Deutschland ist gespalten. Doch oben oder unten ist nicht nur eine Geldfrage. Bildungsarmut ist das größte Problem der neuen Unterschicht. Mehr Geld bringt keinen sozialen Fortschritt. Bildung schon. Ein Essay von stern-Autor Walter Wüllenweber

Walter Wüllenweber© Karin Rocholl
Geld haben die Armen in Deutschland genug. Sie haben Spülmaschinen, Mikrowellenherde, die neuesten Handys, DVD-Spieler, meist mehrere Fernseher. Das listen die Erhebungen des Statistischen Bundesamtes detailliert auf. So viel zum Haben. Hartz-IV-Empfänger verfügen über denselben materiellen Lebensstandard wie Facharbeiter in den 1970er Jahren. Wenn das Haben der Maßstab wäre, die Ausstattung mit Media-Markt-Schnickschnack oder den neuesten Klamotten, wenn nur das monatliche Haushaltseinkommen zählen würde - dann könnten wir uns zufrieden zurücklehnen. Dann wäre die ganze Diskussion über die Unterschicht überflüssig.
Doch das ist sie nicht. Die Debatte ist für den deutschen Sozialstaat überlebenswichtig. Denn sie zeigt: Deutschland ist auf dem Irrweg. Wir leisten uns einen der teuersten Sozialstaaten der Welt. Das könnte man ertragen. Aber es ist gleichzeitig der erfolgloseste Sozialstaat. Das ist unerträglich. Seit Jahrzehnten versuchen wir, Armut und die himmelschreiende Chancenungleichheit mit immer derselben Methode zu bekämpfen: mit mehr Geld. Heute müssen wir feststellen: Das hat nicht funktioniert. All die Milliarden hätten genau das verhindern sollen, was nun dennoch eingetreten ist: Die Menschen aus München-Hasenbergl, aus Berlin-Neukölln, aus Hamburg-Billstedt, aus den typischen deutschen Unterschichtsvierteln, finden keine Arbeit mehr.
Viele ihrer Kinder kommen in der Schule nicht mit. 80.000 Jugendliche verlassen Jahr für Jahr die Schule ohne Abschluss. Danach finden sie keine Ausbildungsstelle und folglich keinen Job und bekommen nie eine realistische Chance, in den 70 oder 80 Jahren ihres verbleibenden Lebens für ihren Unterhalt selbst zu sorgen. Pisa und unzählige andere Studien zeigen: In keinem westlichen Land ist der Aufstieg so schwer wie in Deutschland. Einmal unten - immer unten. Kann ein Sozialstaat vollständiger scheitern?

Die "nivellierte Mittelschichtsgesellschaft" hat sich nie ernsthaft um bessere Chancen für die Unterschicht bemüht. Hier ein Problemviertel in Essen-Katernberg© Andreas Reeg
Die schlechte Nachricht lautet also: Mit mehr Sozialknete kann man die Benachteiligung nicht wirksam bekämpfen. Bekäme jede arme Familie 200 oder 300 Euro mehr Stütze im Monat, würden sich dadurch ihre Aussichten auf einen Job, auf ein selbstbestimmtes Leben, auf bessere Aufstiegschancen ihrer Kinder keinen Millimeter verbessern. Die Erfahrung zeigt: Das würde nur den Umsatz bei McDonald's erhöhen.
Die gute Nachricht lautet: Es gibt Methoden, die tatsächlich helfen. Die Lösung heißt Bildung. Die erfolgreichen Sozialstaaten haben mehr Geld und vor allem viel mehr Aufmerksamkeit in die Reform ihrer Bildungssysteme investiert. In den skandinavischen Ländern oder in Kanada fallen weniger Menschen durch den Rost. Und Jugendliche, die sich anstrengen, haben Aufstiegschancen, auch wenn ihre Eltern ihnen nicht helfen können.
Auch bei uns funktioniert das Prinzip Bildung. Eines von unzähligen Beispielen ist eine Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer: 39 Prozent aller deutschstämmigen Kinder gehen aufs Gymnasium, von den Kindern mit Migrationshintergrund sind es nur 9 Prozent. Wenn jedoch Ausländerkinder in einen deutschen Ganztagskindergarten gehen, dann schaffen es auch von ihnen 39 Prozent aufs Gymnasium.
Während sich Deutschland über Jahrzehnte großzügig bei den wirkungslosen Sozialausgaben zeigte, war das Land geizig bei den wirksamen Bildungsausgaben. Seit 30 Jahren geben wir weniger für Bildung aus als der Schnitt der OECD-Länder. Wir haben auf die falsche Strategie gesetzt. Zeit, umzusteuern.
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Stern
Ausgabe 43/2006