Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Rebellion der Raucher

Die Gesetze zum Nichtraucherschutz gelten inzwischen in ganz Deutschland. In ganz Deutschland? Nein. Überall im Land schmort der Protest. Ende Juli entscheidet das Bundesverfassungsgericht über die ersten Klagen.

Von Markus Götting

Nun ist Norbert Mahling das stolze Kämpferherz doch ein bisschen in die Hose gerutscht. Im Publikum sitzt zur moralischen Unterstützung ein gutes Dutzend seiner Kumpels, und man kann nicht sagen, dass die Elite des Landes versammelt ist an diesem frühen Freitagmorgen. Der arbeitslose Zimmerer hockt ziemlich bedröppelt auf der Anklagebank im Amtsgericht Hoyerswerda. Sein Vergehen: Er hat geraucht. Dafür soll er wegen Verstoßes gegen das sächsische Nichtraucherschutzgesetz 100 Euro Bußgeld zahlen und eine Gebühr von 25 Euro noch dazu. Als Kläger treten zwei Ordnungshüter der Verwaltungsbehörde auf. 15-mal schon haben sie solche Strafen verhängt, aber Mahling ist der Erste, der Einspruch eingelegt hat. Er ist auch der erste Deutsche, der wegen Rauchens vor Gericht steht.

Der Sachverhalt ist schnell geklärt. "Am 10. 4. zwischen 21 und 22 Uhr besuchen Norbert Mahling und ein Freund das 'Istanbul-Grillhaus', eine türkische Ein-Raum-Gaststätte im Einkaufszentrum ‚Treff Acht‘", stellt Richterin Evelin Kloß fest. Sie sind die einzigen Gäste, und auf die Frage, ob im Lokal geraucht werden dürfe, bietet ihnen der Wirt eine Zigarette an. Und kaum, dass sie brennt, kommen schon die Ordnungshüter rein.

"Wie viel von der Zigarette hatten Sie denn schon geraucht?", will die Richterin wissen. "Gerade mal een Zug", schimpft Mahling. "Die haben doch draußen nur gelauert, um abzuzocken", ruft sein Sohn Kay aus dem Zuschauerraum. Auch Mahling ist sicher: "Die wollten mir unbedingt 'n Ding reinbraten."

Aschenbecher sind eine Einladung

Nach einer kurzen Pause kommt die Richterin in den Saal zurück und verkündet das Urteil: "Es standen überall Aschenbecher auf den Tischen. Das hätte ich auch als Einladung interpretiert, zumal einem der Inhaber auch noch eine Zigarette anbietet. Man kann vom Angeklagten um 22 Uhr schlecht erwarten, dass er eine Rechtsauskunft beim Anwalt einholt." Der Angeklagte nickt eifrig.

Es gilt Paragraf 17 des Strafgesetzbuches, der "Verbotsirrtum". Freispruch. Draußen steckt sich Mahling eine Marlboro an. Er kann es noch gar nicht fassen. "Dass es doch noch so eine Gerechtigkeit gibt!" Auch die Richterin raucht später noch eine.

Seit Anfang des Monats gilt nun auch in den letzten Bundesländern das Rauchverbot in öffentlichen Räumen; die Debatte darum ist eine der emotionalsten der vergangenen Jahre - eine ideologische Konfrontation. Die Raucher fühlen sich gegängelt und bevormundet, ihre Rebellion wird immer spürbarer. In vielen Großstädten, von Lübeck bis München, gingen in den vergangenen Monaten Tausende auf die Straße und forderten ihr Recht auf unbeschränktes Rauchen ein. Flächendeckend bildeten sich Widerstandsnester von Kneipenwirten, die um ihre Existenz fürchten. Ständig entstehen neue Internetforen und Bürgerinitiativen, in denen Raucher zum Freiheitskampf aufrufen - noch immer ist jeder dritte Deutsche gegen das Rauchverbot, wie eine Forsa-Umfrage für den stern ergab.

Geballte Wut der Bayern

Aber all diese Demonstrationen und Proteste sind nichts gegen die geballte Wut der Bayern: Dort hat sich der "Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur" (VEBWK) gegründet, der es binnen kürzester Zeit auf 77.000 Mitglieder gebracht hat, damit nach eigenen Angaben der drittgrößte Verein des Landes ist (nach dem ADAC und dem FC Bayern) und die CSU um ihre absolute Mehrheit im Landtag bangen lässt. In vielen Landgasthöfen hat die Partei inzwischen sogar Hausverbot - Höchststrafe in Bayern - und damit die Hoheit über die Stammtische flächendeckend verloren.

