPD-Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti am Mittag zur Ministerpräsidentin wählen lassen wollte, wurde abgesagt. Der zweite Anlauf für eine rot-grüne Minderheitsregierung unter Duldung durch die Linke ist damit auch offiziell gescheitert. Vier SPD-Abgeordnete hatten am Montag in Wiesbaden angekündigt, Ypsilanti ihre Stimme zu verweigern. Die SPD-Fraktionschefin erreicht deshalb nicht mehr die nötige Mehrheit im Landtag. SPD, Grüne und Linke haben zusammen 57 der 110 Abgeordnetensitze. Zu den Abweichlern gehört auch der stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Jürgen Walter. Ypsilanti zeigte sich am Montag "maßlos enttäuscht" über die vier Abweichler.

Abgeordnete: Abweichler bestochen?

Dem Rätselraten, warum die vier sozialdemokratischen Abweichler erst einen Tag vor der entscheidenden Landtags-Sitzung ihre Gewissensentscheidung gegen die von der Linkspartei tolerierte Minderheitsregierung öffentlich machten, fügte die SPD-Bundestagsabgeordnete Helga Lopez eine besondere Note hinzu. Sie glaubt an Bestechung. "Ich hätte nicht erwartet, dass die mächtige Energiewirtschaft doch noch siegt. Es ist doch nicht normal, dass nach über 95 Prozent Zustimmung auf dem Parteitag einige plötzlich ihr Gewissen entdecken", sagte Lopez der in Nordhessen erscheinenden "Wetzlarer Neuen Zeitung". Dagmar Metzger, die schon bei ersten Versuch Ypsilantis, eine Minderheitsregierung zu bilden, ihre Gefolgschaft versagt hatte, klammerte Lopez in ihrer Stellungnahme "ausdrücklich" aus. Bei den drei anderen Abweichlern Carmen Everts, Silke Tesch und Jürgen Walter vermutet die Bundestagsabgeordnete aus dem Lahn-Dill-Kreis jedoch: "Vielleicht stimmten die Silberlinge ja."

Neuwahl des hessischen Landtags Anders als im Bund ist in Hessen ein direkter Weg zu Neuwahlen möglich. Der Landtag in Wiesbaden kann sich einfach selbst auflösen. Dazu ist nach Artikel 80 der hessischen Verfassung die absolute Mehrheit der Landtagsabgeordneten erforderlich - also mindestens 56 der 110 Stimmen. Die Neuwahl müsste nach einem Auflösungsbeschluss gemäß Artikel 81 der Landesverfassung binnen 60 Tagen stattfinden. Der Landtag in Wiesbaden tagt regulär wieder am 18. November. Sollte sich das Landesparlament dann schon selbst auflösen, müsste bis spätestens 17. Januar 2009 gewählt werden.

DPA/Reuters/AP
 
 
KOMMENTARE (10 von 86)
 
voha (06.11.2008, 16:34 Uhr)
Guten Flug
Am besten man schießt diese Lügentante Ypsilanti samt ihrer getreuen SPD-Basis durchs Ozonloch, irgendwohin auf einen roten Planeten.
UR63 (06.11.2008, 16:17 Uhr)
Die vier sollen doch bei..
Freie Wähler Hessen anheuern!
Dann sind die wieder im nächsten Landtag!
Die SPD soll weiter mit Lügilanti Richtung 5% Hürde maschieren!
Wer die Neuwahl gewinnt ist klar!
R.Koch!
Der ist das kleinste Übel für Hessen!
mister-mister (06.11.2008, 10:21 Uhr)
Gebt Lügilanti eine Insel
AM besten eine kleine Hallig in der Nordsee. Da kann sie dann in sich gehen und überlegen, was es für Folgen haben kann und wie man mit den Konsequenzen umgeht, wenn man seinen Auftraggeber - die Wähler - frech ins Gesicht lügt.
.
Diese Person ist für JEDEN politischen Posten in diesem Land vollkommen untragbar. Weg mit ihr.
globalhumanist (06.11.2008, 07:05 Uhr)
wie (fast) immer
Die CDUler freuen sich, die Linken freuen sich und die SPD steckt wieder mal in einer Identitätskrise.
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Nichts Neues sollte man meinen. Und den Parteiausschluß der 4 "Königsmörder" verurteilt man lautstark als kommunistisches Machtgehabe.
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Der Unterschied (wie auch im Fall Clement) ist jedoch, daß der Parteiausschluß eindeutig von der Basis forciert wird. Also streng demokratisch und voller Wut auf "die da oben", die zum wiederholten Male destruktiv gegen die eigene Partei und den Basiswillen verstoßen haben.
ganzbaf (04.11.2008, 21:30 Uhr)
Tja, Pech gehabt.

