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Die Hochnotpeinlich-Diplomaten

US-Diplomaten verfügen offenbar über gesunden Menschenverstand und kennen wenig Skrupel. Die Enthüllung ist kein Skandal, sondern politischer Lehrstoff bester Güte.

Ein Kommentar von Frank Thomsen

Diplomaten sind auch nur Menschen. Sobald sie sich unbeobachtet wähnen, reden sie Klartext wie du und ich. Guido Westerwelle? „Wenig Substanz.“ Angela Merkel? „Teflon“, an ihr bleibt nie was kleben. Die Ehefrau des Staatschefs von Aserbaidschan? Habe sich so oft liften lassen, dass sie von weitem wie ihre Tochter aussehe, dafür aber ihr Gesicht nicht mehr bewegen könne. Drei Beispiele aus Hunderttausenden Berichten, die US-Botschaften in aller Welt nach Hause nach Amerika schicken. Und die nun durch die Online-Plattform Wikileaks enthüllt werden, orchestriert von ausgewählten Medienpartnern weltweit.

Es sind die allzumenschlichen Bewertungen über die Mächtigen der Welt, die dem jüngsten Scoop von Wikileaks breite öffentliche Aufmerksamkeit garantieren. Man hat sich wohl schon gedacht, dass so geredet wird hinter verschlossenen Türen. Doch bislang blieb es Historikern vorbehalten, Jahrzehnte später offenzulegen, was wirklich gedacht und gesagt wurde. Diese Daten aber stammen in großen Teilen aus den Jahren 2005 bis 2009. Man wäre gern dabei, wenn Guido Westerwelle das nächste Mal auf den US-Botschafter in Berlin trifft. Westerwelle beschreiben die Amerikaner nämlich sehr wenig schmeichelhaft, doch genauso wie wohl die meisten Deutschen – und übrigens auch viele in der FDP: als eine Art Praktikant im Amt. Man darf der US-Botschaft gesunden Menschenverstand unterstellen.

Kaum diplomatische Verwerfungen zu erwarten

Und doch werden die Einschätzungen deutscher Politiker eher nicht zu großen diplomatischen Verwerfungen zwischen Deutschland und den USA führen. Dafür ist das bislang Bekannte inhaltlich nicht substanziell genug. Außerdem wird die Bundesregierung ja sehr genau wissen, was in den Berichten der deutschen Botschafter in aller Welt so alles steht, die die nach Hause nach Berlin schicken. Auch da wird sicher schonungslos berichtet.

Sprengkraft entfalten die Dokumente an anderer Stelle. Eine Sprengkraft, deren Wirkung man so früh nach der Veröffentlichung nicht wirklich ermessen kann. Zum einen wird in aller Welt nun deutlich, dass die USA Zuträger hat. In Deutschland etwa wird es die FDP alarmieren, dass „ein junger Parteigänger“ die amerikanische Botschaft neben dem Brandenburger Tor mit Infos und internen Papieren versorgt.

Die USA schäumt

Global geht es um weit mehr. Die US-Einschätzungen über die Türkei fallen offenbar vernichtend aus. Jordanien unterstützt heimlich die US-Politik gegen den Iran, will das aber nach außen nicht so deutlich erscheinen lassen.

Die USA schäumten schon seit Tagen gegen die bevorstehenden Enthüllungen. Sie warfen Wikileaks vor, Staatsgeheimnisse zu verraten. Das ist Unsinn. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass es ein öffentliches Interesse daran gibt zu erfahren, was die USA über die Welt denken, wie sie Politik machen; was sie von Freunden und Feinden halten; und dass sie nicht davor zurückschrecken, Diplomaten damit zu beauftragen, andere Diplomaten auszuspionieren.

Das alles ist hochnotpeinlich für die USA. Deshalb ist es so unterhaltsam zu lesen.

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