Nun wird am 30. Juli das Bundesverfassungsgericht über die ersten Klagen entscheiden, ob die Regelungen einiger Bundesländer mit dem Grundgesetz konform sind. Ob dann endlich Ruhe ist?

Nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg sterben jedes Jahr 3300 Menschen in Deutschland an den Folgen des Passivrauchens. Der Staat hat die Fürsorgepflicht. Aber wo endet die, und wo beginnt die Bevormundung? Es ist eine feine Grenze, und viele Beteiligte gehen davon aus, dass die Gesetze umgeschrieben werden müssen. Dem Gesundheitsschutz stehen Grundrechte wie Handlungsfreiheit, Berufswahl und Eigentumsgrundrecht gegenüber.

"Ein keimfreier Ort ohne Sinnlichkeit"

Auch der Schauspieler Max Tidof hat eine Klage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Tidof, 48, raucht seit dem 14. Lebensjahr 40 bis 50 Zigaretten am Tag. Zu Hause will er mit Rücksicht auf seine Tochter darauf verzichten, aber seit Anfang des Jahres ist das Qualmen auch in seinen Stammlokalen verboten. Er sieht sich in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt. Tidof sagt: "Eine Bar ohne Rauch, Cocktails ohne Zigarette, ein Whisky ohne Zigarre - man stelle sich das vor: ein keimfreier Ort ohne Sinnlichkeit." In seiner Klage führt er an, die Verbannung nach draußen empfinde er als gesellschaftliche Isolation. Und die Erkältungsgefahr stelle für ihn als Schauspieler eine berufliche Bedrohung dar.

Uli Neu, 50, ist noch ganz beeindruckt von der Anhörung in Karlsruhe. "Das war mein erster Prozess, und dann gleich Richter in roten Roben", sagt er und zapft sich ein Pils. Seit 23 Jahren führt er den "Pfauen", eine kleine helle Kneipe in der Tübinger Altstadt. Für den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) ein Musterbetrieb für eine Musterklage vorm höchsten Gericht. Aus den Lautsprechern klingen Jacques-Brel-Chansons mit deutschem Text, gerade mal zehn Leute halten sich an diesem Abend an ihren Gläsern fest, die Stimmung ist fast melancholisch. Neu erzählt, dass sein Umsatz um bis zu 30 Prozent zurückgegangen sei. Schon kämen die ersten Daueraufträge von der Bank zurück. Nun ist er auf die Geduld seines Vermieters angewiesen und darauf, dass Lieferanten ihre Rechnungen erst montags stellen, wenn die Wochenendeinnahmen in der Kasse sind. Er sagt: "Ich muss jetzt finanziell jonglieren - und mir geht's richtig scheiße dabei."

Statistisch fällt das Rauchverbot nicht auf

Es sind gerade die Wirte in der sogenannten Ein-Raum-Gastronomie, die um ihre Existenz fürchten, weil sie keinen separaten Raucherraum einrichten können. Aber ein gastronomischer Weltuntergang, wie ihn der Dehoga prognostiziert, steht auch nicht bevor. Das Statistische Bundesamt ermittelt die monatlichen Umsatzzahlen der Gastronomie, und wenn man sich den längerfristigen Verlauf anschaut, fällt auf, dass das Geschäft seit Jahren kontinuierlich zurückgeht, gerade in der sogenannten getränkegeprägten Gastronomie. Das hat vor allem mit der alltäglichen Kostenexplosion zu tun, mit dem Konsumklima. Das Rauchverbot fällt in diesen Statistiken jedenfalls nicht auf.

Uli Neu lässt seine Selbstgedrehte in dem kleinen Aschenbecher glimmen; er ist nicht der Typ, der unflätig schimpft. Er sagt: "Kneipe, Bier, Wein, Zigarette - das gehört zusammen." Rauch und Rausch.

Neu steht jetzt draußen in der schmalen Gasse und sagt: "Ich geh doch nicht in die Kneipe, um dauernd vor der Tür zu stehen. Da wird eine Kultur zerstört." Dieses typische Tresengequatsche, das gebe es kaum mehr, sagt er, weil die Leute ständig rausgehen und vor der Tür neue Gespräche anfangen. Neu trägt Trauer, ein schwarzes Hemd mit grauen Streifen.

