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30. Mai 2007, 13:34 Uhr

"Das ist ethisch absurd"

Der niederländische TV-Sender BNN will eine Reality-Show ausstrahlen, in der sich drei kranke Menschen um eine Niere einer todkranken Frau bewerben. Die Zuschauer dürfen per SMS abstimmen, am Schluss entscheidet die Spenderin. Im stern.de-Interview kritisiert Heiner Smit von der Deutschen Stiftung Organtransplantation die Sendung scharf.

Zu wichtig für eine Reality-Show? Mikroskopaufnahme menschlicher Nierenzellen© Picturealliance

Herr Smit, der niederländische Fernsehsender BNN will eine Sendung mit einer todkranken Nierenspenderin ausstrahlen, die sich aus drei Bewerbern einen Empfänger aussuchen soll. Was war Ihre erste Reaktion, als sie von dieser Sendung gehört haben?

Ich hatte zwei Reaktionen: Medizinisch ist das fragwürdig und ethisch völlig absurd.

Was ist daran ethisch absurd?

Drei Menschen Hoffnungen auf ein Organ zu machen, sie öffentlich mit ihrer Erkrankung und ihrem Schicksal vorzuführen: Das ist eine Diskreditierung dieser Patienten und ihrer Schicksale. Organe werden üblicherweise nach klar definierten, medizinischen Kriterien vergeben. Hier wird der medizinische Aspekt jedoch völlig außer Acht gelassen. In der Sendung wird menschliches Leben bewertet - von Zuschauern und der Spenderin selbst. Das ist der durchsichtige Versuch, Quote zu machen. Es stellt sich zudem die Frage, wie der Sender unter den tausenden Menschen, die auf eine Niere warten, ausgerechnet auf diese drei gekommen ist.

Warum ist es medizinisch absurd, was dort gemacht wird?

In den Berichten über die Sendung heißt es, die potenzielle Spenderin sei eine todkranke, krebskranke Frau. Wenn man jedoch an einem Tumor leidet, dann sind alle Organe mit diesen Tumorzellen befallen, also auch die Nieren dieser Frau. Wenn man eine mit Tumorzellen befallene Niere auf einen Patienten transplantiert dann vermehren sich diese Tumorzellen explodsionsartig, weil man dem Patienten Medikamente verabreichen muss, die sein Immunsystem künstlich schwächen. Das ist medizinisch völlig absurd.

Der Sender verteidigt sich. Die Show diene dazu, ein Schlaglicht auf die prekäre Situation der Organspende in den Niederlanden zu werfen: Dort warteten Spender im Schnitt vier Jahre auf eine Niere. Ist die Sendung der Sache nicht dienlich?

Dieses Argument kann ich nicht nachvollziehen: Ich bleibe bei meiner Diagnose, dass der Sender Quote machen will. Wenn man wirklich über die Organspende aufklären will, dann muss man das seriös machen, nicht auf diese Art und Weise. Das kann zwar auch bedeuten, dass man das Schicksal möglicher Empfänger darstellt, dass man Stellungnahmen von Angehörigen jener Menschen zeigt, die einer Organspende zugestimmt haben. Aber wichtig ist, dass die medizinische Bedeutung der Organspende und Transplantation ernsthaft dargestellt wird und dass deutlich wird: Organspende ist eine Entscheidung für das Leben.

Die Produktionsfirma Endemol, die diese Reality-Show produziert, hat auch "Big Brother" nach Deutschland exportiert. Ist so eine Sendung auch hierzulande denkbar?

Wenn Endemol versuchen würde, diese Sendung in Deutschland zu produzieren, hätte sie sofort den Staatsanwalt am Hals. Diese Art und Weise der Organvergabe ist in Deutschland nach dem Transplantationsgesetz nicht zulässig.

Warum nicht?

