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Wahlen im Wattenmeer

Logistische Probleme wegen der geografischen Isolation gibt es nicht, dafür die schnellsten Ergebnisse und eine 100-Prozent-Wahlbeteiligung. In der nordfriesischen Hallig-Welt ist vieles anders, auch bei Wahlen.

Hier machen die Stimmberechtigten ihre beiden Kreuze im Dienstzimmer des Bürgermeisters oder im Café, hier gibt es die kleinsten Wahlbezirke, die schnellsten Ergebnisse und eine 100-Prozent-Wahlbeteiligung. Die geografische Isolation vor der schleswig-holsteinischen Nordseeküste riecht nach wahltechnischen Problemen auf Hooge, Langeneß oder Gröde. Doch das Gegenteil ist in der nordfriesischen Hallig-Welt der Fall. "Gerade in der Hallig-Welt verlaufen die Wahlen besonders gut und reibungslos", weiß Landeswahlleiter Dietmar Lutz aus Erfahrung.

Reale Endergebnisse bereits um 18.00 Uhr

Das hat auch mit der Kleinheit der Wahlbezirke zu tun: Der auf Gröde zählt zur Landtagswahl am 20. Februar ganze zwölf Stimmberechtigte, in größeren Städten sind es gerade 1000. Gröde wählt meist zu 100 Prozent, im Land waren es vor fünf Jahren 69,5. Das Warten auf Gröde hat bei Wahlen schon Kultcharakter. Wenn um 18.00 Uhr die Fernsehsender erste Prognosen vermelden, kommt von dem Ministück Erde im Wattenmeer gleich das erste reale Endergebnis. Beim Bürgermeister in der guten Stube stecken die Wähler ihre Stimmzettel in die Urne. Vor fünf Jahren lag die SPD mit 4 Stimmen vor Südschleswigschem Wählerverband (3), CDU (2), FDP (2) und Grünen (1).

Auf Hallig Hooge ist alles nur etwas größer: 81 von 100 Wahlberechtigten gaben vor fünf Jahren ihre Stimme ab, im Café "Seehund", wie seit Jahr und Tag. "Hier ist das ein geselliges Ereignis", sagt Hartmut Dell Missier vom Gemeindebüro. "Nach dem Wahlgang gibt es ein Bier oder Kaffee und dann wird geschnackt." Zwei Wahllokale leistet sich die Nachbargemeinde im Wattenmeer. Grund: Zu Langeneß (112 Wahlberechtigte) gehört auch die per Lorenbahn angebundene Hallig Oland. Deren Wähler haben in der Schule ihr Wahlbüro und sparen sich so die Lorenfahrt durchs Watt.

"Briefwahl hat bei uns Tradition"

Auf die Lore als Zubringer will man es auch auf Nordstrandischmoor nicht ankommen lassen. Die südlichste der fünf bewohnten Halligen ist als einzige nicht eigenständig, sie gehört zur Gemeinde Nordstrand. Auf der Insel ist auch der CDU-Spitzenkandidat Peter Harry Carstensen zu Hause, Herausforderer von SPD-Ministerpräsidentin Heide Simonis. Um dorthin ins Wahllokal zu gelangen, müssten die Wähler von Nordstrandischmoor tatsächlich die Lorenbahn in Betrieb setzen. "Das ist uns zu unsicher - was, wenn am Wahltag landunter ist und wir gar nicht rüberkönnen?", sagt Ruth Hartwig-Kruse. Wie ihre zwölf wahlberechtigten Nachbarn hat sie ihren Landtag längst gewählt, per Post. "Briefwahl hat bei uns Tradition", berichtet die Halligfrau.

Tradition hat auch das große Interesse am Wahlausgang: So finden sich viele Hooger kurz vor 18.00 Uhr wieder im "Seehund" ein, um die Auszählung der Wahlzettel zu beobachten und zu kommentieren: "Da geht es schon manchmal ganz schön laut zu", erzählt Dell Missier.

Bequeme Wähler

Dass sie ihre Stimme gleich um die Ecke abgeben können, ist für die Wähler in der Hallig-Welt bequem. Wie weit das Wahlgeheimnis dabei gewahrt werden kann, steht auf einem anderen Blatt. Wären die Wahlbezirke größer, müssten die Leute umständliche Wege auf sich nehmen, logistische Probleme wären die Folge. Die gab's bisher nicht; so lange die Telefonverbindung steht, läuft alles glatt. "Über Behinderungen, Verspätungen oder vom Meer weggespülte Wahlurnen kann ich nicht berichten", sagt der Landeswahlleiter.

Wolfgang Schmidt und Heike Wells/DPA/DPA

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