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29. September 2005, 09:30 Uhr

Die Mission der "Mumien"

Darf das Auswärtige Amt verstorbene Diplomaten mit Nazi-Vergangenheit ehren? Außenminister Fischer hat das verneint - und damit intern eine Protest-Lawine ausgelöst. Nun wühlt ein neues Buch den Konflikt auf. Ein Erlebnisbericht aus dem Auswärtigen Amt. Von Florian Güßgen

Tempi Passati, vergangene Zeiten: Joschka Fischer und Diplomaten in trauter Einigkeit bei der Botschafter-Konferenz in Berlin im Jahr 2000. Der Streit um Ehrungen für verstorbene Diplomaten hat das Amt intern tief gespalten© Michael Kappeler/DDP

Die Nerven liegen blank im Auswärtigen Amt. Immer noch. Kaum hat Hans-Jürgen Döscher seinen Vortrag beendet, da schießt der Arm des grauhaarigen Mannes in der zweiten Reihe in die Höhe. Es ist wie bei einem Duell – er bitte um Chancengleichheit, sagt er mit lauter Stimme, steht auf und eilt nach vorne. Er wolle sich ebenfalls vor das Publikum stellen dürfen - wie der Buchautor, sagt er. Seine Dokumente wolle er zeigen, seine Belege, genau wie der andere, der Gegner. Die Zeit, sich vorzustellen, nimmt der Mann sich erst gar nicht. Das Publikum müsse ihn ohnehin kennen, mag er denken. Ihn, den Botschafter a.D. Dr. Heinz Schneppen, den promovierten Historiker, 36 Jahre im Dienst des Auswärtigen Amtes. Eigentlich müssten ihn alle kennen, denn schließlich, mag er denkenm, ist er es, der für die Ehre der deutschen Nachkriegs-Diplomaten gekämpft hat wie kein anderer, der auch das Andenken des Kollegen Franz Krapf verteidigt hat wie kein anderer - gegen all diese Anschuldigen wegen dessen angeblicher SS-Vergangenheit. Er, Schneppen, war es, der den "Aufstand der Mumien" ("Der Spiegel"), der ehemaligen Diplomaten anzettelte. Gegen den verachteten Außenminister Joschka Fischer. Gegen dessen Politik der Respektlosigkeit. Eigentlich müsste ihn das Publikum kennen, gerade jetzt, da er wieder einmal nach Berlin gefahren ist, um zu kämpfen. Für das Ansehen des toten Krapf, gegen das neue Buch des Osnabrücker Historikers Döscher. Eigentlich, denn Schneppen stellt sich an diesem Dienstabend dann doch vor. Er sei flexibel, sagt er. Trotzdem riecht es nach Muff, wenn er spricht.

Buchautor Hans-Jürgen Döscher beschreibt die Lebensläufe deutscher Diplomaten - von der NS-Zeit bis in die Bundesrepublik Konrad Adenauers© Privat/Ullstein-Buchverlage

Bei den Ehemaligen sitzt der Stachel tief

Schneppen ist einer der Haupt-Akteure in einer Schlacht, die bereits geschlagen schien. Es geht um die NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes, um jene Diplomaten, die sowohl dem Diktator Hitler als auch dem Demokraten Adenauer dienten, und vor allem um die knifflige Frage, wie jener verstorbener Diplomaten gedacht werden soll, an denen der Malus des Nazis haftet, die aber die Bundesrepublik dennoch hervorragend vertreten haben. Im Prinzip hat sich Joschka Fischer, der Außenminister, bereits durchgesetzt. Der Praxis des Auswärtigen Amtes, ehemaliger Nazis und SS-Mitglieder ehrend zu gedenken, hat er ein Ende bereitet, eine Kommission renommierter Historiker eingesetzt, die die braune Vergangenheit des bundesdeutschen Diplomaten-Corps endlich ausleuchten soll. Die Entscheidungen sind gefallen, aber vor allem bei Ex-Diplomaten, den Ex-Kollegen der Nazis, sitzt der Stachel dennoch so tief, dass sie es nicht gut sein lassen können, gegen Fischer und dessen Haus-Politik zu wettern. Sie fürchten um das Ansehen ihrer Kollegen - und wohl auch ein wenig um den Glanz der eigenen Biografie. Je heller der Ruhm des Auswärtigen Amtes leuchtet, desto strahlender erscheint schließlich die eigene Karriere. Und so genügt schon der kleinste Anlass, um die Wut wieder aufsteigen zu lassen, den Ärger über die angeblich heuchlerische, moralische Hochmütigkeit derjenigen, die jetzt das Sagen haben im "Amt". Vor allem Schneppen nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die angeblichen Vergehen Fischers geht.

Ein neues, altes Buch als Provokation

An diesem Abend gibt Döscher den Anlass zu erhitztem Widersprüch. Zu sagen hat der Historiker, dessen Aussehen und Rhetorik an den Kabarettisten Dieter Hildebrandt erinnert, zwar nichts im Auswärtigen Amt, aber geschrieben hat er darüber. Akribisch, in biografischer Fiesel-Arbeit, hat er trotz mauer Aktenlage die Lebensläufe und Karrieren deutscher Nachkriegs-Diplomaten nachgezeichnet, gezeigt, dass diese auch unter Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop schon in Amt und Würden waren - nicht nur als Mitläufer des Regimes, sondern auch als deren aktive Unterstützer. Auch um die Vorkriegs-Vita des Botschafters a.D. Franz Krapf hat er sich dabei gekümmert - mit der These, dass der spätere Nato-Botschafter der Bundesrepublik während der NS-Zeit stärker mit der SS verbandelt war, als er es zugegeben hat. Zwei Bücher sind aus Döschers Lebenslauf-Studien in den vergangenen Jahrzehnten entstanden, die auch wegen der dürren Quellenlage zur Standardliteratur über die braune Vergangenheit deutscher Diplomaten geworden sind: "Das Auswärtige Amt im Dritten Reich" von 1987 und "Verschworene Gesellschaft" von 1995. Weil das Thema im Streit um das richtige Gedenken an verstorbene Diplomaten in der ersten Hälfte dieses Jahres wieder aufkochte und weil die beiden anderen Titel vergriffen sind, hat Döscher nun eine Art neue Zusammenfassung geschrieben und unter dem Titel "Seilschaften. Die verdrängte Vergangenheit des Auswärtigen Amts"“ beim Propyläen Verlag herausgebracht (22,50 Euro).

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