Wenn es sich um eine Lebendspende handeln sollte, also die Entnahme einer Niere vor dem drohenden Tod dieser Patientin, dann ist sie nach dem Gesetz nicht möglich. Die Voraussetzung für eine Lebendspende ist, dass zwischen Spender und Empfänger ein Verwandtschaftsverhältnis ersten oder zweiten Grades bestehen muss oder dass es sich um Personen handeln muss, die sich in besonderer Weise offenkundig nahestehen. Diese Voraussetzung ist in diesem Fall nicht gegeben. Wenn es sich um eine Spende nach dem Tode handeln sollte, dann werden alle Organe ausschließlich durch die Vermittlungsstelle vermittelt. Das ist Eurotransplant. Diese Stelle entscheidet nach Regeln, die die Bundesärztekammer festgelegt hat. Da ist eine gerichtete Spende gar nicht möglich.

Ist das eine rein nationale Regelung oder gibt es dafür EU-Bestimmungen?

In der Organspende gibt es keine EU-Richtlinie. Es gelten nationale Gesetze.

Wünschen Sie sich, dass die niederländische Politik gegen diese Sendung vorgeht?

Ich würde mir wünschen, dass solche Sendungen nicht stattfinden.

Was ist das größte Problem beim Thema Organspende?

Unser größtes Problem ist der Mangel an Spenderorganen. Täglich versterben in Deutschland drei Patienten auf der Warteliste. Dieser tödliche Mangel in der Behandlung von Patienten, die auf ein Organ warten, das ist etwas Furchtbares. Das ist etwas, was man nicht hinnehmen kann. Deshalb ist es wichtig, die Bevölkerung kontinuierlich aufzuklären. Wir müssen den Bürgern vermitteln: Hier gibt es eine wichtige Entscheidung zu treffen! Beschäftigt euch mit dem Thema! Ihr entlastet Eure Angehörigen mit eurer Entscheidung! Und ihr seid auf der Seite von Kranken und Hilflosen, die eure Hilfe brauchen.

Zur Person Heiner Smit ist Bevollmächtigter des Vorstands der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO).

Hintergrund Am Freitag dieser Woche will der niederländische Fernsehsender BNN die Reality-Show "Big Donor Show" ausstrahlen. Darin bewerben sich drei potenzielle Organempfänger um die Niere einer 37-Jährigen, todkranken Frau, die nur unter dem Namen "Lisa" bekannt ist. Sie leidet an einem inoperablen Hirntumor. Lisa soll Interviews mit den drei Bewerbern, ihren Freunden und Familien vorgespielt bekommen. Anschließend sollen die Zuschauer per kostenpflichtiger SMS abstimmen, wen sie für den besten Empfänger halten. Die letzte Entscheidung liegt bei Lisa. Die Show wurde von der Firma Endemol produziert, die auch "Big Brother" entwickelt hat.

Ihre Meinung

Heiner Smit hat eine klare Position: Die Show verletzt ethische Grenzen, findet er. Was meinen Sie: Ist der Sache der Organspende durch so viel Öffentlichkeit nicht gedient?

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (14)
Interview: Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
Roy05441 (31.05.2007, 16:27 Uhr)
Zuerst kam angeblich der Mensch?
Ich denke, wenn Gott gewusst hätte, was er da in die Welt setzt, hätte er schon 2000x eine Sintflut geschickt.! Nichts in der Welt ist so hirnlos, pervers und kriminell wie der Mensch.!
Für mich ist es wenn ich so etwas lese, genau wie Heiligendamm, wo sich alsbald die scheinheiligsten sogenannten demokratisch legitimierten größten Kriegstreiber, Waffenschieber, und
angeblich demokratischen Wasserköpfe versammeln.!
z. Bsp. Was in USA ein Bush, ist den meisten anderen Teilen der Welt ein Gestrüpp!
heiner5362 (30.05.2007, 19:54 Uhr)
wer bekommt den rest ???
meine katze ist wild auf leichenfleisch.
haut sie weg wie nix.
könnt ihr das auch mal filmen ???
und danach kitekat-werbung.
der holocaust hat anscheinend nicht gereicht.
pervers geht die welt zugrunde.
geilt euch alle dran auf !!!
ein tritt mit schiss auf die eigenen
eltern, denen ähnliches im alter bevorsteht.
melaniegirschner (30.05.2007, 17:19 Uhr)
Ein Spiel um Leben und Tot.

