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Die Bauchschmerzen des Carsten S.

Carsten S. wollte im Münchner NSU-Mordprozess auspacken. Doch er erinnert sich vor allem an abseitige Details. Warum er die Mordwaffe lieferte, kann er vor Gericht nicht erklären.

Von Lena Kampf, München

  Der Angeklagte Carsten S. beim NSU-Prozess: Viele randständige Details, zur Sache kommt wenig.

Der Angeklagte Carsten S. beim NSU-Prozess: Viele randständige Details, zur Sache kommt wenig.

  • Lena Kampf

Eigentlich hatte der Verteidiger Johannes Pausch schon die Reißleine gezogen. Kräftemäßig und konzentrationsmäßig sei ein Punkt erreicht, an dem sein Mandant nicht weiter machen könne, sagt er dem Vorsitzenden Richter Götzl im NSU-Prozess nach einer kurzen Verhandlungspause am Nachmittag.

Der ist allerdings entschlossen, noch ein paar Fragen zu klären: "Fühlen Sie sich dazu in der Lage?" Carsten S. antwortet: "Probieren wir, klar."

Doch Johannes Pausch besteht auf eine Unterbrechung, Götzl gibt mit einem kurzen "Na gut" nach. Ob Carsten S. am Donnerstag weiter aussagen wird, hängt davon ab, ob der psychologische Gutachter anwesend sein kann, auf den seine Verteidigung besteht. Ansonsten wird der Nächste dran sein, der Angeklagte Holger G. will auch aussagen

Er hat gelernt, sich zu erklären

Carsten S. wird wohl die Zeit nutzen, um über die wichtigste Frage nachzudenken. "Was haben Sie sich dabei gedacht, als Sie den Auftrag bekamen, eine Waffe für die drei Untergetauchten zu besorgen?" Richter Götzl hat sie an diesem Tag immer wieder gestellt. Und immer wieder kam von Carsten S.: Nichts.

Carsten S. ist aussagebereit, eigentlich uneingeschränkt. Er wolle reinen Tisch machen, hatte sein Verteidiger angekündigt, sich alles von der Seele reden.

Dass er sich intensiv mit seinem Lebensweg, seiner Zeit in der rechten Szene in Jena auseinandergesetzt hat, das wird deutlich in ausführlichen Schilderungen. Sie zeugen von seiner Psychotherapie, er hat gelernt, sich zu erklären.

"Möglichst deutsches Fabrikat"

Doch Götzl ist kein Therapeut. Und in Saal A101 in Münchner Oberlandesgericht geht es nicht darum, dass Carsten S. lernt, besser mit sich selbst klar zu kommen. Es geht darum, wie lange er womöglich ins Gefängnis muss. Dafür, dass er Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe die Mordwaffe Ceska 83 besorgt hat.

Er hat das zugegeben. Der Ablauf des Waffenkaufs ist ihm deutlich in Erinnerung: Wie die beiden "Uwes" bei ihm eine Waffe am Telefon bestellt haben. "Möglichst deutsches Fabrikat" habe es geheißen. Wie er das Ralf Wohlleben berichtete, und der zu ihm sagte, er solle zum Madleys gehen, einem rechten Szeneladen in Jena. Wie er dort die Waffe bestellte, aber keine deutsche bekam, sondern eine tschechische, mit Schalldämpfer. Wie er sie abholte, wie Ralf Wohlleben sie vor seinen Augen auspackte, den Schalldämpfer aufschraubte – dabei Lederhandschuhe anhatte. Ein Detail, das Carsten S. erzählt, obwohl es ihn belasten könnte, denn ihm muss in dem Moment klar gewesen sein, dass Wohlleben keine Spuren hinterlassen wollte. Dass die "Drei", wie er sie nennt, sehr wohl "Schlimmes" damit vor haben könnten.

Bauchschmerzen bei der Waffenlieferung

Was er dabei gedacht oder gefühlt hat, das weiß er nicht mehr. Carsten S. erinnert in Bildern, in Details wie, dass "Holger G. zwischen zwei Brötchenhälften eine Zigarette geraucht hat", als er einmal mit ihm Frühstücken war. Carsten S. erinnert sich sogar, dass er eine "weiße Hose" trug, als er nach Chemnitz fuhr, wo er die Ceska an Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt übergeben sollte. Doch sein Innenleben, seine Gefühlswelt, bleiben ihm versagt.

