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10. November 2009, 14:48 Uhr

Schnauze, Wessi!

Niemand hat die Absicht, eine Mauer einzureißen: 20 Jahre nach dem Mauerfall kann von deutscher Einheit keine Rede sein. stern-Reporter Holger Witzel, geboren in Leipzig, schreibt ab jetzt wöchentlich in seiner Kolumne über deutsch-deutsche Vorurteile und die Stimmung in Ostdeutschland.

 
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Die Grenze in den Köpfen: Auch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer mit ihrem Stacheldraht und den Selbstschussanlagen beherrschen noch viele Vorurteile den Alltag in Deutschland© Timm Schamberger/DDP

Was für eine Orgie 71 Jahre nach der Reichspogromnacht: Statt SA-Trupps knattern seit Wochen nur noch Trabis über den Bildschirm, auf allen Kanälen fließen Tränen der Freude statt der ewigen Scham. Wenigstens im Kurzzeit-Gedächtnis dürfen wir doch noch mal ein mutiges Volk gewesen sein - das Volk sogar zum Teil. Und beinahe wäre das Beste im Freudentaumel der letzten 20 Jahre ganz untergegangen: Die Mauer, man hätte es wissen müssen, wurde eigentlich von Westen eingedrückt.

Keine Ahnung, wo ich das gelesen habe, aber irgend so ein Besserwisser behauptete allen Ernstes, Hans-Joachim Friedrichs von den "Tagesthemen" sei es gewesen. Die Nachrichten über die offene Mauer hätten sie gewissermaßen erst geöffnet. Vermutlich nennt man Spitzenmeldungen sogar erst seitdem Aufmacher und wir wissen nun endlich auch, dass nicht das Ei vor der Henne da war, sondern zuerst das Gegacker - von den Leipzigern und all den anderen Broilern, die sich für den Freilauf im Hühnerstall verprügeln oder einsperren lassen mussten, ganz zu schweigen. Am Ende war es das Westfernsehen, der mutige Onkel Hajo in Hamburg. Das ist zwar weder logisch noch richtig, aber typisch.

Das halten sie bis heute nicht aus, dass sie damals nur staunen und zuschauen konnten. Dass es sie kalt erwischt hat, wo sie doch sonst immer alles wissen. Dass ein dusseliger Funktionär in zehn Minuten erledigte, was sie mit ihren Milliardenkrediten mühsam hinausgezögert hatten. Und auch daran werden sie nicht gern erinnert: Wie das kleine schmuddelige Land und sein böser Diktator bis zum Schluss hofiert wurden, wie Erich Honecker beim Ehrenempfang in Bonn den größten Triumph seiner verkorksten Antifaschisten-Karriere sogar noch zwei Jahre vor dem Kanzler der Einheit auskosten durfte, aber immerhin Schulter an Schulter mit ihm. Diese peinlichen Bilder werden zugunsten von Dauersendungen mit "Dass-ich-das-noch-erleben-darf"-Heulkrämpfen gern unterschlagen. Dabei hat Honecker im Herbst 1987 bestimmt genau das gleiche gedacht und dafür sogar ein paar Wochen lang keine Menschen an der Mauer erschießen lassen.

*

Der rote Teppich in Bonn ist im Rückblick nicht nur ein schönes Symbol für die Verlogenheit der innerdeutschen Beziehungen, sondern auch dafür, was nach den vielen Judasküssen zwei Jahre später kam: Wie der eine strahlte, dass er endlich mal offiziell in den Westen durfte, und der andere reserviert die Zähne zusammenbiss. Wie der kleine, dürre Mann mit dem altmodischen Hut permanent Gefahr lief, von dem großen dicken Stiefbruder von der Teppichkante geschubst zu werden. Wie sich das alle eigentlich ganz anders vorgestellt hatten. Und wie es doch genau so kam.

Kaum drehte der Wind (und jetzt bitte nicht wieder dieses schreckliche Lied pfeifen), steckten sie den ehemaligen Staatsgast ins Gefängnis und sich selbst den Rest des Landes in die Tasche. Damit es nicht so auffiel, dass aus Volkseigentum genau so schnell ihr Privateigentum wurde wie aus militärischen Ehren Schimpf und Schande, ließ man wenigstens Honecker noch rechtzeitig ins Ausland entkommen. Wie hätte das auch ausgesehen, wenn der Rechthaber-Rechtsstaat neben ihm womöglich auch eigene Politiker wegen Hehlerei oder Beihilfe zum Menschhandel hätte anklagen müssen. Die gute Laune war jedenfalls schnell im Eimer.

Zugegeben: Ein paar West-Berliner haben sich bestimmt auch ehrlichen Herzens gefreut (bevor der Verlust der Berlin-Zulage und der Regierungsumzug drohte). Auch viele Westdeutsche haben vorher immer mal ein Päckchen geschickt (und von der Steuer abgesetzt). Die meisten Menschen aber zwischen Nord- und Tegernsee ging 1989 nichts an: Ob in China ein Sack Reis umfällt oder auf halbem Weg dahin eine Mauer - na und? Was sollte sich groß ändern? Wenn sie ehrlich sind, was leider nicht ihre Stärke ist, geben sie das sogar zu. Auch, dass es ein Irrtum war, wenn nicht der größte neben der Hoffnung auf beiden Seiten, dass sich dieses Thema in fünf, zehn oder spätestens 20 Jahren erledigt hätte.

*

Von der so genannten inneren Einheit kann bis heute keine Rede sein. Dafür sind wir zu verschieden. Zum Glück. Immer noch. Vielleicht haben uns die 20 Jahre nach dem Kalten Krieg sogar mehr entfremdet als die Zeit davor. Dieser Graben lässt sich nicht leichtfertig zuschütten, wie das seit Jahren vergeblich und in diesen Tagen wieder in allen Festreden beschworen wird. Möglicherweise liegt da unten ja sogar ein Schatz? Wir sind wir, und Ihr seid Ihr. Das wenigstens lassen wir uns nach der Deutungshoheit über unsere Biografien nicht auch noch nehmen. Oder um es ungefähr mit Walther Ulbrichts Worten zu sagen, dem wir das neben Hitler und einigen anderen Vorfahren alles zu verdanken haben: Niemand hat die Absicht eine Mauer einzureißen. Nicht auch noch die in den Köpfen. Wir können uns nun mal nicht leiden. Warum sollten wir auch? Im Interesse der kulturellen und menschlichen Vielfalt kann das ruhig so bleiben. Diese Kolumne möchte dazu ihren Beitrag leisten und die betroffenen Landsleute herzlich einladen, einfach mal das zu tun, was ihnen von Natur aus so schwer fällt, nämlich die Schnauze zu halten.

Diese Überschrift mag ein wenig derb klingen, vor allem das Wort Wessi verniedlicht den Konflikt all zu oft. Aber so viel wissen wir inzwischen auch: Es muss immer knallen, sich verkaufen. Sie brauchen das so.

 
 
Schnauze, Wessi!

stern-Reporter Holger Witzel, 43, schreibt über die ewigen deutsch-deutschen Missverständnisse. Er ist außerdem Autor des Romans "Die Nachhut"

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