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6. Juli 2009, 10:30 Uhr

Gabriel will Ländern Atomaufsicht entziehen

Nach der erneuten Panne im AKW Krümmel will Umweltminister Sigmar Gabriel die Aufsicht über die Atommeiler auf den Bund übetragen. "Es muss eine einheitliche Atomverwaltung her", forderte er. Gabriel erklärte, bei der Bundestagswahl würden die Deutschen auch über die Zukunft der Kernenergie entscheiden.

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Atomkraftgegner protestieren vor dem AKW Krümmel. Die SPD will nach dem Störfall den Atomausstieg beschleunigen© Fabian Bimmer/AP

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will den Bundesländern nach der neuen Panne im Kernkraftwerk Krümmel die Aufsicht über die Atomkraftwerke entziehen. "Der Bund soll eine Bundesaufsicht einführen, die wirklich alle 17 Atomkraftwerke umfasst. Das Gezerre zwischen Bund und Ländern gibt es nirgendwo auf der Welt", sagte er am Montag in der ARD. "Es muss eine einheitliche Atomverwaltung her."

Zudem müsse nach der Bundestagswahl das Atomausstiegsgesetz verschärft werden, forderte Gabriel. Ein Unfall oder ein Terroranschlag auf ein Atomkraftwerk könne in einem dicht besiedelten Industrieland wie Deutschland "eine Katastrophe auslösen". "Daher bin ich dafür, den Atomausstieg zu beschleunigen", erklärte der Minister. Das Atomgesetz biete die Möglichkeit, die alten Atomkraftwerke schneller abzuschalten und die Laufzeiten auf jüngere, sicherere zu übertragen.

Widerstand gegen die Pläne Gabriels kam umgehend: Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) lehnte im Bayerischen Rundfunk die Einführung einer bundeseinheitlichen Atomaufsicht ab. "Mit welcher Art von Verwaltung könnte der Bund da entscheiden? Sigmar Gabriel mit seinem Büroleiter?" In den Ländern sei seit Jahrzehnten die Kompetenz für die Atomaufsicht erworben worden. "Dabei soll es auch bleiben." Mit Blick auf die bayerischen Atomkraftwerke sagte Söder, sie "sind sicher, wir haben da überhaupt keine Probleme".

Unionsfraktionsvize Katherina Reiche wies Gabriels Forderung nach einem Kurswechsel bei den AKW-Laufzeiten zurück. "Die Union bleibt bei ihrer Position - eine Laufzeitverkürzung der Kernkraftwerke steht auch mit Blick auf den Klimaschutz und eine stabile Energieversorgung nicht zur Diskussion", sagte die CDU-Politikerin der "Leipziger Volkszeitung".

Das Atomkraftwerk Krümmel bei Hamburg hatte sich am Wochenende selbsttätig abgeschaltet, als es wieder auf seine volle Leistung hochgefahren werden sollte. Es war nach zwei Jahren Stillstand erst vor zwei Wochen wieder ans Netz gegangen, aber nicht störungsfrei gelaufen. Ursache der neuen Abschaltung war ein Kurzschluss in einem Transformator. Gabriel will nach dem Störfall die Elektronik in allen deutschen Atommeilern untersuchen lassen.

Atomkraft wird Wahlkampfthema

Auf die Frage, ob die Panne in Krümmel eine Steilvorlage für den Wahlkampf gewesen sei, sagte Gabriel: "Ich hab' den Störfall nicht organisiert, sondern die Atomindustrie, die vorher behauptet hat, sowas kann nicht passieren." Zugleich betonte er: "Am 27. September entscheiden die Deutschen darüber, ob dieser Reaktor und sieben weitere länger betrieben werden, wie es CDU/CSU und Kanzlerin Merkel vorgeschlagen haben. Oder ob wir in der nächsten Periode insgesamt acht dieser schwierigen Reaktoren endlich abschalten können." Zu Problemen bei der Stromversorgung würde es nach der Abschaltung der Atomanlagen nicht kommen, versicherte Gabriel. Deutschland produziere derzeit mehr Strom als es selbst verbrauche.

Söder erklärte dagegen: "Wir können die 60 oder 70 Prozent Strom in Bayern, die wir durch Kernkraft bekommen, nicht einfach von heute auf morgen ersetzen durch andere Werke, vor allem nicht durch Kohlekraftwerke wie es Gabriel will." Die Kerntechnik sei eine Brückentechnologie. "Wir brauchen sie so lange, bis wir den kompletten Ersatz durch Regenerative haben", meinte der CSU-Politiker.

Gabriel verlangte in der ARD auch, die Atomindustrie zur Sanierung der alten Atomendlager heranzuziehen. "Es kann nicht sein, dass der Steuerzahler vier, fünf, sechs Milliarden Euro zu bezahlen hat dafür, dass wir die Asse und Morsleben sanieren. Das müssen die selber bezahlen."

