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Ein Oettinger, ein Fettnapf

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger gibt sich bei offiziellen Auftritten stocksteif, in trauter Runde kalauert er sich um Kopf und Kragen. Beim Treffen mit der "Ulmia"-Verbindung philosophierte er darüber, warum ein Krieg nützlich sein könnte. Seine Landeskinder sind not amused.

Von Jörg Isert

Als Ministerpräsident von Baden-Württemberg macht Günther Oettinger keine glückliche Figur. Trotz solider Politik fürs Ländle: Oettinger entwickelt - auch nach Meinung von Parteifreunden - kein Profil. Seine Aussagen geraten oft seltsam unscharf; wofür Oettinger steht, wird nicht recht klar. Er könne nicht auf den Tisch hauen, klagt ein Landtagsabgeordneter. CDU-Landtags-Fraktionschef Stefan Mappus, Scharfmacher und Oettingers größter Konkurrent, forderte den Ministerpräsidenten neulich durch die Blume dazu auf, endlich in die Offensive zu gehen. Der Ministerpräsident solle die Querelen in der CSU nutzen - um die baden-württembergischen CDU auf Bundesebene zu stärken. Doch Oettinger tat nichts dergleichen. Stattdessen kalauerte sich Baden-Württembergs Ministerpräsident bei einem semi-offiziellen Auftritt in die Bredouille - mal wieder.

Es war einer dieser Abende, bei denen das Bier in Strömen fließt - und die Zuhörer keine intellektuellen Klimmzüge erwarten. Stargast bei Tübingens schlagender Verbindung "Ulmia" vergangene Woche: Günther H. Oettinger, amtierender Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Zunächst sprach er über Marktwirtschaft, Studiengebühren und überhaupt. Doch dabei blieb es nicht.

Denn Oettinger gab bei seiner alten Landsmannschaft auch den jovialen Sprücheklopfer. Pech für ihn, dass ein Journalist des "Schwäbischen Tagblatts" anwesend war. Der freie Mitarbeiter notierte die diversen Aussagen des Ministerpräsidenten - und veröffentlichte sie später unter der Überschrift "Acht hemdsärmelige Oettinger-Zitate".

Dem von ihm regierten Bundesland attestierte Oettinger eine "erotische Ausstrahlung" - wenn es Baden-Württemberg denn gelänge, zur europaweit besten Hochschulregion zu werden. Auch über Akademiker ließ sich der Ministerpräsident bei der Ulmia aus. Sie hatten gefordert, aus den Studiengebühren die gestiegenen Heizkosten zu begleichen. Oettinger hierzu: "Da haben Professoren ein bisschen Schwachsinn geredet. Das ist im Berufsbild drin."

Kein Krieg? Irgendwie blöd

Schließlich verstieg sich Oettinger noch zu einer merkwürdigen Ansicht, wie in einer Wohlstandsgesellschaft Fleiß und Gemeinsinn anzuregen seien. Mit Bezug auf den Zweiten Weltkrieg und das nachfolgende Wirtschaftswunder meinte der Ministerpräsident: Die Deutschen seien heute in der "unglaublich schönen Lage", nur von Freunden umgeben zu sein. Und dann: "Das Blöde ist, es kommt kein Krieg mehr."

Die witzig gemeinte, aber naive Aussage sorgt nun für Wellen. In Leserbriefen beschweren sich Bürger über Oettinger. Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben vom "eigenwilligen Burschenschaftshumor" des Ministerpräsidenten. Und auch die üblichen Verdächtigen kommen aus der Deckung. Die Landes-SPD, die gemäß der jüngsten Meinungs-Umfrage bei 20 Prozent herumdümpelt, nahm den Satz zum Anlass, eine Anfrage an die Landesregierung zu richten: Will Oettinger einen Krieg? In Sachen dumme Sprüche haben die Sozialdemokraten allerdings auch eigene Erfahrung: 2006 gestand SPD-Chefin Ute Vogt einer entgeisterten Öffentlichkeit, dass sie schon sexuelle Höhepunkte vorgetäuscht habe.

Gewitztes "Schwäbisches Tagblatt"

Das "Schwäbische Tagblatt", das die Oettinge-Sprüche veröffentlichte, ist berüchtigt: Bei Politikern im negativen, bei Journalisten im positiven Sinn. Die Zeitung schickt Mitarbeiter gerne einmal zu Veranstaltungen, bei denen Politiker sich unter Freunden wähnen - und nicht unbedingt einen Journalisten vermuten. So konnte ein Tagblatt-Mann 2002 bei einem Gewerkschafter-Treffen mithören, was die frühere Bundes-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin über George W. Bush sagte: Sie verglich den US-Präsidenten mit Hitler. Der verbale Faux-Pas, den sie danach vehement abstritt, kostete Däubler-Gmelin den Minister-Posten.

Jüngst erwischte das Tagblatt den grünen Jungstar Boris Palmer. Dem neuen Oberbürgermeister der Universitätsstadt Tübingen schwappte der Unmut der örtlichen Sozialdemokraten entgegen, als er behauptete, für einen nordrhein-westfälischen SPD-Politiker namens Werner Figgen sei einst mit dem Slogan geworben worden: "Wer Figgen will, muss SPD wählen."

Probleme mit der "Schwertgosch"

Dem Ministerpräsidenten - der zu seiner Kriegs-Aussage meint: "Keiner der Anwesenden hat das missverstanden." - ist die Zunge schon früher entgleist. Beim 160jährigen Jubiläum der "Ulmia" heulte er im Sommer 2000 die erste Strophe der Nationalhymne mit: "Deutschland, Deutschland, über alles." Damals war er bereits CDU-Fraktionschef. Als neuer Ministerpräsident outete Oettinger bei einer Ansprache nahe Stuttgart einen engen Freund als Ehebrecher. Die anwesenden Gäste fanden's lustig, Baden-Württemberg jaulte auf. Im Herbst vergangenen Jahres zog Oettinger schließlich über die Politik von Kanzlerin Merkel her. Dumm, dass die Lästereien unter Parteifreunden publik wurden.

Das Problem ist: Oettinger, der zwar meistens stocksteif auftritt, aber als lustiger Kerl gilt, würfelt immer wieder seine beiden Rollen durcheinander: die als Privatmann und die als Regierungschef. Mit dem Amt des Ministerpräsidenten lässt sich seine "Schwertgosch", wie die Schwaben sagen - also ein loses Mundwerk -, allerdings nur schwer vereinbaren. Vielleicht weiß Oettinger das ja selbst: Seinen 120 Waffen-, Farben-, Verbandes- und Bundesbrüdern von der "Ulmia" gab der Ministerpräsident abschließend mit auf den Heimweg: "Wir, sie und ich, müssen besser werden." Wohl wahr.

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