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Brüderle macht den Gottschalk

Handfest, klar und immer einen kessen Spruch auf der Lippe: der neue FDP-Fraktionschef Brüderle legte in Berlin einen Traumstart hin. Beachtlich, zumal er schon fast tot gesagt war.

Von Hans Peter Schütz

  Tischklopfen bei der Premiere: Rainer Brüderle, neuer FDP-Fraktionschef

Tischklopfen bei der Premiere: Rainer Brüderle, neuer FDP-Fraktionschef

Es ist Routine im politischen Berlin: In Sitzungswochen des Bundestags lädt der liberale Fraktionschef die Hauptstadtjournalisten mittwochs zum Hintergrundgespräch ins Jakob-Kaiser-Haus, Raum S.556. Zu Zeiten Wolfgang Gerhardts dösten die meisten gelangweilt vor sich hin. Guido Westerwelle rückte nie druckwürdige Nachrichten raus. Und Birgit Homburger verlas zumeist Aktennotizen und wich konkreten Fragen wortreich aus. Wie würde es der neue Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle machen?

Die Neugier war riesig, eine halbe Hundertschaft wollte seine Premiere erleben und stürmte S.556. Kein Platz blieb unbesetzt. Und Brüderle? Kam sah und siegte. Den Andrang kommentierte er mit dem Satz "Eine Bürgerbewegung ist das hier" und fügte selbstbewusst hinzu: "Es geht jetzt aufwärts mit der FDP."

Bloß wie? Brüderle sagte, er wolle "turbo-liberale Politik" machen, seine Partei werde klare Markenzeichen setzen. Das tat er dann ebenso unverzüglich wie wortstark: "Die grün-rote Regierung in Baden-Württemberg will aus Porsche eine Weltproduktion für Drahtesel machen."

Junge Alte, alte Junge

Was hält er von der rot-grünen Regierung in Rheinland-Pfalz? "Die Grünen dort sind doch Wahlbetrüger, denn sie haben der Moseltalbrücke zugestimmt, die sie zu verhindern versprochen haben."

Sei er mit seinen 65 Jahren eigentlich nicht zu alt, um noch für eine junge, dynamische FDP-Fraktion zu stehen? Antwort: "Es gibt Junge, die sehr alt sind und Alte, die noch jung sind." Wozu er sich selbst zählt, ließ der Mann, der in seiner Karriere zahllose Weinköniginnen geküsst hat, nicht im Unklaren. Er sei das Ergebnis der gesünder gewordenen Ernährung mit "hier und da einem Glas Wein, zuweilen auch zwei".

Wo steht er in der künftigen Energiepolitik? Klare Auskunft: "Billiger wird der Strom nicht. Wir brauchen jetzt Stromautobahnen in den Süden der Republik." Eines sei jedenfalls klar: "Es wird keine Zwangssanierung von Omas Klein-Häuschen geben." Wie stehe es um die Wirtschaftspolitik von morgen? "Inflation ist eine der größten sozialen Sauereien."

Brüderles Intimsphäre

Unkonkreter wurde Brüderle nur, als er danach gefragt wurde, wie er zusammen mit dem neuen Parteichef Rösler die jüngsten Personalentscheidungen hingefummelt habe und ob das Ergebnis auf der Linie der ursprünglichen Planung liege. Er habe ein paar Mal mit Rösler telefoniert, dem er sich innerlich sehr verbunden fühle, räumte Brüderle ein. Näheres sagte er nicht, sondern bat: "Lassen sie uns ein bisschen Intimsphäre!" Birgit Homburger ernannte er zum "Ronald Pofalla der FDP", was allerdings ein zweifelhaftes Kompliment war, nachdem er zuvor gelästert hatte: "Welches Mandat hat denn Pofalla, außer dass er Chef des Kanzleramts ist"?

Nur einmal verließ Brüderle die Linie "Politik muss Spaß machen", mit der er sich den Journalisten als Mann der offenen Worte verkaufte. Das geschah, als die Frage kam, wie er die Forderung seines neuen Fraktionsvize Martin Lindner bewerte, der auf Spiegel-Online die Forderung erhoben hat, in Rostock müsse der "wabernde Unmut" über den Verbleib Guido Westerwelles im Amt des Außenministers einer Abstimmung unterworfen werden. Zunächst verschanzte sich Brüderle hinter der angeblichen Unkenntnis dieser Forderung. Doch als sie ihm vorgelesen wurde, sagte er tapfer: "Westerwelle muss seine Tätigkeit konzentriert aufs Amt des Außenministers fortsetzen." Und: "Wir sind geschlossen und stehen mit Blick auf Guido Westerwelle zusammen." Das lag ganz auf seiner neuen FDP-Linie, wonach die Personaldiskussionen nun beendet sein sollen. Dass dies gelingt, darf bezweifelt werden, zumal selbst Phillip Rösler in der "Zeit" mehr "Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Entschlossenheit in der Sache" gefordert und damit Westerwelle indirekt kritisiert hat.

Ein Fan der Frauen

Nicht kommentieren wollte Brüderle auch die getürkte Doktorarbeit der FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin. "Ich bin nicht der Oberlehrer, ich bin auch nicht ihr Vormund und sie ist nicht mein Mündel." Nach Rückendeckung für die Parteifreundin klang das überhaupt nicht, obwohl Brüderle sich sogleich auch als "Fan von Frauen" outete. Er freue sich bereits auf die Zeit, "wenn ich nur noch der Diener von Frauen bin".

In seinem neuen Amt, das er nicht als sozialen Abstieg empfinde, wolle er die FDP-Fraktion wieder zum Kraftzentrum machen. Denn, und das war der kühnste Spruch des Tages: Die FDP müsse sich neu sortieren, wie dies nach der französischen Revolution für die Bürger notwendig gewesen sei.

Eine Stunde debattierte Brüderle mit den Journalisten - und wurde für seine Offenheit und seinen Unterhaltungswert belohnt. Mit Tischklopfen, Beifall gar und Komplimenten. Nicht schlecht für einen Mann, der noch vor wenigen Wochen politisch halbtot war.

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