Der Energiekonzern Vattenfall wird wegen der Pannenserie in Krümmel heftig kritisiert. Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast sprach dem Konzern die Eignung ab, Atomkraftwerke zu betreiben. Dem Berliner "Tagesspiegel" sagte sie: "Es zeugt von gefährlichem Dilettantismus, dass Vattenfall das AKW in nur zwei Wochen zweimal vom Netz nehmen muss." Künast erklärte ebenfalls, bei der Bundestagswahl werde auch über die Zukunft der Kernenergie entschieden.

Ministerium wurde von der Polizei informiert - nicht von Vattenfall

Einen größeren Image-Schaden kann sich Vattenfall wohl selbst kaum vorstellen. Der Ausfall vom Wochenende war bereits der dritte Vorfall seit dem Wiederanfahren der Anlage vor gut zwei Wochen. Nach dem Unfall vom Samstag gab es Folgeschäden bei der Schnellabschaltung: Wegen eines defekten Brennelements erhöhte sich etwa die Radioaktivität im Reaktorwasser. Außerdem kam es zu Problemen bei der Kühlung des Reinigungssystems. Direkt aus dem AKW trat nach Angaben der Behörden aber keine Radioaktivität aus.

Anders als eigentlich vorgesehen war die Atomaufsicht in Kiel am Samstag zuerst von der Polizei und nicht vom Betreiber selbst über den Zwischenfall informiert worden. "Warum es nicht möglich war, binnen 40 Minuten auf dem fest vereinbarten und vorgeschriebenen Weg eine kurze Erstinformation über die Reaktorschnellabschaltung an das Lagezentrum und die Atomaufsicht zu geben, ist mir völlig unverständlich", kritisierte die zuständige Landessozialministerin Gitta Trauernicht (SPD). Die Panne müsse Konsequenzen haben, forderte sie.

DPA/AP
 
 
KOMMENTARE (10 von 78)
 
