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Zschäpes großer Fehler

Wer schrieb das Manifest, mit dem die NSU sich zu Radikalität bekannte? Nicht nur Uwe Mundlos. Das legen zwei Gutachten nahe, die der stern anfertigen ließ. Eine brisante Erkenntnis.

Von Wigbert Löer und Nina Plonka

  Beate Zschäpe steht derzeit im NSU-Prozess in München vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft will ihr eine Mittäterschaft bei den NSU-Morden nachweisen.

Beate Zschäpe steht derzeit im NSU-Prozess in München vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft will ihr eine Mittäterschaft bei den NSU-Morden nachweisen.

Im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München schweigt Beate Zschäpe weiterhin. Sie tut das aus taktischen Gründen, denn die Ankläger haben Schwierigkeiten zu beweisen, dass Zschäpe die Morde an zehn Menschen tatsächlich wollte. Bisher präsentierte der Generalbundesanwalt nur Indizien dafür, dass sie von den Morden wusste. Ihr Tatbeitrag liege, so sein Argument, in Zschäpes bewusster Abwesenheit von den Tatorten. Während die Männer mordeten, habe sie für die Tarnung der Gruppe gesorgt. Ihr Job sei gewesen, Kontakte zur Nachbarschaft zu pflegen, Urlaubsbekanntschaften zu schließen und das Trio wie normale Bürger wirken zu lassen. Damit wäre Zschäpe Beihilfe zum Mord nachzuweisen. Aber Mittäterschaft?

Der stern hat zwei Sprachwissenschaftler beauftragt, ein forensisch-linguistisches Gutachten zu erstellen. Die beiden Wissenschaftler analysierten unabhängig voneinander Sprache, Stil und charakteristische Fehler im Manifest und in Briefen von Beate Zschäpe und Uwe Mundlos. Linguistisch-forensische Gutachten gehören zum Standardwerkzeug der Kriminaltechnik. Beim Bundeskriminalamt untersucht eine eigene Abteilung Erpresser-, Droh- und Bekennerbriefe.

"Mit hoher Wahrscheinlichkeit" Co-Autorin

Das Ergebnis, über das der stern in seiner neuen Ausgabe berichtet: Beate Zschäpe habe "mit hoher Wahrscheinlichkeit" als Co-Autorin am NSU-Manifest mitgewirkt. Somit dürfte sie die Mordserie ideologisch mitgetragen haben.

Zschäpes Verteidiger stellen ihre Mandantin bisher als unbedarfte Terroristenfreundin dar, als eine Frau, die früher sicher mal rechtsextrem war, sich aber später, im Untergrund, gar nicht mehr für Politik interessierte. Der es nur noch darum ging, ihre Freunde nicht hängen zu lassen. Die Rollenverteilung: Mundlos war der Denker und Stratege, Böhnhardt der Waffennarr und Zschäpe die Hausdame. Eine Hausdame, so das Kalkül der Zschäpe-Anwälte, könne nicht wegen Mittäterschaft verurteilt werden.

Die beiden Wissenschaftler baten den stern darum, dass ihre Namen nicht genannt würden – sie haben Angst vor der rechtsradikalen Szene. In ihren Gutachten argumentieren sie sowohl mit individuellen Fehlern in Orthographie und Grammatik als auch mit Auffälligkeiten in Sprache und Stil.

Die Argumente der Gutachter

  • Da ist eine von Beate Zschäpe gern gebrauchte doppelte Verneinung: "DER NSU WIRD NIEMALS DURCH EINE KONTAKTADRESSE ODER NUMMER ERREICHBAR SEIN, WAS ABER NICHT BEDEUTET DAS ER UNERREICHBAR IST."
  • Da sind aber auch Zschäpes Lieblingsausdruck "GEGENÜBER" und die "HANDELT ES SICH"-Konstruktion – beides taucht auch im Manifest auf.
  • Und da ist das, was die Sprachwissenschaftler als "hyperkorrekte Flexionssilben" bezeichnen: Beate Zschäpe schreibt "eines Einkaufes" und nicht eines Einkaufs. Sie schreibt auch "solchen Ausmaßes" und "dieses Balanceaktes". Im Manifest findet sich diese stilistische Eigenart wieder: "KEINE PARTEI ODER VEREIN IST DIE GRUNDLAGE DES NATIONALSOZIALISTISCHEN UNTERGRUNDES".
  • Auf Zschäpes Autorenschaft weisen, so analysierten die beiden Wissenschaftler, auch falsch platzierte Leerzeichen hin, die sogenannten Spatien. Beate Zschäpe lässt diese Spatien in ihrem Brief vor oder nach Gedankenstrichen immer wieder weg. So heißt es, als sie mit dem Empfänger Robin S. flirtet: "Meine winzige Vorstellung über die Ausstattung des im Mittelfeld Deines Körpers befindlichen 'Anhanges' –landläufig auch als Gehirnverlust Grund betitelt–, verschweige ich vorsorglich." Im Manifest heißt es einmal: "GIB DEIN BESTES– WORTE SIND GENUG GEWECHSELT".
  • Die Fährte der Spatien führt auch zur Autorenschaft von Uwe Mundlos. Er setzt Leerzeichen in seinen Briefen großzügig und auch dort, wo sie gar nicht hingehören, etwa vor und nach Klammern. Die Eigenheit findet sich im Manifest zweimal wieder: "KEINE PARTEI ODER VEREIN IST DIE GRUNDLAGE DES NATIONALSOZIALISTISCHEN UNTERGRUNDES ( NSU ) SONDERN DIE ERKENNTNIS", steht dort und weiter unten: "DER EMPFÄNGER DES SCHREIBENS ( GLEICHGÜLTIG OB HAUPTANSCHRIFT ODER ABSENDER ) DARF".

Das Manifest, ein Aufruf zu Radikalität und Konsequenz, wurde 2002 auf einer Festplatte abgespeichert. Da hatte der NSU bereits vier Menschen umgebracht und mehrere Banken überfallen. Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt lebten seit vier Jahren im Untergrund.

  Links: der Zschäpe-Brief. Er verrät mehr, als ihr lieb sein kann. 26 Seiten, die die Angeklagte an einen inhaftierten Neonazi schrieb.  Rechts: das Manifest des NSU. Aus dem Untergrund riefen die Terroristen darin zu Gewalttaten auf. Ermittler fanden es im Schutt der ausgebrannten Wohnung in Zwickau.

Links: der Zschäpe-Brief. Er verrät mehr, als ihr lieb sein kann. 26 Seiten, die die Angeklagte an einen inhaftierten Neonazi schrieb.

Rechts: das Manifest des NSU. Aus dem Untergrund riefen die Terroristen darin zu Gewalttaten auf. Ermittler fanden es im Schutt der ausgebrannten Wohnung in Zwickau.

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