Y. wird aber weitermachen und Poland K. in selbigen treten... ;-D
tetrapanax (04.11.2008, 19:18 Uhr)
Treffender Vergleich, voha!
Klar, wer diese machtgeile Schlange nicht unterstützt, weil er/sie anderer Meinung ist (kein "DDR light" hier mit der SED), MUSS bestochen worden sein - Fraport, Koch oder sonstwer, ihr dämlichen, ganzbaffen Linken.
Ich bin den "Rebellen" dankbar, dass es nicht zu dieser unseligen Konstellation in Hessen gekommen ist.
Hätte Ypsilanti nur ein Gramm Rückgrat, würde sie ihre dreckige Lüge und den Schaden, den sie ihrer Partei zugefügt hat, zugeben und zumindest politisch im Nirvana verschwinden.
ganzbaf (04.11.2008, 19:07 Uhr)
Zersetztend...

und ziemlich wahrscheinlich.
Besonders bei einem wie Koch ;-P
voha (04.11.2008, 18:44 Uhr)
Zersetzungsmethoden
Auch die Kommunisten bzw. die Linken haben schon immer Mittel und Wege gewusst, wie man mit politischen Abweichlern umgeht.
Unter der stalinistischen Diktatur sind diese Abweichler in sogenannte Gulags verschleppt worden oder sie wurden sofort mundtot gemacht und ermordet.
Unter der „Diktatur des Proletariats“, in der ehemaligen DDR, verschwanden die politischen Abweichler und Andersdenkende in den Stasigefängnissen.
Viele aufrechte Menschen kamen auch während dieser DDR-Diktatur ums Leben.
In der Hessen-SPD versucht man sich der politischen Abweichler eleganter zu entledigen, aber mit altbewährten Methoden.
Die Unterstellung, der SPD-Bundesabgeordneten Helga Lopez, dass zumindest 3 Abweichler von der Energiewirtschaft bestochen sein könnten, das nennt man Zersetzung.
Unterstellungen und Gerüchte zu streuen, um damit mutige und tapfere Menschen zu diskreditieren, das sind Stasi-Zersetzungsmethoden vom feinsten, Genossen.
guinness.1 (04.11.2008, 16:32 Uhr)
Sehr schade, daß sich nur 4 getraut haben....
...gegen die Machtgeilheit der Politikerin anzugehen, die ihr Wahlversprechen brechend entgegen dem Willen der Wähler nur an sich selbst interessiert war.
.
Aber klar: in einer Demokratie darf sich kein Abgeordneter trauen, eine eigene Meinung zu haben. Wenn doch, wird ihm Bestechnung vorgeworfen, er wird unter Druck gesetzt und ein Ausschlußverfahren wird eingeleitet.
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Hoffentlich bekommt die SPD dann bei den Neuwahlen die Quittung dafür.
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Aber ich bin auch sicher, daß sich Frau Ypsilanti schnell wieder hochrappelt und einen anderen Weg nach oben versuchen wird.
Mal sehen, was ihr als nächstes einfällt.
Mistkaefer (04.11.2008, 15:24 Uhr)
Höchste Anerkennung
Der Artikel ist sehr gut geschrieben!
Der Entschluss der 3 ( bzw. 4 ) ist
Klasse.Die Dame Ypsilanti sollte sich
aus Hessen zurück ziehen.Bei Neuwahlen wird die SPD haushoch verlieren.Dies hat sie dann der Dame
Ypsilanti zu verdanken.Den monatelangen Hickhack hätte sich die SPD sparen können.
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