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Aussteiger-Initiative "Exit" ist gerettet

Sie kämpft gegen Rechtsradikale und mit Geldsorgen: "Exit", erfolgreiche und anerkannte Aussteiger-Initiative für Neonazis. Nun ist die Finanzierung vorerst gesichert. Kenner der Szene atmen auf.

Von Uli Hauser

Er fühlte sich gut, als Chef der "Wehrsportgruppe Racheakt". Als Mitbegründer des "Bundes Arischer Kämpfer". Als gefürchteter Schläger im sächsischen Torgau, wo er mit seinen Leuten Hochzeiten aufmischte, Existenzen vernichtete, eine "Döner"-Bude anzündete und am Ende sogar eine Bank überfiel. Manuel Bauer, heute 29, genoss es, in jungen Jahren Angst und Schrecken zu verbreiten. Jetzt sitzt er, der Rädelsführer von damals, in einem Berliner Büro und erzählt aus einem kaputten Leben. "Früher dachte ich, ich sei ein Held. Heute muss ich sagen: ich war ein Arschloch".

Manuel Bauer, wuchtige Figur, weiche Stimme, Ex-Neonazi. Verurteilt zu fast drei Jahren Haft, hörte er im Gefängnis von "Exit", der Aussteiger-Initiative. Zuerst dachte er: 'meldest dich mal, tust interessiert, vielleicht lassen sie dich dann früher laufen. Aber als er von Kameraden verprügelt wurde, weil er ihnen angedeutet hatte, vielleicht auszusteigen, und ihm zwei Türken zu Hilfe gekommen waren, geriet sein Weltbild ins Wanken. Die vermeintlichen Feinde standen ihm bei, die vermeintlichen Freunde ließen ihn fallen.

Ein "Exit"-Mann besuchte ihn, zaghaft die Annäherung. Er interessierte sich mehr für Bauers Lebenslauf als für seine Ideologie. Für den Menschen, nicht den Neo-Nazi. Bauer fasste langsam Vertrauen. Die Gespräche waren intensiv und schmerzlich. Aber der einzige Weg, wieder zu sich und mit sich ins Reine zu kommen. Bauer hat viel nachgedacht, und jetzt arbeitet er für "Exit". "Ich habe viel gutzumachen", sagt er. Heute hält er Vorträge in Schulklassen.

"Exit" war vor acht Jahren, noch vor dem sogenannten Aufstand der Anständigen, mit Hilfe des stern, deutscher Unternehmen und Künstlern wie Udo Lindenberg, Xavier Naidoo oder Peter Maffay im Rahmen der stern-Kampagne "Mut gegen rechte Gewalt" gegründet worden. Der Berliner Kriminologe Bernd Wagner hatte sich dieses Projekt ausgedacht, um abseits von Appellen und wohlgemeinten Ratschlägen Rechtsradikalen eine echte Alternative zu bieten. Lebenshilfe statt platter Parolen. Dafür, was er in nun acht Jahren geschaffen hat, wird er von aktiven Neonazis gehasst und bedroht. Sie versuchen, ihn und seine Leute immer wieder einzuschüchtern und zu attackieren: einem Mitarbeiter schickte man eine Briefbombe ins Haus.

Geldsorgen gefährden das Projekt immer wieder. Zuletzt wurden sie akut. Nun wird es jedoch zumindest einige Monate weitergehen: Stern-Leser und die Münchener Bavaria Industriekapital spendeten mehr als 100.000 Euro für die Initiative, und jetzt fanden auch Berliner Politiker eine Lösung: Das vom Bundesinnenministerium unterstützte "Bündnis für Demokratie und Toleranz" soll 80.000 Euro "Nothilfe" zur Verfügung stellen. In den vergangenen Monaten stand "Exit" vor dem Aus, nachdem die Förderung aus dem Bundesarbeitsministerium im Oktober 2008 ausgelaufen war. Wie zu hören ist, soll das Projekt ab April aber wieder vom Arbeitsministerium Gelder bekommen.

Kämpfer gegen Rechtsextremismus atmen auf: Denn bisher wurden von "Exit" schon mehr als 300 Menschen beim Ausstieg unterstützt und viele Eltern beraten, deren Kinder in die sektenartig organisierte Szene abgedriftet sind. Wagners Mitarbeiter konfrontieren und machen Mut. Der Job belastet, der Job geht an die Substanz. Es ist kein Vergnügen, sich immer wieder mit Phrasen und Hass auseinanderzusetzen. Und bei öffentlichen Vorträgen immer wieder Neonazi-Trupps zu begegnen.

Unter Extremismus-Kennern gilt "Exit" als Vorzeigeprojekt. Heinz Fromm, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz: "Exit leistet einen substantiellen Beitrag zur Eindämmung des Rechtsextremismus in Deutschland." Obwohl auch immer mehr Politiker die Arbeit von Wagner loben, bleibt der Kampf um die Finanzierung hart. So geht nun das Ringen um die dauerhafte Absicherung des Vorzeige-Projekts in ein weiteres Jahr. Statt konsequent und dauerhaft unterstützt zu werden, schlagen sich Wagners Leute auf der Suche nach Verbündeten mit Antragsformularen und Absichtserklärungen herum.

Und die Arbeit wird nicht weniger: Im vergangenen Jahr registrierten die Behörden die meisten rechtsradikalen Straftaten seit der Wiedervereinigung.

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