In anderen Ländern funktioniert es

In anderen europäischen Ländern geht es doch. Italiener betrachten das Rauchverbot längst als Zivilisationsgewinn, als "kollektive Selbstreinigung", wie der Korrespondent der "FAZ" schrieb. In Irland haben sich die legendären Zecher längst daran gewöhnt, mit der Kippe vor die Tür geschickt zu werden. Nach anfänglichen Einbußen stieg der Kneipenumsatz sogar: Die Pubs haben Familien als neue Zielgruppe erschlossen. Ginge es nun nach dem Willen der deutschen Raucher, würden die Deutschen das sogenannte spanische Modell bekommen, wonach die Wirte bei einer Schankfläche von unter hundert Quadratmetern selbst entscheiden können, ob sie eine Raucherkneipe sind oder nicht. Dort ist der Nichtraucherschutz bereits mit einem Raucherlogo an die Tür erfüllt - Betreten auf eigene Gefahr.

Im Grunde ist der hiesige Aufstand der Raucher ein sehr undeutscher Reflex. Aber die Protestenergie führt zu erstaunlich kreativen Formen des zivilen Ungehorsams: Am Bodensee baute ein Wirt ein Zelt in seiner Kneipe auf, weil Rauchen in Bierzelten ja immer noch erlaubt ist. In Goslar schlug der Wirt des "Maltermeisterturm" Löcher für Kopf und Arme in die Wand, damit man nach draußen rauchen kann. In Kappeln in Schleswig-Holstein hat der Wirt der "Mausefalle" seine Kneipe mal kurz zum Gotteshaus umdefiniert. Mit dem Tresen als Altar. Dirk Bruckner, 46, gründete hier die "Christlich-Jüdische Kirche der Mausianer".

Der Rauch-Messias ist ein Bär von einem Mann, Arme wie Baumstämme. "Bei uns sind Gottesdienste nicht so steif wie in anderen Religionen", sagt er. Es gibt Bier statt Messwein, und statt Weihrauch verbrennen sie eben Zigaretten. Er blickt nach oben, als glaubte er wirklich an einen göttlichen Ausweg aus der Nichtraucherfalle, und sagt: "Ich gebe Rauchern Kirchenasyl."

Bruckner gründete die Raucher-Kirche

Er ist kein Mann, der sich so einfach etwas sagen lässt, auf die Arme hat er sich einen Grizzly und einen Wolf tätowieren lassen. "Kämpfernaturen und Schlitzohren", sagt er. Das Schlitzohr Bruckner gründete die Raucher-Kirche, um es den Politikern zu zeigen, um der Welt zu demonstrieren, wie absurd Gesetze in Deutschland sein können. Diese haben aus dem Wirt einen Religionsführer gemacht. 800 Jünger schart er schon hinter sich, und weil das Land seiner Gemeinschaft die Anerkennung verweigerte, hat er eine Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Auftrag gegeben. Er sagt: "Ein Kneipier ist der bessere Beichtvater."

Bruckner wuchtet sich auf einen Barhocker und zündet sich noch eine Marlboro an. Wenn er zur Seite blickt, sieht er die Wand aus Spanplatten und schusssicherem Glas, die seit dem 1. Januar seine Kneipe in zwei Zonen teilt. Die Scheibe war bei der Renovierung der Polizeistation übrig geblieben, sie hat sogar so ein kleines Sprechoval. Dahinter beginnt der Nichtraucherbereich. Laut Gesetz größer als der Raucherbereich, laut Bruckner immer so leer wie heute, wo ein einsames Pärchen, beobachtet von einem Dutzend Rauchern auf der anderen Seite der Glasscheibe, Schnitzel kaut. Wie im Zoo. "Grande Katastrophe", schimpft Bruckner, "die Trennwand muss weg!" Fehlt nur noch: Wir sind das Volk!