Es ist schwer genug die Zeit zu überstehen bis eventuell eine Spender Niere zur verfügung steht.
Die Gedanken dieser Menschen warum nur "Ich" sind schwer genug. Und dann sagen Ihnen auch noch Zuschauer das Sie es nicht Wert sind die Niere zu bekommen?
Sicher gibt es welche die das als Chance sehen überhaupt eine Niere zu bekommen, aber ob man das "Verlieren" verkraftet und sich die Sehnsucht nach dem Tote nicht verstärkt und die Hoffnung, die das einzige ist an dem man sich noch festhalten kann, vergeht.....?
Wenn man wirklich, wie der Sender sagt, aufmerksamkeit für das Thema Gewinnen möchte, dann sollte man sich über ein anderes Format bemühen.
Die Quoten werden unglaublich sein, das ist wohl das worum es Ihnen geht.(Hoffe es wird dann nicht gesagt"aber der Zuschauer will das sehen, das zeigen die Quoten"
Man gibt den Zuschauern die Macht über ein Leben zu entscheiden und zwingt Kranke Menschen dazu sich im TV zu prostituieren, in der Hoffnung LEBEN zu können.
Man sollte sich schämen.
Ich hoffe sehr das es den "Kandidaten", die es nicht schaffen, danach nicht noch schlechter geht. Denn die Psyche hat einen großen Einfluss auf den Physischen Zustand.
peterdevries (30.05.2007, 17:15 Uhr)
warte mal....
Ich finde diese show auch schrecklich und werde sie mir nicht anschauen. Was aber im Artikel nicht erwaehnt wird ist folgendes. Dieser Sender wurde von ein Mann gegruendet der vor 5 Jahren an eine Nierenerkrankung gestorben ist. Er hat mit sein sender und mit seine Sendungen bezweckt dass mehr menschen nachdenken ueber das spenden von Organen nach dem Tod. Und das ist ihm gelungen. Das Ziel dieses Fernsehprogramms ist die gleiche: naemlich dass mehr leute ueber die moeglichkeiten von Organspenden informiert werden, und dass das Thema besprechbar wird. Die Zahl der Donoren ist in Holland viel groesser als in Deutschland weil es hier aus der Tabu-ecke geholt wird und besprochen wird. Auch ist es hier in Holland viel einfacher. Keine Bureaucratie, sondern nur ein formular ausfuellen, und ein donorpass dabei haben. Ich finde die idee dieser Show nicht toll, aber das ziel ist lobenswert. Mann sollte in Deutschland vielleicht auch mal nachdenken wie man die Spenderzahl erhoehen kann, statt nur berichte zu veroeffentlichen dass es mal wieder zu wenig gibt. Hier hilft nur das Thema besprechbar zu machen und die Leute aufzuklaeren.
Bumpinger (30.05.2007, 16:49 Uhr)
Gutes Konzept - Wo ist der Unterschied zu ...
Ich finde das ist doch mal ein interessantes Konzept? Könnte spannend werden, auf jeden Fall. Dass sich hier
und da ein paar Leute aufregen die keinen Sinn für Spannung und Entertainment haben aufregen ist doch wohl klar.
Aber wo ist der Unterschied zu
"Wer wird Millionär"
Da könnte man auch sagen:
"Skandal, die verspielen soviel Geld
mit dem Geld könnte man Tausende von
Hungerden in Afrika helfen".
Hört man sich dann die Wünsche
der Millionärskandidaten an heißt es:
"Ein Haus, ein Auto, Weltreise, etc".
Insofern ist die Nierenshow doch
absolut OK? Und immerhin hilft es
doch! Ich hoffe dass es solche oder
ähnliche Konzepte auch bald in
Deutschland gibt.