endbenutzer (06.07.2009, 13:58 Uhr)
@Efesis:
"..Ausserdem werden ja neue Kohlekraftwerke gebaut um die Kernkraftwerke zu ersetzen. Aber die sind ja auch so viel besser. Das CO2 schadet unseren Kindern und den nächsten Generationen ja überhaupt nicht..."
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Genau darauf habe ich schon gewartet. Warum eigentlich immer dieses "entweder-oder"? Ich denke, dass es weitaus mehr Möglichkeiten gibt. Diese müssen allerdings gewollt sein. Solange aber die Politik weiterhin von Lobbyisten unterwandert ist, werden es alternative Konzepte nicht schaffen.
Efesis (06.07.2009, 13:41 Uhr)
@ endbenutzer
das hast du nicht behauptet! 20 andere vor dir aber schon. Ich habe auch nicht behauptet, dass es ohne Kernkraft gar nicht geht. Man könnte sicher ein Kraftwerk abstellen. Übrigens, für Erdwärme wird auch Strom gebraucht und zwar nicht wenig. Ausserdem werden ja neue Kohlekraftwerke gebaut um die Kernkraftwerke zu ersetzen. Aber die sind ja auch so viel besser. Das CO2 schadet unseren Kindern und den nächsten Generationen ja überhaupt nicht.
Efesis (06.07.2009, 13:27 Uhr)
@ DasBertl
in 20 Jahren sind 37 Kinder erkrankt? von wievielen? statistisches Mittel, weisst du was das ist? wo liegt das maximum und wo das minimum?
Zum Thema: die Betreiber verschweigen die richtigen Strahlendosen. Es kann doch jeder in die nähe von einem Kraftwerk gehen und selber messen, wo ist das Problem?
endbenutzer (06.07.2009, 13:26 Uhr)
@Efesis:
Es hat kein Mensch behauptet, wir sollten unser gesamte Energie nur noch aus Wind- und Solarkraft beziehen. Diese Unterstellung wird immer gerne als Totschlagargument benutzt. Andere Möglichkeiten wie Einsparung, Dezentralisierung durch Blockheizkraftwerke, Erdwärme etc. werden dagegen immer gerne unter den Tisch gekehrt.
.
Davon abgesehen: Die Überkapazitäten in unserem Land sind jetzt schon viel zu hoch. Da werden nicht selten Szenarien vorgegaukelt die einfach unrealistisch sind. Diese "Entweder-Atomkraft-oder-hier-gehen-alle-Lichter-aus" Argumentation ist langsam ausgelutscht..
Efesis (06.07.2009, 13:14 Uhr)
@ DasBertl
natürlich exportieren wir Strom. In der Nacht, wenn wir alle schlafen. Das Problem ist aber, dass man eine Grundlast sowie eine Leistungs-Reserve sichern muss damit das Netz nicht zusammenbrich. Das funktioniert aber nicht mit Wind und Solar. Solche Aussagen muss man doch nicht naiv hinnehmen sondern hinterfragen. Wenn es heisst Deutschland exportiert Strom muss sofort die Frage kommen: Wann? Wohin? Importieren wir auch? Wenn ja, wann und von wem?
Das ist das richtige Vorgehen.
DasBertl (06.07.2009, 13:02 Uhr)
Und wem Geld vor Leben geht:
Die deutschen KKW-Betreiber haben keine Haftpflichtversichherungen für einen GAU ihrer Kraftwerke abgeschlossen. Die Folgekosten eines GAUs müssten also wieder einmal die Steuerzahler bezahlen. Nach dem WeltfinanzGAU und dem WeltwirtschaftsgGAU dann auch noch den KKW-GAU bezahlen. Lecker...
DasBertl (06.07.2009, 12:59 Uhr)
@Heinerich
Es gibt einen einfachen Weg, das in Zukunft zu vermeiden: Vattenfall die Betriebserlaubnis entziehen. Und langsam (ja es geht leider nicht sofort) endlich auszusteigen aus dieser Form der Energieerzeugung, die wir nun wirklich nicht mehr brauchen...
Efesis (06.07.2009, 12:58 Uhr)
es bringt nichts
zum Thema Kernkraftwerke und ihre Sicherheit will ich hier nichts mehr schreiben, dazu habe ich schon genug erwähnt. Das Problem ist, dass die Aktivisten hier nicht auf einen Fachmann hören wollen.Es heisst gleich: Sie wurden doch von denen gekauft. Das ist als ob man gegen die Wand reden würde.Es werden hier Behauptungen in den Raum geworfen, die kein Elektroingenieur, Kernkraftwerkstechniker oder Strahlenschützer bestätigen würde. Dabei kann man sich einen Taschenrechner nehmen und selber mal nachrechnen:
Leistung aus AKWs in Deutschland: 148,8 TWh
Leistung aus einem Windrad bei idealen Bedingungen: 4,5 MWh
Anzahl benötigter Windräder: 33,8 MILLIONEN Wohin bitte?
Leistung aus einer Solarzelle: ca. 1 kWh bei einer Fläche von 10 m².
Benötigte Fläche für Solarzellen: 148.000 km² Das ist eine Fläche so groß wie Bayern, BW, RP und Hessen ZUSAMMEN.
Zum Thema Energiesparlampen: Natürlich eine gute Sache die in Australien mehr bring als bei uns. In unseren Breitengraden wird den grössten Teil des Jahres geheizt. Hatte man früher eine 100 W Birne eingeschalten so hat diese den Raum mit 95 W geheizt => weniger Heizöl oder Erdgas. Heute hat man eine 15 W Sparlampe drin die gar nicht heizt => mehr Heizöl oder Erdgas benötigt.
Klar, Stadtbeleuchtung, Fabrikhallen und andere Sachen eignen sich hervorragend für Energiesparlampen. Aber an so etwas hat man natürlich nicht gedacht. Manchmal frage ich mich ob es bei den Grünen überhaupt jemanden gib der eine Ahnung von Technik hat oder sind es alles Psychologen und Philosophen.
So viel zum Thema Ausstieg.
Ich hoffe das öffnet euch die Augen.
DasBertl (06.07.2009, 12:55 Uhr)
@Efesis
Und nun nochmal zu der Studie, deren durchführende Organe ja zu der Schlussfolgerung (im Gegenteil zum BfS) kommen, das das alles keinen Zusammenhang hat:
"Möglicherweise hat auch der Normalbetrieb von Kernkraftwerken Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Eine epidemiologische Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz im Jahr 2007 zeigte eine signifikant erhöhte Leukämie-Rate bei Kindern in der Nähe (fünf Kilometer) von Kernkraftwerken. Danach erkrankten von 1980-2003 im 5km-Umkreis um die Kernkraftwerke in Deutschland 37 Kinder neu an Leukämie – im statistischen Mittel wären es 17 Kinder gewesen. Über die Interpretation dieses Befundes herrscht keine Einigkeit. Während die Autoren der Studie der Auffassung sind, dass die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung wegen der um ein vielfaches höheren natürlichen Strahlenbelastung nicht als Ursache in Betracht kommt, gelangt das externe Expertengremium des BfS zur KiKK-Studie zur Überzeugung, dass aufgrund des besonders hohen Strahlenrisikos für Kleinkinder sowie der unzureichenden Daten zu Emissionen von Leistungsreaktoren dieser Zusammenhang keinesfalls ausgeschlossen werden kann."
Für mich klingt das so, als ob entweder bewusst Strahlendaten verschwiegen werden, oder aber es eine Art Strahlung gibt, von deren Existenz wir bislang noch keine Ahnung haben.
Wenn der Zusammenhang jedenfalls "nicht ausgeschlossen werden kann" dann ist es unverantwortlich, so eine Technologie weiter zu betreiben. So einfach ist das...
So und ab sofort werd ich mich mit Wikipedia zurückhalten, sonst kommt wieder das Totschlagargument, ich würde mich nur über Wikipedia informieren und das das eine unzuverlässige Informationsquelle wäre.
Heinerich (06.07.2009, 12:50 Uhr)
Das Vattenfall in der Vergangenheit
grob fahrlässig gehandelt und nur auf Profit bedacht war, ist mir vollig klar, deswegen sollte man denen mehr auf die Finger schauen. Gerade diese KKW sind hervorragend ausgerüstet um diesen Störfall zu rekonstruieren und den Verursacher bzw. den Grund dafür herauszufinden. Wenn es Grobfahrlässig war sollten auch entsprechende Schritte unternommen werden um das in Zukunft zu vermeiden
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