Richter Götzl gibt sich damit nicht zufrieden. Er bohrt weiter, macht Carsten S. Vorhalte aus seinen Vernehmungen: "Sie haben angegeben, dass Sie 'Bauchschmerzen' hatten bei der Waffenlieferung", sagt er. "Ich kriege das nicht wieder hergestellt", antwortet Carsten S. Ein Satz, den er wie ein Mantra wiederholt, er wirkt dabei fast verzweifelt.

Es ist unverständlich, warum er nicht erklären kann, welche Gedanken er sich zu der Ceska gemacht hat. "Keine Spielzeugpistole", wie Richter Götzl betont. Einen Schalldämpfer schließlich, benutzt nur, wer statt einem lauten Schuss ein leises Ploppen braucht. Wer vorhat, die Waffe zu benutzen und nicht nur damit zu drohen. Carsten S. scheint das billigend in Kauf genommen zu haben.

Den ganzen Tag bewegt er sich nicht, er bleibt auch beim Reden in einer Pose verharrt: Stoisch, seine Unterarme locker auf den Tisch gelegt. Verharrt auch in Begriffsstutzigkeit, als Richter Götzl nach seiner rechten Ideologie fragt. Warum er dabei war, als sie nachts Dönerbuden umgeschubst haben, zum Beispiel. "Wir wollten Spaß haben", sagt er. Und auf Nachfrage: "Das war schon irgendwie ein Feindbild." Das Wort Türke, Ausländer kommt ihm nicht über die Lippen. Obwohl Carsten S. selbst einer ist, der in der Ideologie seiner damaligen Freunde sein Lebensrecht als Schwuler verwirkt hat – und das ja selbst irgendwann erkannte – zeigt er keine Reue. Keine Auseinandersetzung mit den damaligen politischen Inhalten. Es wäre ein Leichtes an diesem Punkt zu sagen: "Ich war verblendet und schäme mich dafür" – doch es kommt ihm nicht über die Lippen.

Richter Götzl fragt auch hier beharrlich nach: "Haben Sie sich nicht damit identifiziert?" und fasst es dann in einer These zusammen: "Dann wäre ja auch die Frage, woraus Sie überhaupt ausgestiegen sind."

Nur ein schwacher Mitläufer?

Carsten S. versucht das Bild eines schwachen Mitläufers zu entwerfen. Einer, der von den drei Szene-Märtyrern im Untergrund bei Telefonkontakten "Kleener" genannt wurde. Der Mittelsmann war zwischen ihnen und Ralf Wohlleben, dem Lenker, dem Logistiker, der aber befürchtete, unter Beobachtung der Sicherheitsbehörden zu stehen.

Aber würde Wohlleben einen ideologisch nicht-gefestigten jungen Mann mit einer solch verantwortungsvollen Aufgabe betrauen? Und würde einer, der nur weil ihm die Männer in der Szene „gefielen“ und "beeindruckten", Neonazi wurde, berufen, einen JN-Stützpunkt aufzubauen, Stellvertretender NPD-Kreisvorsitzender in Jena zu werden, oder gar als Stellvertrender Bundesvorsitzender der Partei ins Gespräch gebracht werden?

Tränen beim Coming-Out-Film

Das Jahr 2000 war ein turbulentes für Carsten S. Den Zeitraum, den er selbst eingrenzt für die Waffenlieferung: April 2000. In diesem Monat sah er auch den Film "A beautiful thing" auf 3sat. Ein Coming-Out-Film, der ihm die Tränen in die Augen trieb und die Sehnsucht, seine Sexualität frei leben zu können. Er muss sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen sein. Absorbiert. Doch eine Waffe zu transportieren, auch das ist ein einschneidendes Erlebnis.

Heute weiß er nicht mehr, was er sich damals dabei gedacht hat. Auch andere "Order" der beiden Uwes im Untergrund habe er erledigt, ohne sie zu hinterfragen. Er hat sich keine Gedanken gemacht. Der Richter Götzl packt das eigene kalte Erstaunen darüber in eine präzise Frage: "Wo war die Grenze dessen, was man von Ihnen verlangen konnte?", fragt er irgendwann.

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