manndernichtdaist (30.05.2007, 16:40 Uhr)
Verspäteter Aprilscherz....?
... oder doch nicht?
Ich hätte jedenfalls noch ein paar lustige geschmacksverirrende Ideen für Reality-Shows deluxe!
1)
Fight for Iraq
3 Bewerber werden in den Irak geschickt - jeder bekommt einen Rucksack der einer Bombe ähnelt. Wer am längsten überlebt bekommt medizinische Hilfe (sofern noch möglich) und darf das Grab Saddams bespucken!
2)
Wir lieben Guantanamo
3 Bewerber werden ins beliebte Freizeitcamp Guantanamo gesteckt. Dort müssen sie versuchen auszubrechen - wer es als erster schafft, bekommt eine Bartrasur und sein Leben zurück. Die Serie wäre auf ca. 5 Jahre Dauer ausgelegt, eher kommt eh keiner raus.....
3)
Deutschland sucht den Super-Amokläufer
Mein persönlicher Favorit um ehrlich zu sein!
10 Kandidaten, die 7 Tage, 24 Stunden DSDS anschauen mussten, bekommen eine halbautomatische Waffe in die Hand und dürfen sich nach Herzenslust in den Innenstädten ihrer Wahl "austoben". Doch Achtung, die Munition ist begrenzt - dafür gibt es "Munitionsdepots" bei denen sich der Kandidat mit Sprengstoff und Kugeln ausrüsten kann - leider werden die aber von der Polizei besonders gut bewacht! Action pur ist angesagt! Dagegen ist Rambo ein Witz und Chuck Norris ein Weichei!
Sieger wird der, der am längsten überlebt, die meisten umballert und sich dann auch noch am ungesündesten selbst hinrichtet. Als Preis winken ein toller Sarg aus Eiche und der passende Grabstein aus echtem Marmor!
Wenn das nicht mal krank ist!! :D
AxelR. (30.05.2007, 16:28 Uhr)
Spanner-TV
Solange es so viele Menschen gibt, die sich am Schicksal anderer weiden, wirds auch solche Sendungen geben.
Natürlich zeigt sich hier auch, wie phantasielos und unkreativ die Fernsehmacher geworden sind. In ihrer Einfallslosigkeit setzen sie auf billige Effekthascherei, um wenigstens die TV-Spanner noch zu erreichen.
Flugor (30.05.2007, 15:18 Uhr)
Vielleicht sollte man die Idee der Sendung so umformulieren:
"Dieser Mensch wird bald sterben.
Zu wessen Gunsten darf er ausgeweidet werden?
Bitte rufen Sie jetzt an!
Nur 50ct pro Anruf"
Geschmacklose Formulierung?
Stimmt.
Aber ist sie falsch?
A.
Glitzersternchen (30.05.2007, 15:09 Uhr)
Pervers!
Shows von Endemol waren ja schon immer ziemlich geschmacklos, aber das ist der Gipfel! Wie mögen sich wohl die von den Zuschauern Verschmähten fühlen, todkrank und auch noch vom Publikum nicht für würdig befunden! Und wie geht es wohl der Spenderin, wenn sie Herr über Leben und Tod spielt?
Und was wird Endemol wohl als Nächstes produzieren? "Die Lynchjustiz-Show - Wer killt den Verbrecher zuerst?" À la "Millionenspiel", gab's vor etlichen Jahren als TV-Horrorvision zum Thema "Perverse TV-Unterhaltung". Eigentlich sollte man einzig und allein Betroffene urteilen lassen, ob sie die Show befürworten oder ablehnen, und sich dann danach richten!
BurnOut (30.05.2007, 15:04 Uhr)
Die Show ist das Spiegelbild...
unserer Gesellschaft, dekadent und pervertiert. Irgendwann werden Shows zeigen, wie sich Leute gegenseitig zerfleischen für Geld... und die Zuschauer voten per SMS.
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