Die Realsatire ist letztlich die versöhnlichste Protestform, und so lässt Robert Manz, 45, in seiner Kneipe "Treff " jeden Abend ein Musical aufführen. Im Rahmen einer künstlerischen Darbietung ist das Rauchen ja weiter erlaubt. Sie spielen "Bayern vor dem Rauchverbot". Die Musik kommt vom Band, die Gäste als Laiendarsteller spielen sich selbst, der Eintritt ist frei. Und wenn man nach zwei Stunden aus dem Kellergewölbe nach oben an die frische Luft tritt, kommt man sich tatsächlich vor wie ein Zeitreisender, stinkende Klamotten ist man ja gar nicht mehr gewohnt. Draußen ist ein Schild angebracht: "Zum Nichtrauchen bitte vor die Tür."

Faktisch außer Vollzug

Einstweilen lässt das Memminger Ordnungsamt Manz gewähren. In Bayern herrscht eh komplette Anarchie. Anfang des Jahres trat das härteste - weil ausnahmslose - Rauchverbot Deutschlands in Kraft. Formal. Faktisch wurde es schnell außer Vollzug gesetzt. Überall gründeten sich "Raucherklubs", weil laut bayerischem Gesetz in geschlossenen Gesellschaften Rauchen erlaubt ist. Man geht also in die Kneipe, trägt sich in eine Liste ein, unterschreibt auch gern mal als "Papst Benedikt" und holt die Kippen raus.

"Im bayerischen Gemüt", sagt der Kabarettist Bruno Jonas, "gibt es so eine Grantschwelle, und wenn die überschritten ist, dann wird der Bayer wild, dann wird er stocknarrisch, wie wir hier sagen." Das hat die CSU bei der Kommunalwahl zu spüren bekommen. Ein Desaster, für das Partei-Chef Huber das Rauchverbot verantwortlich machte - und es zügig lockerte. Nun darf bis Ende des Jahres zumindest in Bierzelten wieder geraucht werden, und das trifft sich gut: Die Landtagswahl findet am zweiten Oktoberfestwochenende statt.

Die Debatte ums Rauchverbot ist letztlich ein Sittengemälde bayerischer Politik und ein Krisensymptom der CSU. Bruno Jonas sagt: "Es gibt ja so ein Grundverhalten der CSU: Erst mal eine Maximalforderung aufstellen, und wenn's dann ein irritierendes Feedback gibt, sagt man: Ach so! Ihr seid's fürs Rauchen? Ah geh'. Dann biegt man's halt hin."

Ehemaliger CSUler treten für die Raucherpartei an

Ob das jetzt zu spät ist? Der "Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur" meint es bitterernst: Die Mitglieder, unter ihnen viele Wirte - im früheren Leben alles stramme CSUler -, planen eine riesige Kampagne gegen die Staatspartei. Zur Landtagswahl schickt der VEBWK sogar eigene Kandidaten ins Rennen. Das Hausverbot für die CSU-Stammtische trifft die Partei besonders hart, denn Wirtshäuser und Bierzelte sind die traditionellen Orte bayerischer Politikvermittlung. Bruno Jonas sagt: "Der Wirt hat den Saal, und wenn er den nicht rausrückt, findest du kein Gehör." So beginnen Kulturrevolutionen.

Die Gesetze zum Raucherschutz kamen unvermittelt von oben, ohne unterstützende Kampagnen. Und vermutlich liegt darin das eigentliche politische Versagen. "Das staatliche Gewaltmonopol muss durch eine Politik der Überzeugung unterfüttert werden, wenn die Umsetzung gelingen soll", sagt der Politologe Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen. Die Raucher geraten unter Rechtfertigungsdruck, das erzeuge Gegendruck. Leggewie plädiert für einen Wechsel der Perspektive: "Man sollte Einschränkungen nicht als Verzicht, sondern als Gewinn interpretieren." Weniger Rauch bedeutet bessere Gesundheit und geringeren volkswirtschaftlichen Schaden.

Leggewie meint es nicht böse, wenn er sagt, die Raucherrebellion sei der Ersatz für viel wichtigeren Protest. Es sei schon sinnbildlich, dass Bürger derart auf ihre Freiheitsrechte pochen, aber mit Wolfgang Schäubles Durchleuchtungspolitik kein Problem haben. Dagegen sei es völlig in Ordnung, wenn der Staat das Rauchen nicht der Gesellschaft oder dem Markt überlasse: "Gesundheitsschutz ist eine Staatsaufgabe. Und wenn Passivrauch eine Gefährdung ist, muss der Staat eingreifen."

Mitarbeit: Nicolas Büchse, Helmut Kuhn

print
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools