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Gelächter und heiße Luft

Die Verteidiger Zschäpes argumentieren sich ins Abseits. Zwischen ihnen und der Nebenklage kommt es am Vormittag zum Eklat. Anträge von Wohllebens Anwälten erlauben Einblicke in die Strategie.

Von Lena Kampf, München

  Nicole Schneiders vertritt den mutmaßlichen NSU-Helfer Ralf Wohlleben (l.): Sie gilt als Szene-Anwältin - und setzt am dritten Prozesstag auch auf Verschwörungstheorien

Nicole Schneiders vertritt den mutmaßlichen NSU-Helfer Ralf Wohlleben (l.): Sie gilt als Szene-Anwältin - und setzt am dritten Prozesstag auch auf Verschwörungstheorien

  • Lena Kampf

Vielleicht beschreibt der Versuch von Wolfgang Stahl die Verzweiflung der Verteidigung Zschäpes am besten: Plötzlich steht er auf, streift sich seine schwarze Robe ab und hängt sie über den Stuhl. Dann geht er mit großen Schritten quer durch den Saal zum Ausgang. Götzl schaut ihm verwundert hinterher. Nach zwei Minuten kommt Stahl zurück, zieht sich seine Robe wieder an und setzt sich an seinen Platz.

Als Pflichtverteidiger den Saal aus Protest gegen einen vermeintlich befangenen Richter zu verlassen, ist durchaus möglich. Doof nur, wenn noch zwei andere Verteidiger im Team sind, mit denen der Richter sprechen kann. Verzweifelt versucht die Verteidigung Zschäpes auf Augenhöhe zu kommen. Gnadenlos lässt Richter Götzl sie abblitzen. Zschäpe, die in den letzten Tagen eher vor sich hin starrte, hat ihr Gesicht zur Decke gewandt. Dass ihre Verteidigung ausgelacht wird, scheint sie schwer zu ertragen.

"Lachen ist ein Reflex, Herr Stahl", sagt Bundesanwalt Herbert Diemer, als sich Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl über das Gelächter der Nebenkläger im Saal beschweren, das jedes Mal ausbricht, wenn Wolfgang Heer um das Wort bittet. Diemer kommentiert knapp: "Ich halte das Verhalten von Herrn Heer für ungehörig."

Wohlleben-Anwältin zitiert aus linkem Verschwörungsblatt

Schon zu Beginn hat Richter Götzl den Antrag der Verteidigung Zschäpes hintangestellt: "Ladies first", sagt Götzl ungewöhnlich charmant und ermöglicht Nicole Schneiders, der Verteidigerin von Ralf Wohlleben, ihren Antrag als erste einzubringen. Zum Ärger Wolfgang Heers, der gleich zu Anfang schon wieder Angst hatte, nicht zu Wort kommen zu dürfen.

Schneiders, die als Szene-Anwältin gilt, trägt ihre zwei Anträge in singendem Badisch vor: Zunächst verlangt sie die Aussetzung des Verfahrens. Schneiders kritisiert, dass die Akten für das Verfahren unvollständig seien und dass sie auf den Asservatenbildern nichts erkennen könne. Sie kritisiert, dass es keine Fotodokumentation des Fundorts der Tatwaffe gegeben habe. Vermutlich wird sie anzweifeln, dass die Ceska in der Frühlingsstraße 26 gefunden wurde. Außerdem fehlt ihr die ballistische Tatrekonstruktion des Wohnmobils, in dem Mundlos erst Böhnhardt und dann sich selbst erschossen haben soll. Zweifelt die Verteidigung Wohllebens an dieser Version? Später wird sie aus dem linken Verschwörungstheorie-Blatt "Compact" zitieren, das auch davon ausgeht, dass ein Doppelselbstmord unwahrscheinlich ist.

Anschließend beantragt Schneiders die Einstellung des Verfahrens. Es kommt zur großen Abrechnung mit der Vorverurteilung durch den "medialen Mainstream". Sie vermisse "gebotene Zurückhaltung". Das Wörtchen "mutmaßlich" fehle viel zu häufig. Pressevertreter würden mit Zitaten aus Ermittlungsakten einen Parallelprozess veranstalten, der den Anspruch auf ein faires Verfahren gefährde. Die Täterschaft ihres Mandanten würde als "Faktum" dargestellt. Auch für die Einmischung seitens Politikern hält sie Kritik bereit: Die Anklageschrift sei von Generalbundesanwalt Harald Range erst im Bundeskanzleramt vorgestellt worden, bevor sie in München ankam.

Verschwörungstheorien ernten Gelächter

Kritik an der Berichterstattung ist das eine - doch die Generalabrechnung Schneiders hat im Gerichtssaal eigentlich nichts zu suchen. Sie kann nicht darlegen, wie die Berichterstattung den Richter beinflußt haben könnte. Dem sie in ihrer Begründung auch noch Unabhängigkeit und Standfestigkeit attestiert – demselben Richter wohlgemerkt, den sie in der letzten Woche als befangen ablehnte.

Der zweite Teil des Antrags allerdings geht auf die "Verwicklungen der Inlands-und Auslandsgeheimdienste" in die NSU-Taten ein. Das hat durchweg einen verschwörungstheoretischen Anklang - und führt zu Gelächter, als sie aus längst widerlegten Presseartikeln der "Bild"-Zeitung zitiert. Oder eben das "Compact"-Magazin als Quelle anführt, das davon ausgeht, dass es heiße Spuren zu einem "US-geführten Terrornetzwerk" gebe.

Rechtsanwalt Thomas Bliwier kritisiert die Anträge als "heiße Luft". Die Akten könnten schließlich in der Geheimschutzstelle der Bundesanwaltschaft eingesehen werden, genauso wie er es als Nebenklägervertreter im Fall Kassel gemacht habe.

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